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Sendung vom 16. Juni 2011
Ich bin ein Exhibitionist
Vielen Frauen ist es schon passiert: Sie laufen nichtsahnend
durch einen Park, warten an einer Bushaltestelle, stehen auf dem
Balkon oder gehen eine ruhige Straße entlang. Da geschieht
es: Wie aus dem Nichts heraus steht ein Mann da, der die Hose
geöffnet oder herunter gezogen hat. Der Fremde
präsentiert seinen Penis, der mehr oder weniger erigiert ist.
Vielleicht befriedigt er sich dabei auch selbst. Ungefragt
konfrontiert der Exhibitionist so eine ihm völlig unbekannte
Frau mit seiner Sexualität. Er macht sie zum Opfer seiner
sexuellen Fantasie.
Für die Frauen heißt das: Verärgerung, Erschrecken
sogar Traumatisierung. Zugleich erniedrigt er sich bei der
Zurschaustellung selbst.
Warum machen diese Männer das? Sind sie nur „harmlose
Spinner“, wie manchmal behauptet wird? Wie sollten Frauen am
besten reagieren? Ist Exhibitionismus therapierbar? Mit diesen
Fragen hat sich der Autor dieses Beitrags auseinander gesetzt. Vor
der Kamera gaben ihm zwei Männer Auskunft, die wissen,
worüber sie sprechen. Der eine hat sich das Pseudonym Alfred
Esser gegeben und leitet in Dortmund seit 20 Jahren eine
Selbsthilfegruppe für Exhibitionisten. Den Namen hat er sich
selbst gegeben, um seine wahre bürgerliche Identität zu
schützen. Zu groß ist seine Angst vor Beschimpfungen und
Bedrohungen. Seine eigene exhibitionistische Veranlagung
führte zu Strafen von insgesamt fast 7 Jahren Haft auf
Bewährung. Heute, so sagt er, habe er sich „im
Griff“. Nie wieder, so sagt er, würde er irgendwo
„die Hose runterlassen“.
Der andere ist einer der wenigen Experten in Deutschland, die sich
therapeutisch mit Sexualstörungen beschäftigen, die sich
in strafbaren Handlungen äußern können: Dr.
Christoph J. Ahlers. Der klinische Psychologe ist niedergelassener
Sexualtherapeut in Berlin. Er war von 2003 bis 2006 Koordinator und
Sprecher des „Präventionsprojektes Dunkelfeld“ am
Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin am
Universitätsklinikum Charité und ist dort immer noch
externer Mitarbeiter. Er weiß um die Ambivalenz des
Tabuthemas, das der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln
ist.
Das Strafgesetzbuch sagt zu exhibitionistische Handlungen:
„Ein Mann, der eine andere Person durch eine
exhibitionistische Handlung belästigt, wird mit
Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe
bestraft“ (§ 183 Abs.1 StGB). Noch schärfer wird
das Agieren vor Kindern verurteilt: “Mit Freiheitsstrafe von
drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer sexuelle
Handlungen vor einem Kind vornimmt.” (§ 176 Abs.4 StGB)
Es handelt sich also um Straftaten gegen die sexuelle
Selbstbestimmung oder sogar um sexuellen Missbrauch von
Kindern.
270 exhibitionistische Handlungen wurden zum Beispiel laut Polizei
allein im Jahr 2010 in der Großstadt Köln zur Anzeige
gebracht. Die meisten Taten finden in den warmen Monaten statt. Die
Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Denn es ist davon
auszugehen, dass in vielen Fällen keine Anzeige erfolgte.
Letztendlich kann man ohne Übertreibung behaupten, dass
statistisch in Köln an einem Schönwetter-Tag irgendwo in
der Stadt ein Exhibitionist agiert.
