Teneriffa – Insel des ewigen Frühlings
von Markus Phlippen
WDR 27.02.2005: WDR, Sonntag, den 27.02.2005 17:03 Uhr im Ersten
Bildunterschrift: Teneriffa]
Die kanarischen Inseln bieten mit ihrer Lage in der
Übergangszone zwischen Subtropen und gemäßigten Breiten
einzigartige Bedingungen für die Entwicklung einer der reichsten
Naturregionen der Welt. Die isolierte Insellage in Kombination mit
einem sehr milden Klima und fruchtbarem Boden führte zur Entstehung
einer äußerst artenreichen Pflanzenwelt. Auf Teneriffa herrscht in
der Tat der „ewige Frühling“, für echte Botanikfans ein wahres
Eldorado. Kein Wunder, dass von hier ein Großteil unserer
beliebtesten Zierpflanzen stammt, nicht zuletzt die allseits
bekannten Margeritenbäumchen. Bei gärtnerischer Betrachtung der
Naturstandorte lassen sich denn auch die optimalen
Pflegebedingungen herleiten, die unsere kanarischen Kübelpflanzen
auf der heimischen Terrasse erhalten sollten.
Drachenbaum von Icod
Bildunterschrift: Drachenbaum]
Der Drachenbaum „Dracaena draco“ von Icod ist einer der
berühmtesten Bäume der Erde und somit das botanische Wahrzeichen
Teneriffas. Sein Alter wird von Botanikern auf 400 bis
600 Jahre geschätzt, manche halten ihn jedoch für wesentlich
älter.
Bildunterschrift: Drachenbaumstamm]
Als Mitglied aus der Familie der Agavengewächse bildet er jedoch
keine Jahresringe – damit wird sein wahres Alter immer ein
Rätsel bleiben. Seine Biologie ist atemberaubend, so blüht er etwa
alle zehn Jahre, wobei die Abstände auch wesentlich länger sein
können. Nach einer terminalen Blüte verzweigt sich ein Drachenbaum,
so dass man anhand der Verzweigungen eine annähernde
Altersbestimmung durchführen kann. Trotz des sehr langsamen
Wachstums weist der Drachenbaum von Icod mittlerweile einen
Basisumfang von über 20 Metern auf.
Bildunterschrift: Zeichnung des Drachenbaums]
Kein Wunder, dass sich um so ein erhabenes Gewächs Legenden ohne
Ende ranken. Ariane Reinstaedtler, spanische Fremdenführerin, weiß
zu berichten, dass die Ureinwohner Teneriffas, die Guanchen, den
Saft des ihnen heiligen Drachenbaumes anzapften und ihn benutzten,
um ihre Toten zu mumifizieren. Das zunächst farblose Harz wird an
der Luft dunkelrot, so dass die volkstümliche Bezeichnung
„Drachenblut“ geprägt wurde. Im ausgehenden Mittelalter war
Drachenblut wertvoller als Gold, so dass viele Schiffe von Piraten
gekapert wurden, um an die wertvolle Fracht zu gelangen. Im letzten
Jahrhundert wurde Drachenblut zur Holzveredlung verwendet, vor
allem für Geigen, als Malfarbe, Zahnpulverzusatz, zum Färben von
Rotwein und sogar als Rostschutz. Viele sehr alte Drachenbäume
wurden durch exzessives Abzapfen von Saft getötet.
Bildunterschrift: Markus Phlippen mit einem Drachenbaum in der Hand]
Dracaena draco ist auch in Deutschland als
Zimmerpflanze oder Kübelpflanze erhältlich. Dabei handelt es sich
aber nicht um unseren Allerwelts-Drachenbaum, der in fast jedem
Büro zu finden ist. Der ist nur entfernt mit Dracaena draco
verwandt, hört auf den botanischen Namen „Dracaena
marginata“, stammt jedoch ebenfalls von einer kleinen Insel
namens „Reunion“ vor Madagaskar. Dracaena draco
ist leicht zu kultivieren. Er braucht ein durchlässiges Substrat
und während des Sommers einen vollsonnigen bis halbschattigen
Standort. Die Überwinterung sollte entweder recht trocken bei
mindestens 10 Grad Celsius stattfinden, oder man sollte ihn
bei wärmerer Überwinterung vorsichtig gießen und sonnig
stellen.
