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Sendung vom 22. September 2011
Meine Frau hat Brustkrebs
Kurz nach dem Erhalt der Diagnose sagt sie zu ihrem Mann: "Wenn das nicht mehr klappt mit uns beiden – dann such dir eine andere..." Das ist nur eine von vielen Aussagen, die wir im Verlauf der Recherche vernommen haben. Nur wenige Erkrankungen treffen Frauen so wie die Diagnose Brustkrebs: Chemos, Bestrahlungen, Haarausfall, Amputationen - harte Eingriffe in den Körper, die das Selbstwertgefühl massiv angreifen – All das kann jede Frau aus der Bahn werfen. Und der Mann an ihrer Seite? Der muss stark bleiben. Gerade jetzt, wo sie ihn braucht. Muss er? Kann er? Schafft er das überhaupt?
Die Recherche für diesen Beitrag zog sich über Wochen,
Monate hin. Denn Männer haben keine Probleme – wie
allseits bekannt. Falls doch, wollen sie diese nicht vor der Kamera
äußern. Denn mit Problemen sollte man seine Umwelt nicht
belasten. Über Umwege stießen wir schließlich doch
auf zwei Männer, die uns ein Einblick in ihr Seelenleben
gewährten. Dabei stellten wir fest, dass ihre Sorgen an der
Seite der Frau vielleicht sogar größer sind, als die der
betroffenen Frauen selbst.
Der Kölner Willi Kirschbaum erkannte im allerletzten Moment,
dass er mit den Ängsten nicht mehr alleine fertig wurde und
wandte sich an eine Psychologin. Und hat heute, nachdem er seine
Frau nunmehr sieben Jahre mit der Erkrankung begleitet, eine klare
Sicht von männlicher Stärke und Schwäche: "Die
Männer mögen vielleicht in der Akutphase stark sein. Aber
was passiert, wenn das mal zur Ruhe kommt? Burn-out ist nicht nur
ein Thema bei der Arbeit, sondern auch bei Krankheitsbelastung. Da
werden einige Männer an ihre Grenzen kommen." Er selbst,
sagt Willi Kirschbaum, hatte diese Grenze schon erreicht wenn nicht
bereits überschritten.
Der Brustkrebs ist nie ganz ausgestanden und die Angehörigen können nichts dagegen tun. Damit können gerade Männer, die die Ärmel hochkrempeln und anpacken wollen, oft nicht umgehen. Diese Hilflosigkeit treibt sie nicht selten in die stille Verzweiflung oder sogar in die Depression. Bevor er auf den Trichter kam und schließlich sogar eine Selbsthilfegruppe gründete, musste Willi Kirschbaum feststellen, dass er mit allen Versuchen, aktiv zu helfen, scheiterte. So etwa bei dem Versuch, seine Frau darin zu bestärken, Amputation und Brustaufbau in einer OP zu erledigen, aus dem verständlichen Wunsch heraus: Eine statt zwei OPs, das kann nur besser sein. Als es dann Komplikationen gab, stellte er fest: "Meine Frau hatte eigentlich gar keine Zeit, sich von ihrer Brust zu verabschieden" Er hätte sie allein entscheiden lassen sollen, weiß er heute.
Joachim Keller, der zweite Mann in unserem Film, benennt ein
weiteren Klassiker in der Gefühlslage der Angehörigen:
Alle kümmern sich um die Frau, alles drehe sich nur um die
Frau, sagt er. Jeder der anrufe, erkundigt sich nur nach der Frau.
Nach dem Mann an ihrer Seite hingegen, frage nicht einmal die
eigene Familie. Ein einziges Mal, erinnert er sich, riefen alte
Freunde an, um ihm für ein Wanderwochenende aus seinem
Psycho-Elend zu befreien.
Natürlich leide auch die Sexualität, erklärten uns
die Männer. Wie könne das auch anders sein, wenn –
wie es so oft geschieht – Medikamente oder das Skalpell so
entscheidend im Körper der Frau eingreifen? Selbst wenn die
Männer, wie in unserem Fall, sich nicht stören an
Amputationen, Tattoos oder Implantaten. Vor allem dank der
Selbsthilfegruppe konnten sowohl Willi Kirschbaum wie auch Joachim
Keller den immensen Druck, der auf ihnen lastete, von sich nehmen.
Der Druck, unbedingt etwas unternehmen zu wollen. Der Druck, der
entsteht, wenn niemand nachvollziehen kann, dass Angehörige
einen ähnlich hohen Leidensdruck haben können. Und selbst
die Angst vor dem möglichen Tod seiner geliebten Partnerin. In
der Gruppe wurden die Sorgen ausgesprochen. Männer halfen sich
selbst, den Anderen und letztlich damit ihren Frauen. Einfach
schon, indem sie mit Gleichgesinnten darüber redeten.
Wenn es so einfach ist und so vielen Menschen geholfen ist,
wieso gibt es nach unserem Kenntnisstand im ganzen Bundesgebiet
keine zweite Selbsthilfegruppe? (Wir lassen uns in dem Punkt gerne
eines Besseren belehren!) Denn zwischen 10 und 12 Prozent der
deutschen Frauen erkranken laut Robert-Koch-Institut im Laufe ihres
Lebens an Brustkrebs. Die Erkrankungshäufigkeit steigt. Selbst
wenn die Mortalitätsrate sinkt, ist er die häufigste
Todesursache bei Krebserkrankungen von Frauen. Millionen Frauen
sind betroffen, aber eben auch Millionen männliche
Angehörige. Wie kommen sie klar und wieso organisieren sie
sich so selten? Keine Probleme zeigen, zumindest aber auf keinen
Fall darüber reden – Das mag für eine ältere
Generation noch ein gängiger, weil vorgelebter Ansatz gewesen
sein. Aber was ist mit den Jüngeren?
Willi Kirschbaum gesteht in diesem Zusammenhang einen
bemerkenswerten Aspekt: "Für mich war das neu mit
Männern darüber zu reden. [-] Eigentlich habe ich mit
Frauen mehr darüber geredet. Auch meine Therapeutin war eine
Frau. Ich weiß nicht, ob ich zum damaligen Zeitpunkt zu einem
Therapeuten gegangen wäre. Ich hatte genauso viel Misstrauen
Männern gegenüber wie die anderen Männer
heute."
Jutta Beier, Hrsg.:
„Männerperspektiven zu
Brustkrebs“
Uni-Med, Bremen, ISBN: 978-3837411416
Besonders hilfreich, denn die hierin gesammelten Interviews mit
Angehörigen zum Thema Brustkrebs zeigen die bisher
vernachlässigte männliche Perspektive.
Daniel Boos
Stand: 21.09.2011
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