
Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Information
Bericht aus Brüssel
Sendung vom 11. Januar 2012
Das Leiden der Ferkel
Schnipp, Schnapp – Hoden ab. Allein die Vorstellung löst bei vielen Männern den sofortigen Griff in den Schritt und eine schmerzverzerrte Miene aus. Bei Schweinen nehmen wir Menschen das Leiden hin: Schon seit mehreren hundert Jahren werden Ferkel in Europa kastriert, damit deren Fleisch keinen unangenehmen Ebergeruch entwickelt. Die EU hat diese qualvolle Prozedur bis heute nicht abgeschafft. Es gibt kein Gesetz, die den schmerzhaften Eingriff ohne Betäubung verbietet.
Seit Anfang dieses Jahres sollte es wenigstens auf Biohöfen besser werden. Doch nun entpuppt sich die vor 4 Jahren beschlossene EU-Verordnung als schwammiger Papiertiger.
Zwar müssen die Kastrationsschmerzen bei Bioschweinen seit dem 1. Januar 2012 gelindert werden, eine Betäubung aber bleibt weiterhin eine freiwillige Maßnahme. Konkret heißt es in dem Gesetzestext, dass das Leid der Tiere auf ein Minimum zu begrenzen sei, in dem angemessene Betäubungs- und/oder Schmerzmittel verabreicht werden. Bei der „und/oder“-Formulierung liegt das Problem, denn die Bioschweinehalter können weiterhin auf die Betäubung verzichten. Die Schmerzmittel hingegen lindern zwar den Wundschmerz, doch selten die Schmerzen während des Eingriffes.
Damit bleibt die Situation in Deutschland rein rechtlich im Prinzip wie vorher: Denn vor zwei Jahren haben sich sogar die konventionellen Schweinhalter in Deutschland schon zur Gabe von Schmerzmitteln entschlossen. Die Betäubung allerdings lehnen sie weiterhin ab, auch aus Kostengründen.
Die EU-Kommission macht keinen Druck. Sie hofft, dass die betroffenen Akteure auf freiwilliger Basis handeln. Immerhin - auf ihre Initative hin haben sich Landwirte, Fleischindustrie, Handel, Forschung und Tierschützer zusammengesetzt und das Ziel formuliert, ab 2018 komplett auf die Kastration von Ferkeln zu verzichten. Bis dahin soll an alternativen Methoden geforscht werden – während die Ferkel weiter leiden müssen.
Silke Schmidt
Stand: 10.01.2012
Seite teilen