Sonchus acaulis und Erysimum bicolor
Bildunterschrift: Markus Phlippen neben der Staude]
Gleich in der Nähe des alten Riesen blüht im Frühjahr ein nicht
minder erstaunliches Gewächs, der Sonchus. Beim Anblick
dieser gigantischen Staude fühlt man sich ein wenig wie Gulliver,
der einen Riesenlöwenzahn entdeckt hat. Stamm und Blütenstiel
können zusammen leicht an die 2 Meter hoch werden. Und in der
Tat ist Sonchus entfernt mit dem Löwenzahn verwandt. Die
engere Verwandtschaft besteht jedoch zu unserer Gänsedistel, einem
heimischen Wildkraut. Sonchus acaulis verholzt an
der Basis, so dass man eigentlich von einem kleinen Strauch
sprechen kann. Die Gattung Sonchus hat sich auf den Kanaren
äußerst vielfältig entwickelt, indem sie viele verschiedene
ökologische Nischen auf den Inseln besiedelte, und dabei über
25 Arten hervorgebracht.
Bildunterschrift: Goldlack]
Im Gegensatz zu Sonchus, der bislang als Zierpflanze noch
keine Bedeutung erlangt hat, ist der kanarische Lack Erysimum
bicolor, die kanarische Version unseres Goldlacks, durchaus
eine beliebte Zierpflanze. Er überrascht im Frühjahr mit einer
reichen Blüte in unterschiedlichen Violetttönen. Bei uns wird er
aus Samen gezogen und den Winter über als strauchige Staude im
Kübel bei circa 10 Grad Celsius hell kultiviert.
Strauchmargeriten und Euphorbien im Barranco del Infierno
Bildunterschrift: Teufelsschlucht]
Der Süden Teneriffas ist durch die klimatischen Verhältnisse
wesentlich trockener und heißer als der Norden. Im „Barranco del
Infierno“, der Teufelsschlucht, findet man auf wenigen hundert
Metern eine unglaubliche Biodiversität. Für Pflanzenfans kommt eine
Wanderung durch diese Schlucht einem Spaziergang durch einen wilden
Garten gleich. Die Berghänge sind mit Kratzdisteln und
Wolfsmilchgewächsen bedeckt. Je tiefer man in die Schlucht
hineingeht, desto feuchter wird es, und dementsprechend ändert sich
die Vegetation.
Bildunterschrift: Markus Phlippen mit Strauchmargeriten]
Gerade an diesem exotischen Ort wächst ein Klassiker,
Argyranthemum frustescens – die Strauchmargerite. Bei uns ist
sie eine beliebte Kübelpflanze, die manchmal schon fast zu einem
reinen Saisonartikel verkommt. Dabei ist es recht einfach, sie
durch die Jahre zu bringen, wenn man ein paar Dinge beachtet. Der
Naturstandort im Barranco bietet sehr viel Licht und absolut gut
drainierte Erde. So braucht sie auch auf der heimischen Terrasse
unbedingt einen sonnigen Standort und gleichmäßige Feuchtigkeit
ohne Staunässe. Verblühtes zupft man regelmäßig ab, damit die Kraft
für die Ausbildung neuer Knospen verwendet werden kann. Die
Überwinterung erfolgt kühl (um 10 Grad Celsius) und so hell
wie möglich.
Euphorbia canariensis
Bildunterschrift: Samenkapsel]
Besonders imposant und in der Teufelsschlucht einfach
unübersehbar sind die großen Wolfsmilchgewächse (Euphorbien), von
denen die Kandelaberwolfsmilch Euphorbia canariensis
sicherlich die auffälligste ist. Die Triebe sind meist fünfkantig,
es gibt aber auch Vierer- oder Sechsersäulen. Die Blüte erfolgt am
oberen Ende der Säulen mit kleinen purpurroten Einzelblüten, aus
denen die für Euphorbien typischen dreigeteilten Samenkapseln
hervorgehen. Der Milchsaft zeigt eindeutig, dass es sich nicht um
Kakteen handelt. Er ist wie bei allen Euphorbien sehr giftig.
