
Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Information
frauTV
Sendung vom 17. März 2011
Familienhebamme
Geburtshäuser schließen, freie Hebammen geben auf. Hausgeburten zukünftig ade. Da ist gerade einer der ältesten Berufe der Welt fast bedroht, weil die Krankenkassen die Leistungen dieser bestausgebildeten Fachfrauen mit „einem Appel und einem Ei“ honorieren. Und weil sie neuerdings auch noch horrende Summen für Haftpflicht-Versicherungen zahlen müssen. Noch einmal streiken die Geburtshelferinnen in diesem Monat, um das Aus zu verhindern. Noch einmal setzen wir uns für sie ein. Auch weil kurzfristig viel mehr Hebammen gebraucht werden, das hat zumindest die Familienministerin beschlossen. Es geht um Familienhebammen. Die helfen nicht bei Geburten, sondern sorgen dafür, dass Babys in dieser Welt eine Chance bekommen, auch wenn sie in schwierige Verhältnisse hineingeboren werden. Was diese Spezialistinnen bewirken können, haben wir in Bochum erlebt. Unsere Familienhebamme hat das Glück beim Gesundheitsamt angestellt zu sein, muss sich also keine Sorgen um ihre Existenz machen. Ihre ganze „Für-Sorge“ gilt Mutter und Kind vor und nach der Geburt.
Wer Jennifer Jacque-Rodney kennenlernt, ist sofort gefangen von
ihrer Herzlichkeit, ihrer Wärme und ihrem Engagement. Sie
brennt förmlich für die Mütter und ihre Babys, die
in problematischen Familienverhältnissen leben und ohne
Starthilfe vermutlich aufgeschmissen wären. Familienhebammen
geben Kindern, die in solche Verhältnisse hineingeboren
werden, eine echte Chance sich gut zu entwickeln. In Bochum beginnt
die Hilfe meist schon während der Schwangerschaft und nicht
erst nach der Geburt. Das hat Jennifer Jacque-Rodney bei ihrem
Arbeitgeber, dem Gesundheitsamt, durchgesetzt. Ein bis zwei Mal in
14 Tagen besucht sie die Frauen oder trifft sie in ihrem
Büro.
Beim ersten Gespräch ist sie noch skeptisch, hat Sorge, dass
in der Reportage die Probleme und Nöte ihrer Klienten zu sehr
im Vordergrund stehen und positive Entwicklungen zu kurz kommen
könnten. Für die Familienhebamme sind schon die kleinsten
Fortschritte ein Grund zu großer Freude. Sie möchte
unbedingt Sabrina und Linus vorstellen. Die Mutter und ihr vier
Monate alter Sohn bewegen sich mit Riesenschritten vorwärts.
„Sabrina hat es besonders verdient, dass sie anderen Menschen
zeigen darf, was sie schon geschafft hat“, sagt Jennifer
Jacque-Rodney stolz. Jennifer Jacque-Rodney gewinnt mehr und mehr
Vertrauen, weil sie merkt, dass sich auch Reporterinnen in
„ihr“ Thema und „ihre“ Klienten
einfühlen können.
Santina, die zweite Mutter, ist erst 19, wurde plötzlich
schwanger als sie ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau beginnen
wollte. Sie war mit allen Ängsten und Fragen
mutterseelenallein, bis sie Jennifer Jacque-Rodney kennenlernte.
Lange war ihr nicht bekannt, dass es Familienhebammen gibt, die
werdenden Müttern zur Seite stehen. Ein Tipp vom Jugendamt
brachte die beiden zusammen.
Sabrina, die andere Mutter ist 30, war früher
drogenabhängig und wird jetzt mit Ersatzdrogen substituiert.
Sie gibt alles, um ihrem Linus eine gute Mutter zu sein, zweifelt
aber immer wieder an sich selber. Sabrina leidet unter mangelndem
Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Außerdem
quält sie die Angst, wieder rückfällig werden zu
können. Hier liegt die Hauptaufgabe von Jennifer
Jacque-Rodney. Sie macht Sabrina Mut und bestärkt sie in ihrem
Tun. Dass sie ihr Ernährungs- und Gesundheitstipps gibt,
geschieht ganz nebenbei. Im Vordergrund steht die Festigung der
Bindung zwischen Mutter und Kind.
