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23.02.2012

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Die Herrenhäuser Gärten

von Markus Phlippen

WDR 18.12.2011: WDR, Sonntag, den 18.12.2011 16:30 Uhr im Ersten

Beitrag als WebTV mit Gebärden-Dolmetscher

 

Markus Phlippen am goldenen Tor; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Markus Phlippen am goldenen Tor]
Die Herrenhäuser Gärten in Hannover können auf über 300 Jahre Gartengeschichte zurückblicken. Ein idealer Ort also für einen winterlichen Streifzug durch die Gartenhistorie. Unser Rundgang beginnt im pompösen Barock, geht dann durch den englischen Landschaftsgarten und führt schließlich in den Botanischen Garten mit seinen beeindruckenden, wissenschaftlichen Schauhäusern.

Großer Garten: Parterre und Sonnenuhr

Großer Garten mit Ornamenten; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Großer Garten mit Ornamenten]
Im Barock-Garten, maßgeblich von Kurfürstin Sophie vor über 300 Jahren geprägt, befindet sich das Große Parterre. Damit bezeichnet man in der Gartenkunst einen flachen, meist einem Gebäude vorgelagerten Bereich. Die formalen Ornamente aus Buchsbaum und kegelförmigen Eiben sind typisch für die Zeit des Barocks vor etwa 300 Jahren.

 

Sommer im Großen Garten; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Sommer im Großen Garten]
Die Buchsbaum-Bänder bestehen übrigens ausnahmslos aus der Sorte 'Blauer Heinz', die in den 1970er Jahren in Herrenhausen entstanden ist. Sie wächst recht langsam und ist deshalb ideal, weil sie nur einmal im Jahr geschnitten werden muss. Bei 300.000 Buchsbaumpflanzen und 20 Kilometer Heckenlänge ist das eine enorme Arbeitsersparnis. Im Sommer erblühen bunte Blumenrabatten, und ein zentrales Wasserspiel - eine Glockenfontäne - setzt dem ganzen die Krone auf.

Auf ein wissenschaftliches Instrument aus der Barockzeit ist man in den Herrenhäuser Gärten besonders stolz: die Sonnenuhr, die tatsächlich minutengenau funktioniert. Sie zeigt die wahre Uhrzeit für den Ort Hannover an. Denn, wenn die Sonne den Zenit erreicht hat, zeigt die Sonnenuhr 12 Uhr Mittags an.

Misteln im Georgengarten

Georgengarten; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Georgengarten]
100 Jahre später, im 19. Jahrhundert, entstand der Georgengarten, ein typischer Landschaftsgarten nach englischem Vorbild. Gerade hier lohnt sich ein Winterspaziergang, bei dem man die vielen Perspektiven auf den zentral gelegenen Leibniztempel entdecken und genießen kann.

 

Markus und Thomas Amelung auf dem Steiger; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Markus und Thomas Amelung auf dem Steiger]
Jetzt im Winter, wenn die Bäume kein Laub tragen, entdeckt man auch die vielleicht geheimnisvollste aller wintergrünen Pflanzen: die Mistel. Eine heimische Zauberpflanze aus vorchristlicher Keltenzeit, die für uns heutzutage selbstverständlich in die Weihnachtszeit gehört. Mit Gartenmeister Thomas Amelung fahren wir in einem Steigerkorb hoch in die Krone einer imposanten Trauerweide.

 

Mistel; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Mistel]
Die Mistel sei ein sogenannter Halbschmarotzer, erklärt Thomas Amelung. Sie betreibe selbst Fotosynthese - erkennbar an den grünen Blättern - und nehme sich nur Nährsalze und Wasser aus dem Wirtsbaum. Das Ansiedeln einer Mistel ist im Grunde recht einfach: Man nimmt eine der weißen Früchte zwischen die Finger und drückt sie auf der Borke eines Baumes aus. Der im klebrigen Fruchtfleisch enthaltene Samen keimt dann mit ein wenig Glück im Frühjahr aus und treibt seine Wurzel, einen so genannten Absenker, tief in die Borke hinein.

Tatsächlich kann es vorkommen, dass sich Misteln derart stark in einem Baum vermehren, dass sie diesen nachhaltig schädigen. Gerade in den letzten zehn Jahren habe sich die Mistel in den Herrenhäuser Gärten sehr stark ausgebreitet: Es gibt tatsächlich Bäume, wo man sagen muss: Die Mistel hat gewonnen. Ein bis zwei Misteln in einem Obstbaum stellen aber überhaupt kein Problem dar.

