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Sendung vom 03. November 2011
180 Grad Wandlung
Sie wächst in einer Kleinstadt auf. Ihre Eltern waren nicht reich. Getauft haben die Eltern sie auf den Namen „Horst“. Allerdings: Geborgen hat sie sich selten gefühlt. Schon damals spürte er, dass er anders war, aber als er dann Freunde fand bei der NPD, da war erst mal alles o.k. und er machte mit, was die neuen Freunde gut hießen. Zuhause und an den Wochenenden fern ab der Heimat, machte er, all das, was seine Kumpels auf keinen Fall wissen durften. „Es war der Zusammenhalt, die Gruppe, das hat mir Halt gegeben, aber ich hab auch schnell gemerkt, dass ich niemandem sagen kann, was ich fühle, denn ich wusste ja schon: Ich will als Frau leben und einen Mann lieben. Das war mein Geheimnis.“ Als dann jemand merkte, dass er die Fingernägel feilt und auf sein Äußeres achtet, wusste sie, dass sie von der Partei weg muss, damit es keine Katastrophe gibt.
An den Wochenenden ist sie dann heimlich in die nahe gelegene Schweiz gefahren, um ihr wahres Leben auszuleben. Dafür hat sie sich immer besonders fein gemacht. „Ich hab als kleiner Bub mal die Nylonstrumpfhose meiner Mutter angezogen, das hat mich ganz schön angemacht. Das hat auch meine Mutter gemerkt und das war ganz schön übel. Da habe ich beschlossen, niemanden etwas über meine Gefühle zu sagen. Naja, und die Frauen bei der NPD, die haben dann irgendwann gemerkt, dass meine Fingernägel gefeilt waren und die Augenbrauen gezupft. Das habe ich gedacht: Ich muss hier weg, bevor die merken, was ich wirklich bin. In dieser Zeit habe ich beschlossen: Ich will jetzt eine richtige Frau werden.“ Das war 2007. Damals war sie Anfang 30, Familie hatte sie keine mehr und deshalb traute sie sich, sich zu outen. Sie lebte da, wo sie aufgewachsen war, in einer Kleinstadt im Schwarzwald: „Es war ein großer Schritt, aber mein größter Wunsch. Ich machte damals eine Krankenpflege Ausbildung und da bin ich eines Morgens in Frauenklamotten hin und habe gesagt: Ich bin jetzt die Monika! Da haben die schon erst mal geschluckt. Dann kamen die Namensänderung und die Planung meiner OP. In diese Zeit fiel dann auch meine Abschlussprüfung, die habe ich dann auch nicht bestanden.“ Ihre größte Angst war, dass etwas schief geht, dass sie durch die Operation vielleicht inkontinent wird, was durchaus bei solchen Operationen passieren kann. Aber es ging alles gut. „Als das feststand, war ich zum ersten Mal im Leben ausgeglichen, ich war angekommen in meinem Körper. Ich durfte endlich so sein, wie ich es immer wollte. Das war eine so große Erleichterung, dass ich alles neu machen wollte. Ich habe dann ein Fotodesign Fernstudium gemacht und viel fotografiert. Das macht mir auch noch immer Spaß. Aber ich habe jetzt meine Ausbildung wieder angefangen, weil ich gemerkt habe, das gehört auch zu mir. Mein größter Wunsch ist jetzt: Ich möchte Operationsassistentin werden!“
Monika hat sich zwischenzeitlich auch wieder einer Partei angeschlossen. Dieses Mal waren es jedoch die Linken, für die sie auch bei den Landtagswahlen kandidierte. Daraus ist aber nichts geworden. Auch diese Gruppe gab ihr Halt, in der Zeit als sie sich als neuer Mensch in einer alten Welt neu zurechtfinden musste. „Ich musste meine Neigungen nicht mehr verstecken, aber ich war erst einmal allein. Da gaben mir die Parteikollegen Halt. Aber ich weiß jetzt, was ich will und was ich brauche: einen Partner, der zu mir passt, damit ich ein zufriedenes Leben führen kann.“ Dazu gehört für Monika auf jeden Fall ihre Heimat: Hier will sie nicht weg. Der Mann ihrer Träume soll mit ihr hier, wo sie sich wohl fühlt, Leben.
