Von Stephan Lüke
Mathe macht vielen Schülern das Leben schwer. Doch ihre Leistung steigt, wenn die Chemie zwischen ihnen und ihrem Lehrer stimmt. An der Israhel-van-Meckenem-Realschule in Bocholt dürfen Schüler daher selbst entscheiden, bei wem sie Mathe lernen.
Es sind diese und ähnliche Projekte, die den Ruf der Realschulen bei der Wirtschaft gefestigt haben. "Von diesen Schulen kommen Jugendliche, die eine gute theoretische und praktische Ausbildung mitbringen und nicht erst motiviert werden müssen", lobten am Donnerstag (19.11.09) Vertreter des Handwerkkammertages und der Arbeitgeberverbände in Düsseldorf, als sie in der Landespressekonferenz die Bedeutung der Schulform betonten.
Für die Arbeitgeber zählt Mathematik zu den wichtigsten Fächern. "Umso bitterer, dass es für so viele Schülerinnen und Schüler eine zu große Hürde darstellt", bedauert der Schulleiter der Bocholter Israhel-van-Meckenem-Realschule, Hans-Karl Eder. Er weiß aus Erfahrung, dass die Leistung in der Regel steigt, wenn die Chemie zwischen Jugendlichen und Pädagogen stimmt. Das bestätigen auch zahlreiche Studien. Was also, fragte Eder, liegt näher, als den Schülern das Lehrer-Wahlrecht einzuräumen: Vor zwei Jahren beschloss das Bocholter Kollegium den Versuch zu wagen und Jugendlichen in den Klassen neun und zehn die Wahl ihres Mathelehrers zu überlassen. Jetzt gibt es eine erste Auswertung dieses wohl einzigartigen Schulversuchs.
Viermal pro Schuljahr - jeweils am Ende eines Themenblocks -darf gewechselt werden. Die Kurse laufen zeitgleich. Das erleichtert die Organisation. 42 Prozent der Jugendlichen nutzten bislang das Angebot. Für viele endete der Versuch mit einem Erfolg. Um zwei Noten verbessert haben sich zwei Prozent, um eine Note sogar 42 Prozent. Nur neun Prozent tat der Wechsel nicht gut. Sie rutschten um eine Note ab. Eders Fazit: "Es gelingt so offensichtlich, jedes Kind besser individuell zu fördern, aber auch seine Selbstständigkeit zu steigern." Eine Schülerin probierte alle Gruppen und Pädagogen aus. "Ich glaubte, es läge am Lehrer. Am Ende aber musste ich eingestehen, dass es vielleicht an mir liegt und ich nicht immer andere für meine Leistung verantwortlich machen kann", berichtet die 15-Jährige.
Eder macht keinen Hehl daraus, dass anfangs sowohl Lehrer als auch Schülern Ängste hatten. Schüler fragten sich, wie ein Lehrer wohl reagiere, wenn er abgewählt wird. Die Sorge war unbegründet. "Die Rache der Pädagogen blieb aus", berichten Schüler der beiden Jahrgangsstufen übereinstimmend. "Für Lehrer ist es natürlich schwer zu ertragen, wenn ein Kind geht", gesteht der Schulleiter. Doch auch ihre Befürchtungen seien verflogen. Das bestätigt auch die 56-jährige Wilma Stüken. Sie unterrichtet in Bocholt seit knapp zehn Jahren Mathematik und Informatik. "Unsere Selbstkontrolle hat sich verbessert und außerdem arbeiten wir intensiver zusammen", fasst sie ihre Erfahrungen zusammen.
Die Wahlmöglichkeit mit der umstrittenen Lehrerbewertung im Internet ("Spick-mich") zu vergleichen, hält Schulleiter Eder für "absurd". Die Zufriedenheit der Kolleginnen und Kollegen sei ja gerade durch die Art des Unterrichts gewachsen, und der jeweils persönliche Erfolg werde durch die Erfolge der Kinder genährt. "Alle Kollegen wollen im folgenden Jahr wieder mitmachen", sagt der Schulchef.
Martin (15) bringt den Vorteil für sich auf den Punkt: "Mit manchen Lehrern versteht man sich nicht. Dann wechselt man besser." Der gleichaltrige Florian ergänzt: "Ich fühle mich durch das Mitspracherecht ernst genommen." Marie (15) hat das ebenfalls genutzt, "weil ich andere Lehrer kennen lernen wollte". Sie hat ihre Note gesteigert und räumt, wie viele andere Klassenkameraden ein, dass ihr Mathe jetzt "auch viel mehr Freude bereitet".
Die Gründe für einen Lehrerwechsel sind unterschiedlich. Mal kommt ein Schüler mit dem Pädagogen nicht zurecht. Doch auch die Gruppenzusammensetzung kann den Ausschlag geben. "Ich schaue schon, wo meine Freunde sind", sagt Ingo (16), während Marc (15) sich erkundigt "wie die Atmosphäre im Unterricht ist". Häufig allerdings spüren die Jugendlichen, dass ihre Wahl doch nicht so viel wie erhofft gebracht hat: Die Hälfte derer, die mehrfach gewechselt haben, kehren zu ihrem Ursprungslehrer zurück. "Macht nichts", versichert Eder, die Wahlfreiheit sei trotzdem wichtig: "Schließlich haben die Jugendliche gelernt, Entscheidungen zu treffen, zu hinterfragen und gegebenenfalls auch zu korrigieren."
Stand: 19.11.2009, 14:00 Uhr
Programmhinweise, weitere Themen und Fotos