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Sendung vom 24. August 2009
„Die Armutsindustrie“
Vor einem Jahr hat die Kölner Firma ,Bellicon‘ ihre Sportgeräte-Produktion aus China zurückgezogen. Man setze jetzt wieder auf ,made in germany‘ hieß es. Wie sich das lohnt? Die Sportgeräte produzieren jetzt deutsche Arbeitslose, vom Staat bezahlt - als Beschäftigungsmaßnahme. René Thiel zum Beispiel. Er ist Mechaniker bei Porsche gewesen. Dann wurde er entlassen. Die Arbeitsagentur schickte ihn in eine so genannte „Beschäftigungsgesellschaft“. Dort arbeitet er nun am Schweißroboter und liefert der Kölner Firma zu. Seinen Lohn zahlt komplett die Arbeitsagentur.
Genauso wie den von Hans Jürgen Nix. Hans Jürgen Nix ist seit 1982 Berufskraftfahrer. Als er plötzlich arbeitslos wird, schickt die Arbeitsagentur den 51jährigen sofort in ein Praktikum. So taucht er erst gar nicht in der Statistik auf. In einer Euskirchener Firma packt er wochenlang Pakete am Fließband - für das Unternehmen völlig kostenfrei. Sein Chef erzählt, dass er auch zwei, drei Leute fest anstellen könnte, dass es mit den Praktikanten aber natürlich noch besser laufe. Ganz normale Arbeit mit öffentlichen Geldern bezahlt - wie kann das sein? Für Millionen von Arbeitslosen hat die Arbeitsagentur keine Beschäftigung, findet keine echten Stellen. Deshalb beauftragt sie Firmen, die Arbeitslose nicht selbst einstellen, sondern gegen Lohnzuschuss beschäftigen, sie als Praktikanten übernehmen, sie auch qualifizieren sollen. Sieben Milliarden Euro kostet das im Jahr.
Die Autoprüfgesellschaft Dekra etwa bekommt 500 Euro im
Monat für jeden Arbeitslosen, den sie weiterbildet und
beschäftigt. Bei der Dekra Braunschweig überprüfen
Ein-Euro-Jobber gespendete Puzzle für arme Kinder auf ihre
Vollständigkeit: durch selber Legen. Man wolle die Menschen
wieder daran gewöhnen, einen geregelten Alltag zu
bewältigen, heißt es von der Dekra. "Jeden Tag
aufzustehen und sein Ding zu machen", formuliert eine
Anleiterin das Ziel, für das man auch mal zehn Tage lang ein
Puzzle legen darf. Ob in Braunschweig oder Berlin, in Köln
oder Stuttgart: Dieser Film erzählt, wie aus dem Mangel an
Arbeit für andere ein lukratives Geschäft geworden ist.
Ob diese Mühen René Thiel, Hans-Jürgen Nix und
ihre Kollegen wieder in Arbeit bringen, ist mehr als fraglich. Die
Firmen aber verdienen, vom Staat subventioniert, gut mit an seiner
Misere. Im Dunstkreis von Hartz IV entsteht eine parallele
Arbeitswelt: die Armutsindustrie.
Redaktion: Jo
Angerer
Eva Müller
Stand: 04.02.2010