Dass in Paragraf 183 nur „Männer“ als Täter
genannt werden, bedeutet nicht, dass es keine weiblichen
Exhibitionisten gibt. Nur kommen Exhibitionistinnen viel seltener
vor und werden nicht als gefährlich betrachtet. Ebenso selten
sind Fälle, bei denen Männer vor Männern
exhibitionieren. Manche Aktivisten in der Exhibitionisten-Szene
schlussfolgern daraus, Männer würden durch die explizite
Nennung im Strafgesetz „diskriminiert“. Sie
verharmlosen auch oft das Gefährdungspotential für ihre
Opfer. Oder leugnen gar, dass es „Opfer“ gebe.
Auch wird immer mal wieder auf die „Flitzer“
verwiesen, die vor allem in den 70er Jahren in Protestabsicht
über die Straße liefen und auch heute noch, gerne auch
in betrunkenem Zustand in englischen Fußballstadien
(„Flasher“) über das Spielfeld rennen. Manchmal
steht dahinter schlicht eine verlorene Wette. Hier handelt es sich
um eine Ordnungswidrigkeit. Der große Unterschied ist, dass
ein Exhibitionist sich immer bewusst Zielpersonen für seine
sexuelle Erregung aussucht, die nicht einwilligungsbereit oder
–fähig, die schutzlos und isoliert sind.
Wenn sich viele Menschen dazu verabreden, im gegenseitigen
Einvernehmen gemeinsam nackt zu sein – wie beim FKK oder bei
Veranstaltungen („Christopher Street Day“,
„Nacktrodeln“, „Swingerclub“...) handelt es
sich also nicht um strafbare Handlungen.
Alfred Esser plädiert für die Straffreiheit von
exhibitionistischen Handlungen. Er findet, es sei ausreichend, sie
als Ordnungswidrigkeit zu behandeln. Denn exhibitionistisch
agierende Männer könnten durch eine Anzeige ins soziale
Elend gestürzt werden. Vor Straffreiheit warnt aber Dr.
Christoph J. Ahlers ausdrücklich. Denn nur durch die
Strafbarkeit könnten potentielle Opfer geschützt werden
und genügend Druck aufgebaut werden, damit Exhibitionisten
überhaupt eine Therapie beginnen.
Sexualität ist irrational, wird also von unbewussten
Impulsen gesteuert. Warum ein Mensch heterosexuell oder homosexuell
ist, steht bis heute nicht fest. Das gilt auch für die
exhibitionistische Veranlagung.
Dr. Christoph J. Ahlers verweist auf eine Mischung von
biologischen, psychologischen und soziokulturellen Ursachen.
Exhibitionismus gehörte früher zu den
Sexualpräferenzen, die im Volksmund als Perversion bezeichnet
wurden. Wissenschaftlich korrekt ist aber die Bezeichnung
„Paraphilie“. Das ist Griechisch und heißt
übersetzt in etwa: Die Liebe, die daneben liegt. Sie liegt
neben der gesellschaftlich tolerierten Norm und gilt als
krankheitswert, wenn sie psychisches Leid schafft, also selbst- und
fremdschädigend ist. Um sie zu diagnostizieren sind sehr gute
Fachkenntnisse notwendig. Eine Paraphilie entwickelt sich in
Kindheit und Jugend und bleibt bis ins hohe Alter bestehen. Heilbar
ist Exhibitionismus nicht – aber therapierbar. Dazu
später mehr.
Der durchschnittliche Exhibitionist ist ein durchschnittlicher
Mann, ein „Mister Anybody“, ein alles in allem
unscheinbarer Mensch, der ganz bürgerlich lebt,
überangepasst, unauffällig und leicht zu übersehen
sei, so Dr. Christoph J. Ahlers. Oft sei er sogar verheiratet,
wobei die Ehefrau nichts von dem geheimen Doppelleben ihres Mannes
wisse.
