
Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Information
frauTV
Sendung vom 12. Januar 2012
Mädchen und Cybermobbing
Vier Fünftel aller Jugendlichen mailen, zwei Drittel
chatten, die Hälfte tummelt sich in sozialen Netzwerken wie
SchülerVZ oder Facebook. Durch Internet und andere
Kommunikationsmittel (Digitalkamera, Handy, Webcam) hat Mobbing
eine neue Dimension bekommen. Studien belegen, jeder vierte
Schüler hat Cybermobbing-Erfahrung oder kennt Opfer.
Mädchen sind nicht nur häufig Opfer, sondern beim
Cybermobbing häufig auch Täterinnen. Nicknames
garantieren Anonymität, da sinkt die Hemmschwelle
entwürdigende Fotos ins Netz zu stellen, bösartige
Gerüchte zu verbreiten, Hassforen zu gründen oder aus
Chatgruppen auszuschließen.
Die Übergriffe, häufig auch sexueller Natur, dringen so
vor in den privaten, häuslichen Bereich des Opfers. Doch aus
Scham und Angst vertrauen die wenigsten ihre Not den Eltern an. Der
Mobbing-Prozess wird anonymer, schneller, erreicht eine
größere Öffentlichkeit und ist kaum
rückgängig zu machen, denn Verunglimpfungen sind niemals
mit Sicherheit aus dem Netz zu entfernen. frauTV-Autorin Janine
Stolpe-Krüger zeigt, was dieser massive Dauerstress für
Mädchen bedeutet.
Der ARD-Film „Homevideo“ machte im Oktober
Schlagzeilen und bekam sogar den deutschen Fernsehpreis. Nach einer
wahren Begebenheit erzählt. Jakob, 15 Jahre, filmt sich selbst
beim Masturbieren. Ein Mitschüler bekommt seine Kamera in die
Finger, stellt den Film ins Netz und Jacob bringt sich daraufhin
um. Die TU Berlin hat jetzt 13- bis 17-Jährige zu Cybermobbing
befragt, die Studie wird in diesem Monat veröffentlicht. Grund
für uns einen Blick darauf zu werfen, welche Rolle die
Mädchen beim Cybermobbing spielen.
Laut Kriminalstatistik werden Mädchen seit geraumer Zeit
immer selbstbewusster und üben immer mehr Gewalt aus. Die
Kehrseite des modernen Rollenverständnisses. Bei
tätlicher Gewalt ist die Schere aber nach wie vor groß.
Im Verhältnis 90 zu 10 schlagen immer noch die Jungs zu. Beim
Cybermobbing jedoch sieht das völlig anders aus. Mädchen
sind ebenso oft Täter wie die Jungs. Gleichzeitig sind
Mädchen mehr von Cybermobbing betroffen. Sie werden
häufiger Opfer. Deshalb sollten sich Eltern die Frage stellen
lassen: Wissen Sie, was Ihre Tochter oder Ihr Sohn in ihrem Zimmer
oder bei Freunden im Internet treiben? Was schauen sie sich an, mit
wem chatten sie und über was? Welchen Anfeindungen wurden sie
im Netz bereits ausgesetzt?
Carmen Trenz ist Cybermobbing-Expertin bei der Arbeitsgemeinschaft
Kinder- und Jugendschutz NRW in Köln und Mitverfasserin von
zwei AJS-Broschüren zum Thema Mobbing. „Natürlich,
Eltern müssen nicht alles wissen“, sagt sie.
„Jugendlichen stehen Geheimnisse zu. Die Kontrolle sollte
sich deshalb in Grenzen halten. Aber sich dafür zu
interessieren, regelmäßig nachzufragen oder den Kindern
- mit deren Erlaubnis versteht sich - ab und zu über die
Schulter zu schauen, ist mehr als ratsam.“
Jeder vierte Jugendliche hat bereits Cybermobbing
erlebt
Tatsache ist, 90 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen heute
das Internet. Ein Handy besitzt fast jeder von ihnen. Und jeder
vierte Jugendliche hat Mobbing im Netz selbst erlebt oder kennt
Opfer.
