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Bericht aus Brüssel
Sendung vom 09. November 2011
Brügge – basteln am Europa von morgen
Es sind die jungen Menschen, die am meisten unter der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise leiden. Sie müssen für die Schulden bezahlen, die die Politiker in den vergangenen Jahrzehnten angehäuft haben. Die einen gehen deshalb auf die Straße und protestieren in der Occupy-Bewegung gegen die Macht der Banken und die Untätigkeit der europäischen Politiker.
Die anderen wollen lieber selbst mitbestimmen und streben eine Karriere in den europäischen Institutionen in Brüssel an. Am Europakolleg im belgischen Brügge bereiten sie sich darauf vor und basteln am Europa von morgen. Über 300 junge Leute aus ganz Europa studieren hier Jura, Politikwissenschaften oder Internationale Beziehungen – immer mit dem Ziel, bei der EU unterzukommen. Sie glauben noch immer fest an die Gemeinschaft – trotz Eurokrise.
Aber sie haben Angst, dass die Politiker von heute ihre Zukunft zerstören. „Die europäischen Politiker verstehen einfach nicht, dass ihre Entscheidungen Auswirkungen haben auf die kommenden Jahrzehnte. Sie sollten vorsichtiger sein“, meint Ira aus Griechenland. Sie hofft, dass ihr Land in der Eurozone bleiben wird, auch wenn Athen zurzeit im Chaos versinkt. „Ich werde ständig von meinen Kommilitonen gefragt, was da bei mir zu Hause passiert. Aber ich verstehe es selbst nicht mehr. Immerhin greift mich hier niemand an oder macht mich persönlich für die Krise verantwortlich.“
Ständig reden die Studenten hier über die Krise – beim Mittagessen, oder abends beim Bier. Nur im Unterricht ist sie selten ein Thema. Dafür sei es noch zu früh. Eine sinnvolle Analyse sei erst möglich, wenn die akute Krise vorbei ist, sagen die Professoren.
Außerhalb der Unterrichtsräume träumen die Studenten von einem besseren Europa. „Die Technokraten sehen nur Excel-Tabellen, nicht die Menschen dahinter. Sie müssen an die sozialen Auswirkungen denken“, sagt Ira. Die meisten Studierenden in Brügge wollen mehr Europa, mehr Gemeinschaft, stärkere EU-Institutionen und fordern von den Politikern mehr Engagement für die EU: „Ich bin nicht sehr zufrieden mit der Gipfelei in Brüssel. Das sind keine demokratischen Entscheidungen. Viele unserer Politiker denken nicht europäisch, sondern nur daran, dass sie wiedergewählt werden wollen“, sagt Thomas Stiegler aus Deutschland.
Svenja Ossmann aus Essen glaubt, dass zuallererst ein Marschall-Plan für die Länder notwendig ist, die am meisten unter der Wirtschafts- und Finanzkrise leiden. Sie ist überzeugt, dass die Europäische Union überleben wird: „Die EU wird sich nicht innerhalb eines Jahres auflösen. Nur weil wir eine Krise haben, heißt das nicht, dass in Brüssel bald nur noch leere Gebäude stehen werden. Das wird niemals passieren.“ Dafür wollen sie sorgen, wenn sie erst einmal an der Macht sind in Brüssel.
Ruth Reichstein
Stand: 08.11.2011
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