Ökohaus im Baukastensystem
von Lisa Vieth
WDR 06.11.2011: WDR, Sonntag, den 06.11.2011 16:30 Uhr im Ersten
Bildunterschrift: So ökologisch wie möglich, war der Wunsch der Familie]
Für Familie Götting ist ihr neues farbenfrohes Zuhause mit Pferdestall, Reitplatz und Schulungsgebäude ein wahr gewordener Traum. Katrin Götting betreibt eine Kinderreitschule und die Pferde mit am Haus zu halten, war ein lang gehegter Wunsch. Das große Grundstück in Stuttgart war darum der absolute Glücksfall. Mit ihrem Architekten Werner Grosse haben sie sich dann auf ein Bauexperiment eingelassen.
Ein ökologisches Bausystem in Palisadentechnik
Die maroden Schuppen und Nebengebäude, die auf dem Grundstück standen, wurden abgerissen, wie auch Teile des Wohnhauses aus der Nachkriegszeit. Aus baurechtlichen Gründen blieb der Rest stehen, musste aber komplett entkernt werden. Der Altbestand wurde durch einen großzügigen Anbau ergänzt. Weil die Göttings so ökologisch wie möglich bauen wollten, haben sie sich für massives Holz entschieden, auch beim Stall und dem kleinen Schulungspavillon. Das Bausystem ist allerdings ungewöhnlich. Es besteht aus vielen einzelnen Zwölfkanthölzern, die in drei Achsen miteinander verdübelt und zu großen Modulen vorgefertigt werden. Vor Ort auf der Baustelle wird alles zusammengesteckt. Es gibt keinen Kleber, keine Nägel oder Schrauben.
Bildunterschrift: Dachkonstruktion aus massivem Holz]
Das Stecksystem ermöglicht ganz unterschiedliche Haustypen und Varianten, bis hin zum Nullenergiehaus. Allerdings muss der Rohbau mit Fassadensystemen geschützt werden, auch mit zusätzlicher Dämmung und Winddichtung. Innen kann man die Holzoptik belassen, das hat vor allem akustische Vorzüge. Der Architekt empfiehlt aber zur besseren Feuchtigkeitsregulierung einen Lehmputz.
Von der Urlaubsidee zum sozial integrativen Projekt
Entwickelt wurde das System vom Architekturbüro Werner Grosse in Kooperation mit der Universität Stuttgart und dem Fraunhofer-Institut. „Die Idee kam auf einer Reise durch Schweden“, erzählt der Architekt, „dort gibt es sehr viel Schwachholz, das heute meistens für Sekundärzwecke, zur Zelluloseherstellung oder auch Pelletherstellung verwendet wird, aber nicht zum Bauen.“ Gutes Holz, das bei der Aufforstung auch in heimischen Wäldern in großer Menge anfällt.
Bildunterschrift: Das neu entwickelte Stecksystem]
Auf der Suche nach einem Hersteller kam Werner Grosse mit der „NEUEN ARBEIT“ zusammen, ein engagiertes Sozialunternehmen der Diakonie. Die Bauelemente werden in einer Tochter des Sozialunternehmens hergestellt, einer Industriemanufaktur, die Langzeitarbeitslose und behinderte Menschen beschäftigt, um ihnen die Integration in die Arbeitswelt zu ermöglichen.
Genial einfach und innovativ
Dank hoher Vorfertigung geht der Aufbau schnell. Bei Familie Götting waren die Rohbauten in etwa einer Woche erstellt. Holzreste aus der Produktion fanden später bei der Fassadenverkleidung und dem Gartenzaun Verwendung.
Bildunterschrift: Dach und Fassade fungieren als Luftkollektor]
Die Familie hat viel Eigenleistung eingebracht und mit ihrem Architekten auf einfache Lösungen gesetzt, auch bei der Heizung und Warmwasserzubereitung. Angeregt durch eine Buchlektüre kam bei den Göttings das altbewährte Prinzip einer Hypokaustenheizung (Warmluftheizung) zum Einsatz und wurde mit solarer Wärmegewinnung kombiniert. Steildach und Fassade an der Südseite fungieren als großer Luftkollektor. Die Eigenkonstruktion ist denkbar einfach und preisgünstig: eine Lowtech-Variante aus schwarz gestrichenem Sperrholz und schlichten Polycarbonatplatten. Die zwischen diesen beiden Schichten erwärmte Luft wird per Ventilator in einen Luftkreislauf transportiert. Sie durchläuft zunächst einen Wärmetauscher, der das Wasser erhitzt, wird dann weitergeführt ins Erdgeschoss und durch das Kanalsystem eines Ziegelbodens geleitet. Anschließend geht es über die Südfassade und das Dach zurück und der Kreislauf beginnt von vorn. Falls im Winter die Sonne mal nicht ausreichend scheint, wird umgeschaltet und ein Holzofen gibt seine Wärme an den gleichen Luftkreislauf ab. Das ist eine Innovation.
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