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Sendung vom 03. November 2011
Selbstgemacht
Sie haben noch nie ihre Gardinen genäht, noch nie Marmelade eingekocht oder selbst ein Brot gebacken? Dann sind Sie von gestern, nicht auf der Höhe der Zeit und verpassen den wichtigsten Trend dieser Tage: Selbermachen! Egal welche große Frauenzeitschrift Sie heute aufschlagen - überall werden Sie je nach Jahreszeit ermuntert, Ostereier zu bemalen, Hefezopf zu backen, Weihnhachtsservietten zu besticken oder aufwendige Plätzchen zu kreieren. Gern strickt die Frau von heute auch das Kuscheltier für die lieben Kleinen eigens zu Hause am Kamin. Wir wollten wissen: Was soll das alles? Will dieser Trend uns letztendlich nur überreden, als brave Hausfrau an den Herd zurückzukehren?
Um all das besser zu verstehen, besuchten wir eine junge Frau, die wohl kaum im Verdacht steht, die gute alte Zeit zurückzuwollen, in der Muttis einzige Lebensaufgabe darin bestand, Vati nach Feierabend in frisch gestärkter Schürze ein Menü zu servieren. Susanne Klingner ist nämlich bekennende Feministin der jungen Generation. Als schreibende Journalistin kämpft die junge Mutter immer wieder in ihren Artikeln für berufliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung, Frauenquote und Ähnliches. Und trotzdem: Ein ganzes Jahr lang wandte sie sich Haushaltstätigkeiten zu, die unsere Mütter im Laufe der letzten Jahrzehnte mühsam und erleichtert überwunden zu haben glaubten: Sie buk massenweise Brote und Kuchen, nähte und strickte ihre Kleidung selbst, machte Seife, Zahnpasta und sogar ihre eigenen Schuhe in mühevoller Handarbeit. Mitten in der Stadt baute sie außerdem Gemüse an und kochte selbst gesammelte Früchte zu Marmelade ein. Warum? Nun, zum einen wollte sie zunächst als Journalistin und Buchautorin wissen, was es mit diesem Trend auf sich hat, zum anderen erfuhr sie durch den Selbsttest vor allem eines: Selbermachen macht glücklich. Doch zugegeben: Das alles sei vor allem natürlich deshalb so schön und beglückend, weil es aus ihrem eigenen Alltag fast verschwunden sei. Kochen sei heute in ihrer Generation ja eher eine luxuriöse Freizeitbeschäftigung als eine Hausfrauenpflicht.
Um in einen größeren Kontext einzuordnen, was Susanne Klingner beim Hantieren mit Gelierzucker und Trockenhefe an Glücksgefühlen erlebte, trafen wir eine Frau, die sich beruflich mit derlei Trends auseinandersetzt: Die Diplom-Psychologin Ines Imdahl führt seit Jahren tiefenpsychologische, qualitative Interviews mit Menschen aller Couleur, um für die Marktforschung neue gesellschaftliche Umbrüche und Strömungen zu analysieren. Auch sie glaubt nicht, dass der Trend zum Selbermachen, ein reiner Retro-Trend ist, der die jungen Frauen zurück in die Küche drängen will. Vielmehr sieht sie in dem Wunsch, die Dinge buchstäblich wieder selbst in die Hand zu nehmen, den Ausdruck einer gefühlten Entfremdung, die wir alle in unserem Alltag empfinden. Innerlich und äußerlich gehetzt von Terminen, Telefonaten, E-Mails, Meetings, Schichtarbeit und Krisenangst hätten viele Menschen zunehmend das Gefühl, das ihnen die Dinge entglitten. Nach einem Tag voller Stress halte kaum einer von uns noch etwas Greifbares in den Händen, so dass sich ein lähmendes Gefühl der Entfremdung im fast marxistischen Sinne breitmache. Die Ergebnisse ihrer Studien zeigten: Wer sich entscheide, wieder selbst Hand anzulegen, statt nur zu shoppen, erobere sich damit vor allem Zeit zurück, die er gar nicht mehr zu haben glaubte - und eben das erhebende Gefühl, am Ende eines Tages wieder ein echtes, sichtbares Tagwerk in den Händen zu halten.
Seit Susanne Klingner stundenlang fluchend vor ihrer Nähmaschine saß, um ein „Kleines Schwarzes“ zu nähen, seit ihre mühsam selbstgezüchteten Zucchini im Regen verdarben und sie sich blaue Daumennägel beim Einschlagen der Schusternägel einfing, empfindet sie das Preisgefüge in den Läden geradezu als obszön. Sie habe durchs Selbermachen auch noch einmal ein ganz neues Gefühl für den Wert der Dinge bekommen, sagt sie heute. Tatsächlich, so bestätigt auch die Marktforscherin Ines Imdahl, sei Selbermachen auch eine Möglichkeit, zumindest zeitweise dem Hamsterrad der Globalisierung zu entkommen und einem System der wirtschaftlichen Ausbeutung anderer Länder einen, wenn auch kleinen, privaten Protest entgegenzusetzen – Eine Haltung, die sich auch in dem Trend abzeichne, zunehmend regionale bzw. Bio-Produkte zu kaufen. Letztendlich aber würden die Menschen ihrer Erfahrung nach nur in zweiter Konsequenz an die Näherin im asiatischen Sweatshop denken, sondern vor allem an sich selbst und das eigene Wohlbefinden. Wenn, wie im Falle des Trends zum Selbermachen, beide Kriterien erfüllt seien, spreche dies für einen eher nachhaltigen Trend, denn das Gefühl der Überlastung werde die Menschen noch lange begleiten. Susanne Klingner ist dem Selbermachen jedenfalls auch nach ihrem selbst auferlegten Probejahr größtenteils treu geblieben. Selbst gemachte Nudeln schmecken eben einfach köstlich.
Susanne Klingner:
„Hab ich selbst gemacht 365 Tag, 2 Hände, 66
Projekte“
Kiepenheuer & Witsch 2011, ISBN: 978-3-462-04285-6
Ein Selbsterfahrungsbericht, sehr lesenswert und amüsant
Debbie Stoller:
„Stich’n’Bitch“ The Knitters
Handbook: Instructions, Patterns, and Advice for a New Generation
of Knitters“
Workman Publshing 2004, ISBN: 978-0761128182
Das Strickgrundlagenbuch ist kein verstaubtes Strickbuch, sondern
der Startschuss einer weltweiten Bewegung, die sogar einen eigenen
Blog und weltweit Gruppen hat, die sich regelmäßig
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Herstellung feiner Pflanzenseifen in der eigenen
Küche“
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Klassische Anleitungen zum Selbermachen
Julia Schmidt-Jortzig
Stand: 31.10.2011
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