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Ich bin ein Exhibitionist

Exhibitionismus – die verbotene Zeigesucht

  • SendeterminDonnerstag, 16. Juni 2011, 22.00 - 22.30 Uhr.
  • WiederholungsterminMontag, 20. Juni 2011, 11.30 - 12.00 Uhr (Wdh.).

Warum machen Männer das?

Schattenbild eines Männerkopfes.

Vielen Frauen ist es schon passiert: Sie laufen nichtsahnend durch einen Park, warten an einer Bushaltestelle, stehen auf dem Balkon oder gehen eine ruhige Straße entlang. Da geschieht es: Wie aus dem Nichts heraus steht ein Mann da, der die Hose geöffnet oder herunter gezogen hat. Der Fremde präsentiert seinen Penis, der mehr oder weniger erigiert ist. Vielleicht befriedigt er sich dabei auch selbst. Ungefragt konfrontiert der Exhibitionist so eine ihm völlig unbekannte Frau mit seiner Sexualität. Er macht sie zum Opfer seiner sexuellen Fantasie.
Für die Frauen heißt das: Verärgerung, Erschrecken sogar Traumatisierung. Zugleich erniedrigt er sich bei der Zurschaustellung selbst.

Warum machen diese Männer das? Sind sie nur „harmlose Spinner“, wie manchmal behauptet wird? Wie sollten Frauen am besten reagieren? Ist Exhibitionismus therapierbar? Mit diesen Fragen hat sich der Autor dieses Beitrags auseinander gesetzt. Vor der Kamera gaben ihm zwei Männer Auskunft, die wissen, worüber sie sprechen. Der eine hat sich das Pseudonym Alfred Esser gegeben und leitet in Dortmund seit 20 Jahren eine Selbsthilfegruppe für Exhibitionisten. Den Namen hat er sich selbst gegeben, um seine wahre bürgerliche Identität zu schützen. Zu groß ist seine Angst vor Beschimpfungen und Bedrohungen. Seine eigene exhibitionistische Veranlagung führte zu Strafen von insgesamt fast 7 Jahren Haft auf Bewährung. Heute, so sagt er, habe er sich „im Griff“. Nie wieder, so sagt er, würde er irgendwo „die Hose runterlassen“.

Der andere ist einer der wenigen Experten in Deutschland, die sich therapeutisch mit Sexualstörungen beschäftigen, die sich in strafbaren Handlungen äußern können: Dr. Christoph J. Ahlers. Der klinische Psychologe ist niedergelassener Sexualtherapeut in Berlin. Er war von 2003 bis 2006 Koordinator und Sprecher des „Präventionsprojektes Dunkelfeld“ am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin am Universitätsklinikum Charité und ist dort immer noch externer Mitarbeiter. Er weiß um die Ambivalenz des Tabuthemas, das der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln ist.

Was konkret ist verboten?

Seite aus dem Internet mit Textfragmenten.
Exhibitionisten haben im Internet Foren.

Das Strafgesetzbuch sagt zu exhibitionistische Handlungen:
„Ein Mann, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft“ (§ 183 Abs.1 StGB). Noch schärfer wird das Agieren vor Kindern verurteilt: “Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer sexuelle Handlungen vor einem Kind vornimmt.” (§ 176 Abs.4 StGB) Es handelt sich also um Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung oder sogar um sexuellen Missbrauch von Kindern.

270 exhibitionistische Handlungen wurden zum Beispiel laut Polizei allein im Jahr 2010 in der Großstadt Köln zur Anzeige gebracht. Die meisten Taten finden in den warmen Monaten statt. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Denn es ist davon auszugehen, dass in vielen Fällen keine Anzeige erfolgte. Letztendlich kann man ohne Übertreibung behaupten, dass statistisch in Köln an einem Schönwetter-Tag irgendwo in der Stadt ein Exhibitionist agiert.