Der typische Exhibitionist ist in seiner sexuellen
Selbstwirksamkeit tief verunsichert. So tief, dass ihm die normalen
sozialen Fähigkeiten, eine Frau für seine Sexualität
zu interessieren, nicht zur Verfügung stehen. Statt also mit
einer Frau ins Gespräch zu kommen, sie für sich
einzunehmen oder sie zu beeindrucken, zeigt er unvermittelt sein
Genital vor. Er erregt sich an der Reaktion beim anderen
Geschlecht. Dabei glaubt er, sein Geschlechtsteil besäße
eine bestimmte Kraft. Das ist reines Wunschdenken, denn in
Wirklichkeit reagiert das Opfer nur auf den
Überrumpelungseffekt. Dass beim Opfer Ekel, Entsetzen, Schock
und Traumatisierung hervorgerufen werden können, wird vom
Exhibitionisten in Kauf genommen. Der Exhibitionist denke
„Ich wirke, also bin ich“, sagt Dr. Christoph J.
Ahlers. Nach einer exhibitionistischen Aktion erregt er sich nicht
an der Vorstellung, mit seinem Opfer Geschlechtsverkehr zu haben,
sondern an der exhibitionistischen Aktion selbst und der Reaktion
darauf.
Ganz anders sieht es Alfred Esser. Ihm sei es nie um das
Erschrecken gegangen, sondern um das Hervorrufen einer
„wohlwollenden Anteilnahme“. Das mag sein, aber
letztlich ist nach aller menschlichen Erfahrung damit nicht zu
rechnen. Warum sollten Frauen, die auf den Bus warten, einkaufen
gehen oder joggen, eine Anteilnahme an der Sexualität eines
wildfremden Mannes zeigen?
Nicht jede Frau wird durch eine exhibitionistische Handlung
traumatisiert. Aber dass sie traumatisiert werden kann, ist
durchaus möglich und desto wahrscheinlicher, umso hilfloser
sie sich fühlt. Der typische Exhibitionist zeigt sein Genital
aus einer Entfernung von 10 bis 20 Metern, damit hat es sich meist.
Doch es gibt auch Männer, die ein- und derselben Frau mehrfach
auflauern, ihr hinterher laufen, sie in die Ecke drängen, in
geschlossenen Räumen agieren (PKW, Zugabteil, Telefonzelle,
Wartehäuschen, Fahrstuhl etc.) und ihrem Opfer jede
Fluchtmöglichkeit nehmen. Abgesehen davon, dass in diesen
Fällen juristisch Nötigung oder Freiheitsberaubung
vorliegen kann, ist der potentielle Opferschaden höher. Diese
„atypischen Exhibitionisten“ sind alles andere als
„harmlose Spinner“. Es ist zwar nicht die Regel, aber
es kann sein, dass sich ein typischer zu einem
atypischen Exhibitionisten entwickelt, dass er den Effekt immer
weiter steigern will. Und dass es ihm nicht mehr genügt, dass
eine Frau sich „nur“ erschreckt. Dass er
körperlich übergriffig wird bis zur Vergewaltigung. Dies,
so Dr. Christoph J. Ahlers, zeigten immer wieder Strafakten.
In seiner Selbsthilfegruppe versucht Alfred Esser Exhibitionisten
klar zu machen, wenn sie das „Zeigen“ schon nicht sein
lassen können, eine Frau zumindest nicht zu erschrecken. Das
klingt zwar sehr ehrenvoll, kann aber kaum eingelöst werden.
Denn letztlich kennt ein Exhibitionist ja sein Opfer nicht und kann
daher nicht wissen, was dieses „nicht
erschreckt“.
Bei Aktivisten der Exhibitionisten-Szene, die sich hier und da in
Internet-Foren äußern, zeigt sich die Tendenz, sich
selbst als Opfer und nicht als Täter darzustellen. Da wird
dann darauf verwiesen, dass Frauen durch ihre erotische Kleidung
Männer provozieren würden, die Gesellschaft verklemmt und
rückständig sei oder gar Mädchen und Jungen durch
eine exhibitionistische Handlung aufgeklärt würden. Hier
treffen Selbstverliebtheit, Schuldabwehrverhalten und fehlendes
Empathievermögen zusammen.
