
Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Information
Bericht aus Brüssel
Sendung vom 07. Dezember 2011
E-Call – Notrufsystem mit Verspätung
Ein schwerer Aufprall, die Airbags lösen aus. Kurz darauf wählt E-Call die europäische Notrufnummer 112 an und übermittelt die genauen GPS-Koordinaten des Unfallortes. So sollen Rettungskräfte schneller und zielgerichteter den Ort des Unglücks finden. Mit jeder Minute, die die Verletzten früher versorgt werden, steigt deren Überlebenschance. Hunderte von Leben könnten mit E-Call jedes Jahr gerettet werden, sagen die Experten der EU-Kommission.
Damit der E-Call europaweit funktioniert, müssen vor allem die Mitgliedstaaten noch ihre Hausaufgaben machen. „Das ist eine hoheitliche Aufgabe“ sagt EU-Verkehrspolitiker Dieter-Lebrecht Koch von der CDU. Die EU-Länder müssten dafür sorgen, dass die Weiterleitung der Daten an die richtige Rettungsstelle erfolge und dass die Notrufzentralen mit der entsprechenden Software aufgerüstet werden, um die E-Call-Datensätze zu empfangen. Doch genau hier hapert es: Erst 22 von 27 Mitgliedstaaten haben sich für die Einführung von E-Call ausgesprochen, vor allem Großbritannien und Frankreich zögern.
Doch die EU-Kommission ist zu keinem Kompromiss bereit: Ab 2015 soll die Technik serienmäßig in allen Neuwagen eingebaut werden. Die entsprechenden gesetzlichen Vorgaben werden derzeit auf den Weg gebracht. Ohne rechtlichen Druck aus Brüssel war das System bislang nicht durchzusetzen. „Wir haben den freiwilligen Systemen am Markt mehrere Jahre Zeit gegeben, doch die Entwicklung war sehr dürftig,“ sagt Thomas Haub von der EU-Kommission. Nur 0,7 Prozent der Autos seien bislang mit einem E-Call-System ausgestattet.
Was E-Call die Mitgliedstaaten kostet – dafür gab es bei Brüsseler Behörde keine Zahlen. Wohl aber den Hinweis, wie viel die Volkswirtschaften in der EU u. a. durch eine schnellere Räumung der Unfallstellen sparen könnten: Von mehreren Milliarden Euro ist die Rede, wenn alle Autos mit E-Call ausgerüstet seien.
Die Grünen im Europaparlament glauben, dass andere Maßnahmen wie z. B. ein Tempolimit kostengünstiger und effektiver sind: „Aber beim Thema Tempolimit heißt es immer, das ist Sache der Länder. Nur bei E-Call soll es plötzlich europäisch sein. Das verstehe wer will – ich nicht!“, sagt der EU-Abgeordnete Michael Cramer. Er vermutet industrielle Interessen hinter E-Call, denn mit dem System könne nur ein geringer Teil der Unfallopfer vor dem Tod gerettet werden.
Tatsache ist: Selbst die Prognosen der EU-Kommission sind nicht mehr so optimistisch wie noch vor zwei Jahren: Damals gingen die Experten noch von 2.500 Menschenleben aus, die gerettet werden können, jetzt nur noch von mehreren hundert. Dennoch rechne sich der Kostenaufwand für E-Call, sagt Thomas Haub: „Außerdem - unser Standpunkt war immer: Es lohnt sich für jedes einzelne Menschenleben“.
Silke Schmidt
Stand: 06.12.2011
Seite teilen