Bildunterschrift: Markus Phlippen neben dem Gewächs]
Euphorbia canariensis ist häufig als sukkulente
Zimmerpflanze auf deutschen Fensterbänken anzutreffen. Ab
Frühsommer sollte man sie, wenn möglich, nach draußen auf Terrasse
oder Balkon in die volle Sonne stellen. Wer einen kühleren
Überwinterungsort als die warme Wohnzimmerfensterbank zu bieten
hat, sollte diesen auf jeden Fall bevorzugen. Aber auch hier gilt
wie bei den meisten kanarischen Gewächsen: möglichst nicht unter
10 Grad Celsius und so hell wie möglich! Am Naturstandort
fällt auf, dass es wenig Humus gibt, dafür aber gut durchlässige
mineralreiche Erde. Sie wächst auf Teneriffa oft in fast roher Lava
und gehört zu den Pionierpflanzen bei jüngeren Lavafeldern.
Euphorbia artropurpurea
Bildunterschrift: Tabaiba roja]
Die Tabaiba roja ist ein weiteres Wolfsmilchgewächs, das
nur auf Teneriffa vorkommt. Gegen Ende des Winters blüht sie
purpurrot, wobei – wie beim Weihnachtsstern – die roten
Blättchen gar nicht zur Blüte gehören, sondern umgewandelte
Hochblätter sind. Ihre Früchte sind ebenfalls dreigeteilt und
weisen die gleiche purpurrote Färbung auf wie die roten
Scheinblüten. Die Euphorbia artropurpurea, wie sie botanisch
korrekt heißt, wird mittlerweile auch bei uns ab und zu unter dem
Namen „Purpurwolfsmilch“ als Zierpflanze angeboten. Sie kann
im großen Kübel über die Jahre entsprechende Ausmaße annehmen und
verkahlt natürlicherweise von unten her. Die frei stehenden Sprosse
haben aber ihren eigenen Reiz durch die regelmäßigen Narben der
abgefallenen Blätter. Auch diese Art hat einen giftigen Milchsaft,
der Hautreizungen hervorrufen kann.
Pflanzen in den Anagabergen
Bildunterschrift: Blick auf die Berge]
Im Nordosten Teneriffas ist es kühler und feuchter als im Süden
der Insel. Hier bieten die Anagaberge, der geologisch älteste Teil
der Insel, optimale Verhältnisse für eine der ältesten
Waldgesellschaften Europas – die „Laurisilva“, ein Wald aus
Lorbeerbäumen, Baumheide, Myrte und kanarischen Stechpalmen.
Ursprünglich war diese Waldgesellschaft im gesamten Mittelmeerraum
beheimatet, denn Fossilien kanarischer Pflanzen werden bis
Südrussland nachgewiesen. Durch die Eiszeiten wurden sie jedoch aus
dem mediterranen Raum verdrängt und sind heute nur noch auf den
kühleren Nordseiten einiger kanarischer Inseln zu finden. Der
permanente Ostpassat sammelt über dem Atlantik Feuchtigkeit, die
sich an diesen Berghängen niederschlägt. Hier liegt die
durchschnittliche Jahrestemperatur bei moderaten 15 Grad
Celsius, die Pflanzen sind zu keiner Zeit Hitzebelastungen oder
Wassermangel ausgesetzt.
Aeonium und Greenovia
Bildunterschrift: Dickblattgewächse]
Die Luvseite der Insel ist der optimale Standort für besonders
hübsche Sukkulenten, wie Aeonium und Greenovia. Diese
Rosettenpflanzen gehören zu den Dickblattgewächsen, den
Crassulaceen. Sie und ihre Verwandten werden 1.000fach als
Zimmerpflanzen in Deutschland auf der Fensterbank gehalten. Sie
wachsen auf Teneriffa in Steilwänden und sind trotz des feuchten
Klimas auf Wasserspeicherung in ihren Blättern angewiesen, da der
Standort in der Steilwand natürlich wenig Feuchtigkeit liefert. Der
Fels ist mager mit wenig Humus in den Spalten. Deshalb sollten sie
auch in Topfkultur einen sehr gut durchlässigen Boden mit hohem
Mineralanteil haben. Beim Gießen ist zu beachten, dass man –
wenn – dann reichlich gießt, anschließend aber immer wieder
die Erde nahezu austrocknen lässt, so wie die Verhältnisse am
Naturstandort es vorgeben. Während des Winters ist eine kühlere
Temperatur um die 10 Grad Celsius wie bei den meisten
kanarischen Pflanzen angebracht.