Viele Freunde gelten als Messlatte für Beliebtheit. Eine
Freundschaftsanfrage bei Knuddels und Facebook ist deshalb schnell
bestätigt. Doch die wenigsten Jugendlichen sind sich der
Tragweite im vollen Umfang bewusst. Mit einem Click jedoch schauen
diese so genannten Freunde dann private Fotos an, können diese
sogar herunterladen oder lesen intime Gespräche mit. In
anderen Chatrooms wiederum können die Jugendlichen per Webcam
in Wohnungen rund um den Globus schauen und werden so oft auch mit
sexuellen Inhalten konfrontiert. Wie angreifbar diese Offenheit
macht, realisieren viele erst, wenn sie ins Visier von Mobbern
geraten.
Das Wuppertaler Medienprojekt hat 2010 Jugendliche zu ihren
Erfahrungen im Internet befragt und stellt in ihrer DVD
„Internetkommunikation“ die Gefahren des Netzes vor.
Kinder erzählen, dass ihre Profilbilder gefälscht wurden,
ihre Nicknames verhunzt. Sie berichten von geklauten Privatfotos,
von Jugendlichen, die sie per Webcam bedrohten oder sexistisch
belästigten. In manchen Chatrooms machen sich Mobbercliquen
gar einen Spaß daraus, sich gezielt ein Opfer zu suchen und
gemeinsam über dieses herzufallen. In Gruppen beleidigen sie
es und bedrohen es.
Fast immer setzt sich im Netz direktes Mobbing fort. 80 Prozent
der Gemobbten kennen den Täter aus ihrem privaten Umfeld,
meist aus der Schule. Durch digitale Medien jedoch bekommt das
Problem eine neue Dimension. Der Täter handelt oft anonym,
versteckt sich hinter Nicknames oder schreibt anonyme SMS und ist
deshalb schwer mit Bestimmtheit auszumachen. „Das ist
besonders schwer für Opfer zu ertragen, die Opfer können
nicht sehen, wer genau mobbt und wer mitmobbt“, meint Carmen
Trenz, „Es kann die beste Freundin sein, die hinter allem
steckt oder mitmacht.“
Jeder dritte Jugendliche war schon mal Opfer. Die Hälfte
gesteht: Ich mobbe selbst, aus Spaß, Langeweile, Rache! Und
Mädchen sind genauso aktiv wie Jungen! Mädchen sind in
sozialen Netzwerken ohnehin aktiver als Jungen. Jungen machen eher
Videospiele. Bei Mädchen scheint die Hemmschwelle aktiv zu
mobben dadurch zu sinken, weil sie das Leid, das sie anrichten,
nicht sehen. Sie müssen dem Opfer nicht ins Gesicht schauen.
Hinzu kommt: Was ist noch Frotzelei, wo beginnt es weh zu tun? Im
Internet fällt es schwerer als in der Realität das
auszumachen. Viele Jugendliche haben dafür kein Gespür.
Vielleicht auch deshalb rechtfertigen viele Mobber selbst
böseste Beleidigungen noch damit, sie hätten doch nur
einen Scherz machen wollen.
Beliebte Schmähungen: Opfer aus Chatgruppen
ausschließen oder von der Freundesliste streichen oder auf
das Opfer bezogene Hassgruppen gründen. Das tragische daran:
Was einmal im Netz steht, ist es kaum noch zu entfernen. Carmen
Trenz dazu: „Der Ruf eines Mädchens kann in einer
Sekunde ruiniert sein, wenn eine Verleumdung im Internet verbreitet
wird oder ein erniedrigendes Bild von ihr in Umlauf gebracht wird.
Und selbst wenn das Bild von ihr unverzüglich entfernt wird,
wer sagt, dass es nicht schon kopiert wurde. So können selbst
nach Jahren noch die Dämonen der Vergangenheit wieder
auftauchen.“ Das gibt den Jugendlichen das Gefühl von
Machtlosigkeit, von Ausgeliefertsein.
Der Dauerstress macht Mobbingopfer krank
Hinzu kommt, dass das Cybermobbing bis ins Private vordringt.
Früher war Mobbing begrenzt auf den Vormittag und die Schule,
heute kommen die Gemobbten selbst zu Hause, in den Ferien oder weit
weg im Urlaub nicht zur Ruhe und werden weiter beschimpft,
verhöhnt und bedroht. Der Dauerstress verursacht Symptome: Das
Selbstbewusstsein lässt mehr und mehr nach, die Opfer
isolieren sich, die Schulnoten verschlechtern sich. Gemobbte klagen
über Kopf- oder Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen,
Schwindel, Appetitlosigkeit. Sie vernachlässigen ihre Hobbys,
verlieren ihre Lebensfreude. Bis hin zu Selbstmordgedanken.