Dass in Paragraf 183 nur „Männer“ als Täter genannt werden, bedeutet nicht, dass es keine weiblichen Exhibitionisten gibt. Nur kommen Exhibitionistinnen viel seltener vor und werden nicht als gefährlich betrachtet. Ebenso selten sind Fälle, bei denen Männer vor Männern exhibitionieren. Manche Aktivisten in der Exhibitionisten-Szene schlussfolgern daraus, Männer würden durch die explizite Nennung im Strafgesetz „diskriminiert“. Sie verharmlosen auch oft das Gefährdungspotential für ihre Opfer. Oder leugnen gar, dass es „Opfer“ gebe.

Auch wird immer mal wieder auf die „Flitzer“ verwiesen, die vor allem in den 70er Jahren in Protestabsicht über die Straße liefen und auch heute noch, gerne auch in betrunkenem Zustand in englischen Fußballstadien („Flasher“) über das Spielfeld rennen. Manchmal steht dahinter schlicht eine verlorene Wette. Hier handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeit. Der große Unterschied ist, dass ein Exhibitionist sich immer bewusst Zielpersonen für seine sexuelle Erregung aussucht, die nicht einwilligungsbereit oder –fähig, die schutzlos und isoliert sind.

Wenn sich viele Menschen dazu verabreden, im gegenseitigen Einvernehmen gemeinsam nackt zu sein – wie beim FKK oder bei Veranstaltungen („Christopher Street Day“, „Nacktrodeln“, „Swingerclub“...) handelt es sich also nicht um strafbare Handlungen.

Alfred Esser plädiert für die Straffreiheit von exhibitionistischen Handlungen. Er findet, es sei ausreichend, sie als Ordnungswidrigkeit zu behandeln. Denn exhibitionistisch agierende Männer könnten durch eine Anzeige ins soziale Elend gestürzt werden. Vor Straffreiheit warnt aber Dr. Christoph J. Ahlers ausdrücklich. Denn nur durch die Strafbarkeit könnten potentielle Opfer geschützt werden und genügend Druck aufgebaut werden, damit Exhibitionisten überhaupt eine Therapie beginnen.

Warum gibt es Exhibitionisten und was erregt sie?

Mann mit einer Maske steht zwischen zwei Frauen auf einem
Werbeplakat.
Der durchschnittliche Exhibitionist ist ein durchschnittlicher Mann.

Sexualität ist irrational, wird also von unbewussten Impulsen gesteuert. Warum ein Mensch heterosexuell oder homosexuell ist, steht bis heute nicht fest. Das gilt auch für die exhibitionistische Veranlagung.
Dr. Christoph J. Ahlers verweist auf eine Mischung von biologischen, psychologischen und soziokulturellen Ursachen. Exhibitionismus gehörte früher zu den Sexualpräferenzen, die im Volksmund als Perversion bezeichnet wurden. Wissenschaftlich korrekt ist aber die Bezeichnung „Paraphilie“. Das ist Griechisch und heißt übersetzt in etwa: Die Liebe, die daneben liegt. Sie liegt neben der gesellschaftlich tolerierten Norm und gilt als krankheitswert, wenn sie psychisches Leid schafft, also selbst- und fremdschädigend ist. Um sie zu diagnostizieren sind sehr gute Fachkenntnisse notwendig. Eine Paraphilie entwickelt sich in Kindheit und Jugend und bleibt bis ins hohe Alter bestehen. Heilbar ist Exhibitionismus nicht – aber therapierbar. Dazu später mehr.

Der durchschnittliche Exhibitionist ist ein durchschnittlicher Mann, ein „Mister Anybody“, ein alles in allem unscheinbarer Mensch, der ganz bürgerlich lebt, überangepasst, unauffällig und leicht zu übersehen sei, so Dr. Christoph J. Ahlers. Oft sei er sogar verheiratet, wobei die Ehefrau nichts von dem geheimen Doppelleben ihres Mannes wisse.