Kanarische Glockenblume
Bildunterschrift: Glockenblumenblüte]
Am Straßenrand findet man in den Anagabergen so manche
botanische Rarität, wie die kanarische Glockenblume, Canarina
canariensis, die jetzt im Februar wunderschön orangerot blüht.
Sie verschwindet im späten Frühjahr und zieht sich für den Rest des
Jahres in ihre dicke Wurzelknolle zurück. Ein besonderer Aspekt ist
ihre Bestäubungsbiologie, denn sie wird nicht wie ihre
mitteleuropäischen, violett blühenden Verwandten von Insekten,
sondern von einem Vogel, dem Kanaren-Zilp-Zalp, bestäubt. Daher
erklärt sich auch ihre für Glockenblumen ungewöhnliche orangerote
Blütenfarbe, denn Vögel werden vor allem von roten Blüten
angelockt. Bei uns gibt es sie schon einmal als Zimmerpflanze, und
dann gilt anders als bei vielen anderen Zimmerpflanzen: im Sommer
nicht und im Winter viel gießen, denn dann ist ihre
Hauptwachstumszeit.
Der botanische Garten Puerto de la Cruz
Bildunterschrift: 200-jähriger Feigenbaum]
Ein besonders sehenswerter botanischer Garten ist der von Puerto
de la Cruz. Hier wächst ebenfalls ein berühmter Baum, dessen
gesamte Dimension man erst auf den zweiten oder dritten Blick
begreifen kann. Es handelt sich um einen mindestens 200-jährigen
Feigenbaum der Art Ficus macrophylla ssp. columnalis, der
mittlerweile das Ausmaß eines kleinen Wäldchens hat. Durch die
Eigenart, Luftwurzeln zu bilden, die bei Bodenberührung zu neuen
Nebenstämmen heranwachsen, ist es ihm möglich, derartige
Dimensionen zu erreichen. Obwohl er regelmäßig Früchte bildet, kann
er sich hier nicht vermehren, da die für die Bestäubung nötigen
speziellen Wespen fehlen.
Der Teide-Nationalpark mit Echium
Bildunterschrift: Blick auf den höchsten Berg Spaniens]
Wir beenden unsere botanische Rundreise durch Teneriffa an einem
der exotischsten und erstaunlichsten Orte Europas, dem
Teide-Nationalpark. Mit 3.718 Metern ist der Teide der höchste
Berg Spaniens, und auf dieser Hochebene, der Cañada blanca,
findet man 168 Pflanzenarten, von denen 58 endemisch sind, das
heißt, sie wachsen auf der ganzen Welt nur an diesem Ort.
Bildunterschrift: Roter Natternkopf]
Eine der imposantesten Pflanzen in diesem Gebiet ist sicherlich
der rote Natternkopf „Echium wildpretii“, ein
Raublattgewächs. Der Blütenstand kann bis zu 3 Meter hoch
werden und überrascht im späten Frühjahr mit tausenden roten
Einzelblüten – ein Fest für Insekten, die in dieser kargen
Landschaft auf Nektarsuche sind. Es ist möglich, den Natternkopf
bei uns aus Samen heranzuziehen und ihn dann als Kübelpflanze auf
der Terrasse zu halten. Bis zur Blüte werden freilich mehrere Jahre
vergehen, in denen die Pflanze eine große Blattrosette bildet.
Wichtig ist eine kühle, aber frostfreie und trockene Überwinterung.
Saatgut ist überall auf Teneriffa erhältlich und kann in
Deutschland über spezialisierte Saatguthändler, beispielsweise über
das Internet, bezogen werden. Wildpflanzen und deren Samen dürfen
selbstverständlich nicht aus der freien Natur entnommen werden,
viele der Arten, die wir vorgestellt haben, stehen streng unter
Schutz.

