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Sendung vom 22. September 2011
Buchtipps von Christine Westermann
Autor: David Foenkinos
Verlag: Beck
ISBN: 978-3-406-62162-8
… spielt in Paris. Im Mittelpunkt ein Mann und eine Frau.
Francois und Nathalie. Sie kennen sich nicht, aber als er sie auf
der Straße sieht, ist ihm klar, die spreche ich an. Eine
Mutprobe, aber es funktioniert. Es ist Liebe auf den ersten Blick.
Die beiden ziehen zusammen, sie heiraten. Und wenn sie nicht
gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Das Leben aber ist leider kein Märchen. Als Francois eines
Sonntags zum Joggen geht, wird er von einem Auto überfahren,
stirbt. Und jetzt? Jetzt beginnt eine wirklich ungeheuer gute
Geschichte, an deren Ende tatsächlich wieder der Satz aus dem
Märchen stehen könnte: Und wenn sie nicht gestorben sind,
dann leben sie noch heute.
… studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne, ist Drehbuchautor und Schriftsteller. „Nathalie küsst“ ist sein achter Roman, der in Frankreich ein sensationeller Erfolg war und gerade verfilmt wird. Seine Bücher wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt.
Die Geschichte fängt zögerlich an, fast ein wenig
altmodisch. Das ändert sich, sobald sich auch bei den
Protagonisten alles ändert. Ab dann ist dieses Buch ein reines
Vergnügen. Sehr witzig und intelligent gemacht, mit kleinen
Einsprengseln, die über das Miteinander der Beiden fast nichts
sagen und gerade dadurch so viel erzählen. Francois und
Nathalie, sie haben ein feines Leben miteinander, sanft, gleich
getaktet, in ihrem Glück liegt eine große Ruhe. Bis der
Tod in diese Beziehung einbricht. Selbst dann ändert sich der
Ton des Buches nicht, er bleibt gelassen und heiter, ironisch,
komisch.
„Nathalie küsst“ ist, ehrlich gesagt, ein selten
einfallsloser deutscher Titel, auch wenn ein Kuss für den
Fortgang der Geschichte entscheidend ist. Aber „Nathalie
küsst“ klingt seicht und flach, auf der Vorderseite
sitzt obendrein eine Frau im Fensterahmen und guckt über die
Dächer von Paris. Uff. In Frankreich heißt der Roman
„ La Delicatesse“, da gehen Gedanken und Fantasie
gleich in eine ganz andere Richtung, finde ich.
Egal, vergessen Sie den blöden Titel, das heißt nein,
lieber nicht, merken Sie ihn sich, wäre wirklich schade, Sie
würden dieses wunderschöne Buch verpassen. Es ist leicht
genug, aber nicht leichthin. Traurig, aber nicht traurig genug, um
einem nicht doch ein beständiges Lächeln ins Gesicht zu
zaubern. Es gibt Bücher, bei denen man noch Tage später
stille Freude spürt. Dieses ist so eines.
Autor: Erwin Koch
Verlag: Corso
ISBN: 978-3-862-60024-3
Es sind neun Lebens-und Liebesgeschichten. Von Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen zusammenkommen. Zusammenbleiben bis zum Ende. Oder es wollen, aber nicht können. Es könnten, aber nicht wollen. Keine Geschichte ist erfunden, jede ist wahr, irgendwo auf der Welt so passiert. Der Autor hat mit Menschen gesprochen und sie haben ihm Privates preisgegeben. Was ans Tageslicht kommt, ist überraschend, schockierend, großartig, verrückt, wunderbar, trostlos. Immer, wirklich immer, ist es berührend. Die Schicksale entfalten sich auf wenigen Seiten wie ein guter Roman, bleiben haften, sie lassen einen nicht los, gern würde man sie weiterspinnen. Man hat noch viele Fragen, wenn die Geschichte schon lange zu Ende ist. Aber die Antworten muss man selbst finden.
Der Schweizer, 1956 geboren, ist Journalist, war Reporter beim Spiegel, ist seit einiger Zeit freischaffend und schreibt u.a. für Neue Züricher, Süddeutsche, FAZ. Er wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet, zweimal mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis.
„Ich glaube“, hat der Autor in einem Interview
erzählt, „ich habe nur eine Absicht: Eine gute
Geschichte gut zu erzählen. Manchmal gelingt es“.
Maßlose Untertreibung: Es gelingt ihm immer. In diesem Buch
zumindest. Mit jeder Zeile, jeder Seite ist man mittendrin im Leben
der anderen, sofort, dafür braucht es nur wenige karge,
sparsame Sätze. Er beschönigt nichts, er beschwichtigt
nicht, klagt nicht an, will nicht trösten. Beziehungen werden
nicht auseinandergenommen, auch nicht die Verhältnisse, in
denen die Menschen leben, lieben, leiden. Ob es ein gutes oder
böses Ende gibt, scheint den Autor nicht zu interessieren. Es
ist, wie es ist. Manchmal ist das, was das Leben mit der Liebe
macht, schön. Manchmal eben nicht.
Erwin Koch ist ein Meister des Weglassens, der Leser soll
fühlen, ahnen, dem nachspüren, was zwischen den Zeilen
steht. Immer wieder wird man in den Geschichten von der Wucht der
Liebe oder dem, was die Menschen für Liebe halten, getroffen.
Immer ist man ihnen nahe, egal wie weit sie zeitlich und
geografisch entfernt sein mögen. Kein Reporter schreibt so
über die Liebe wie Erwin Koch, hat ein Kritiker der ZEIT
geschrieben. Das stimmt. Es ist schier unmöglich, von diesem
Buch nicht berührt zu sein.
Christine Westermann
Stand: 20.09.2011
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