Von Monika Kunze
Wer hätte das gedacht: Städte sind viel artenreicher als ländliche Gegenden. Mitten in Essen etwa leben mehr Füchse als auf einer gleich großen Fläche im Sauerland. Aber die urbane Artenvielfalt hat ihre Grenzen.
Zeche Zollverein in Essen: Neben einem alten Förderturm ist ein Mann in grüner Dienstjacke mit Landeswappen unterwegs. Ein Polizist? Ein Förster! Aber was hat der zwischen stillgelegten Fördertürmen und Industrieanlagen zu suchen, fragen viele.
Förster Volker Balker kennt das schon, schmunzelt und erklärt geduldig, dass das Zechengelände tatsächlich sein Arbeitsplatz ist. Er kümmert sich hier um einen Wald, der mitten in der Stadt auf einem stillgelegten Industriegelände wächst.
Früher haben Bergleute auf der Zeche Zollverein Steinkohle gefördert. Gemischtes Gestein aus den Stollen musste dabei sortiert werden: Ausgewaschene Kohle kam in den Handel, der unbrauchbare Rest auf die Halde. Berge von Abraum türmten sich auf, eine Mondlandschaft aus Schutt ohne den kleinsten Krümel Erde. Wer hier klarkommen wollte, musste hart im Nehmen sein oder sehr spezielle Vorlieben haben - wie die Kaninchen. Sie lieben Flächen mit freier Aussicht, richteten sich auf der Halde Kaninchenklos ein und lieferten ganz nebenbei den ersten Dünger. Dann wuchsen Moose, später Stauden, zum Schluss Sträucher und Birken. Jetzt steht ein junger Wald auf dem Zechengelände. Der Zilpzalp singt. Ein Habicht kreist über den Bäumen, und im Tümpel schwimmt die seltene Kreuzkröte.
In der Stadt fühlen sich viele Tiere und viele Pflanzen wohl. Die Natur erobert sich alte Industriebrachen zurück. Schleiereulen ziehen in Kirchtürme ein. Und der Fuchs versteckt seine Jungen gerne zwischen alten Autoreifen. Eine Untersuchung zeigt, dass mitten in Essen mehr Füchse leben als auf einer gleich großen Fläche im Sauerland. Und in der Großstadt Berlin findet man mehr Nachtigallen als im ländlichen Bayern.
"Die Stadt ist viel artenreicher als jeder Acker", sagt Dr. Rüdiger Wittig von der Universität Frankfurt. "Auf einem Acker findet man im besten Fall dreißig Wildkräuter. Auf einer Industriebrache derselben Größe sind es bis zu 300." Viele verschiedene Tiere und Pflanzen bevorzugen die Stadt, weil es dort viele verschiedene Lebensräume gibt. Wiesen und Bäume, Steinmauern und Erdhügel liegen oft direkt nebeneinander. Das Land ist dagegen eintönig geworden. Auf großen Flächen wächst häufig kaum mehr Mais, Raps oder Weizen.
Die Stadt kann vielen Tier- und Pflanzenarten ein Zuhause bieten. "Das muss man in Zukunft berücksichtigen", meint Beate Jessel, die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. "In Zukunft nämlich werden Städte bei wachsender Weltbevölkerung immer größer werden, und es wäre nicht gut, derart große Flächen bei Artenschutzbemühungen einfach auszuklammern." Wenn grüne Inseln angelegt oder Brachflächen für einige Zeit der Natur überlassen werden, können Stadtplaner gleichzeitig Artenschützer sein.
Dass die Stadt artenreich ist, heißt allerdings nicht, dass wir auf Naturschutzgebiete verzichten können, sagen Fachleute. In der Stadt kommen nämlich nur bestimmte Arten vor. Es sind Pflanzen und Tiere, die durchsetzungsstark und anpassungsfähig sind. Das Moorhuhn aber hat nichts davon, wenn mitten in Berlin eine Brachfläche zur Verfügung steht. Und der Enzian gedeiht nicht in der Essener Innenstadt. Spezialisten brauchen spezielle Landschaften. "Stadtnatur ist eine spannende Sache", fasst Dr. Rüdiger Wittig zusammen. "Aber Stadtnatur ist kein Ersatz für die Natur, die ohne die Stadt existieren würde, also für Buchenwälder und für Moore und für intakte Gewässer. Das darf man bei aller Begeisterung über die vielen Tiere in der Stadt nie vergessen."
Stand: 20.05.2008, 00:00 Uhr
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