Katalysator in der Gardine
von Jörg Heimbrecht
WDR 18.02.2007: WDR, Sonntag, den 18.02.2007 16:30 Uhr im Ersten
Die ADO Gardinenwerke in Papenburg an der Ems sind der größte deutsche Gardinenhersteller. Der Betrieb hat einen Stoff auf den Markt gebracht, der Schadstoffe im Innenraum zu ungefährlichen Substanzen abbauen soll, weil er mit einem Katalysator beschichtet wurde.
Bildunterschrift: Christoph Schepers, ADO-Werke]
„Unsere Gardinen können dazu beitragen, die Raumluft zu
verbessern“, bestätigt uns Christoph Schepers, technischer
Leiter bei den ADO Gardinenwerken. „Sie wirken auf
katalytischem Wege unter Lichteinfluss und bauen somit
Raumschadstoffe ab.“ Wie ADO machen auch andere Firmen, wie
Teba, Unland, Kadeco und die Bamberger Kaliko Werbung für Gardinen,
Rollos oder Jalousien, die Wohnungen und Büros mit unterschiedlich
wirkenden Katalysatoren von Schadstoffen befreien sollen.
Test unter Laborbedingungen
Bildunterschrift: Glasgefäß mit Gardinenstreifen]
Alle Hersteller haben uns entsprechende Gutachten vorgelegt. Die
ADO-Katalysatorgardine und auch Produkte von Konkurrenzunternehmen
hat z.B. das Institut für
Umweltschutz und Agrikulturchemie in Velbert bei Düsseldorf
getestet. Ein Glasgefäß wird mit Streifen von einer
Katalysatorgardine bestückt. Dann werden Chemikalien wie
Formaldehyd eingespritzt und tatsächlich, der Katalysator baut
Schadstoffe ab, die häufiger in der Luft von Innenräumen zu finden
sind. Anders als der Hersteller ist das von ADO beauftragte Labor
aber nicht so sicher, ob die Gardine auch die Luft von Wohnung und
Büros reinigt.
Bildunterschrift: Dipl. Chem. Ing Thomas Schütte]
„Wir haben festgestellt, dass unter Laborbedingungen diese
Schadstoffe abgebaut werden“, erklärt Dipl. Chem. Ing. Thomas
Schütte vom Institut für Umweltschutz und Agrikulturchemie im
Interview. „Es war aber nicht unsere Aufgabe, das unter
realen Raumluftbedingungen zu analysieren. Das müsste auf jeden
Fall dann noch mal getestet und untersucht werden.“
Test in einem belasteten Büroraum
Bildunterschrift: Schadstoffbelastetes Ingenieurbüro]
Genau das wollen wir nachholen. Wir fahren zum Ingenieurbüro
John Becker in Worpswede bei Bremen. Da haben die Handwerker vor
knapp zwei Jahren ein neues Stockwerk aufgebaut. Seitdem stinkt es
den Angestellten: „Als wir die Räume hier 2005 bezogen haben,
haben wir festgestellt, dass sich ein stechender Geruch hier
bemerkbar macht“, bestätigt uns Martin H. Mergelmeyer aus
dem Ingenieurbüro. „Wir mussten ständig lüften. Es haben sich
bei einigen Kollegen Kopfschmerzen breit gemacht. Einige hatten
Halskratzen. Wir wussten nicht genau, wo es herkommt.“
Die Firma beauftragte das akkreditierte Bremer Umweltinstitut mit Analysen. Ergebnis: Ursache sind Schadstoffe aus Isolierplatten und Dichtmassen. Und die müssten eigentlich von Katalysatorgardinen und -rollos abgebaut werden, wenn man der Werbung der Hersteller trauen darf. Deshalb lassen wir in einem der schadstoffbelasteten Büroräume Rollos vom ADO-Konkurrenten Kadeco aus einem BaKaSave®-Katalysatorstoff montieren. In einem zweiten Raum lassen wir eine ADO-ActiBreeze®-Katalysatorgardine aufhängen. Ein dritter Raum bleibt als Vergleichsraum ohne Rollo oder Gardine. Zwei Mal in den zwei Wochen danach misst das Bremer Umweltinstitut noch mal.
Keine gravierenden Veränderungen
Bildunterschrift: Katalysatorgardine in einem Büro]
Das Ergebnis: „Wir haben die Räume untersucht vor und nach
dem Aufhängen der Gardinen und Jalousien. Es gibt immer kleine
Schwankungen in den Räumen, die abhängig sind von der
Außenlufttemperatur oder von der Tatsache, wie weit die da die
Heizung aufdrehen. Diese kleinen Schwankungen hatten wir
auch“, erklärt uns Michael Köhler vom Bremer Umweltinstitut.
„Aber gravierende Veränderungen durch diese Materialien haben
wir nicht feststellen können. Wenn diese Materialien irgendeinen
positiven Einfluss haben, dann ist er so klein, dass wir ihn nicht
messen können.“
Die Hersteller können sich das nicht erklären. Sie verweisen auf die Untersuchungen, die sie in Auftrag gegeben haben und die zu einem anderen Ergebnis kommen. Die Bamberger Kaliko GmbH, Hersteller des Rollo-Katalysatorstoffs schreibt weiter: „Unser Rollostoff kann nur seine Wirkung entfalten, wenn er lange genug herabgelassen ist.“ In unserem Testbüro waren die Rollos natürlich auch manchmal oben.
Stellungnahme von ADO
ADO schreibt in einer Stellungnahme zu unserem Testergebnis: „Wir bewerben eine Raumluftverbesserung. Wir versprechen nicht, dass unsere Stoffe als Ersatz für Sanierungen aufgrund von massiven Schadstoffbelastungen funktionieren.“ Die Schadstoffkonzentrationen in unserem Testraum für die ADO-Gardine lagen allerdings weit unter den Konzentrationen, die bei den von ADO in Auftrag gegebenen Labortests eingesetzt wurden.
Vielleicht zeigt die Gardine ja auch in unserem Testraum keine messbare und im Labor eine gute Wirkung, weil bei Untersuchungen für ADO im Labor rund 30-mal so viel Gardine mit Katalysator pro Kubikmeter Luft verwendet wurden, wie in unserem Test-Büroraum. „Die Rahmenbedingungen der Versuche sind nicht von uns festgelegt worden,“ erklärt uns dazu Thomas Schütte, Institut für Umweltschutz und Agrikulturchemie. „Wir haben uns da absolut nach den Vorgaben der Hersteller gerichtet und die exakt nachgearbeitet.“ Wir können das kaum glauben, aber auch ADO erklärt uns: Erst habe die Konkurrenz die wenig realistischen Testverfahren festgelegt, was die bestreitet. „Da haben wir uns logischerweise auch daran orientiert, wie unser Mitbewerber testet und diese für unsere Laborausarbeitungen übernommen“, so Christoph Schepers von den ADO Gardinenwerken im Interview mit dem ARD Ratgeber Bauen+Wohnen.