Instinktiv macht Sabrina fast alles richtig und gut. Ganz langsam
beginnt die junge Frau zu glauben, dass ihr vier Monate alter Sohn
alles bekommt, was eine Mutter geben kann: Liebe, Zuwendung und
beste Versorgung. Die Dachwohnung, in der Sabrina mit ihrem Mann
und Linus lebt, wirkt ein bisschen wie die phantasievollen
Behausungen früherer Studenten-Wohngemeinschaften. Doch
Sabrina hält die Räume picobello sauber, versucht mit
geringen Mitteln (Hartz IV) das Beste für ihren Sohn zu tun.
Sabrinas Mann hat Probleme damit, dass sie jetzt ein Familienleben
führen, in dem es immer zuerst um das Wohl des Kindes geht.
Konfliktstoff, den die beiden auch mit der Hilfe der
Familienhebamme im Gespräch angehen.
Der Familienhebamme sind dennoch Grenzen gesetzt. Braucht eine
junge Mutter zum Beispiel therapeutische Unterstützung, kann
Jennifer Jacque-Rodney mit ihrer Ausbildung das nicht leisten. Da
sie aber ein Baustein in einem großen Netzwerk von Experten
für Mütter und ihre Kinder ist, kann sie Hilfen
vermitteln und Kontakte herstellen. Sabrina hat z.B. inzwischen
eine Therapie begonnen.
Wenn Linus ein Jahr alt ist, endet die Begleitung durch die
Familienhebamme. So ist das immer. „Und es ist gut so“,
sagt Jennifer Jacque-Rodney. Dann sollten Mutter und Kind auf
eigenen Beinen stehen können. Brauchen die Mütter
weitergehende Hilfe, dann sind andere Fachleute aus dem Netzwerk
der Experten gefragt.
Santina, die 19-jährige werdende Mutter, lebt noch in einer
Übergangswohnung von Streetworkern. Sie hat sich eine
dauerhafte Bleibe gesucht und freut sich auf ihre erste eigene
Wohnung. Ob ihr Freund, der gerade Abitur macht, zu ihr zieht,
steht noch in den Sternen. Jennifer Jacque-Rodney wird
demnächst auch mit ihm sprechen, in der Hoffnung, ihn für
sein Tochter zu öffnen. Dass es ein Mädchen wird,
weiß Santina seit kurzem. Arbeiten mit den Vätern ist
auch und ein wichtiger Teil der Arbeit einer Familienhebamme.
Santinas Vater lebt im Schwarzwald. „Viel zu weit weg, um
helfen zu können“, sagt sie. Ihre Mutter habe selbst so
viele Probleme, dass sie sich ebenfalls nicht kümmern kann.
Der einzige Mensch, der der jungen Frau während der
schwierigsten Zeit ihres Lebens zur Seite steht, ist die
Familienhebamme.
Noch sechs Wochen bleiben bis zur Geburt. Santina hat schon sehr
viel alleine vorbereitet: Bei den Ämtern Hartz IV beantragt,
die Wohnung gesucht und Möbel organisiert. Babykleidung fehlt
noch und alles, was für Babyernährung nötig ist,
außerdem ein Kinderwagen. Die junge Frau freut sich, dass die
Familienhebamme mit zum Einkaufen gehen wird. Sie hat keine Ahnung,
was ihr Baby alles braucht. Sie hatte große Angst vor der
Zeit nach der Geburt. Viele Fragen: Was, wenn das Baby nicht
aufhört zu schreien? Wie merke ich, dass es krank ist und,
und, und. Seit sie die Familienhebamme an ihrer Seite weiß,
entspannt sie sich langsam. Auch hier geht es Jennifer
Jacque-Rodney in erster Linie um Mut machen, Sicherheit geben. Das
tut sie durch Massagen und Schaukeltänze, die sie
„Jennifer-Jacque-Rodneys-Caribbean-Exercises“ nennt.
