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Buchtipps vom 08.06.2005
Erwin Koch
Verlag Nagel und Kimche
Sigi Kuhn hat eine sensationelle Erfindung gemacht. Er hat die Formel gefunden, die Schweröl in Trinkwasser verwandelt. Wenn Kuhns Wundermittel bei einem Tankerunglück zum Einsatz käme, wäre eine Ölpest in Zukunft ausgeschlossen. Und Sigi Kuhn wäre ein reicher und berühmter Mann. Aber keiner interessiert sich dafür, was dieser Mann erfunden hat. Seit zwanzig Jahren nicht. Nicht die Behörden, nicht die Umweltverbände und schon gar nicht die Banken. Da beschließt er, selbst den Notfall zu inszenieren, in dem nur noch seine Formel helfen kann. Aber das geht voll daneben. Das Buch erzählt die Lebensgeschichte von Sigi Kuhn und seinem vergeblichen Kampf um Anerkennung.
Sigi Kuhn, im letzten Kriegsjahr geboren, hat immer Hunger. Kriegt mit, dass die Mutter mit dem Metzger schläft, damit es zu Hause hin und wieder Mettwürste geben kann. Der Hungerhaken wird Koch und spezialisiert sich aufs Flambieren. Er fackelt alles mit Schnaps ab,was ihm vor den Kochlöffel kommt. Der Flambeur macht aus seinem Landgasthof einen Gourmettempel. Bis die Salmonellen kommen.
Die Geschichte von Sigi Kuhn ist in Teilen wahr, den Wundermittelerfinder hat es wirklich gegeben. Der Schweizer Journalist und Buchautor Erwin Koch hat vor ein paar Jahren eine Reportage über ihn geschrieben. Reportagen schreiben kann Koch ausgezeichnet, zweimal bekam er den Egon–Erwin Kisch Preis. Er arbeitete für die Zeit, das FAZ Magazin, GEO und taz. Sein erstes Buch „Sarah tanzt" erschien vor zwei Jahren und war ein großer Erfolg.
Ungewöhnlicher Schreibstil, trotzdem großartig und spannend erzählt. Wechselt ständig vom Ich – Erzähler in die Beobachterperspektive. Das schafft zugleich Nähe und Distanz. In einem Interview hat der Autor Erwin Koch erzählt, der Roman sei in fünf Wochen fertig gewesen. Und er schäme sich dafür, dass es so schnell gegangen sei. Muss er gar nicht. Der verzweifelte Kampf um Anerkennung wird atemlos, schnell, fast ohne Punkt und Komma erzählt. Je länger er dauert, desto erstaunter fragt man sich, wie ein Mensch nur soviel Pech haben kann. Und was einem beim Lesen nie aus dem Kopf geht, ist die Tatsache, dass diese Biografie eines Verlierers in großen Teilen echt ist. Dass es diesen Loser, von Frau und Kind und guten Freunden gänzlich verlassen, wirklich gibt.
...sind drei Kleinigkeiten:
1. Sigi Kuhn schmiert sich dauernd Mettwurst aus der Tube(!) auf
die Zunge. Das fand ich ziemlich widerlich. 2. Die vielen
erfundenen Orts- und Straßennamen. Die habe ich nach einer
Weile einfach überlesen. 3. Das Ende. Das habe ich, ehrlich
gesagt, nicht verstanden .Aber vielleicht sind Sie ja schlauer.
...ist ein Satz aus dem Buch: „Gerne glauben wir an
Wunder. Aber wenn sie geschehen, gehen sie nicht immer gut
aus.“
Den kenn ich. Aus meinem eigenen Leben.
Julie Orringer
Verlag Kiepenheuer und Witsch
Neun Erzählungen, die längste hat vierzig Seiten, die kürzeste achtzehn. Die Geschichten erzählen von Freundschaft, Sehnsucht, Enttäuschung, erster Liebe, Tod, Abschied und Schmerz, vom Sieg und von der Niederlage. Im Mittelpunkt immer Kinder, Mädchen und junge Frauen. Das Buch beschreibt das, was jeder von uns kennt. Jene Situationen im Leben, an die man sich später erinnern wird, weil man ahnt: da bin ich erwachsen(er) geworden. Hineingewachsen von der Kindheit ins richtige Leben. Die Mütter der Kinder, das fällt auf, sind in diesem Buch fast immer abwesend. Tot, krank oder davongelaufen. Hat mit dem Erwachsenwerden der Autorin zu tun: als sie zehn Jahre alt war, wurde bei ihrer Mutter, einer Ärztin, Brustkrebs diagnostiziert. Sie starb wenig später.
Unter Wasser atmen ist ein Zitat aus einer der Kurzgeschichten, der „Isabel-Fisch“. Ein junges Mädchen überlebt einen Autounfall, bei dem die Freundin ihres Bruders ertrinkt. Bruder und Schwester sollen einen Tauchkurs machen, um ihr Trauma zu überwinden. Die Schwester besiegt die Angst und merkt, es geht: unter Wasser zu atmen.
Julie Orringer ist Amerikanerin, 32 Jahre alt, lebt in San Francisco. „Unter Wasser atmen„ ist ihr erstes Buch, war in den USA ein Riesenerfolg.
„Kaum hatte ich das Buch gelesen, kaufte ich mir ein zweites Exemplar. Und dann noch ein drittes für den Geburtstag eines Freundes .So toll ist das Buch.“ Das ist ein Zitat des Schriftstellers Nick Hornby. Und genauso werde ich es auch machen. „Unter Wasser atmen“ wird wunderbar erzählt, ganz klar und ohne Schnörkel. Und dennoch hat man beim Lesen immer das Leben im Kopf, weil die Sprache sofort Bilder, Farben, Geräusche, Gerüche entstehen lässt.
...ist, dass es Kurzgeschichten sind. Ich hätte bei jeder einzelnen Geschichte gerne noch viele Seiten weiter gelesen. Denn eigentlich haben sie kein Ende. Jedenfalls kein geschriebenes. Das Ende entsteht im eigenen Kopf, weil einem auch noch Tage später Menschen und Momente aus den Erzählungen einfallen.
...ist, dass die Autorin Julie Orringer gerade an ihrem zweiten Roman schreibt. Und das werden keine Kurzgeschichten. Das wird ein Roman - mit einem richtigen Schluss.