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Erlebnisreisen
Sendung vom 07. November 2011
Danzig - Die Königin an der Ostsee
Sie sind einfach überall - Danzigs stille Zeugen der Jahrhunderte. Fast jedes zweite Haus im historischen Stadtkern Danzigs ist mit aufwändig gestalteten Statuen verziert. Die Herrschaften aus Stein und Bronze schauen immerzu auf einen herab. Sie schauen auf Danzig, den Ort aus einer anderen Zeit.
„Gdansk“, wie die Stadt heute heißt, blickt auf 800 Jahre deutsch-polnischer Geschichte zurück und verführt zu einer Reise in die Vergangenheit. Die meisten Deutschen, die hierher kommen, sind schon etwas älter und genau deswegen hier. In Reisegruppen suchen die vertriebenen Kinder des Zweiten Weltkriegs nach den Erinnerungen ihrer Jugend.
Doch Danzig hat mehr zu bieten, auch für jüngere Touristen. Das findet jedenfalls Dominik Budzinski. Er ist hier geboren und in Köln aufgewachsen. Heute lebt er wieder in seiner alten Heimat, und zwar aus Überzeugung: „Danzig, mit seinen wunderschönen Häusern, lohnt sich wirklich. Doch darüber hinaus befinden wir uns hier in der Region Dreistadt. Etwas weiter nordwestlich liegen noch Sopot und Gdynia. Alle drei Städte gemeinsam haben dann wirklich sehr viel Abwechslung zu bieten.“
Wir beginnen unsere Tour durch das Zentrum auf dem Langen Markt. Die alten Patrizierhäuser im Stadtkern wurden mit viel Liebe restauriert. Im Zweiten Weltkrieg wurde Danzig dem Erdboden gleichgemacht. Heute gilt der Lange Markt mit den aufwendig gestalteten Fassaden und dem Neptunbrunnen wieder als einer der schönsten in Europa.
Schon im Mittelalter war Danzig ein großes Handelszentrum im Ostseeraum. Ein bedeutender Umschlagplatz für allerlei Waren. Kein Wunder also, dass noch heute der 500 Jahre alte Lastkran eines der Wahrzeichen ist. Das Krantor ist aus dem Jahre 1444. Im Inneren befinden sich vier große Antriebsräder, um die Ladung aus den Schiffen zu heben. Strafgefangene schufteten darin wie im Hamsterlaufrad und bewegten bis zu zwei Tonnen.
Ein paar Schritte weiter führt uns Dominik in die Frauengasse, auf polnisch: Mariacka. Zwischen den alten Bürgerhäusern ist das Flair der alten Hansestadt immer noch lebendig. Stöbern und staunen sind hier ein Muss. Auch Dominik kann nicht anders. Direkt auf der Straße verkaufen Händler alles, was sich für Touristen lohnt: Kunst, Textilien und vor allem Bernstein.
Einige der Werkstätten stehen direkt auf der Straße. Die Besitzer führen ihr Handwerk den Touristen bereitwillig vor. Der Bernstein, das Gold der Ostsee, hat hier viele Farben und Formen. Von dunkelbraun und durchsichtig bis milchig weiß. Und die Schmuckstücke beweisen: Bernstein, das ist nicht nur Omas alte Halskette.
Am Ende der Frauengasse steht ein imposanter Bau. Die Marienkirche wurde im Volksmund einst „dicke Marie“ genannt. Sie ist 105,5 Meter lang, im Querschiff 66 Meter breit und die größte Backsteinkirche der Welt. Im Inneren finden 25.000 Gläubige Platz. Im katholischen Polen gehen nun einmal mehr Menschen in die Messe als zum Fußball. „Ein Besuch in der Marienkirche ist nicht nur gut für das Seelenheil, sondern auch für die Fitness“, meint Dominik trocken und verschwindet in einem kleinen Durchgang. Ab jetzt geht es nur noch treppauf - 409 Stufen!
In 77 Metern Höhe bietet sich der Blick auf ein Meer der roten Dächer. Vom Kirchturm aus blickt man auf alle sehenswerten historischen Stadteile. Und am Stadtrand sieht man die wuchtigen Plattenbauten, die Überbleibsel des polnischen Kommunismus.
Danzig veränderte die Welt. Das Denkmal der gefallenen Werftarbeiter wurde zum Symbol für die Befreiung. Ganz in der Nähe erinnert das Solidarnosc-Museum sehr anschaulich an diesen Kampf. Lebensgroß und lebensecht zeugt der Nachbau eines Lebensmittelgeschäftes vom alltäglichen Mangel der kommunistischen Zeit. In dem Modell einer Telefonzelle hören wir die beim Abheben des Hörers früher übliche Ansage: „Dieses Gespräch wird abgehört“. „Stimmt“, bestätigt Dominik. „So war das früher bei uns.“ Auch eine Toilette ist hier nachempfunden. Anstelle von Klopapier hängt eine alte Zeitung am Haken. So fand die staatliche Presse für wirklich jeden noch ihre Verwendung.
Torge Hidding
Stand: 07.06.2010
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