Der typische Exhibitionist ist in seiner sexuellen Selbstwirksamkeit tief verunsichert. So tief, dass ihm die normalen sozialen Fähigkeiten, eine Frau für seine Sexualität zu interessieren, nicht zur Verfügung stehen. Statt also mit einer Frau ins Gespräch zu kommen, sie für sich einzunehmen oder sie zu beeindrucken, zeigt er unvermittelt sein Genital vor. Er erregt sich an der Reaktion beim anderen Geschlecht. Dabei glaubt er, sein Geschlechtsteil besäße eine bestimmte Kraft. Das ist reines Wunschdenken, denn in Wirklichkeit reagiert das Opfer nur auf den Überrumpelungseffekt. Dass beim Opfer Ekel, Entsetzen, Schock und Traumatisierung hervorgerufen werden können, wird vom Exhibitionisten in Kauf genommen. Der Exhibitionist denke „Ich wirke, also bin ich“, sagt Dr. Christoph J. Ahlers. Nach einer exhibitionistischen Aktion erregt er sich nicht an der Vorstellung, mit seinem Opfer Geschlechtsverkehr zu haben, sondern an der exhibitionistischen Aktion selbst und der Reaktion darauf.

Ganz anders sieht es Alfred Esser. Ihm sei es nie um das Erschrecken gegangen, sondern um das Hervorrufen einer „wohlwollenden Anteilnahme“. Das mag sein, aber letztlich ist nach aller menschlichen Erfahrung damit nicht zu rechnen. Warum sollten Frauen, die auf den Bus warten, einkaufen gehen oder joggen, eine Anteilnahme an der Sexualität eines wildfremden Mannes zeigen?

Sind Exhibitionisten harmlos?

Mann mit Maske steht in Hauseingang.
Gerade im Sommer treten sie auf.

Nicht jede Frau wird durch eine exhibitionistische Handlung traumatisiert. Aber dass sie traumatisiert werden kann, ist durchaus möglich und desto wahrscheinlicher, umso hilfloser sie sich fühlt. Der typische Exhibitionist zeigt sein Genital aus einer Entfernung von 10 bis 20 Metern, damit hat es sich meist. Doch es gibt auch Männer, die ein- und derselben Frau mehrfach auflauern, ihr hinterher laufen, sie in die Ecke drängen, in geschlossenen Räumen agieren (PKW, Zugabteil, Telefonzelle, Wartehäuschen, Fahrstuhl etc.) und ihrem Opfer jede Fluchtmöglichkeit nehmen. Abgesehen davon, dass in diesen Fällen juristisch Nötigung oder Freiheitsberaubung vorliegen kann, ist der potentielle Opferschaden höher. Diese „atypischen Exhibitionisten“ sind alles andere als „harmlose Spinner“. Es ist zwar nicht die Regel, aber es kann sein, dass sich ein typischer zu einem atypischen Exhibitionisten entwickelt, dass er den Effekt immer weiter steigern will. Und dass es ihm nicht mehr genügt, dass eine Frau sich „nur“ erschreckt. Dass er körperlich übergriffig wird bis zur Vergewaltigung. Dies, so Dr. Christoph J. Ahlers, zeigten immer wieder Strafakten.

In seiner Selbsthilfegruppe versucht Alfred Esser Exhibitionisten klar zu machen, wenn sie das „Zeigen“ schon nicht sein lassen können, eine Frau zumindest nicht zu erschrecken. Das klingt zwar sehr ehrenvoll, kann aber kaum eingelöst werden. Denn letztlich kennt ein Exhibitionist ja sein Opfer nicht und kann daher nicht wissen, was dieses „nicht erschreckt“.

Bei Aktivisten der Exhibitionisten-Szene, die sich hier und da in Internet-Foren äußern, zeigt sich die Tendenz, sich selbst als Opfer und nicht als Täter darzustellen. Da wird dann darauf verwiesen, dass Frauen durch ihre erotische Kleidung Männer provozieren würden, die Gesellschaft verklemmt und rückständig sei oder gar Mädchen und Jungen durch eine exhibitionistische Handlung aufgeklärt würden. Hier treffen Selbstverliebtheit, Schuldabwehrverhalten und fehlendes Empathievermögen zusammen.

