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Meine Frau hat Brustkrebs

  • SendeterminDonnerstag, 22. September 2011, 22.00 - 22.30 Uhr.
  • WiederholungsterminMontag, 26. September 2011, 11.30 - 12.00 Uhr (Wdh.).

Die Männer an der Seite von Brustkrebsbetroffenen

Kurz nach dem Erhalt der Diagnose sagt sie zu ihrem Mann: "Wenn das nicht mehr klappt mit uns beiden – dann such dir eine andere..." Das ist nur eine von vielen Aussagen, die wir im Verlauf der Recherche vernommen haben. Nur wenige Erkrankungen treffen Frauen so wie die Diagnose Brustkrebs: Chemos, Bestrahlungen, Haarausfall, Amputationen - harte Eingriffe in den Körper, die das Selbstwertgefühl massiv angreifen – All das kann jede Frau aus der Bahn werfen. Und der Mann an ihrer Seite? Der muss stark bleiben. Gerade jetzt, wo sie ihn braucht. Muss er? Kann er? Schafft er das überhaupt?

Der Klassiker: Männer haben kein Problem (brechen dennoch zusammen)

Grauhaariger Mann mit Brille sitzt im Park
Willi Kirschbaum erkannte im letzten Moment, dass er mit der Angst nicht allein fertig wurde.

Die Recherche für diesen Beitrag zog sich über Wochen, Monate hin. Denn Männer haben keine Probleme – wie allseits bekannt. Falls doch, wollen sie diese nicht vor der Kamera äußern. Denn mit Problemen sollte man seine Umwelt nicht belasten. Über Umwege stießen wir schließlich doch auf zwei Männer, die uns ein Einblick in ihr Seelenleben gewährten. Dabei stellten wir fest, dass ihre Sorgen an der Seite der Frau vielleicht sogar größer sind, als die der betroffenen Frauen selbst.

Der Kölner Willi Kirschbaum erkannte im allerletzten Moment, dass er mit den Ängsten nicht mehr alleine fertig wurde und wandte sich an eine Psychologin. Und hat heute, nachdem er seine Frau nunmehr sieben Jahre mit der Erkrankung begleitet, eine klare Sicht von männlicher Stärke und Schwäche: "Die Männer mögen vielleicht in der Akutphase stark sein. Aber was passiert, wenn das mal zur Ruhe kommt? Burn-out ist nicht nur ein Thema bei der Arbeit, sondern auch bei Krankheitsbelastung. Da werden einige Männer an ihre Grenzen kommen." Er selbst, sagt Willi Kirschbaum, hatte diese Grenze schon erreicht wenn nicht bereits überschritten.

Die Probleme der Männer

Der Brustkrebs ist nie ganz ausgestanden und die Angehörigen können nichts dagegen tun. Damit können gerade Männer, die die Ärmel hochkrempeln und anpacken wollen, oft nicht umgehen. Diese Hilflosigkeit treibt sie nicht selten in die stille Verzweiflung oder sogar in die Depression. Bevor er auf den Trichter kam und schließlich sogar eine Selbsthilfegruppe gründete, musste Willi Kirschbaum feststellen, dass er mit allen Versuchen, aktiv zu helfen, scheiterte. So etwa bei dem Versuch, seine Frau darin zu bestärken, Amputation und Brustaufbau in einer OP zu erledigen, aus dem verständlichen Wunsch heraus: Eine statt zwei OPs, das kann nur besser sein. Als es dann Komplikationen gab, stellte er fest: "Meine Frau hatte eigentlich gar keine Zeit, sich von ihrer Brust zu verabschieden" Er hätte sie allein entscheiden lassen sollen, weiß er heute.

Rothaariger Mann sitzt im Park
Joachim Keller hatte das Gefühl, dass sich niemand für ihn interessierte.

Joachim Keller, der zweite Mann in unserem Film, benennt ein weiteren Klassiker in der Gefühlslage der Angehörigen: Alle kümmern sich um die Frau, alles drehe sich nur um die Frau, sagt er. Jeder der anrufe, erkundigt sich nur nach der Frau. Nach dem Mann an ihrer Seite hingegen, frage nicht einmal die eigene Familie. Ein einziges Mal, erinnert er sich, riefen alte Freunde an, um ihm für ein Wanderwochenende aus seinem Psycho-Elend zu befreien.

Natürlich leide auch die Sexualität, erklärten uns die Männer. Wie könne das auch anders sein, wenn – wie es so oft geschieht – Medikamente oder das Skalpell so entscheidend im Körper der Frau eingreifen? Selbst wenn die Männer, wie in unserem Fall, sich nicht stören an Amputationen, Tattoos oder Implantaten. Vor allem dank der Selbsthilfegruppe konnten sowohl Willi Kirschbaum wie auch Joachim Keller den immensen Druck, der auf ihnen lastete, von sich nehmen. Der Druck, unbedingt etwas unternehmen zu wollen. Der Druck, der entsteht, wenn niemand nachvollziehen kann, dass Angehörige einen ähnlich hohen Leidensdruck haben können. Und selbst die Angst vor dem möglichen Tod seiner geliebten Partnerin. In der Gruppe wurden die Sorgen ausgesprochen. Männer halfen sich selbst, den Anderen und letztlich damit ihren Frauen. Einfach schon, indem sie mit Gleichgesinnten darüber redeten.

Wenn es so einfach ist und so vielen Menschen geholfen ist, wieso gibt es nach unserem Kenntnisstand im ganzen Bundesgebiet keine zweite Selbsthilfegruppe? (Wir lassen uns in dem Punkt gerne eines Besseren belehren!) Denn zwischen 10 und 12 Prozent der deutschen Frauen erkranken laut Robert-Koch-Institut im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Die Erkrankungshäufigkeit steigt. Selbst wenn die Mortalitätsrate sinkt, ist er die häufigste Todesursache bei Krebserkrankungen von Frauen. Millionen Frauen sind betroffen, aber eben auch Millionen männliche Angehörige. Wie kommen sie klar und wieso organisieren sie sich so selten? Keine Probleme zeigen, zumindest aber auf keinen Fall darüber reden – Das mag für eine ältere Generation noch ein gängiger, weil vorgelebter Ansatz gewesen sein. Aber was ist mit den Jüngeren?

Willi Kirschbaum gesteht in diesem Zusammenhang einen bemerkenswerten Aspekt: "Für mich war das neu mit Männern darüber zu reden. [-] Eigentlich habe ich mit Frauen mehr darüber geredet. Auch meine Therapeutin war eine Frau. Ich weiß nicht, ob ich zum damaligen Zeitpunkt zu einem Therapeuten gegangen wäre. Ich hatte genauso viel Misstrauen Männern gegenüber wie die anderen Männer heute."

Buchtipp

Jutta Beier, Hrsg.:
„Männerperspektiven zu Brustkrebs“
Uni-Med, Bremen, ISBN: 978-3837411416
Besonders hilfreich, denn die hierin gesammelten Interviews mit Angehörigen zum Thema Brustkrebs zeigen die bisher vernachlässigte männliche Perspektive.

Autor:

Daniel Boos

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Stand: 21.09.2011


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