„Geschlechtsumwandlung": tatsächlich geht es dabei nicht darum, das biologische Geschlecht eines Menschen "umzuwandeln", sondern das biologische Geschlecht gewissermaßen der subjektiv empfundenen Identität anzupassen, mit Hormonen und Operationen. Voraussetzung ist ein jahrelanger Entscheidungsprozess mit Entscheidungen, die die betroffene Person über sich und ihre Identität treffen muss und die dann von psychiatrischen Gutachtern bestätigt werden müssen. Statistisch tritt die Anpassung von Mann zu Frau häufiger auf als umgekehrt. Die Betroffenen sind sich ihrer Transsexualität oftmals seit der Kindheit bewusst. Oft verdrängen und verheimlichen sie diese jedoch aus Angst. Häufig leben sie jahrelang mit dem Gefühl, im falschen Körper zu stecken. Zur Häufigkeit von Transsexualität bzw. Transgender gibt es Schätzungen für die USA: 0,04- 0,2 % der Männer und Frauen streben einen vollständigen Geschlechtswechsel an, 0,2-0,7 % bezeichnen sich als Transgender ohne den Wunsch einer Geschlechtsangleichung, 2-5 % sind Crossdresser (Becker 20004). In Deutschland wird die Zahl der Transsexuellen nach Daten von vier Spezialambulanzen auf maximal 4.000 geschätzt. Also eine deutlich geringere Zahl als in den USA. In diesen Spezialambulanzen überwiegt die Zahl der Mann-zu-Frau-Transsexuellen deutlich. Der Begriff „Transgende/r“ tauchte in den 90er Jahren auf, und wird in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Er wird von Menschen benutzt, die die starre Norm der Zweigeschlechtlichkeit kritisieren und auf unterschiedliche Weise die Geschlechtergrenzen infrage stellen oder überschreiten. Es gibt Frauen und Männer, die spielerisch ihr Äußeres verändern und situationsgebundene Erfahrungen mit dem Leben im anderen Geschlecht oder zwischen den Geschlechtern sammeln (Cross-Dresser, Drag-Kings bzw. Drag-Queens). Und es gibt Männer und Frauen, die darüber hinaus den Wunsch haben, ihren Körper durch Hormone und/oder Operationen mehr oder weniger zu verändern, ohne eine völlige Angleichung des Körpers an ein Geschlecht bzw. den rechtlichen und sozialen Wechsel des Geschlechts anzustreben. In Deutschland bezeichnen sich diese Menschen meist als Intersexuelle. Weitere Abweichungen gibt es auf der psychischen Ebene. Das heißt, dass Menschen sich ihrem biologischen Geschlecht nicht zugehörig fühlen und den Wunsch haben, entweder im anderen Geschlecht zu leben oder sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen wollen. Diese bezeichnen sich meist als Transsexuelle oder Transgende/r. Die Lebenssituationen und Probleme dieser Menschen sind höchst unterschiedlich und facettenreich. Die Aspekte reichen von gesetzlichen und rechtlichen Problemen über Probleme der medizinischen Behandlung/Versorgung bis zu zahlreichen Problemen des Alltagslebens.
Man unterscheidet zwischen genital angleichenden Eingriffen, die an den primären Geschlechtsmerkmalen stattfinden und weiteren Eingriffen, die die sekundären Geschlechtsmerkmale betreffen. Den operativen Eingriffen geht nahezu immer eine Therapie mit Sexualhormonen voraus. Nach heutigem Standard ist über die Operationen hinaus eine lebenslange Fortsetzung der Hormongaben notwendig, da nach der Entfernung der eigenen Keimdrüsen sonst Hormonmangelerscheinungen auftreten können. Durch diese Hormontherapie entwickeln sich zusätzlich die sekundären Geschlechtsmerkmale des anderen Geschlechts. Die sekundären Geschlechtsmerkmale des eigenen Geschlechts bleiben jedoch größtenteils erhalten, ebenso ist die Wirkung auf die primären Geschlechtsmerkmale meistens nur gering. Es wird empfohlen, diese durch entsprechende Eingriffe anzugleichen.
