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Die Macherin

  • SendeterminDonnerstag, 16. Juni 2011, 22.00 - 22.30 Uhr .
  • WiederholungsterminMontag, 20. Juni 2011, 11.30 - 12.00 Uhr (Wdh.).

Cornelie Weiss – Nachthemden Designerin

Eine gute Idee haben, vor allem abends mit einem Glas Wein an der Bar, ist die eine Sache. Am nächsten Tag aber loslegen und die Idee auch umsetzen: Das machen die wenigsten. Das machen die Macher. Menschen wie Cornelie Weiss. Mit Mitte 40 war sie scheinbar angekommen: Seit 20 Jahren arbeitete sie als Modedesignerin. Erst festangestellt, dann freiberuflich. Sie war erfolgreich im Job, Geld für die Eigentumswohnung war angespart. Das hört sich toll an, aber Cornelie Weiss merkte, dass es für SIE nicht mehr toll war. Ihr war langweilig. Sie wollte, dass noch mal was passiert in ihrem sicheren Leben. Und dann machte sie das, was die wenigsten machen: Sie ging noch einmal voller Mut über Los.

Der Postbote ist schuld

Frau steht im Park mit Kleiderpuppen.
Cornelie Weiss hat ganz von vorne angefangen.

Cornelie Weiss arbeitete für verschiedene Designer, mal war sie für eine ganze Kollektion verantwortlich, mal nur für einzelne Teile. Und oft arbeitete sie daran nächtelang: „Und immer wenn ich nachts gearbeitet habe und morgens im Tiefschlaf lag, schellte der Postbote. Und dann stand ich wieder vor ihm in irgendeinem Schlabberlook und ärgerte mich.“ Und da war sie: Die Idee. Schicke Nachthemden. „Das Bequeme muss nicht Verzicht auf das Ästhetische bedeuten“, das ist der Weissche Grundgedanke. Es muss nicht die ausgebeulte Jogginghose und das XL T-Shirt sein. Es kann auch ein fließendes Kleid sein, was im Bett und auf der Party funktioniert.

Diese Idee keimte in ihrem kreativen Kopf und während eines Workshops in London blühte sie richtig auf. Dass sie überhaupt einen Sommerkurs an der berühmten Kunst- und Designschule Saint Martins College belegte, kam nicht von ungefähr. Cornelie Weiss war da schon auf der Suche. Nach Erfüllung, nach kreativen Herausforderungen, neuen Erfahrungen. In dem Workshop kam dann alles zusammen: Dort wurde sie vor die Aufgabe gestellt, eine Geschäftsidee für die Modewelt zu entwickeln. Sie nahm die Nachthemden und wurde von der Gruppe im Laufe der Woche immer wieder ermutigt, ihr Konzept auch umzusetzen.

Von der Idee zur Firma

Fotoshooting in einem Park mit Kleiderpuppen.
Das Fotoshooting für ihre neue Kollektion fand in einem Park statt.

Zurück in Düsseldorf versuchte sie es zunächst nebenher. Zwischen ihren anderen Aufträgen und Projekten arbeitete sie an ihrer eigenen Kollektion und merkte schnell, dass sie so nicht weiterkam. Der Aufbau einer eigenen Firma erforderte vollen Einsatz, zu viele Hürden mussten genommen werden. Sie gab alles andere auf und kämpfte für ihren Traum. Den Lieferanten feiner Stoffe kannte sie noch aus ihrer Lehrzeit. Dennoch musste er mühsam überzeugt werden, für so eine kleine Auflage zu fertigen. Er sagte zu, weil er an ihre Kollektion glaubte. Die Näherei in einem kleinen kroatischen Städtchen ist spezialisiert auf hochwertige Wäsche, Cornelie Weiss war es nicht. Den Umgang mit der Masche, die richtigen Schnittmuster, die Produktionsabläufe musste sie erst kennenlernen. Genauso wie den Vertrieb; welche Händler kommen in Frage, welche Messen sind die richtigen? Cornelie Weiss machte einen Schritt nach dem anderen und zog mit ihrer Kollektion schließlich aus der Wohnung in ein gemietetes Atelier in Düsseldorf. Ein Internet-Shop war die nächste Herausforderung. Wer kann das, wer macht die Fotos der Nachtkleider, wer verschickt die Ware? Auch ein Abenteuer, das sie mit viel Einsatz gemeistert hat.

Mit der dritten Kollektion arbeitete sie kostendeckend, die vierte brachte ihr ein kleines Gehalt ein. Jetzt ist sie in der sechsten und kann ihre Fixkosten bezahlen; Miete, Versicherungen, Auto – den Lebensunterhalt ohne großen Luxus. Aber auch der Urlaub wird irgendwann wieder drin sein, daran glaubt sie fest.

Bügeln statt Shoppen

Eine Frau fährt in einem kleidartigen Nachthemd Fahrrad.
Im selbst designten Nachthemd mit dem Fahrrad über die Kö.

„Wenn ich vor zwei Jahren einfach so weitergemacht hätte, dann hätte ich jetzt eine Eigentumswohnung, würde samstags auf der Kö shoppen gehen und weit weg in den Urlaub fahren. Jetzt bin ich samstags hier, sonntags hier, abends hier und habe alles was ich habe hier hineingesteckt“, während Cornelie Weiss das erzählt, bügelt sie ihren weichen Stoff, ein Zentimetermaß baumelt um ihren Hals – und sie wirkt zufrieden. Ihr Unternehmen bietet ihr zweierlei: Erfüllung und Druck. Glücklich ist sie, wenn sie das Fotoshooting für den neuen Katalog einfach in den Park nebenan verlegt. Fotograf ist ihr Lebensgefährte Coskun Demirok. Schneiderpuppen statt Models, Wiese statt Laufsteg – nebenbei hält eine steinerne Denkmalschönheit als Supermodel her. Lustig, kreativ, schön und frei. „Ich habe einfach die Freiheit zu tun, was ich möchte. Ich bin nur mir selber verantwortlich“.

Druck hat sie, wenn ihr einziger Stofflieferant nicht liefert und damit die ganze Kollektion aufs Spiel setzt. Wenn sie 900 Einladungen für die Messe in Dortmund versendet und kein Kunde kommt. Und manchmal macht es auch Angst, dass sie sich nicht ausruhen kann. Auch nicht auf ihrem Erfolg. Inzwischen verkaufen auch schicke Läden in Kö-Nähe ihre schöne Nachtkleidung. “Das macht stolz, meine Modelle dort liegen zu sehen. Aber das heißt nichts. Nicht, dass die nächste Kollektion da auch liegt – ich muss immer weitermachen.“ Wenn Cornelie von Angst spricht, macht das keine Angst. Und das ist eine ihrer Macher-Qualitäten: Angst, Sorgen, Druck, Probleme, Zweifel – all das wird angenommen. „Das gehört dazu und davon darf man sich nicht beirren lassen.“ Und in dem ganzen Gepäck hat sie jetzt schon etwas, was ihr keiner mehr nehmen wird: „Wenn ich mal 80 bin, muss ich mir nicht vorwerfen, es nicht probiert zu haben. Ich muss dann nicht da sitzen und denken: Hätte ich mal...“

Autorinnen:

Sylvie Liebsch, Natascha Schwanke

Stand: 16.06.2011


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