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Familienhebamme

  • SendeterminDonnerstag, 17. März 2011, 22.00 - 22.30 Uhr .
  • WiederholungsterminMontag, 21. März 2011, 11.30 - 12.00 Uhr (Wdh.).

Ich bin Familienhebamme – mit Leib und Seele

Geburtshäuser schließen, freie Hebammen geben auf. Hausgeburten zukünftig ade. Da ist gerade einer der ältesten Berufe der Welt fast bedroht, weil die Krankenkassen die Leistungen dieser bestausgebildeten Fachfrauen mit „einem Appel und einem Ei“ honorieren. Und weil sie neuerdings auch noch horrende Summen für Haftpflicht-Versicherungen zahlen müssen. Noch einmal streiken die Geburtshelferinnen in diesem Monat, um das Aus zu verhindern. Noch einmal setzen wir uns für sie ein. Auch weil kurzfristig viel mehr Hebammen gebraucht werden, das hat zumindest die Familienministerin beschlossen. Es geht um Familienhebammen. Die helfen nicht bei Geburten, sondern sorgen dafür, dass Babys in dieser Welt eine Chance bekommen, auch wenn sie in schwierige Verhältnisse hineingeboren werden. Was diese Spezialistinnen bewirken können, haben wir in Bochum erlebt. Unsere Familienhebamme hat das Glück beim Gesundheitsamt angestellt zu sein, muss sich also keine Sorgen um ihre Existenz machen. Ihre ganze „Für-Sorge“ gilt Mutter und Kind vor und nach der Geburt.

Mit Wärme, Zuneigung und Kompetenz

Frau tastet den Bauch einer schwangeren Frau ab.
Ängste nehmen und Freude aufs Kind stärken.

Wer Jennifer Jacque-Rodney kennenlernt, ist sofort gefangen von ihrer Herzlichkeit, ihrer Wärme und ihrem Engagement. Sie brennt förmlich für die Mütter und ihre Babys, die in problematischen Familienverhältnissen leben und ohne Starthilfe vermutlich aufgeschmissen wären. Familienhebammen geben Kindern, die in solche Verhältnisse hineingeboren werden, eine echte Chance sich gut zu entwickeln. In Bochum beginnt die Hilfe meist schon während der Schwangerschaft und nicht erst nach der Geburt. Das hat Jennifer Jacque-Rodney bei ihrem Arbeitgeber, dem Gesundheitsamt, durchgesetzt. Ein bis zwei Mal in 14 Tagen besucht sie die Frauen oder trifft sie in ihrem Büro.

Beim ersten Gespräch ist sie noch skeptisch, hat Sorge, dass in der Reportage die Probleme und Nöte ihrer Klienten zu sehr im Vordergrund stehen und positive Entwicklungen zu kurz kommen könnten. Für die Familienhebamme sind schon die kleinsten Fortschritte ein Grund zu großer Freude. Sie möchte unbedingt Sabrina und Linus vorstellen. Die Mutter und ihr vier Monate alter Sohn bewegen sich mit Riesenschritten vorwärts. „Sabrina hat es besonders verdient, dass sie anderen Menschen zeigen darf, was sie schon geschafft hat“, sagt Jennifer Jacque-Rodney stolz. Jennifer Jacque-Rodney gewinnt mehr und mehr Vertrauen, weil sie merkt, dass sich auch Reporterinnen in „ihr“ Thema und „ihre“ Klienten einfühlen können.

Mutterseelenallein

Zwei Frauen, eine davon schwanger, stehen sich gegenüber.
Wichtig ist die Bindung zwischen Mutter und Kind.

Santina, die zweite Mutter, ist erst 19, wurde plötzlich schwanger als sie ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau beginnen wollte. Sie war mit allen Ängsten und Fragen mutterseelenallein, bis sie Jennifer Jacque-Rodney kennenlernte. Lange war ihr nicht bekannt, dass es Familienhebammen gibt, die werdenden Müttern zur Seite stehen. Ein Tipp vom Jugendamt brachte die beiden zusammen.