Als Transsexuelle bezeichnen sich Menschen bzw. werden Menschen bezeichnet, die sich nicht dem Geschlecht zugehörig fühlen, das ihrem Körper entspricht. Sie identifizieren sich mit dem anderen Geschlecht und haben den Wunsch, rechtlich und sozial in diesem Geschlecht zu leben und meist auch ihren Körper diesem Geschlecht so weit wie möglich anzugleichen. Sie geraten dadurch in einen tiefgreifenden Konflikt und stehen oft unter großem Leidensdruck. Transsexualität wird in den westlichen Gesellschaften als psychische Krankheit definiert. Das bedeutet einerseits die Pathologisierung der Konflikte, die manche Menschen mit der traditionellen Geschlechterordnung haben. Andererseits regelt die Definition als Krankheit die Möglichkeiten, geschlechtsangleichende Behandlungen auf Kosten der Krankenkassen durchzuführen. Außerdem hat diese Diagnose zur rechtlichen Regelung des Geschlechtswechsels im Transsexuellengesetz geführt.
Rechtlich ist der Wechsel des Geschlechts im Transsexuellengesetz (Gesetz über die Änderung des Vornamens und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen) geregelt. Das TSG ermöglicht die Änderung des Vornamens allein oder auch die vollständige Anpassung des Geschlechtseintrags im Geburtsregister und der Geburtsurkunde. Es regelt umfangreiche Voraussetzungen für diese Personenstandsänderung. Allerdings regelt das Transsexuellengesetz weder die Diagnose noch irgendwelche medizinische Behandlungen. An dieser Tatsache können weder Behandlungsempfehlungen noch "Standards" etwas ändern. Weder Ärzte, Psychologen, Krankenkassen, der medizinische Dienst oder Patienten können sich bei psychologischen oder medizinischen Maßnahmen auf das Transsexuellengesetz berufen. Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung, die Akademie für Sexualmedizin und die Gesellschaft für Sexualwissenschaft schreiben in der Einleitung zu ihren Behandlungsempfehlungen: "Es existieren jedoch bislang keine verbindlichen Richtlinien für die Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen."
Für die Vornamensänderung sind zwei Sachverständigen-Gutachten erforderlich, die erklären, dass die Person sich dauerhaft dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt und mindestens seit drei Jahren unter dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben. Die Vornamensänderung ist auch möglich, wenn eine Person verheiratet ist. Mit der Vornamensänderung ist auch das Recht verbunden alle Zeugnisse und Dokumente aus der Vergangenheit ändern zu lassen, so dass dann ein Leben im anderen Geschlecht weitgehend möglich ist.
John Colapinto:
„Der Junge, der als Mädchen
aufwuchs“
Goldmann, 2002, ISBN: 978-3-530-42154-5
Wie der Titel schon sagt: Die Geschichte einer
„Geschlechtsumwandlung“ vom Mädchen zum
Mann.
Claudia Lang:
„Intersexualität - Menschen zwischen den
Geschlechtern“
Campus Verlag 2006, ISBN: 978-3-593-38223-4
Beschreibungen, was Transsexualität bedeutet sowie eine
psychologische Bewertung.
Becker, S.:
„Transsexualität –
Geschlechtsidentitätsstörung“
In Kockott, G. und Fahrner, E.: „Sexualstörungen“,
Thieme Verlag, 2004, ISBN: 978-3131282118
Hier finden sich zum Beispiel die statistischen Zahlen und die
Beschreibungen, was Transsexualität bedeutet.
Jeffrey Eugenides:
„Middlesex“
Rowohlt Verlag 2003, ISBN 978-3-498-01670-9
Ein Roman der sich mit der Thematik des
„Hermaphroditen“ auseinander setzt. Ein Mädchen
wächst heran, dass auch die Geschlechtsmerkmale eines Jungen
hat. Jeffrey Eugenides schildert die gesellschaftlichen Probleme,
die damit einhergehen, aber auch die psychischen Probleme des
„Mädchens“.
Uschi Müller
Stand: 08.11.2011
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