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Mädchen und Cybermobbing

Jeder vierte Schüler hat Cybermobbing-Erfahrung

  • SendeterminDonnerstag, 12. Januar 2012, 22.00 - 22.30 Uhr.
  • WiederholungsterminMontag, 16. Januar 2012, 11.30 - 12.00 Uhr (Wdh.).

Vier Fünftel aller Jugendlichen mailen, zwei Drittel chatten, die Hälfte tummelt sich in sozialen Netzwerken wie SchülerVZ oder Facebook. Durch Internet und andere Kommunikationsmittel (Digitalkamera, Handy, Webcam) hat Mobbing eine neue Dimension bekommen. Studien belegen, jeder vierte Schüler hat Cybermobbing-Erfahrung oder kennt Opfer. Mädchen sind nicht nur häufig Opfer, sondern beim Cybermobbing häufig auch Täterinnen. Nicknames garantieren Anonymität, da sinkt die Hemmschwelle entwürdigende Fotos ins Netz zu stellen, bösartige Gerüchte zu verbreiten, Hassforen zu gründen oder aus Chatgruppen auszuschließen.
Die Übergriffe, häufig auch sexueller Natur, dringen so vor in den privaten, häuslichen Bereich des Opfers. Doch aus Scham und Angst vertrauen die wenigsten ihre Not den Eltern an. Der Mobbing-Prozess wird anonymer, schneller, erreicht eine größere Öffentlichkeit und ist kaum rückgängig zu machen, denn Verunglimpfungen sind niemals mit Sicherheit aus dem Netz zu entfernen. frauTV-Autorin Janine Stolpe-Krüger zeigt, was dieser massive Dauerstress für Mädchen bedeutet.

Chatdialog im Internet auf einem Computerbildschirm.
Im Netz sind richtige Banden unterwegs, die gezielt junge Mädchen mit sexualisierten Sprüchen mobben.

Mädchen sind beim Cybermobbing ebenso oft Täter wie Jungen

Der ARD-Film „Homevideo“ machte im Oktober Schlagzeilen und bekam sogar den deutschen Fernsehpreis. Nach einer wahren Begebenheit erzählt. Jakob, 15 Jahre, filmt sich selbst beim Masturbieren. Ein Mitschüler bekommt seine Kamera in die Finger, stellt den Film ins Netz und Jacob bringt sich daraufhin um. Die TU Berlin hat jetzt 13- bis 17-Jährige zu Cybermobbing befragt, die Studie wird in diesem Monat veröffentlicht. Grund für uns einen Blick darauf zu werfen, welche Rolle die Mädchen beim Cybermobbing spielen.

Laut Kriminalstatistik werden Mädchen seit geraumer Zeit immer selbstbewusster und üben immer mehr Gewalt aus. Die Kehrseite des modernen Rollenverständnisses. Bei tätlicher Gewalt ist die Schere aber nach wie vor groß. Im Verhältnis 90 zu 10 schlagen immer noch die Jungs zu. Beim Cybermobbing jedoch sieht das völlig anders aus. Mädchen sind ebenso oft Täter wie die Jungs. Gleichzeitig sind Mädchen mehr von Cybermobbing betroffen. Sie werden häufiger Opfer. Deshalb sollten sich Eltern die Frage stellen lassen: Wissen Sie, was Ihre Tochter oder Ihr Sohn in ihrem Zimmer oder bei Freunden im Internet treiben? Was schauen sie sich an, mit wem chatten sie und über was? Welchen Anfeindungen wurden sie im Netz bereits ausgesetzt?

Carmen Trenz ist Cybermobbing-Expertin bei der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW in Köln und Mitverfasserin von zwei AJS-Broschüren zum Thema Mobbing. „Natürlich, Eltern müssen nicht alles wissen“, sagt sie. „Jugendlichen stehen Geheimnisse zu. Die Kontrolle sollte sich deshalb in Grenzen halten. Aber sich dafür zu interessieren, regelmäßig nachzufragen oder den Kindern - mit deren Erlaubnis versteht sich - ab und zu über die Schulter zu schauen, ist mehr als ratsam.“

Jeder vierte Jugendliche hat bereits Cybermobbing erlebt
Tatsache ist, 90 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen heute das Internet. Ein Handy besitzt fast jeder von ihnen. Und jeder vierte Jugendliche hat Mobbing im Netz selbst erlebt oder kennt Opfer.
Viele Freunde gelten als Messlatte für Beliebtheit. Eine Freundschaftsanfrage bei Knuddels und Facebook ist deshalb schnell bestätigt. Doch die wenigsten Jugendlichen sind sich der Tragweite im vollen Umfang bewusst. Mit einem Click jedoch schauen diese so genannten Freunde dann private Fotos an, können diese sogar herunterladen oder lesen intime Gespräche mit. In anderen Chatrooms wiederum können die Jugendlichen per Webcam in Wohnungen rund um den Globus schauen und werden so oft auch mit sexuellen Inhalten konfrontiert. Wie angreifbar diese Offenheit macht, realisieren viele erst, wenn sie ins Visier von Mobbern geraten.