Sabrina, die andere Mutter ist 30, war früher drogenabhängig und wird jetzt mit Ersatzdrogen substituiert. Sie gibt alles, um ihrem Linus eine gute Mutter zu sein, zweifelt aber immer wieder an sich selber. Sabrina leidet unter mangelndem Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Außerdem quält sie die Angst, wieder rückfällig werden zu können. Hier liegt die Hauptaufgabe von Jennifer Jacque-Rodney. Sie macht Sabrina Mut und bestärkt sie in ihrem Tun. Dass sie ihr Ernährungs- und Gesundheitstipps gibt, geschieht ganz nebenbei. Im Vordergrund steht die Festigung der Bindung zwischen Mutter und Kind.

Instinktiv macht Sabrina fast alles richtig und gut. Ganz langsam beginnt die junge Frau zu glauben, dass ihr vier Monate alter Sohn alles bekommt, was eine Mutter geben kann: Liebe, Zuwendung und beste Versorgung. Die Dachwohnung, in der Sabrina mit ihrem Mann und Linus lebt, wirkt ein bisschen wie die phantasievollen Behausungen früherer Studenten-Wohngemeinschaften. Doch Sabrina hält die Räume picobello sauber, versucht mit geringen Mitteln (Hartz IV) das Beste für ihren Sohn zu tun. Sabrinas Mann hat Probleme damit, dass sie jetzt ein Familienleben führen, in dem es immer zuerst um das Wohl des Kindes geht. Konfliktstoff, den die beiden auch mit der Hilfe der Familienhebamme im Gespräch angehen.

Ein Netzwerk von Experten

Der Familienhebamme sind dennoch Grenzen gesetzt. Braucht eine junge Mutter zum Beispiel therapeutische Unterstützung, kann Jennifer Jacque-Rodney mit ihrer Ausbildung das nicht leisten. Da sie aber ein Baustein in einem großen Netzwerk von Experten für Mütter und ihre Kinder ist, kann sie Hilfen vermitteln und Kontakte herstellen. Sabrina hat z.B. inzwischen eine Therapie begonnen.

Wenn Linus ein Jahr alt ist, endet die Begleitung durch die Familienhebamme. So ist das immer. „Und es ist gut so“, sagt Jennifer Jacque-Rodney. Dann sollten Mutter und Kind auf eigenen Beinen stehen können. Brauchen die Mütter weitergehende Hilfe, dann sind andere Fachleute aus dem Netzwerk der Experten gefragt.

Santina, die 19-jährige werdende Mutter, lebt noch in einer Übergangswohnung von Streetworkern. Sie hat sich eine dauerhafte Bleibe gesucht und freut sich auf ihre erste eigene Wohnung. Ob ihr Freund, der gerade Abitur macht, zu ihr zieht, steht noch in den Sternen. Jennifer Jacque-Rodney wird demnächst auch mit ihm sprechen, in der Hoffnung, ihn für sein Tochter zu öffnen. Dass es ein Mädchen wird, weiß Santina seit kurzem. Arbeiten mit den Vätern ist auch und ein wichtiger Teil der Arbeit einer Familienhebamme.

Santinas Vater lebt im Schwarzwald. „Viel zu weit weg, um helfen zu können“, sagt sie. Ihre Mutter habe selbst so viele Probleme, dass sie sich ebenfalls nicht kümmern kann. Der einzige Mensch, der der jungen Frau während der schwierigsten Zeit ihres Lebens zur Seite steht, ist die Familienhebamme.

Jennifer-Jacque-Rodneys-Caribbean-Exercises

Baby liegt auf dem Bauch und wird massiert.
Auch Babymassagen sind Zeit für Mutter und Kind.

Noch sechs Wochen bleiben bis zur Geburt. Santina hat schon sehr viel alleine vorbereitet: Bei den Ämtern Hartz IV beantragt, die Wohnung gesucht und Möbel organisiert. Babykleidung fehlt noch und alles, was für Babyernährung nötig ist, außerdem ein Kinderwagen. Die junge Frau freut sich, dass die Familienhebamme mit zum Einkaufen gehen wird. Sie hat keine Ahnung, was ihr Baby alles braucht. Sie hatte große Angst vor der Zeit nach der Geburt. Viele Fragen: Was, wenn das Baby nicht aufhört zu schreien? Wie merke ich, dass es krank ist und, und, und. Seit sie die Familienhebamme an ihrer Seite weiß, entspannt sie sich langsam. Auch hier geht es Jennifer Jacque-Rodney in erster Linie um Mut machen, Sicherheit geben. Das tut sie durch Massagen und Schaukeltänze, die sie „Jennifer-Jacque-Rodneys-Caribbean-Exercises“ nennt. „Alle Babys lieben Rituale“, sagt sie und, „je stärker die Bindung zwischen der Mutter und ihrem ungeborenen Kind, desto leichter das Zusammenwachsen der beiden nach der Geburt.“