Wie sollen Frauen auf einen Exhibitionisten reagieren?

Männerbeine in kurzen Hosen.
Die beste Reaktion – einfach ignorieren.

Grundsätzlich sollten Frauen einen Exhibitionisten ignorieren, das heißt keine mimische, gestische oder verbale Reaktion zeigen. Einfach weitergehen, sich umdrehen, den Ort des Geschehens zügig verlassen. Ohne lange Zeit vergehen zu lassen, sollte die Polizei verständigt werden. Es geht darum, künftigen Opferschaden möglichst zu vermeiden. Es zeigt sich, dass der Exhibitionismus dann abnimmt, wenn die Polizei vor Ort aktiv wird. Diese entscheidet anhand des Tathergangs und –ortes, welche Einsatzmittel notwendig sind. So kann es durchaus bei unübersichtlichem Gelände zum Hubschraubereinsatz kommen.

Kinder sollten frühzeitig von ihren Eltern und in der Schule erfahren, wie sie sich selbst behaupten. Ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl ist generell der beste Schutz vor sexuellem Missbrauch, und Panikmache ist unbedingt zu vermeiden.

Ist Exhibitionismus therapierbar? Und wo findet man eine Therapie?

Exhibitionismus ist nicht so ohne weiteres heilbar wie es eine Erkältung oder eine andere körperliche Krankheit ist. Es handelt sich eher um eine Art Sucht. Betroffenen kann aber geholfen werden. In einer fundierten Sexualtherapie können sie lernen, mit ihrer Veranlagung so zu leben, dass sie andere nicht schädigen. Dies ist zwar ein mühseliger Prozess, aber die einzige erfolgversprechende Möglichkeit. Im Laufe der Therapie lernen die Patienten für sich und ihre Sexualität Worte zu finden. Sie lernen die Wirklichkeit zu erfassen, üben Einfühlungsvermögen und Perspektivenübernahme. Auch wird in gemeinsamer Arbeit mit dem Therapeuten ein Talent oder Ressource gefunden, das dem Leben noch einen anderen Sinn gibt als die sexuelle Betätigung. Die Therapieformen sind vielfältig und individuell. Für Männer, die eine Therapie angehen, ist es hilfreich, falls sie eine Partnerin oder Frau haben, dass diese sie darin unterstützt und begleitet.

Doch es gibt auch Probleme: In Deutschland gibt es viel zu wenige Sexualtherapeuten. Und von diesen sind nur wenige fähig und bereit dazu, Paraphilien zu behandeln. Das liegt zum einen an der unzureichenden Ausbildung, zum anderen an der Angst vor der Verantwortung, obwohl für Psychotherapeuten die Schweigepflicht gilt. Ursache für diesen Mangel ist aber, dass die Krankenkassen Sexualtherapien grundsätzlich nicht in ihrem Leistungskatalog führen. Die Kosten werden nur übernommen, wenn sexuelle Probleme seelische Folgen haben (wie zum Beispiel eine Depression oder Verlust des Selbstwertgefühls). Es ist also wichtig, sich vorher gut beraten zu lassen.

Alfred Esser hat es vor allem seiner jetzigen Frau zu verdanken, über seine exhibitionistische Veranlagung sprechen zu können. Nicht nur das: Er hat nach vielen unterschiedlichen Therapieversuchen - mit Miss- aber auch Teilerfolgen – mit seiner Selbsthilfegruppe eine Möglichkeit der sinnvollen Auseinandersetzung mit seiner Sucht gefunden. Leider war und ist es die einzige in ganz Deutschland.

Buchtipp

Peter Fiedler:
„Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung“
Heterosexualität, Homosexualität, Transgenderismus und Paraphilien, sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt
Beltz Psychologie Verlagsunion 2004, ISBN 978-3-62127-517-0
Zwar sehr teuer (ausleihen oder gebraucht kaufen), vermittelt jedoch einen guten Überblick und ist daher unbedingt lesenswert.

Autor:

Jürgen Kura

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Stand: 15.06.2011


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