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frauTV
Sendung vom 26. November 2008
Warum Männer Gynäkologen werden
Sie untersuchen tagtäglich Frauenkörper. Sie schauen genau hin, stellen intime Fragen und fassen sogar an: Gynäkologen dringen in Bereiche vor, die eine Frau nur selten anderen Menschen, manchmal nicht einmal dem Partner offenbart. Noch immer gibt es mehr männliche als weibliche Gynäkologen, obwohl die Frauen hier die Männer langsam verdrängen. frauTV erzählt die Geschichte von zwei Männern, die sich für diesen Beruf entschieden haben, wie sie es schaffen in diesem sensiblen Bereich auf Frauen einzugehen und welche Auswirkungen ihr Job auf das eigene Privatleben hat.
Berthold Grüttner ist seit knapp zwei Jahren Assistenzarzt an der Uni-Frauenklinik in Köln. Dabei wollte er eigentlich Chirurg werden – Gynäkologie, das war nichts für ihn. Im Studium hat er die Gynäkologie-Vorlesung kaum wahrgenommen. Für ihn war das eine Sache, die eigentlich nur Frauen interessierte. Aber als Arzt hatte er Angst vor einer bestimmten Situation: Was, wenn er einmal in der Stadt unterwegs ist, einer Frau die Fruchtblase platzt und jemand ruft: „Ist hier irgendwo ein Arzt?“. Als Arzt wäre er dann verpflichtet zu helfen, aber er hätte keine Ahnung gehabt, was er tun sollte. Das war der Grund für ein erstes Praktikum in der Frauenheilkunde und der Schlüssel zu einem Fachgebiet, das ihn nicht mehr losgelassen hat. Den jungen Mann faszinierten die Kollegen, die sowohl untereinander als auch mit den Patientinnen viel sensibler umgingen als in anderen Fachgebieten und eine Geburt zu erleben, war für ihn, wie ein Wunder. Wo sonst hat man als Arzt auch mal glückliche Patienten?
Auch Hans-Werner Steudel ist Gynäkologe, und zwar schon seit fast 30 Jahren. Lange Zeit hat er in der Klinik gearbeitet, seit 1 ½ Jahren führt er eine eigene Praxis. Für ihn war schon im Studium klar, dass er Gynäkologe werden will. Nach fast 30 Jahren ist es für ihn völlig normal, Frauen sehr intime Fragen zu stellen und sie täglich nackt zu sehen: „Der ärztliche Blick ist ein medizinischer Blick. Ich schaue doch ganz anders, wenn ich nach Fehlern oder Auffälligkeiten suche, als wenn ich voyeuristisch gucke“, erklärt er. Für junge Ärzte, wie Berthold Grüttner, ist das noch nicht so selbstverständlich. „Ich hatte schon Zweifel, ob ich das so kann“, verrät er, „ob das wirklich geht, den ganzen Tag sehr intime Untersuchungen zu machen und dann nach Hause zu gehen und Weiblichkeit wieder als etwas Schönes zu genießen.“ In Praktika und Stationen im praktischen Jahr hatte er aber die Erfahrung gemacht, dass er damit klar kommt. Die räumliche Trennung zwischen Krankenhaus und Wohnung macht es ihm leicht, hier eine Grenze zu ziehen. Trotzdem kämpft er mit Vorurteilen. Einmal wurde er auf einer Party sogar als Perverser beschimpft, der sein Hobby zum Beruf gemacht habe. Viele Menschen können nicht nachvollziehen, wieso ein Mann diesen Beruf ausübt. Berthold Grüttner hat festgestellt, dass die meisten Vorurteile darauf beruhen, dass man nicht so genau weiß, was ein Gynäkologe alles tut. Schließlich ist es viel mehr als nur die Untersuchung auf dem Stuhl und das Abtasten der Brust.
Seit er sich mit der eigenen Praxis niedergelassen hat, hat Hans-Werner Steudel wieder mehr Zeit für eine Sache, die ihn an seinem Job besonders reizt: das Gespräch mit der Frau. Obwohl er ein Mann ist, findet er im Gespräch leicht einen Zugang zu Frauen. Dies ermöglicht ihm, hinterher in der Untersuchung zu wissen, wonach er suchen muss und eine Therapie zu entwickeln. Nach Schema geht er dabei nicht vor. Er spürt schnell, ob eine Frau sich eher schämt oder kein Problem hat, sich ihm zu öffnen und geht auf jede Patientin anders ein. Auf Frauen einzugehen, ist aber nicht immer leicht. Während Männer eher mit sportlicher Ambition zum Arzt gehen, fit und gesund sein wollen, suchen viele Frauen Aufmerksamkeit beim Arzt. „Wenn Frauen einmal zum Arzt gehen, dann kommen sie auch mit einem Leiden, das sie gewertschätzt wissen wollen“, erklärt Berthold Grüttner. Manche Frauen fühlen sich daher gerade bei Männern wohler, die erstmal alles ernst nehmen. Wenn eine Frau sagt, sie hat Menstruationsbeschwerden kann ein Mann ja schlecht sagen: „Ach, stell dich nicht so an. Das hab ich auch alle vier Wochen.“ Wie man solche Beschwerden als Mann versteht und einordnet, das lehrt die Erfahrung. „Im Laufe der Jahre habe ich gehört, in welchem Spektrum sich solche Beschwerden bewegen können, so dass es mir leicht fällt einzuordnen, ob eine Frau gerade schlimme oder leichte Beschwerden hat.“ Berthold Grüttner hat in Gesprächen auch gelernt, Frauen zu bewundern. Gerade Krebspatientinnen, die Familie haben, beeindrucken ihn. „Es ist schon bewundernswert, wie sie kämpfen und sich nie aufgeben, wenn da jemand ist, für den sie Verantwortung haben“, sagt er und möchte gerade für diese Frauen ein Helfer sein. Auch für Hans-Werner Steudel ist der Beruf des Gynäkologen nach wie vor faszinierend. Das Fach ist gleichzeitig überschaubar und trotzdem abwechslungsreich: vom unerfüllten Kinderwunsch bis zum Brustkrebspatienten. Das gesamte Leben lang ist er der Begleiter der Frau. „Wenn das Verhältnis stimmt, zwischen gesund und krank, zwischen highlights und downlights, das macht einfach Spaß.“
Nina Lindlahr
Stand: 26.11.2008