Das Wuppertaler Medienprojekt hat 2010 Jugendliche zu ihren Erfahrungen im Internet befragt und stellt in ihrer DVD „Internetkommunikation“ die Gefahren des Netzes vor. Kinder erzählen, dass ihre Profilbilder gefälscht wurden, ihre Nicknames verhunzt. Sie berichten von geklauten Privatfotos, von Jugendlichen, die sie per Webcam bedrohten oder sexistisch belästigten. In manchen Chatrooms machen sich Mobbercliquen gar einen Spaß daraus, sich gezielt ein Opfer zu suchen und gemeinsam über dieses herzufallen. In Gruppen beleidigen sie es und bedrohen es.

Portrait einer Frau mit halblangen, blonden Haaren.
Cybermobbing-Expertin Carmen Trenz vom Kinder- und Jugendschutz NRW fordert mehr Medienkompetenz bei Kindern und Erwachsenen.

Mobbing erledigt sich nicht von selbst, man muss einschreiten

Fast immer setzt sich im Netz direktes Mobbing fort. 80 Prozent der Gemobbten kennen den Täter aus ihrem privaten Umfeld, meist aus der Schule. Durch digitale Medien jedoch bekommt das Problem eine neue Dimension. Der Täter handelt oft anonym, versteckt sich hinter Nicknames oder schreibt anonyme SMS und ist deshalb schwer mit Bestimmtheit auszumachen. „Das ist besonders schwer für Opfer zu ertragen, die Opfer können nicht sehen, wer genau mobbt und wer mitmobbt“, meint Carmen Trenz, „Es kann die beste Freundin sein, die hinter allem steckt oder mitmacht.“

Jeder dritte Jugendliche war schon mal Opfer. Die Hälfte gesteht: Ich mobbe selbst, aus Spaß, Langeweile, Rache! Und Mädchen sind genauso aktiv wie Jungen! Mädchen sind in sozialen Netzwerken ohnehin aktiver als Jungen. Jungen machen eher Videospiele. Bei Mädchen scheint die Hemmschwelle aktiv zu mobben dadurch zu sinken, weil sie das Leid, das sie anrichten, nicht sehen. Sie müssen dem Opfer nicht ins Gesicht schauen. Hinzu kommt: Was ist noch Frotzelei, wo beginnt es weh zu tun? Im Internet fällt es schwerer als in der Realität das auszumachen. Viele Jugendliche haben dafür kein Gespür. Vielleicht auch deshalb rechtfertigen viele Mobber selbst böseste Beleidigungen noch damit, sie hätten doch nur einen Scherz machen wollen.

Beliebte Schmähungen: Opfer aus Chatgruppen ausschließen oder von der Freundesliste streichen oder auf das Opfer bezogene Hassgruppen gründen. Das tragische daran: Was einmal im Netz steht, ist es kaum noch zu entfernen. Carmen Trenz dazu: „Der Ruf eines Mädchens kann in einer Sekunde ruiniert sein, wenn eine Verleumdung im Internet verbreitet wird oder ein erniedrigendes Bild von ihr in Umlauf gebracht wird. Und selbst wenn das Bild von ihr unverzüglich entfernt wird, wer sagt, dass es nicht schon kopiert wurde. So können selbst nach Jahren noch die Dämonen der Vergangenheit wieder auftauchen.“ Das gibt den Jugendlichen das Gefühl von Machtlosigkeit, von Ausgeliefertsein.

Der Dauerstress macht Mobbingopfer krank
Hinzu kommt, dass das Cybermobbing bis ins Private vordringt. Früher war Mobbing begrenzt auf den Vormittag und die Schule, heute kommen die Gemobbten selbst zu Hause, in den Ferien oder weit weg im Urlaub nicht zur Ruhe und werden weiter beschimpft, verhöhnt und bedroht. Der Dauerstress verursacht Symptome: Das Selbstbewusstsein lässt mehr und mehr nach, die Opfer isolieren sich, die Schulnoten verschlechtern sich. Gemobbte klagen über Kopf- oder Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Appetitlosigkeit. Sie vernachlässigen ihre Hobbys, verlieren ihre Lebensfreude. Bis hin zu Selbstmordgedanken. Jugendliche, die Selbstmord begehen, waren tatsächlich häufig Mobbingopfer. Sie konnten keine positive Zukunft mehr für sich sehen. „Natürlich können psychosomatische Anzeichen auch andere Ursachen haben. Wichtig ist es für Eltern, eine Mobbingbrille aufzusetzen“, rät Carmen Trenz. „Könnte es Mobbing sein? Versuchen Sie nachzufragen. Wenn sich die Kinder aber nicht äußern wollen, nennen Sie ihnen andere Ansprechpartner, wo sie Rat bekommen, etwa Mädchenberatungsstellen oder die Nummer gegen Kummer.

