
Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Information
Bericht aus Brüssel
Sendung vom 11. Mai 2011
Am Pranger: EU-Abgeordnete wird bedroht
An Häme und bissige Kommentare ihrer Abgeordnetenkollegen ist Inge Gräßle (CDU) als Haushaltspolitikerin gewöhnt. Haushaltspolitiker sind in den Augen ihrer Kollegen qua Natur Spielverderber. Während andere Politiker Millionen unters Volks bringen wollen, sind sie es, die mahnend den Zeigefinger erheben. Obwohl also hartgesotten, ist Inge Gräßle doch erschrocken, mit welcher Feindseligkeit auf ihre jüngsten Sparvorschläge reagiert wurde.
Das Thema ist schnell benannt: EU-Spitzenbeamte haben zu viel Freizeit, sagt Dr. Inge Gräßle und rechnet vor: Weil sie trotz Topverdienst ihre Überstunden abfeiern können, gehen allein der EU-Kommission jedes Jahr 100.401 Arbeitstage verloren.
Und das funktioniert so: Durch den Überstundenausgleich kommt jeder der 46.000 Beamten auf bis zu zwei zusätzliche freie Tage im Monat, das macht 24 zusätzliche freie Tage im Jahr. Addiert man den normalen Urlaub hinzu, kommen die Beamten auf insgesamt bis zu 63 freie Tage. Umgerechnet sind das drei arbeitsfreie Monate pro Jahr.
Für den Steuerzahler heißt das: Die EU muss immer neue Beamte einstellen, damit das Arbeitspensum erledigt wird. Eine teure Angelegenheit. Inge Gräßle möchte das ändern. Im Februar dieses Jahres forderte sie im „Bericht aus Brüssel“: „Ich stelle mir vor, dass wir zwei bis drei Maßnahmen machen, wo die Beamten der EU auch klar machen, wir bringen hier unseren Einsparbeitrag, wir bringen hier auch einen Akt der Solidarität mit den Mitgliedsstaaten, die jetzt in der Euro Krise schwer gebeutelt sind.“ Inge Gräßle fordert von den Beamten also nicht weniger als den Verzicht auf ein Privileg und Solidarität mit den klammen Mitgliedstaaten und ihren Steuerzahlern.
Solidarität von Beamten mit Spitzengehältern? Zur Erinnerung Gräßles Forderung würde nur diejenigen EU-Beamten betreffen, die monatlich zwischen 10.129 Euro und 18.025 Euro verdienen. Doch die reagieren auf die Solidaritätsforderung mit Beschimpfungen. Ein kleiner Auszug aus den Mails, die Inge Gräßle von aufgebrachten Beamten erhalten hat: „Ich sehe, das ist die grässliche Gräßle.“, “Was für eine Kuh – wie sie herumschnüffelt!“, „Zynikeirn“, „Leider finde ich Ihren Ton … sehr Deutsch, also selbstgerecht und kalt“.
Mit solch scharfen Reaktionen hatte Gräßle nicht gerechnet: „Nein, das überrascht mich schon. Mich trifft das auch, weil selbst meine Mitarbeiter in ihrer Freizeit auf Konzerten oder im Restaurant beschimpft werden. Andererseits merke ich an den Reaktionen, dass ich ins Schwarze getroffen habe. Wir müssen sparen und da müssen eben auch Topbeamte von Ihren Privilegien etwas hergeben.“ 48.000 EU-Beamte gegen eine Volksvertreterin. Kann man nur hoffen, dass Inge Gräßle einen langen Atem hat.
Thomas G. Becker
Stand: 10.05.2011
Seite teilen