„Alle Babys lieben Rituale“, sagt sie und, „je
stärker die Bindung zwischen der Mutter und ihrem ungeborenen
Kind, desto leichter das Zusammenwachsen der beiden nach der
Geburt.“
Eine Hebamme wird Santinas Tochter zur Welt bringen. Jennifer
Jacque-Rodney könnte das auch, schließlich hat sie den
Beruf der Hebamme gelernt. Sie will aber den ohnehin gebeutelten
Hebammen nicht ins Handwerk pfuschen. Seit 18 Jahren ist sie
spezialisiert auf die Betreuung vor und nach der Geburt und darauf
konzentriert sie sich.
Eine Pionierin
Jennifer Jacque-Rodney gehört zu den Pionierinnen unter den
Familienhebammen. Vor 18 Jahren startete sie in Hagen mit einem
Familienhebammenprojekt, das installiert worden war, um die
Säuglingssterblichkeit zu verringern. Die Britin mit
jamaikanischen Wurzeln hat in London ihre Hebammenausbildung
gemacht und Soziologie studiert. Durch die Liebe kam sie nach
Deutschland, holte unzählige Kinder zur Welt und lebt in
Bochum mit ihrem Mann und ihrem Sohn.
Die heute 50-Jährige ist als Familienhebamme beim
Gesundheitsamt in Bochum angestellt. Zurzeit betreut sie „nur
noch“ 15 Mütter mit ihren Babys und werdende
Mütter, früher waren es doppelt so viele. Das hat mit
ihrer Zusatzarbeit zu tun. Jennifer Jacque-Rodney ist Koordinatorin
bei der Stadt Bochum für das Netzwerk prä- und
postnataler Prävention. Sie leitet den Landesverband der
Familienhebammen NRW, und reist in ganz Deutschland von Kongress zu
Kongress, um die zunehmende Bedeutung ihres Berufes zu
propagieren.
146 Familienhebammen gibt es in NRW, auch Freiberuflerinnen
darunter. Viele Hebammen lassen sich derzeit qualifizieren. Deshalb
wird die Zahl der Familienhebammen bis zum Ende des Jahres bei
ungefähr 200 liegen. Damit folgt NRW der Forderung von
Bundesfamilienministerin Schröder, die Zahl der
Familienhebammen bis 2012 deutlich zu erhöhen. Für
Jennifer Jacque-Rodney ein Fortschritt, aber immer noch nicht
genug, um alle Frauen zu erreichen, die während der
Schwangerschaft und nach der Geburt Hilfe brauchen.
• Unterstützung, Beratung und Betreuung von Eltern mit
eingeschränkter Fähigkeit in der
Alltagsbewältigung
• Motivation von Mutter & Kind in schwierigen
Lebensumständen durch Hilfe zur Selbsthilfe
• Förderung und Beobachtung der Entwicklung der
Mutter-Kind Beziehung
• Netzwerk- und Kooperationsarbeit zur Schließung von
Versorgungslücken
• Konfliktberatung in allen Lebenslagen rund um die Geburt
eines Kindes
• Alltägliche Hebammentätigkeiten (Vorsorge,
Wochenbettbetreuung, Nachsorge, Stillberatung etc.)
• Dokumentation
• Minderjährigen-Schwangerschaft
• Verdacht auf Kindeswohlgefährdung
• Psychische Erkrankungen
• Mangelnde Sprach- und Sozialsystemkenntnisse aufgrund von
Migrationshintergrund
• Familiäre- und/oder altersbedingte Überforderung
• Soziale Isolation
• Geringer sozio-ökonomischer Status und/oder
Bildungsstand
• Vernachlässigung des Kindes
• Häusliche Gewalt
• Suchterkrankung
• Chronische Erkrankungen bzw. medizinische
Auffälligkeiten
• Körperliche oder geistige Behinderung
• Aufenthalt in Mutter/Kind Einrichtung
• Langer stationärer Aufenthalt von Mutter und/oder
Kind
• Analphabetentum
Sabine Wagner
Stand: 05.05.2011
Seite teilen