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Buchtipps vom 26.04.2006
Tomek Tryzna
Luchterhand Verlag 2006, ISBN 3630871836
Die Geschichte spielt im Nachkriegspolen. Sie fängt damit an, dass der neunjährige Romek ein siebenjähriges Mädchen küsst. Nicht ganz freiwillig, aber wer Lala küsst, darf mit ihrem Tretauto einmal um den Block fahren. Eine Minute Küssen, eine Minute Autofahren. Romek küsst fünfzehn Minuten, und dreht dann in Lalas Cabrio mit Ledersitzen, Scheinwerfern und einer gelben Hupe begeistert seine Runden. Romek sollte aber eigentlich die Wohnung hüten, weil die Eltern und die große Schwester unterwegs sind. Als er zum Auto eilt, vergisst er in der Aufregung, die Haustür zu schließen. Bei seiner Rückkehr haben Diebe die Wohnung ausgeräumt. Romeks Familie verliert alles. Der Junge fühlt sich schuldig am Ruin seiner Familie und versucht forthin alles, um seinen Fehler wieder gut zu machen. Das geht so gut wie immer schief, aber das hält Tomek nicht davon ab, weiter auf das große Glück zu hoffen.
Tomek Tryzna, 58 Jahre alt, ist Filmregisseur und Drehbuchautor in Warschau. Sein erstes Buch „Fräulein Niemand“ wurde ein internationaler Bestseller, in mehr als zehn Sprachen übersetzt und 1966 von Andrzej Wajda verfilmt.
Ein wunderbares Buch, bei dem ich während des Lesens nicht
so richtig gewusst habe, ob ich nun lachen oder weinen soll. Wenn
der Vater des kleinen Tomek den letzten Sloty versäuft, die
Mutter sich aus dem Fenster stürzen will und Tomek zur toten
schwarzen Oma betet, damit doch noch alles gut wird, dann ist das
unglaublich dramatisch und komisch zugleich. Die Geschichte wird
aus der Sicht des Jungen erzählt. Es ist berührend zu
erleben, wie verzweifelt und mutig zugleich ein Kind versucht, die
Armut auszuhalten. Wie der Junge das Leberwurstbrötchen, das
ihm sein Schulkamerad anbietet, stolz ausschlägt, um dann
Minuten später vor Hunger ohnmächtig aus der Schulbank zu
kippen. Bevor einen allerdings die Sentimentalität
übermannen kann, wird es so absurd komisch, dass man schon
wieder lachen muss.
Mir fällt der Vergleich mit einem Kaleidoskop ein, so
schillernd und bunt durcheinander geht es in diesem Buch zu. Und
meine Begeisterung wird nur ein bisschen gebremst von der Tatsache,
dass die Welt des kommunistischen Polens, in der die Geschichte
spielt, mir manchmal einfach zu fremd war.
...das unglaublich griesgrämige Gesicht des Autors auf der Rückseite.
...dass einer mit soviel schlechter Laune im Gesicht doch ein so gutes Buch schreiben kann.
Trattawut Lapcharoensap
Kiwi Verlag 2006, ISBN 3462036874
Sieben Geschichten über das Thailand von heute. Die erste
beginnt so: „...die Deutschen kommen auf die Insel.
Fußballschuhe, Riesen T-Shirts, schwere Zungen. Sprechen wie
Spucken.... Die Italiener mögen dünne Stoffe und
Ledersandalen... Die Franzosen rundliche Mädchen. Die Briten
wollen an ihrem bleichen Teint arbeiten und ihre Vorliebe für
Hasch pflegen, die Amerikaner sind die Fettesten und
Geizigsten.“
Sieben Geschichten aus dem Leben junger Thais, die nicht nur fette,
bleiche Touristen, sondern auch den normalen erbärmlichen
Alltag ertragen müssen. Einige der Geschichten, wie die von
den „Farangs“ (Touristen) wurden bereits nach ihrem
Erscheinen in amerikanischen Zeitungen preisgekrönt. In
„Farangs“ verliebt sich der Erzähler in eine
amerikanische Urlauberin, die ,wie offensichtlich viele, Sex sucht,
nackt auf einem Elefanten tanzt, ein Hausschwein namens Clint
Eastwood kennenlernt, das um ein Haar beim Schwimmen im Meer
ertrinkt.
Trattawut Lapcharoensap wurde 79 in Chicago geboren. Er wuchs dann in Bangkok auf und studierte später in den USA. Seine Geschichten erschienen in zahlreichen US Zeitschriften. „Sightseeing“ ist ein Bestseller und wurde in elf Sprachen übersetzt.
Ein Volltreffer, ein beeindruckendes Buch über Thailand und seine Menschen. Um in die Geschichten einzutauchen, muss man kein Freund von exotischen Reisezielen sein. Das Buch nimmt einen sofort mit, man ist ganz nah dran am richtigen Leben, auch wenn man bislang nur Urlaub auf Borkum oder in Bayern gemacht hat. Ich bin ohnehin ein Freund von Kurzgeschichten, aber diese thailändischen Erzählungen haben mir auch deshalb so gut gefallen, weil sich jede einzelne von ihnen wie ein guter Roman liest. Sie sind fröhlich und traurig zugleich, lassen Schwermut und Leichtigkeit in einem spüren. Ich hatte das Buch bei seinem Erscheinen vor ein paar Jahren schon mal auf Englisch gelesen. Auch jetzt beim zweiten Mal, auf Deutsch, hat es nichts von seiner eigenartigen Faszination verloren. Vermutlich werden Sie es beim ersten Mal in einem Rutsch lesen, weglegen, irgendwann wieder finden und dann noch einmal genauso verzaubert werden wie ich.
...sich den für unsere Zungen unaussprechlichen Namen des Autors zu merken. Aber dafür ist der Titel einfach.
... eine der Danksagungen am Schluss: “Dieses Buch ist dem Andenken meiner geliebten 'ahmah' gewidmet, die vor 70 Jahren über dass südchinesische Meer einer ungewissen Zukunft in Bangkok entgegenfuhr und jetzt zweifellos in einer besseren Welt als der, die sie ererbte, eine Schale Vogelnestersuppe genießt.“