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16.03.2010

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Teneriffa – Insel des ewigen Frühlings

von Markus Phlippen

WDR 27.02.2005: WDR, Sonntag, den 27.02.2005 17:03 Uhr im Ersten

Teneriffa; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Teneriffa]
Die kanarischen Inseln bieten mit ihrer Lage in der Übergangszone zwischen Subtropen und gemäßigten Breiten einzigartige Bedingungen für die Entwicklung einer der reichsten Naturregionen der Welt. Die isolierte Insellage in Kombination mit einem sehr milden Klima und fruchtbarem Boden führte zur Entstehung einer äußerst artenreichen Pflanzenwelt. Auf Teneriffa herrscht in der Tat der „ewige Frühling“, für echte Botanikfans ein wahres Eldorado. Kein Wunder, dass von hier ein Großteil unserer beliebtesten Zierpflanzen stammt, nicht zuletzt die allseits bekannten Margeritenbäumchen. Bei gärtnerischer Betrachtung der Naturstandorte lassen sich denn auch die optimalen Pflegebedingungen herleiten, die unsere kanarischen Kübelpflanzen auf der heimischen Terrasse erhalten sollten.

Drachenbaum von Icod

Drachenbaum; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Drachenbaum]
Der Drachenbaum „Dracaena draco“ von Icod ist einer der berühmtesten Bäume der Erde und somit das botanische Wahrzeichen Teneriffas. Sein Alter wird von Botanikern auf 400 bis 600 Jahre geschätzt, manche halten ihn jedoch für wesentlich älter.

Drachenbaumstamm; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Drachenbaumstamm]
Als Mitglied aus der Familie der Agavengewächse bildet er jedoch keine Jahresringe – damit wird sein wahres Alter immer ein Rätsel bleiben. Seine Biologie ist atemberaubend, so blüht er etwa alle zehn Jahre, wobei die Abstände auch wesentlich länger sein können. Nach einer terminalen Blüte verzweigt sich ein Drachenbaum, so dass man anhand der Verzweigungen eine annähernde Altersbestimmung durchführen kann. Trotz des sehr langsamen Wachstums weist der Drachenbaum von Icod mittlerweile einen Basisumfang von über 20 Metern auf.

Zeichnung des Drachenbaums; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Zeichnung des Drachenbaums]
Kein Wunder, dass sich um so ein erhabenes Gewächs Legenden ohne Ende ranken. Ariane Reinstaedtler, spanische Fremdenführerin, weiß zu berichten, dass die Ureinwohner Teneriffas, die Guanchen, den Saft des ihnen heiligen Drachenbaumes anzapften und ihn benutzten, um ihre Toten zu mumifizieren. Das zunächst farblose Harz wird an der Luft dunkelrot, so dass die volkstümliche Bezeichnung „Drachenblut“ geprägt wurde. Im ausgehenden Mittelalter war Drachenblut wertvoller als Gold, so dass viele Schiffe von Piraten gekapert wurden, um an die wertvolle Fracht zu gelangen. Im letzten Jahrhundert wurde Drachenblut zur Holzveredlung verwendet, vor allem für Geigen, als Malfarbe, Zahnpulverzusatz, zum Färben von Rotwein und sogar als Rostschutz. Viele sehr alte Drachenbäume wurden durch exzessives Abzapfen von Saft getötet.

Markus Phlippen mit einem Drachenbaum in der Hand; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Markus Phlippen mit einem Drachenbaum in der Hand]
Dracaena draco ist auch in Deutschland als Zimmerpflanze oder Kübelpflanze erhältlich. Dabei handelt es sich aber nicht um unseren Allerwelts-Drachenbaum, der in fast jedem Büro zu finden ist. Der ist nur entfernt mit Dracaena draco verwandt, hört auf den botanischen Namen „Dracaena marginata“, stammt jedoch ebenfalls von einer kleinen Insel namens „Reunion“ vor Madagaskar. Dracaena draco ist leicht zu kultivieren. Er braucht ein durchlässiges Substrat und während des Sommers einen vollsonnigen bis halbschattigen Standort. Die Überwinterung sollte entweder recht trocken bei mindestens 10 Grad Celsius stattfinden, oder man sollte ihn bei wärmerer Überwinterung vorsichtig gießen und sonnig stellen.