Eine Hebamme wird Santinas Tochter zur Welt bringen. Jennifer Jacque-Rodney könnte das auch, schließlich hat sie den Beruf der Hebamme gelernt. Sie will aber den ohnehin gebeutelten Hebammen nicht ins Handwerk pfuschen. Seit 18 Jahren ist sie spezialisiert auf die Betreuung vor und nach der Geburt und darauf konzentriert sie sich.

Eine Pionierin
Jennifer Jacque-Rodney gehört zu den Pionierinnen unter den Familienhebammen. Vor 18 Jahren startete sie in Hagen mit einem Familienhebammenprojekt, das installiert worden war, um die Säuglingssterblichkeit zu verringern. Die Britin mit jamaikanischen Wurzeln hat in London ihre Hebammenausbildung gemacht und Soziologie studiert. Durch die Liebe kam sie nach Deutschland, holte unzählige Kinder zur Welt und lebt in Bochum mit ihrem Mann und ihrem Sohn.

Die heute 50-Jährige ist als Familienhebamme beim Gesundheitsamt in Bochum angestellt. Zurzeit betreut sie „nur noch“ 15 Mütter mit ihren Babys und werdende Mütter, früher waren es doppelt so viele. Das hat mit ihrer Zusatzarbeit zu tun. Jennifer Jacque-Rodney ist Koordinatorin bei der Stadt Bochum für das Netzwerk prä- und postnataler Prävention. Sie leitet den Landesverband der Familienhebammen NRW, und reist in ganz Deutschland von Kongress zu Kongress, um die zunehmende Bedeutung ihres Berufes zu propagieren.

146 Familienhebammen gibt es in NRW, auch Freiberuflerinnen darunter. Viele Hebammen lassen sich derzeit qualifizieren. Deshalb wird die Zahl der Familienhebammen bis zum Ende des Jahres bei ungefähr 200 liegen. Damit folgt NRW der Forderung von Bundesfamilienministerin Schröder, die Zahl der Familienhebammen bis 2012 deutlich zu erhöhen. Für Jennifer Jacque-Rodney ein Fortschritt, aber immer noch nicht genug, um alle Frauen zu erreichen, die während der Schwangerschaft und nach der Geburt Hilfe brauchen.

Schwerpunkte der Arbeit einer Familienhebamme

• Unterstützung, Beratung und Betreuung von Eltern mit eingeschränkter Fähigkeit in der Alltagsbewältigung
• Motivation von Mutter & Kind in schwierigen Lebensumständen durch Hilfe zur Selbsthilfe
• Förderung und Beobachtung der Entwicklung der Mutter-Kind Beziehung
• Netzwerk- und Kooperationsarbeit zur Schließung von Versorgungslücken
• Konfliktberatung in allen Lebenslagen rund um die Geburt eines Kindes
• Alltägliche Hebammentätigkeiten (Vorsorge, Wochenbettbetreuung, Nachsorge, Stillberatung etc.)
• Dokumentation

Kriterien für die Betreuung durch die Familienhebamme

• Minderjährigen-Schwangerschaft
• Verdacht auf Kindeswohlgefährdung
• Psychische Erkrankungen
• Mangelnde Sprach- und Sozialsystemkenntnisse aufgrund von Migrationshintergrund
• Familiäre- und/oder altersbedingte Überforderung • Soziale Isolation
• Geringer sozio-ökonomischer Status und/oder Bildungsstand
• Vernachlässigung des Kindes
• Häusliche Gewalt
• Suchterkrankung
• Chronische Erkrankungen bzw. medizinische Auffälligkeiten
• Körperliche oder geistige Behinderung
• Aufenthalt in Mutter/Kind Einrichtung
• Langer stationärer Aufenthalt von Mutter und/oder Kind
• Analphabetentum

Autorin:

Sabine Wagner

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Stand: 05.05.2011


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