Die Kermeseiche im Berggarten

Beitrag als WebTV mit Gebärden-Dolmetscher

 

Kermeseiche; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Kermeseiche]
Nördlich des Schlossgrundstückes befindet sich der Berggarten, der zeitgleich mit dem Barockgarten entstand und damit einer der ältesten botanischen Gärten Deutschlands ist. Jetzt im Winter dominieren die Brauntöne der vielen Gräser und Stauden. Hier stößt man auf einen immergrünen Strauch, den wohl jeder auf den ersten Blick für einen Ilex halten wird. Dafür spricht das glänzende, dunkle, immergrüne Blattwerk mit dem stachelig gesägten Rand. Es ist aber eine Kermeseiche, Quercus coccifera, die aus dem Mittelmeerraum stammt und sehr langsam wächst. Bei uns ist sie nur bedingt winterhart, hier im vergleichsweise milden Hannover steht sie aber schon seit vielen Jahren. Vor allem im Winterhalbjahr ist die Kermeseiche ein Hingucker und damit ideal für Raritätenfans.

Süntelbuche

Süntelbuche; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Süntelbuche]
Eine weitere Rarität im Berggarten ist die Süntelbuche. Alle Stämme und Äste, die kreuz und quer aus dem Boden sprießen, gehören zu ein und dem selben Baum. Dr. Anke Seegert, Betriebsleiterin der Herrenhäuser Gärten, erklärt, dass eine Mutation an einer Rotbuche zu dem verdrehten Wuchs von Ästen und Zweigen geführt hat. Es wird vermutet, dass Erdstrahlung, beispielsweise auf Granitböden, zu derartigen Mutationen führen kann. Wegen des bizarren Wuchses habe man solche Buchen früher als Hexenbuchen bezeichnet und häufig abgeholzt.
Dieses Exemplar sei sehr wahrscheinlich 1880 in den Berggarten gekommen. Dadurch, dass es verpflanzt worden war, habe es viele Nebenstämme aus dem Boden getrieben und bedecke nun eine Fläche von tausend Quadratmetern. Entstanden ist eine der schönsten und bizarrsten Ecken in den Herrenhäuser Gärten. Gerade im Winter ohne das verhüllende Laub wird der Zauber dieses Ortes offenbar. Die Süntelbuche beweist, dass sich ein Besuch der Herrenhäuser Gärten in jeder Jahreszeit lohnt.

Die Grotte

Beitrag als WebTV mit Gebärden-Dolmetscher

 

Die Grotte von Niki de Saint Phalle; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Die Grotte von Niki de Saint Phalle]
Im Großen Garten befindet sich eine Grotte, die bereits 1676 erbaut wurde. Zuletzt diente sie als Lagerraum, bis sie dann von 2001 bis 2003 nach den Plänen von Niki de Saint Phalle neu gestaltet wurde. Die Künstlerin war eng mit der Stadt Hannover und den Herrenhäuser Gärten verbunden und hat mit dieser Grotte ihr letztes großes Werk hinterlassen. Wer aus dem hellen Licht des Barockgartens in diese traumhafte Farben- und Formenwelt eintaucht, wird regelrecht verzaubert. Die drei Räume verbreiten ganz unterschiedliche Stimmungen, die sich alle dem großen Thema 'Das Leben des Menschen' widmen. Der Spiegelraum mit seinen hell glitzernden Elementen steht für den Tag und das Leben. Der dunkle blaue Raum repräsentiert den Kosmos und die Nacht und der mittlere Raum steht für die Spiritualität, die jedem Menschen innewohnt. Ein wunderbares Beispiel, wie sich Kunst, Natur und Garten miteinander verweben lassen.

Orchideensammlung

Beitrag als WebTV mit Gebärden-Dolmetscher

 

Orchideenhaus; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Orchideenhaus]
Auch das gibt es in den Herrenhäuser Gärten: den immer währenden Frühling, denn in der einzigartigen Orchideensammlung wird durchgeblüht. Die Sammlung umfasst etwa 25.000 Orchideen und dürfte damit weltweit zu den größten gehören. Die sind aber nicht alle gleichzeitig zu sehen. Nur wenn sie blühen, sagt Betriebsleiterin Anke Seegert, werden sie ins Schauhaus transportiert und dann bleiben sie solange, wie sie in Blüte sind. Im Moment gibt es zum Beispiel herrliche Cattleyen und Laelia Orchideen zu bewundern. Wenn sie ausgeblüht sind, werden sie durch andere ersetzt. Wenn man wirklich unsere ganze Sammlung sehen will, muss man sehr häufig in die Gärten kommen, sagt Anke Seegart.

 

Badewannen-Orchidee; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Badewannen-Orchidee]
Im Moment steht eine Gattung im Mittelpunkt, die botanisch Coryanthes genannt wird. Die auch unter dem Namen 'Badewannen-Orchideen' bekannten Pflanzen haben typischerweise eine Lippe, die zu einer Art Badewanne umgeformt ist. Oberhalb der Wanne hängen Flüssigkeitstropfen, die kontinuierlich in die Wanne hinein tropfen. Der Duft der Blüte lockt männliche Prachtbienen an, die am glatten Rand der Wanne abrutschen und ins Nass hineinfallen: Nach oben können sie nicht fliegen, weil die Flügel nass geworden sind. Ihnen bleibt nur eine schmale seitliche Öffnung, durch die sie entkommen können. Dabei werden ihnen Pollen zwischen die Flügel geheftet. Durch Coevolution zwischen Orchidee und Insekt ist so ein sehr ungewöhnlicher Bestäubungsmechanismus entstanden.