Sonchus acaulis und Erysimum bicolor

Markus Phlippen neben der Staude; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Markus Phlippen neben der Staude]
Gleich in der Nähe des alten Riesen blüht im Frühjahr ein nicht minder erstaunliches Gewächs, der Sonchus. Beim Anblick dieser gigantischen Staude fühlt man sich ein wenig wie Gulliver, der einen Riesenlöwenzahn entdeckt hat. Stamm und Blütenstiel können zusammen leicht an die 2 Meter hoch werden. Und in der Tat ist Sonchus entfernt mit dem Löwenzahn verwandt. Die engere Verwandtschaft besteht jedoch zu unserer Gänsedistel, einem heimischen Wildkraut. Sonchus acaulis verholzt an der Basis, so dass man eigentlich von einem kleinen Strauch sprechen kann. Die Gattung Sonchus hat sich auf den Kanaren äußerst vielfältig entwickelt, indem sie viele verschiedene ökologische Nischen auf den Inseln besiedelte, und dabei über 25 Arten hervorgebracht.

Goldlack; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Goldlack]
Im Gegensatz zu Sonchus, der bislang als Zierpflanze noch keine Bedeutung erlangt hat, ist der kanarische Lack Erysimum bicolor, die kanarische Version unseres Goldlacks, durchaus eine beliebte Zierpflanze. Er überrascht im Frühjahr mit einer reichen Blüte in unterschiedlichen Violetttönen. Bei uns wird er aus Samen gezogen und den Winter über als strauchige Staude im Kübel bei circa 10 Grad Celsius hell kultiviert.

Strauchmargeriten und Euphorbien im Barranco del Infierno

Teufelsschlucht; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Teufelsschlucht]
Der Süden Teneriffas ist durch die klimatischen Verhältnisse wesentlich trockener und heißer als der Norden. Im „Barranco del Infierno“, der Teufelsschlucht, findet man auf wenigen hundert Metern eine unglaubliche Biodiversität. Für Pflanzenfans kommt eine Wanderung durch diese Schlucht einem Spaziergang durch einen wilden Garten gleich. Die Berghänge sind mit Kratzdisteln und Wolfsmilchgewächsen bedeckt. Je tiefer man in die Schlucht hineingeht, desto feuchter wird es, und dementsprechend ändert sich die Vegetation.

Markus Phlippen mit Strauchmargeriten; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Markus Phlippen mit Strauchmargeriten]
Gerade an diesem exotischen Ort wächst ein Klassiker, Argyranthemum frustescens – die Strauchmargerite. Bei uns ist sie eine beliebte Kübelpflanze, die manchmal schon fast zu einem reinen Saisonartikel verkommt. Dabei ist es recht einfach, sie durch die Jahre zu bringen, wenn man ein paar Dinge beachtet. Der Naturstandort im Barranco bietet sehr viel Licht und absolut gut drainierte Erde. So braucht sie auch auf der heimischen Terrasse unbedingt einen sonnigen Standort und gleichmäßige Feuchtigkeit ohne Staunässe. Verblühtes zupft man regelmäßig ab, damit die Kraft für die Ausbildung neuer Knospen verwendet werden kann. Die Überwinterung erfolgt kühl (um 10 Grad Celsius) und so hell wie möglich.

Euphorbia canariensis

Samenkapsel; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Samenkapsel]
Besonders imposant und in der Teufelsschlucht einfach unübersehbar sind die großen Wolfsmilchgewächse (Euphorbien), von denen die Kandelaberwolfsmilch Euphorbia canariensis sicherlich die auffälligste ist. Die Triebe sind meist fünfkantig, es gibt aber auch Vierer- oder Sechsersäulen. Die Blüte erfolgt am oberen Ende der Säulen mit kleinen purpurroten Einzelblüten, aus denen die für Euphorbien typischen dreigeteilten Samenkapseln hervorgehen. Der Milchsaft zeigt eindeutig, dass es sich nicht um Kakteen handelt. Er ist wie bei allen Euphorbien sehr giftig.

