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Sendung vom 05. November 2009
Mein Mann hat sich umgebracht
Es geschieht häufiger als gedacht und wer damit konfrontiert ist, kommt um die schmerzhafte Erfahrung nicht herum, dass im Umgang mit dieser Todesart alles anders ist. 10.000 Menschen sterben allein in Deutschland jährlich am Suizid. Doch wer so stirbt, wird schnell stigmatisiert. Damit geraten auch die Hinterbliebenen oft ins Abseits. Die Verarbeitung ihres Verlustes ist dadurch besonders schwer.
In Deutschland begeht statistisch gesehen alle 47 Minuten ein Mensch Selbstmord, erklärte gerade die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention. Und es sind weitaus mehr Männer als Frauen, die sich das Leben nehmen – dreimal so viele Männer jedes Jahr. Zurück bleiben oft Frauen und auch Kinder, die lernen müssen, mit dem Selbstmord zu leben. Wie kann man es schaffen, das Trauma, den Selbstmord des Partners zu verarbeiten?
Petra Endres ist 27 Jahre alt und Mutter von zwei kleinen Kindern, als ihr Mann sich an einem Sonntag umbringt. In nur einem Jahr veränderte er sich so stark, dass ein Zusammenleben mit ihm für Petra Endres und ihre Kinder immer schwieriger wurde. Er konnte wegen seiner Krankheit nicht mehr arbeiten, einen längeren Klinikaufenthalt hatte er bereits hinter sich. An dem Montag sollte er wieder in die Klinik. Petra Endres ist am Ende ihrer Kräfte, sein Schweigen, das Starren, das stundenlange „Durch-die-Wohnung-Schlurfen“. Noch vor einem Jahr war er euphorisch, kontaktfreudig, immer guter Laune und irgendwann schlägt es um, er wird lethargisch und vergesslich. Eines Tages steht er vor ihr, holt aus und schlägt ihr mit voller Wucht ins Gesicht. Petra Endres sagt ihrem Mann, dass er nach dem Klinikaufenthalt nicht wieder zu ihr und den Kindern zurückkommen kann. Als sie am Sonntagnachmittag mit ihren beiden Kindern vom Spaziergang zurückkommt, findet sie ihren Mann. Er hat sich im Schlafzimmer der gemeinsamen Wohnung erhängt.
Petra Endres will unbedingt, dass ihre Kinder es schaffen, den
Selbstmord des Vaters zu verarbeiten. Sie will auf keinen Fall,
dass sie am Selbstmord des Vaters zerbrechen. Auch der Vater ihres
Mannes hatte sich umgebracht, aber niemand hatte offen und ehrlich
mit dem Kind über den Tod des Vaters gesprochen. So ist das
Vertrauen in die eigene Wahrnehmungsfähigkeit zerstört
worden und Angstfantasien bekamen Raum, sich zu entfalten.
Petra Endres wählt für ihre Kinder den Weg der Wahrheit.
Die Kinder wissen, es ist etwas Schreckliches passiert, wie kann
man dann so tun, als sei alles nicht so schlimm. Sie sagt ihnen,
dass ihr Vater sich umgebracht hat und sie beantwortet offen und
ehrlich die Fragen der Kinder. Dabei ist es ihr wichtig, immer bei
der Kinderfrage zu bleiben. Fragt das Kind, wie man sich umbringen
kann, dann zählt sie nur auf, welche Möglichkeiten es
gibt. Wie der Vater sich umgebracht hat, hat das Kind nicht gefragt
und wird deshalb auch nicht beantwortet.
Petra Endres findet einen Schlüssel zur Verarbeitung mit dem Unfassbaren: Sie spricht offen über den Tod ihres Mannes und nimmt Gefühle, die ihrer Kinder und ihre eigenen, ernst - oft gegen alle Widerstände in ihrem Umfeld. Wer den Suizid eines Familiengliedes nicht beschönigen oder leugnen will, spürt schnell, wie schwer es anderen fällt, dieser Nachricht standzuhalten. So, als ob man den anderen zu viel zumute. Mitfühlende Worte wie bei anderen Todesarten bekommt man selten. Suizid hat viele Gesichter und Geschichten und man wird nie ganz erfahren, wieso, weshalb, warum sich jemand das Leben nimmt, aber man kann lernen, mit der Entscheidung zu leben.
Petra Endres:
„Wir wollen leben - Suizid in der Familie
bewältigen“
BALANCE Erfahrungen Bonn, 2009, ISBN 978-3-86739-042-2
Wie soll, wie kann es für eine Familie weitergehen, wenn ein
Angehöriger sich das Leben genommen hat? In dem bewegenden
Erfahrungsbericht "Wir wollen leben!" schildert Petra
Endres wie sie selbst und ihre Kinder den Schock und die Trauer
nach dem Suizid ihres Mannes und Vaters verarbeitet haben. Sie
erzählt, was ihr neue Lebenskraft gegeben hat.
Eva Schötteldreier
Stand: 04.11.2009