Einen starken Duft verströmen die Stanhopea-Orchideen aus Südamerika mit ihren herabhängenden Blüten. Auch sie werden von ganz bestimmten Prachtbienen bestäubt. Prachtbienenmännchen sind bekannt dafür, dass sie Duftstoffe von Blüten einsammeln, wozu sie auffällig große Sammelbehälter an den Hinterbeinen besitzen. Im Gegenzug zu den Duftsoffen übertragen sie Pollen für die Orchideen. Coryanthes- und Stanhopea-Orchideen müssen in hängenden Körben gehalten werden, weil sie ihre Blüten nach unten baumeln lassen. Sie sind eher für Fortgeschrittene geeignet und benötigen eine vergleichsweise hohe Luftfeuchtigkeit.

Orchideen-Neuentdeckung

Beitrag als WebTV mit Gebärden-Dolmetscher

 

Orchideen-Neuentdeckung: Oncidium herrenhusanum; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Orchideen-Neuentdeckung: Oncidium herrenhusanum]
Dieses Jahr hat sich eine echte botanische Sensation in der Herrenhäuser Sammlung gefunden. In der Schatzkammer, dem Anzuchtgewächshaus, wurde dreißig Jahre lang eine Orchidee unter falschem Namen gehegt und gepflegt. Den engagierten Gärtnern fiel als erstes auf, dass ihre kleinen gelben Blüten so ganz anders aussahen, als es für die Art typisch gewesen wäre. Kurator Dr. Boris Schlumpberger und Orchideenspezialist Willibald Königer stellten schließlich fest, dass es eine Oncidium-Orchidee ist, die nie zuvor wissenschaftlich beschrieben worden war. Eine neue Art war entdeckt - in den Herrenhäuser Gewächshäusern! Sie trägt nun den Namen Oncidium herrenhusanum; ihre Heimat ist wahrscheinlich Brasilien.

Vom 2. bis 29. Februar 2012 findet in den Schauhäusern eine Ausstellung statt unter dem Titel 'Phalaenopsis - Orchideen der Sehnsucht'. Gezeigt werden seltene Wildformen und jede Menge Sorten aus der Riesenpalette der Phalaenopsis-Züchtungen. Eine Ausstellung, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, sagt Anke Seegert.

Neue Weihnachtssterne

Beitrag als WebTV mit Gebärden-Dolmetscher

 

Weihnachtssterne im Tropenhaus; Rechte: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Weihnachtssterne im Tropenhaus]
Eine kleine Ausstellung schmückt allerdings schon jetzt das Tropenhaus in den Herrenhäuser Gärten: die Weihnachtsternausstellung. Weihnachtssterne sind zu dieser Jahreszeit die meistverkaufte Zimmerpflanze. Leider werden die allermeisten nach der Blüte weggeworfen, denn wer schon einmal versucht hat, sie weiter zu kultivieren, wird vermutlich enttäuscht gewesen sein. Die Weihnachtssterne wachsen meist sehr 'sparrig' weiter, das heißt, sie bekommen lange Triebe und werden im Innern ganz kahl. In den Gärtnereien werden sie künstlich mit Hormonen klein gehalten. Sind die Wuchshemmstoffe verbraucht, schießen die Weihnachtssterne in die Höhe.

Nun gibt es aber neuartige Züchtungen, die von Natur aus klein bleiben, sogenannte Princettia Weihnachtssterne. Auch ohne Hormonbehandlung machen sie auf der Fensterbank eine gute Figur. Sie sind alle farblich im Rosa-Pink Bereich angesiedelt und wachsen von Natur aus kompakt, mit vielen Verzweigungen.

Wir haben das getestet und Exemplare aus dem Vorjahr das ganze Jahr über im Büro auf der Südostseite gehegt und gepflegt. Den Sommer über waren sie grün belaubt und Ende Oktober setzte dann allmählich die Blütenbildung ein. Weihnachtssterne sind Kurztagspflanzen, sie bilden Blüten, wenn die Tage kurz sind. Damit sind sie ideale Büropflanzen, wenn man kein ausgesprochener Workaholic ist. Denn wenn das Bürolicht abends zu lange eingeschaltet bleibt, bekommen Weihnachtssterne keine Blüten. Allerdings wären die bunten Schaublätter, die sogenannten Brakteen, wohl noch üppiger und größer ausgefallen, wenn wir sie fleißiger gedüngt hätten. Solche Princettia-Züchtungen sind in den meisten Gartencentern erhältlich.

Allen Zuschauern und Lesern wünscht der Ratgeber Heim+Garten ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes neues Gartenjahr!

 

Dieser Text gibt den Inhalt des Fernsehbeitrags von Ratgeber Heim+Garten vom 18.12.2011 wieder, ergänzt um Zusatzinformationen der Redaktion. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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