Markus Phlippen neben dem Gewächs; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Markus Phlippen neben dem Gewächs]
Euphorbia canariensis ist häufig als sukkulente Zimmerpflanze auf deutschen Fensterbänken anzutreffen. Ab Frühsommer sollte man sie, wenn möglich, nach draußen auf Terrasse oder Balkon in die volle Sonne stellen. Wer einen kühleren Überwinterungsort als die warme Wohnzimmerfensterbank zu bieten hat, sollte diesen auf jeden Fall bevorzugen. Aber auch hier gilt wie bei den meisten kanarischen Gewächsen: möglichst nicht unter 10 Grad Celsius und so hell wie möglich! Am Naturstandort fällt auf, dass es wenig Humus gibt, dafür aber gut durchlässige mineralreiche Erde. Sie wächst auf Teneriffa oft in fast roher Lava und gehört zu den Pionierpflanzen bei jüngeren Lavafeldern.

Euphorbia artropurpurea

Tabaiba roja; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Tabaiba roja]
Die Tabaiba roja ist ein weiteres Wolfsmilchgewächs, das nur auf Teneriffa vorkommt. Gegen Ende des Winters blüht sie purpurrot, wobei – wie beim Weihnachtsstern – die roten Blättchen gar nicht zur Blüte gehören, sondern umgewandelte Hochblätter sind. Ihre Früchte sind ebenfalls dreigeteilt und weisen die gleiche purpurrote Färbung auf wie die roten Scheinblüten. Die Euphorbia artropurpurea, wie sie botanisch korrekt heißt, wird mittlerweile auch bei uns ab und zu unter dem Namen „Purpurwolfsmilch“ als Zierpflanze angeboten. Sie kann im großen Kübel über die Jahre entsprechende Ausmaße annehmen und verkahlt natürlicherweise von unten her. Die frei stehenden Sprosse haben aber ihren eigenen Reiz durch die regelmäßigen Narben der abgefallenen Blätter. Auch diese Art hat einen giftigen Milchsaft, der Hautreizungen hervorrufen kann.

Pflanzen in den Anagabergen

Blick auf die Berge; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Blick auf die Berge]
Im Nordosten Teneriffas ist es kühler und feuchter als im Süden der Insel. Hier bieten die Anagaberge, der geologisch älteste Teil der Insel, optimale Verhältnisse für eine der ältesten Waldgesellschaften Europas – die „Laurisilva“, ein Wald aus Lorbeerbäumen, Baumheide, Myrte und kanarischen Stechpalmen. Ursprünglich war diese Waldgesellschaft im gesamten Mittelmeerraum beheimatet, denn Fossilien kanarischer Pflanzen werden bis Südrussland nachgewiesen. Durch die Eiszeiten wurden sie jedoch aus dem mediterranen Raum verdrängt und sind heute nur noch auf den kühleren Nordseiten einiger kanarischer Inseln zu finden. Der permanente Ostpassat sammelt über dem Atlantik Feuchtigkeit, die sich an diesen Berghängen niederschlägt. Hier liegt die durchschnittliche Jahrestemperatur bei moderaten 15 Grad Celsius, die Pflanzen sind zu keiner Zeit Hitzebelastungen oder Wassermangel ausgesetzt.

Aeonium und Greenovia

Dickblattgewächse; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Dickblattgewächse]
Die Luvseite der Insel ist der optimale Standort für besonders hübsche Sukkulenten, wie Aeonium und Greenovia. Diese Rosettenpflanzen gehören zu den Dickblattgewächsen, den Crassulaceen. Sie und ihre Verwandten werden 1.000fach als Zimmerpflanzen in Deutschland auf der Fensterbank gehalten. Sie wachsen auf Teneriffa in Steilwänden und sind trotz des feuchten Klimas auf Wasserspeicherung in ihren Blättern angewiesen, da der Standort in der Steilwand natürlich wenig Feuchtigkeit liefert. Der Fels ist mager mit wenig Humus in den Spalten. Deshalb sollten sie auch in Topfkultur einen sehr gut durchlässigen Boden mit hohem Mineralanteil haben. Beim Gießen ist zu beachten, dass man – wenn – dann reichlich gießt, anschließend aber immer wieder die Erde nahezu austrocknen lässt, so wie die Verhältnisse am Naturstandort es vorgeben. Während des Winters ist eine kühlere Temperatur um die 10 Grad Celsius wie bei den meisten kanarischen Pflanzen angebracht.