Jugendliche, die Selbstmord begehen, waren tatsächlich
häufig Mobbingopfer. Sie konnten keine positive Zukunft mehr
für sich sehen. „Natürlich können
psychosomatische Anzeichen auch andere Ursachen haben. Wichtig ist
es für Eltern, eine Mobbingbrille aufzusetzen“, rät
Carmen Trenz. „Könnte es Mobbing sein? Versuchen Sie
nachzufragen. Wenn sich die Kinder aber nicht äußern
wollen, nennen Sie ihnen andere Ansprechpartner, wo sie Rat
bekommen, etwa Mädchenberatungsstellen oder die Nummer gegen
Kummer.
Leider traut sich nur die Hälfte der Jugendlichen, ihre
Eltern einzuweihen. Zu groß ist ihre Angst, die Eltern
könnten zu den Mobbern gehen und damit die Mobbing-Situation
nur verschlimmern. Sie trauen den Erwachsenen nicht zu, dass sie
helfen können. Oftmals zu Recht, denn viele Eltern sind was
das Netz angeht immer noch sehr uninformiert. Welche
Sicherheitseinstellungen können schützen? Welcher
Provider birgt welches Risiko? Machen Sie sich schlau, am besten
mit Hilfe ihres Kindes. Für diese ist es ein tolles
Gefühl, mal schlauer sein zu dürfen.
Was sollten Eltern also tun, wenn sie erfahren, ihr Kind ist
betroffen? Was hilft gegen Mobbing? Gehen Sie zur Schule, reden Sie
mit dem Lehrer, einem Vertrauenslehrer oder dem Schulleiter und
veranlassen Sie, dass über die Situation in der Klasse
gesprochen wird und dass sie geklärt wird. Mobbing hört
nicht von allein auf. Mobbing verschlimmert sich, wenn Erwachsene
nicht einschreiten. Aber es ist nicht Aufgabe der Eltern, sondern
der Lehrer, das Klassenklima so zu verändern, dass das Mobbing
aufhört. „Mobbing ist ein Gruppenphänomen, deshalb
muss es in der Gruppe, wo es entsteht bekämpft werden“,
sagt Carmen Trenz. „Es sind nicht ein, zwei die mobben,
Mobbing ist erst möglich durch die vielen Dulder, durch die,
die tatenlos zuschauen. Deshalb muss das Sozialverhalten der ganzen
Gruppe geschult werden, auch das der Mobbber.“
Experten setzen beim Mobbing vor allem auf Prävention. In
Selbstverteidigungskursen können Schüler mehr
Selbstbewusstsein erlernen. Sicheres Auftreten, eine gute Haltung,
eine feste Stimme und die richtigen Worte helfen Mobbingattacken
schnell und nachhaltig abzuwehren. WenDo-Lehrerin Martina Kuschel
von WenDo Rheinland gibt Mädchen- und
Frauenselbstverteidigungskurse und spielt dort oft
Mobbing-Situationen mit den Teilnehmerinnen durch. „Es geht
darum, schnell aus der Mobbing-Situation raus zu gehen, man muss
sich wehrhaft zeigen und nicht in Panik verharren, sondern schnell
agieren und sich Hilfe holen. Dann kann man Mobbing abwenden, bevor
es wirklich entsteht. Daneben sollte man sich im Netz mit den
Sicherheitseinstellungen vertraut machen, um seine Bilder zu
schützen. Und sie empfiehlt, sein Passwort nicht weiter zu
geben, nicht einmal an die beste Freundin! Genauso wichtig sei es
aber, auch Hilfe für andere zu holen, denn erst das Dulden
macht Mobbing überhaupt möglich.
