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Die Europalette hat Geburtstag

  • SendeterminMittwoch, 21. September 2011, 21.55 - 22.10 Uhr.
Europalette mit Schleife

Elf Bretter, neun Klötze, 78 Nägel: Die Europalette ist eine denkbar simple Konstruktion. Und zugleich ist sie viel mehr als das: Sie ist ein schier allgegenwärtiges Symbol dafür, wie Europa wirtschaftlich zusammenwächst.

Erfunden wurde sie vor genau 50 Jahren – und zwar von den Eisenbahngesellschaften in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Die hatten es satt, dass die bisherigen Transport-Hilfsmittel völlig unterschiedliche Größen und Formen hatten und nichts richtig zusammenpasste. Es herrschte ein einziges Chaos an verschiedenen Kisten, Paletten und Säcken. Waggons möglichst platzsparend zu beladen, war praktisch unmöglich.

Revolution für den grenzüberschreitenden Warenhandel

Eine andere Lösung musste her: die einheitliche Palette für ganz Europa – mit den Maßen 800 x 1200 x 144 Millimeter. Bis zu 1500 Kilogramm Beladung hält sie aus. Für den grenzüberschreitenden Warenhandel war die Palette geradezu eine Revolution. Heute macht praktisch ganz Europa mit.

So simpel das System ist, so gefragt ist es bis heute. „Die Europalette ist genial einfach und sie erfüllt die Anforderungen, die die Hightech-Industrie hat“, sagt Jürgen Rademacher. Er weiß, wovon er spricht: Er führt einen Palettenbetrieb in Arnsberg, die Jahresproduktion liegt bei etwa 400 000 Stück.

Tauschsystem funktioniert europaweit

Insgesamt sind heute gut 400 Millionen Exemplare im Umlauf – sie alle werden mehrmals wiederverwendet und getauscht. Wenn ein LKW beispielsweise eine Lieferung Orangen aus Spanien nach Deutschland bringt, nimmt er exakt so viele leere Paletten wieder mit, wie er beladene abgegeben hat. Genau darum sind alle Europaletten genormt und gleichen einander millimetergenau – sozusagen als Qualitätsgarantie für alle, die sich an dem Tauschsystem beteiligen. Dieses System klappe in allen EU-Staaten, die sich daran beteiligten, sagt Jürgen Rademacher: „Auch in neuen Beitrittsländern. Ob das jetzt Rumänien oder das Baltikum ist - überall funktioniert dieses Tauschsystem.“

Längst kommt die Nachfrage nicht mehr nur aus Europa. Die Palette habe einen weltweiten Siegeszug angetreten, erklärt Rademacher. „Wir hatten eine koreanische Delegation hier im Betrieb. Die haben 60 Prozent Kunststoffpaletten im Markt. Aber die waren so begeistert, dass sie gesagt haben: Wir werden in Zukunft den Holzanteil erhöhen.“

Frühwarnsystem für Finanzkrise

Vielseitig einsetzbar sei die Europalette, sagt Jürgen Rademacher. „Heute ist Klopapier drauf, morgen sind es Automobilteile.“ Es gibt praktisch keine Branche im produzierenden Gewerbe, die noch ohne den genormten Lastenträger auskommt. Und genau deshalb sind Rademacher und die übrigen Palettenproduzenten mittlerweile so etwas wie ein Frühwarnsystem: Wenn die Wirtschaft lahmt, merken sie das schon zwei, drei Monate im Voraus.

Einfach deshalb, weil ihre Kunden dann die Paletten-Bestellungen zurückfahren, wenn die eigene Auftragslage schlechter wird. Vor der Wirtschaftskrise 2009 seien seine Auftragseingänge um 80, 90 Prozent geschrumpft, erzählt Jürgen Rademacher. Und so betrachtet hat sich die Europalette in ihren 50 Jahren sogar zu einem Konjunkturindikator gemausert. Gar nicht schlecht für eine simple Holzkonstruktion.

Autorin:

Mirjam Stöckel

Stand: 20.09.2011


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