Kanarische Glockenblume

Glockenblumenblüte; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Glockenblumenblüte]
Am Straßenrand findet man in den Anagabergen so manche botanische Rarität, wie die kanarische Glockenblume, Canarina canariensis, die jetzt im Februar wunderschön orangerot blüht. Sie verschwindet im späten Frühjahr und zieht sich für den Rest des Jahres in ihre dicke Wurzelknolle zurück. Ein besonderer Aspekt ist ihre Bestäubungsbiologie, denn sie wird nicht wie ihre mitteleuropäischen, violett blühenden Verwandten von Insekten, sondern von einem Vogel, dem Kanaren-Zilp-Zalp, bestäubt. Daher erklärt sich auch ihre für Glockenblumen ungewöhnliche orangerote Blütenfarbe, denn Vögel werden vor allem von roten Blüten angelockt. Bei uns gibt es sie schon einmal als Zimmerpflanze, und dann gilt anders als bei vielen anderen Zimmerpflanzen: im Sommer nicht und im Winter viel gießen, denn dann ist ihre Hauptwachstumszeit.

Der botanische Garten Puerto de la Cruz

200-jähriger Feigenbaum; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: 200-jähriger Feigenbaum]
Ein besonders sehenswerter botanischer Garten ist der von Puerto de la Cruz. Hier wächst ebenfalls ein berühmter Baum, dessen gesamte Dimension man erst auf den zweiten oder dritten Blick begreifen kann. Es handelt sich um einen mindestens 200-jährigen Feigenbaum der Art Ficus macrophylla ssp. columnalis, der mittlerweile das Ausmaß eines kleinen Wäldchens hat. Durch die Eigenart, Luftwurzeln zu bilden, die bei Bodenberührung zu neuen Nebenstämmen heranwachsen, ist es ihm möglich, derartige Dimensionen zu erreichen. Obwohl er regelmäßig Früchte bildet, kann er sich hier nicht vermehren, da die für die Bestäubung nötigen speziellen Wespen fehlen.

Der Teide-Nationalpark mit Echium

Blick auf den höchsten Berg Spaniens; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Blick auf den höchsten Berg Spaniens]
Wir beenden unsere botanische Rundreise durch Teneriffa an einem der exotischsten und erstaunlichsten Orte Europas, dem Teide-Nationalpark. Mit 3.718 Metern ist der Teide der höchste Berg Spaniens, und auf dieser Hochebene, der Cañada blanca, findet man 168 Pflanzenarten, von denen 58 endemisch sind, das heißt, sie wachsen auf der ganzen Welt nur an diesem Ort.

Roter Natternkopf; Rechte WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Roter Natternkopf]
Eine der imposantesten Pflanzen in diesem Gebiet ist sicherlich der rote Natternkopf „Echium wildpretii“, ein Raublattgewächs. Der Blütenstand kann bis zu 3 Meter hoch werden und überrascht im späten Frühjahr mit tausenden roten Einzelblüten – ein Fest für Insekten, die in dieser kargen Landschaft auf Nektarsuche sind. Es ist möglich, den Natternkopf bei uns aus Samen heranzuziehen und ihn dann als Kübelpflanze auf der Terrasse zu halten. Bis zur Blüte werden freilich mehrere Jahre vergehen, in denen die Pflanze eine große Blattrosette bildet. Wichtig ist eine kühle, aber frostfreie und trockene Überwinterung. Saatgut ist überall auf Teneriffa erhältlich und kann in Deutschland über spezialisierte Saatguthändler, beispielsweise über das Internet, bezogen werden. Wildpflanzen und deren Samen dürfen selbstverständlich nicht aus der freien Natur entnommen werden, viele der Arten, die wir vorgestellt haben, stehen streng unter Schutz.

 

Dieser Text gibt den Inhalt des Fernsehbeitrags von Ratgeber Heim+Garten vom 27.02.2005 wieder, ergänzt um Zusatzinformationen der Redaktion. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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