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Sendung vom 16. Juni 2011
Pubertät
Sie verdienen wirkliches Mitleid: Eltern von pubertierenden Kindern. Launisch und aufsässig, mal aggressiv, dann mimosenhaft empfindlich treiben Teenager ihre Eltern in den Wahnsinn. Ich habe eine 14-jährige Tochter, ich weiß, wovon ich spreche. Jürgen Weber, Erziehungs- und Pubertätsberater in Hürth, informierte mich zusätzlich über neue pädagogische und neurologische Erkenntnisse. Um diese Pubertätsgefühle dann in Bilder umzusetzen, halfen mir die Teenager-Mädchen der Redaktion SpinXX vom Jugendfilmclub in Köln, die eigene Bilder für das Chaos im Kopf gefunden haben.
Noch bis Mitte der 1990er Jahre galt: Wenn die Kinder sich plötzlich verwandeln, ihren Eltern widersprechen und sie provozieren, dann sind das Abgrenzungsversuche gegenüber den Erwachsenen, die Suche nach der eigenen Identität. Bis Neurologen einmal das Gehirn der Pubertierenden genauer untersucht haben. Und dort haben sie erstaunliches festgestellt: das Gehirn ist nicht, wie früher vermutet, mit 12 Jahren schon annähernd ausgereift. Im Gehirn eines Teenagers herrscht das reinste Chaos. Vergleichbar mit einer Baustelle, auf der noch ständig gearbeitet wird. Alte Gerüste werden abgerissen und neue montiert. Einige Bauabschnitte sind schneller fertig, während sich andere noch im Rohzustand befinden.
“Räum mal die Spülmaschine aus.“ Die meisten Eltern kennen die Antwort darauf: „Ja gleich.“ Und nichts passiert. Entscheidungen wie: „Jetzt beende ich meine Hausaufgaben, räume dann die Spülmaschine aus und simse danach mit meiner Freundin“, können viele Teenager nicht treffen. Schuld daran ist sein präfrontaler Cortex. Das Präfrontalhirn, das unmittelbar hinter der Stirn angesiedelt ist, ist für Aufgaben wie Prioritätensetzung, Abwägen von Konsequenzen und die Kontrolle von Impulsen zuständig. Doch die Reifung dieses Stirnlappens dauert am längsten. Einige Forscher gehen davon aus, dass er erst mit 20 Jahren abgeschlossen ist. Bis dahin ist es nicht verwunderlich, wenn der Jugendliche die Welt und seine Signale anders bewertet als seine Eltern, d.h. erst mit der Freundin simst und darüber das Spülmaschinenausräumen vergisst.
Forscher am Mc Lean–Hospital in Belmont, Massachusetts, demonstrierten in einem einfach Experiment, dass Jugendliche selbst unmissverständliche Botschaften missverständlich aufnehmen können. Versuchsgruppen von Pubertierenden und Erwachsenen wurden eine Reihe Porträtfotos vorgelegt, auf denen die Menschen Emotionen wie Wut, Freude, Ärger und Trauer zeigten. Gleichzeitig wurden mit einem Kernspintomographen die Aktivitäten der Probanden-Hirne gemessen. Das Ergebnis erstaunt: Die Erwachsenen deuteten die Gesichtsausdrücke immer richtig, während viele Teenager die Emotionen nicht richtig identifizieren konnten. Durch den Computer war zu erkennen, dass bei den Erwachsenen das Emotionszentrum, das Limbische System, und das Entscheidungszentrum im präfrontalen Cortex zusammen aufleuchteten. Bei den Heranwachsenden leuchtete das Emotionszentrum auf, das Entscheidungszentrum, das Frontalhirn, blieb aber fast inaktiv.
Wenn also das Emotionszentrum rot glühend vor Aktivität ist, das Kontrollzentrum aber am Steuer schläft, kann man sich die Erziehungsversuche oft sparen. In solchen Krisensituationen ist es für Eltern am besten, sich Ausweichmöglichkeiten zu schaffen. Eine Runde um den Block gehen, Kaffee trinken oder mit der Freundin Schuhe kaufen. Die gute Nachricht: mit 17, 18 Jahren ist der Umbau des Großhirns weitgehend abgeschlossen. Manche Jugendliche haben danach noch kurze Rückfälle, aber insgesamt gilt: gelassen bleiben. Der Spuk geht vorbei.
Dipl. Soz.-Päd. Jürgen Weber
Erziehungs- und Familienberatungsstelle Hürth
Rosellstrasse 25
50354 Hürth
Tel.: 02233/80560
Fachmann für Pubertierende und ihre Eltern. Hält mehrmals
im Jahr Vorträge „Grenzerfahrung Pubertät.
Naturkatastrophe oder nur sanfte Klimaveränderung.“
Jan Uwe Rogge:
„Pubertät - Loslassen und Halt geben“
rororo Verlag 2010, ISBN 978-3 49962-655-5
Ein pädagogisches Erste-Hilfe-Paket für die
Pubertät.
Angela Kling, Eckhard Spethmann:
„Pubertät. Der Ratgeber für Eltern“
Mit 10 goldenen Regeln durch alle Phasen der Pubertät
Humbold Verlag 2010, ISBN 978-3-86910-613-7
Ratgeber für alle Phasen der Pubertät. Mit einem
Pubertät ABC.
Caludia und David Arp:
"Und plötzlich sind sie 13 oder: Die Kunst, einen Kaktus
zu umarmen"
Brunnen-Verlag 2010, ISBN 978-3765518584
Viel versprechender Titel von zwei erfahrenen Eltern, die als
Pubertätsberater arbeiten und jede Menge handfeste Tipps auf
Lager haben. Zum Beispiel auch den in der Sendung erwähnten
für "Schlechte-Laune-Gutscheine".
Jesper Juul:
"Pubertät - Wenn Erziehen nicht mehr geht"
Kösel-Verlag 2010, ISBN 978-3466308712
Einer der Bestseller zum Thema. Ist aber besonders empfehlenswert
für Eltern, deren Kinder erst "kurz davor"
stehen.
Peer Wüschner:
"Grenzerfahrung Pubertät - Neues Überlebenstraining
für Eltern"
Eichborn Verlag 2005, ISBN 978-3821856148
Wirklich ein hilfreicher Ratgeber für Eltern. Hilft dabei, den
Blick auf die Teenies neu auszurichten.
George Deffner, Cathrin Kahlweit:
"Pubertäter - Wenn Kinder schwierig und Eltern
unerträglich werden"
Piper Verlag 2011, ISBN 978-3492272308
Sehr ehrliches, humorvolles Buch von einem Elternpaar, das fast
"durch ist". Auch die Kinder kommen zu Wort und machen
wirklich Mut!
Beatrix Wilmes
Stand: 16.06.2011
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