Grundsätzlich sollten Frauen einen Exhibitionisten
ignorieren, das heißt keine mimische, gestische oder verbale
Reaktion zeigen. Einfach weitergehen, sich umdrehen, den Ort des
Geschehens zügig verlassen. Ohne lange Zeit vergehen zu
lassen, sollte die Polizei verständigt werden. Es geht darum,
künftigen Opferschaden möglichst zu vermeiden. Es zeigt
sich, dass der Exhibitionismus dann abnimmt, wenn die Polizei vor
Ort aktiv wird. Diese entscheidet anhand des Tathergangs und
–ortes, welche Einsatzmittel notwendig sind. So kann es
durchaus bei unübersichtlichem Gelände zum
Hubschraubereinsatz kommen.
Kinder sollten frühzeitig von ihren Eltern und in der Schule
erfahren, wie sie sich selbst behaupten. Ein ausgeprägtes
Selbstwertgefühl ist generell der beste Schutz vor sexuellem
Missbrauch, und Panikmache ist unbedingt zu vermeiden.
Exhibitionismus ist nicht so ohne weiteres heilbar wie es eine
Erkältung oder eine andere körperliche Krankheit ist. Es
handelt sich eher um eine Art Sucht. Betroffenen kann aber geholfen
werden. In einer fundierten Sexualtherapie können sie lernen,
mit ihrer Veranlagung so zu leben, dass sie andere nicht
schädigen. Dies ist zwar ein mühseliger Prozess, aber die
einzige erfolgversprechende Möglichkeit. Im Laufe der Therapie
lernen die Patienten für sich und ihre Sexualität Worte
zu finden. Sie lernen die Wirklichkeit zu erfassen, üben
Einfühlungsvermögen und Perspektivenübernahme. Auch
wird in gemeinsamer Arbeit mit dem Therapeuten ein Talent oder
Ressource gefunden, das dem Leben noch einen anderen Sinn gibt als
die sexuelle Betätigung. Die Therapieformen sind
vielfältig und individuell. Für Männer, die eine
Therapie angehen, ist es hilfreich, falls sie eine Partnerin oder
Frau haben, dass diese sie darin unterstützt und
begleitet.
Doch es gibt auch Probleme: In Deutschland gibt es viel zu wenige
Sexualtherapeuten. Und von diesen sind nur wenige fähig und
bereit dazu, Paraphilien zu behandeln. Das liegt zum einen an der
unzureichenden Ausbildung, zum anderen an der Angst vor der
Verantwortung, obwohl für Psychotherapeuten die
Schweigepflicht gilt. Ursache für diesen Mangel ist aber, dass
die Krankenkassen Sexualtherapien grundsätzlich nicht in ihrem
Leistungskatalog führen. Die Kosten werden nur
übernommen, wenn sexuelle Probleme seelische Folgen haben (wie
zum Beispiel eine Depression oder Verlust des
Selbstwertgefühls). Es ist also wichtig, sich vorher gut
beraten zu lassen.
Alfred Esser hat es vor allem seiner jetzigen Frau zu verdanken,
über seine exhibitionistische Veranlagung sprechen zu
können. Nicht nur das: Er hat nach vielen unterschiedlichen
Therapieversuchen - mit Miss- aber auch Teilerfolgen – mit
seiner Selbsthilfegruppe eine Möglichkeit der sinnvollen
Auseinandersetzung mit seiner Sucht gefunden. Leider war und ist es
die einzige in ganz Deutschland.
Peter Fiedler:
„Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung“
Heterosexualität, Homosexualität, Transgenderismus und
Paraphilien, sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt
Beltz Psychologie Verlagsunion 2004, ISBN 978-3-62127-517-0
Zwar sehr teuer (ausleihen oder gebraucht kaufen), vermittelt
jedoch einen guten Überblick und ist daher unbedingt
lesenswert.
Jürgen Kura
Stand: 15.06.2011
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