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Sendung vom 03. November 2011
Arbeiten bis zum Umfallen
Als sie ihren Rentenbescheid bekam, war sie erschüttert. Von 887 € im Monat sollte sie leben. Marie Louise Gillessen war klar, dass sie damit ihren Lebensstandard nicht annähernd halten konnte. Deshalb entschied sich die examinierte Altenpflegerin, über ihr Rentenalter hinaus auf Honorarbasis weiterzuarbeiten. Sie ist jetzt 71 Jahre alt. Und muss weiter arbeiten, solange sie es schafft. Der Beruf ist schwer, auch körperlich und er bereitet ihr immer mehr Mühe. Tatsächlich war sie gerade fünf Wochen krank.
„Ich arbeite gerne mit den alten Leuten, aber da ist das Muss dahinter, damit ich mir überhaupt noch ein bisschen Lebensqualität erhalten kann.“ Sagt Marie Louise Gillessen. Unerschrocken hatte sie kurz nach dem ersten Rentenbescheid 2002 sofort zum Telefonhörer gegriffen und alte Arbeitskolleginnen angerufen. Wo kann ich noch was tun, wo etwas hinzuverdienen, war ihre Frage. Als examinierte Altenpflegerin war es nicht schwer für sie, wieder Arbeit zu bekommen. Aber es ärgert sie einfach, dass sie so wenig Rente bekommt, wo sie doch ein ganzes Leben lang gearbeitet hat. Gerade war sie fünf Wochen krank –das hat sie natürlich gespürt: „Für die Haushaltskasse war das ein großer Einschnitt, denn ich habe ja nebenher nichts arbeiten können. Da fehlen mir im Monat so 800 bis 900€. Das ist Haben und Nicht-Haben und es macht was aus. Also, so lange, wie ich kann, möchte ich mir auf jeden Fall die Lebensqualität erhalten, dass ich noch ein bisschen verreisen, mir noch irgendetwas Nettes anschaffen, kaufen kann. Wenn ich hinterher nur noch auf der Rente sitze, dann hören diese Dinge einfach auf.“
Warum bekommt sie so wenig Rente? Immerhin hat sie bald 40 Jahre lang Vollzeit gearbeitet! Sie rechnete damals mit einer Rente von ca. 2.000 DM. Dann kam der Euro, etwas fraß die Inflation. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Jetzt bekommt sie 887 €. Das ist quasi der Hartz4-Satz, incl. Des Mietzuschusses sozusagen. Marie Louise Gillessen hat, wie die meisten Altenpfleger, nie viel an Grundgehalt verdient. Sie hat an den Wochenenden arbeiten müssen, den Zuschlag dafür bekommen und so ihr Monatsgehalt aufbessern können. Was sie aber nicht wusste: Die Wochenend-Arbeitszeiten werden nicht auf die Rente angerechnet! Und das hatte ihr niemand gesagt. Sie lebt bescheiden im Kölner Norden – auf 46qm². In einer kleinen 1-Zimmer-Wohnung. „Die Miete, das sind 420 €. Aber dann muss ich noch Umlagen bezahlen. Dann Strom und Heizung. Dann sind gut 500 bis 600 € weg. Und wenn man bedenkt, was ich an Rente bekomme, ist das sehr, sehr wenig, was mir da übrig bliebe, wenn ich nicht noch nebenher arbeiten würde.“
Einmal war Marie Louise Gillessen verheiratet. 1963 war die Hochzeit. Ein Jahr später bekam sie einen Sohn. Doch schon nach sechs Jahren: die Scheidung. Eine Alleinerziehende Mutter in den 60ern. „Die Hölle,“ wie sie sagt. „Zu dieser Zeit, als Frau allein mit Kind. Von allen Männern wurde ich attackiert. Von den Lehrern in der Schule, hier auf der Straße haben sie sich breit gemacht, Unterschriften gesammelt. Frau war zu dieser Zeit Freiwild.“ Sie musste ihre kleine Familie ernähren, also hat sie gearbeitet. Ohne Pause. Sie hat damals gelernt, sich durchzubeißen. Das hilft ihr bis heute. Sie weiß, was sie kann, wo sie steht und lässt den Kopf nicht hängen. Deshalb schafft sie auch mit 71 Jahren noch den anstrengenden Job als Altenpflegerin. „Es sind ja auch viele da, die jünger sind als ich. Das ist natürlich in dem Moment – ja wie soll ich das erklären? – Das kommt mir dann sehr komisch vor.“ „Wünschen Sie mir Gesundheit,“ sagt sie noch, „dass ich arbeiten kann, bis ich umfalle.“
Petra Storch
Stand: 31.10.2011
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