Ratingagenturen: Macht ohne Gesicht

  • Mittwoch, 06. Februar 2013, 22.00 - 22.15 Uhr

Ratingagenturen mit TÜV-Siegel

Ratingagenturen: Macht ohne Gesicht

(06:10)

Mittwoch, 06. Februar 2013, 22.00 - 22.15 Uhr

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Es ist der vielleicht letzte Versuch, die Wall Street zu Verantwortung zu ziehen: Das US-Justizministerium klagt die Ratingagentur „Standard & Poor’s“ des Betruges an. Der Agentur wird vorgeworfen, fahrlässig und aus Profitinteresse hochspekulative Immobilien falsch bewertet zu haben. Auch dem Schuldenstaat Griechenland gaben die drei größten Ratingagenturen – Standard & Poor’s, Moodys und Fitch - noch bis vor ein paar Jahren gute Noten.



Ratingagenturen mit TÜV-Siegel

Anleger deckten sich völlig unbesorgt mit Staatsanleihen ein, denn sie galten als sicher und rentabel. Mittlerweile ist klar, dass die Milliardenkredite keineswegs gut angelegt. Vielmehr wurden damit in Griechenland aufgeblähte Verwaltungen, Wahlgeschenke, Steuerhinterziehung und der Kauf von Panzern finanziert.

Ohne Transparenz, abseits jeder Kontrolle

Solche Fehlurteile habe allerdings wenig mit der Naivität der Finanzkontrolleure der drei Rating-Agenturen zu tun, mutmaßt Werner Rügemer, Autor des Buches „Ratingagenturen – Einblick in die Kapitalmacht der Gegenwart.“ Für seine Recherche hat sich der Publizist und Lehrbeauftragte durch ein schwindelerregendes Eigentümer-Geflecht gewühlt: „Die Rating-Agenturen, sie gehören den großen Banken und Hedgefonds und arbeiten in deren Interesse ganz einseitig auf Seiten der Kreditgeber. Das heißt, sie sind interessiert, an möglichst viele Staaten, Unternehmen und private Konsumenten möglichst viele Kredite zu vergeben.“



Diese Großbanken und Hedgefonds haben ihre Firmensitze meist in Steuerparadiesen, fernab jeder Aufsicht, ohne jede Transparenz. Werner Hinrichs, Deutschlandchef von Standard & Poor’s beteuert dennoch Objektivität: „Unsere Eigentümer-Struktur ist gut diversifiziert. Wir sind überwiegend im Streubesitz. Und zum Zweiten sind unsere analytischen Prozesse so aufgebaut, dass weder Eigentümer noch sonstige Interessenten am Markt, Emittenten oder Investoren Einfluss nehmen können auf unsere Bewertungen.“



"Agenturen als Brandbeschleuniger"

Was erstaunt, ist die Tatsache, dass Ratingagenturen offensichtlich übersehen haben, dass es um Krisenstaaten wie Griechenland schlecht steht. Erst viel zu spät, so Autor Rügemer, hätten sie der Wahrheit ins Gesicht gesehen: „Als es dann nach einem Jahrzehnt zuviel war, haben die Ratingagenturen Griechenland herunter gestuft und damit die Zinszahlungen und den Schuldenstand weiter in die Höhe getrieben, mit der Folge, dass die wirtschaftliche Entwicklung einbrach und dass die Demokratie unterhöhlt wurde.“



Die Folgen sind bekannt: Gewalt, drakonische Sparprogramme, Massenarmut. Den Politikern der Europäischen Union ist das Treiben der Ratingagenturen schon lange eine Dorn im Auge, „Die Agenturen haben während der Krise als Brandbeschleuniger agiert“, kritisiert etwa der ehemalige Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet. Und EU-Justizkommissarin Viviane Reding forderte gar die Zerschlagung der US-Ratingagenturen. „Es kann nicht sein, dass ein Kartell dreier US-Unternehmen über das Schicksal der EU entscheidet.“ Die EU will daher Agenturen bald in Haftung nehmen, wenn sie nachweislich falsche Bewertungen abgeben.



Schuldner legen sich ungern mit Kreditgebern an

Laut Rügemer reicht das nicht: „Die EU muss beschließen, dass die Ratingagenturen ihre Bewertungen aus allen Regelwerken der EU entfernen, dass sich die EU nur noch nach eigenen Bewertungen richtet und nur nach eigenen Bewertungen auch ihre Staaten behandelt, was Kredite angeht.“ Aber kann die Union diesen Konflikt wagen? Denn wer so viele Schulden hat wie die Europäer, der legt sich doch ungern mit seinen Kreditgebern an.



Autorin: Marion von Haaren


Stand: 05.02.2013