Wissen
Sie befinden sich hier:
WDR.de
Wissen
Lehrer aus NRW wandern zunehmend in andere Bundesländer ab
Von Nina Magoley
Neue Lehrer braucht NRW, besonders Quereinsteiger werden gesucht. Doch die machen ein schlechtes Geschäft: Nur junge Lehrer werden noch verbeamtet, und die Besoldung wurde gekürzt. Deshalb zieht es viele von ihnen in andere Bundesländer.
Eigentlich hat Heiko Schwarz nichts gegen Nordrhein-Westfalen. Im Gegenteil: Der gebürtige Dortmunder lebt seit fünf Jahren im münsterländischen Drensteinfurt und würde auch gerne irgendwo in der Nähe arbeiten. Dennoch wird der 39-Jährige seiner Heimatregion bald den Rücken kehren, denn als frischgebackener Lehrer sind die Aussichten für ihn schlecht in NRW. Zwar hat der ehemalige Berufsmusiker sein Referendariat mit guten Noten beendet - "was die aber jetzt mit mir machen wollen", empört er sich, "da sag ich nein".
Die - damit meint Heiko Schwarz die Landesregierung NRW, die nämlich den so genannten "Mangelfacherlass" abgeschafft hat. Demnach konnten Lehrer mit bis zu 45 Jahren verbeamtet werden, wenn sie eines von elf Mangelfächern - Fächer wie Deutsch, Mathematik oder Musik, für die es nicht genug Lehrer gibt - unterrichten. Das Höchstalter für eine Verbeamtung liegt in NRW jetzt bei 35 Jahren, so niedrig wie sonst in keinem anderen Bundesland. Heiko Schwarz hat also keine Chance mehr auf eine Beamtenstelle - obwohl er neben Erdkunde und Hauswirtschaftswissenschaft auch das Mangelfach Musik anbieten kann.
Dabei hatte alles so gut ausgesehen: Mit einer groß angelegten Kampagne für den "Zukunftsberuf Lehrer in NRW" hatte NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU) besonders Quereinsteiger locken wollen - Leute mit zusätzlicher Qualifikation. Wie Heiko Schwarz, der 15 Jahre lang als erfolgreicher Musiker mit Plattenvertrag und Fernsehauftritten gearbeitet hat und daneben auch noch Unterricht an Musikschulen gab. Die Aussicht auf eine solide Beamtenstelle mit ordentlicher Bezahlung überzeugten auch ihn: 2005 begann er sein Referendariat als Lehrer.
Als er aber Ende 2007 sein Examen in der Hand hielt, sah plötzlich alles ganz anders aus. Denn nicht nur die geplante Beamtenkarriere war geplatzt. Im November 2006 ersetzte die Landesregierung den bisher für angestellte Lehrer geltenden Bundesangestellten-Tarifvertrag (BAT) durch den neuen Tarifvertrag TV-L. Das bedeutet deutlich weniger Gehalt für dieselbe Arbeit. Zwar gab es sofort eine Stelle für Heiko Schwarz an einer Schule in Hamm - "die waren dort sehr bemüht" - aber der Familienvater begann zu rechnen: "1.200 Euro netto hätte ich dort als Lehrer bekommen". Abzüglich Fahrtkosten und Kinderbetreuung wären ihm 200 Euro im Monat geblieben. Knappes Geld für eine vierköpfige Familie.
Ein paar Gespräche mit Kollegen, einige Recherchen im Internet - dann war klar: "Ich bin weg aus NRW." Nach den Sommerferien wird Schwarz als Lehrer in Niedersachsen anfangen. Im 90 Kilometer entfernten Emsbüren hat er eine Stelle an einer Hauptschule gefunden. "Traumhaft", schwärmt er: "Die waren dort total heiß auf meine Qualifikation als Musiker", außerdem rund 1.000 Euro mehr Gehalt und - das Wichtigste: die sofortige Verbeamtung. Die Altersgrenze dafür liegt in Niedersachsen nämlich bei 45 Jahren - ähnlich wie in vielen anderen Bundesländern: In Rheinland-Pfalz kann ein Quereinsteiger wie Schwarz noch mit 45 Beamter werden, in Hessen liegt die Grenze sogar bei 50 Jahren.
Mit Werbeaktionen wie "Lehrer nach Hessen" versuchen solche Bundesländer massiv, qualifiziertes Personal aus Nordrhein-Westfalen abzuwerben. Schwarz ist da kein Einzelfall. "Immer mehr Lehrer sagen: Das tue ich mir hier nicht an", weiß Berthold Paschert von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in NRW. "Besonders an den Landesgrenzen zu Hessen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen wissen wir von vielen Schulen, denen bereits Lehrer fehlen."
Auch der Verband Bildung und Erziehung NRW schlägt Alarm: Die hessische Werbeaktion werde "massive Auswirkungen auf NRW haben, wenn die Landesregierung dabei tatenlos zusieht", sagt Verbandsvorsitzender Udo Beckmann. Bereits jetzt herrsche in NRW besonders an Haupt- und Realschulen ein Mangel an Fachlehrern, der sich durch die Abwerbungen aus Hessen weiter verschärfen würde. Der Verband rechnet vor, dass ein 40-Jähriger, der in NRW als angestellter Lehrer in den Schuldienst einsteigt, netto etwa 1.750 Euro verdiene. In Hessen würde derselbe Lehrer 2.400 Euro netto bekommen.
Eine Prognose des Schulministeriums NRW sagt bis ins Jahr 2029 einen konstanten Lehrermangel in der Sekundarstufe I voraus, besonders in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch, aber auch in Heiko Schwarz' Fächern Erdkunde und Musik. Konkrete Zahlen zur Abwanderung der Lehrer gibt es nicht. Im Schulministerium NRW bemüht man sich, abzuwiegeln: "Es gibt tausend Gründe, warum jemand in ein anderes Bundesland zieht", sagt Sprecherin Nina Schmidt. Die Abschaffung des Mangelfacherlasses sei ein Beschluss des Finanzministeriums gewesen, erklärt sie. Dort würde entschieden, "wo man Steuern sparen will". Und die Verantwortung für die niedrige Altergrenze für Verbeamtungen sieht das Schulministerium beim Innenministerium NRW: "Dort hat man eben abgewogen, ob es noch wirtschaftlich ist, jemandem eine Beamtenpension anzubieten, wenn er möglicherweise nur noch ein paar Jahre im Schuldienst sein wird."
Lehrer als Saisonarbeiter
Lehrer für die Klassen 5 bis 10 gesucht
Schulministerium NRW
Initiative "Zukunftsberuf Lehrer NRW"
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
"Lehrer nach Hessen"
Verband Bildung und Erziehung NRW
Stand: 03.07.2008, 06:00 Uhr
Programmhinweise, weitere Themen und Fotos