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Sendung vom 16. Juni 2011
Die Macherin
Eine gute Idee haben, vor allem abends mit einem Glas Wein an der Bar, ist die eine Sache. Am nächsten Tag aber loslegen und die Idee auch umsetzen: Das machen die wenigsten. Das machen die Macher. Menschen wie Cornelie Weiss. Mit Mitte 40 war sie scheinbar angekommen: Seit 20 Jahren arbeitete sie als Modedesignerin. Erst festangestellt, dann freiberuflich. Sie war erfolgreich im Job, Geld für die Eigentumswohnung war angespart. Das hört sich toll an, aber Cornelie Weiss merkte, dass es für SIE nicht mehr toll war. Ihr war langweilig. Sie wollte, dass noch mal was passiert in ihrem sicheren Leben. Und dann machte sie das, was die wenigsten machen: Sie ging noch einmal voller Mut über Los.
Cornelie Weiss arbeitete für verschiedene Designer, mal war
sie für eine ganze Kollektion verantwortlich, mal nur für
einzelne Teile. Und oft arbeitete sie daran nächtelang:
„Und immer wenn ich nachts gearbeitet habe und morgens im
Tiefschlaf lag, schellte der Postbote. Und dann stand ich wieder
vor ihm in irgendeinem Schlabberlook und ärgerte mich.“
Und da war sie: Die Idee. Schicke Nachthemden. „Das Bequeme
muss nicht Verzicht auf das Ästhetische bedeuten“, das
ist der Weissche Grundgedanke. Es muss nicht die ausgebeulte
Jogginghose und das XL T-Shirt sein. Es kann auch ein
fließendes Kleid sein, was im Bett und auf der Party
funktioniert.
Diese Idee keimte in ihrem kreativen Kopf und während eines
Workshops in London blühte sie richtig auf. Dass sie
überhaupt einen Sommerkurs an der berühmten Kunst- und
Designschule Saint Martins College belegte, kam nicht von
ungefähr. Cornelie Weiss war da schon auf der Suche. Nach
Erfüllung, nach kreativen Herausforderungen, neuen
Erfahrungen. In dem Workshop kam dann alles zusammen: Dort wurde
sie vor die Aufgabe gestellt, eine Geschäftsidee für die
Modewelt zu entwickeln. Sie nahm die Nachthemden und wurde von der
Gruppe im Laufe der Woche immer wieder ermutigt, ihr Konzept auch
umzusetzen.
Zurück in Düsseldorf versuchte sie es zunächst
nebenher. Zwischen ihren anderen Aufträgen und Projekten
arbeitete sie an ihrer eigenen Kollektion und merkte schnell, dass
sie so nicht weiterkam. Der Aufbau einer eigenen Firma erforderte
vollen Einsatz, zu viele Hürden mussten genommen werden. Sie
gab alles andere auf und kämpfte für ihren Traum. Den
Lieferanten feiner Stoffe kannte sie noch aus ihrer Lehrzeit.
Dennoch musste er mühsam überzeugt werden, für so
eine kleine Auflage zu fertigen. Er sagte zu, weil er an ihre
Kollektion glaubte. Die Näherei in einem kleinen kroatischen
Städtchen ist spezialisiert auf hochwertige Wäsche,
Cornelie Weiss war es nicht. Den Umgang mit der Masche, die
richtigen Schnittmuster, die Produktionsabläufe musste sie
erst kennenlernen. Genauso wie den Vertrieb; welche Händler
kommen in Frage, welche Messen sind die richtigen? Cornelie Weiss
machte einen Schritt nach dem anderen und zog mit ihrer Kollektion
schließlich aus der Wohnung in ein gemietetes Atelier in
Düsseldorf. Ein Internet-Shop war die nächste
Herausforderung. Wer kann das, wer macht die Fotos der
Nachtkleider, wer verschickt die Ware? Auch ein Abenteuer, das sie
mit viel Einsatz gemeistert hat.
Mit der dritten Kollektion arbeitete sie kostendeckend, die vierte
brachte ihr ein kleines Gehalt ein. Jetzt ist sie in der sechsten
und kann ihre Fixkosten bezahlen; Miete, Versicherungen, Auto
– den Lebensunterhalt ohne großen Luxus. Aber auch der
Urlaub wird irgendwann wieder drin sein, daran glaubt sie fest.
„Wenn ich vor zwei Jahren einfach so weitergemacht
hätte, dann hätte ich jetzt eine Eigentumswohnung,
würde samstags auf der Kö shoppen gehen und weit weg in
den Urlaub fahren. Jetzt bin ich samstags hier, sonntags hier,
abends hier und habe alles was ich habe hier hineingesteckt“,
während Cornelie Weiss das erzählt, bügelt sie ihren
weichen Stoff, ein Zentimetermaß baumelt um ihren Hals
– und sie wirkt zufrieden. Ihr Unternehmen bietet ihr
zweierlei: Erfüllung und Druck. Glücklich ist sie, wenn
sie das Fotoshooting für den neuen Katalog einfach in den Park
nebenan verlegt. Fotograf ist ihr Lebensgefährte Coskun
Demirok. Schneiderpuppen statt Models, Wiese statt Laufsteg –
nebenbei hält eine steinerne Denkmalschönheit als
Supermodel her. Lustig, kreativ, schön und frei. „Ich
habe einfach die Freiheit zu tun, was ich möchte. Ich bin nur
mir selber verantwortlich“.
Druck hat sie, wenn ihr einziger Stofflieferant nicht liefert und
damit die ganze Kollektion aufs Spiel setzt. Wenn sie 900
Einladungen für die Messe in Dortmund versendet und kein Kunde
kommt. Und manchmal macht es auch Angst, dass sie sich nicht
ausruhen kann. Auch nicht auf ihrem Erfolg. Inzwischen verkaufen
auch schicke Läden in Kö-Nähe ihre schöne
Nachtkleidung. “Das macht stolz, meine Modelle dort liegen zu
sehen. Aber das heißt nichts. Nicht, dass die nächste
Kollektion da auch liegt – ich muss immer
weitermachen.“ Wenn Cornelie von Angst spricht, macht das
keine Angst. Und das ist eine ihrer Macher-Qualitäten: Angst,
Sorgen, Druck, Probleme, Zweifel – all das wird angenommen.
„Das gehört dazu und davon darf man sich nicht beirren
lassen.“ Und in dem ganzen Gepäck hat sie jetzt schon
etwas, was ihr keiner mehr nehmen wird: „Wenn ich mal 80 bin,
muss ich mir nicht vorwerfen, es nicht probiert zu haben. Ich muss
dann nicht da sitzen und denken: Hätte ich mal...“
Sylvie Liebsch, Natascha Schwanke
Stand: 16.06.2011
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