Die Mobber aktiv an der Lösung des Problems
beteiligen
Carmen Trenz favorisiert zur Bekämpfung von Mobbing den No
Blame Approach, weil er sich in der Praxis am meisten bewährt
habe. Das pädagogische Konzept erstaunt: Die Mobber werden bei
diesem Ansatz, der sich, weil er so einfach umzusetzen ist,
besonders gut für Schulen eignet, nicht bestraft, ihnen wird
keine Schuld zugewiesen. Sie werden nicht als Mobber angesprochen,
sondern werden mit ins Boot geholt. Das Mobbing-Problem wird in der
Klasse besprochen und eine Gruppe aus 6 - 8 Personen gegründet
(unter ihnen auch die Mobber), die helfen sollen, das Problem zu
lösen. So werden die Mobber an der Lösungsfindung aktiv
beteiligt. Gleichzeitig dürfen sie so eine besondere Stellung
in der Klasse behalten und bekommen bei Erfolg positives Feedback
für gutes soziales Verhalten. In mehr als 80 Prozent der
Mobbing-Fälle führt dieser Ansatz zum Erfolg: Das Mobbing
hört auf und es geht dem Opfer besser.
In Köln vermittelt fairaend den No-Blame-Approach. Die
Konfliktberater und Mediatoren Heike Blum und Detlef Beck von
fairaend in Köln führen dafür eintägige
Workshops für Multiplikatoren durch. Gleichzeitig bieten sie
Beratung und Unterstützung für Betroffene. Die
Theaterproduktion “Comic On!” tourt erfolgreich mit
zwei Theaterstücken, “R@usgemobbt” und
“R@usgemobbt 2.0″, an Schulen und in
Jugendeinrichtungen, um Jugendliche über die Risiken des
Internets aufzuklären und um Mobbing zum Thema zu
machen.
„Uns bleibt nichts anderes als auf die Prävention zu
setzen. Verhindern kann man Mobbing nicht. Und ein Internetverbot
bedeutet für die Opfer das soziale Aus. Davon rate ich
ab“, sagt Carmen Trenz. „Was wir brauchen ist mehr
Medienkompetenz bei den Jugendlichen und bei Erwachsenen. Und mehr
regelmäßiges Interesse der Eltern, was ihre Kinder so im
Netz treiben.“ Eltern sollten ihre Kinder darüber
aufklären, dass Frotzeleien im Netz schnell eine Eigendynamik
entwickeln und in Mobbing enden, deshalb muss im Netz vorsichtiger
kommuniziert werden. Im Netz gelten andere Regeln für
Kommunikation als von face to face, weil man nicht sieht, wie meine
Äußerungen ankommen. Ab wann ich mit Worten
verletze.
Natürlich sollten die Kinder wissen, dass sie niemals im
Internet oder Chat ihren wahren Namen, ihre Adresse oder
Telefonnummer nennen sollen! Doch zum jung sein gehört es
natürlich auch, Verbote zu missachten. Deshalb ist es wichtig,
dass die Jugendlichen ihre Eltern unbedingt hinter sich wissen. Was
immer auch geschieht, auch wenn sie zuwiderhandeln und dann in
Schwierigkeiten stecken.
Bis zu einem gewissen Alter sollte der Computer mit Internetzugang
nicht im Kinderzimmer stehen. „Der Computer, an dem das Kind
oder der Jugendliche chattet, sollte einen Platz bekommen, wo die
Eltern die Möglichkeiten haben, von Zeit zu Zeit zu schauen,
was gerade passiert und worüber gesprochen wird. Das
Wichtigste, da sind sich alle Experten einig, ist, ein stabiles
Vertrauensverhältnis zum Nachwuchs aufzubauen. Eltern und
Kinder müssen im Gespräch bleiben.
Bietet der jeweilige Provider übrigens die Möglichkeit,
einen speziellen Chatnamen (Screen) für die Nutzung der
Chaträume einzurichten, der nicht gleichzeitig die
E-Mail-Adresse darstellt, so ist die Nutzung dieser Funktion
anzuraten. Und Chat-Screen und E-Mail-Adresse sollten nicht
identisch sein, damit keine unerbetene Post im Postkasten
landet.
Wir danken dem Wuppertaler Medienprojekt herzlich für
ihr Material.
Innocence in Danger Sektion Deutschland e.V.:
„Mit einem Klick zum nächsten Kick“
Aggression und sexuelle Gewalt im Cyberspace
Verlag Mebes & Noack 2007, ISBN 978-3-927796-76-8
Eine Sammlung von Fachbeiträgen verschiedener Experten rund um
das Thema „Missbrauchgefahren im Internet“, gedacht
für Eltern und für Jugendliche als Aufklärungs- und
Informationslektüre.
Janine Stolpe-Krüger
Stand: 12.01.2012
Seite teilen