Leider traut sich nur die Hälfte der Jugendlichen, ihre Eltern einzuweihen. Zu groß ist ihre Angst, die Eltern könnten zu den Mobbern gehen und damit die Mobbing-Situation nur verschlimmern. Sie trauen den Erwachsenen nicht zu, dass sie helfen können. Oftmals zu Recht, denn viele Eltern sind was das Netz angeht immer noch sehr uninformiert. Welche Sicherheitseinstellungen können schützen? Welcher Provider birgt welches Risiko? Machen Sie sich schlau, am besten mit Hilfe ihres Kindes. Für diese ist es ein tolles Gefühl, mal schlauer sein zu dürfen.

Junges Mädchen geht auf einem einsamen Weg spazieren.
Ganz wichtig: die Kinder nicht mit dem Netz allein lassen.

Bei Mobbing setzen die Pädagogen auf die Prävention

Was sollten Eltern also tun, wenn sie erfahren, ihr Kind ist betroffen? Was hilft gegen Mobbing? Gehen Sie zur Schule, reden Sie mit dem Lehrer, einem Vertrauenslehrer oder dem Schulleiter und veranlassen Sie, dass über die Situation in der Klasse gesprochen wird und dass sie geklärt wird. Mobbing hört nicht von allein auf. Mobbing verschlimmert sich, wenn Erwachsene nicht einschreiten. Aber es ist nicht Aufgabe der Eltern, sondern der Lehrer, das Klassenklima so zu verändern, dass das Mobbing aufhört. „Mobbing ist ein Gruppenphänomen, deshalb muss es in der Gruppe, wo es entsteht bekämpft werden“, sagt Carmen Trenz. „Es sind nicht ein, zwei die mobben, Mobbing ist erst möglich durch die vielen Dulder, durch die, die tatenlos zuschauen. Deshalb muss das Sozialverhalten der ganzen Gruppe geschult werden, auch das der Mobbber.“

Experten setzen beim Mobbing vor allem auf Prävention. In Selbstverteidigungskursen können Schüler mehr Selbstbewusstsein erlernen. Sicheres Auftreten, eine gute Haltung, eine feste Stimme und die richtigen Worte helfen Mobbingattacken schnell und nachhaltig abzuwehren. WenDo-Lehrerin Martina Kuschel von WenDo Rheinland gibt Mädchen- und Frauenselbstverteidigungskurse und spielt dort oft Mobbing-Situationen mit den Teilnehmerinnen durch. „Es geht darum, schnell aus der Mobbing-Situation raus zu gehen, man muss sich wehrhaft zeigen und nicht in Panik verharren, sondern schnell agieren und sich Hilfe holen. Dann kann man Mobbing abwenden, bevor es wirklich entsteht. Daneben sollte man sich im Netz mit den Sicherheitseinstellungen vertraut machen, um seine Bilder zu schützen. Und sie empfiehlt, sein Passwort nicht weiter zu geben, nicht einmal an die beste Freundin! Genauso wichtig sei es aber, auch Hilfe für andere zu holen, denn erst das Dulden macht Mobbing überhaupt möglich.

Die Mobber aktiv an der Lösung des Problems beteiligen
Carmen Trenz favorisiert zur Bekämpfung von Mobbing den No Blame Approach, weil er sich in der Praxis am meisten bewährt habe. Das pädagogische Konzept erstaunt: Die Mobber werden bei diesem Ansatz, der sich, weil er so einfach umzusetzen ist, besonders gut für Schulen eignet, nicht bestraft, ihnen wird keine Schuld zugewiesen. Sie werden nicht als Mobber angesprochen, sondern werden mit ins Boot geholt. Das Mobbing-Problem wird in der Klasse besprochen und eine Gruppe aus 6 - 8 Personen gegründet (unter ihnen auch die Mobber), die helfen sollen, das Problem zu lösen. So werden die Mobber an der Lösungsfindung aktiv beteiligt. Gleichzeitig dürfen sie so eine besondere Stellung in der Klasse behalten und bekommen bei Erfolg positives Feedback für gutes soziales Verhalten. In mehr als 80 Prozent der Mobbing-Fälle führt dieser Ansatz zum Erfolg: Das Mobbing hört auf und es geht dem Opfer besser.

In Köln vermittelt fairaend den No-Blame-Approach. Die Konfliktberater und Mediatoren Heike Blum und Detlef Beck von fairaend in Köln führen dafür eintägige Workshops für Multiplikatoren durch. Gleichzeitig bieten sie Beratung und Unterstützung für Betroffene. Die Theaterproduktion “Comic On!” tourt erfolgreich mit zwei Theaterstücken, “R@usgemobbt” und “R@usgemobbt 2.0″, an Schulen und in Jugendeinrichtungen, um Jugendliche über die Risiken des Internets aufzuklären und um Mobbing zum Thema zu machen.

„Uns bleibt nichts anderes als auf die Prävention zu setzen. Verhindern kann man Mobbing nicht. Und ein Internetverbot bedeutet für die Opfer das soziale Aus. Davon rate ich ab“, sagt Carmen Trenz. „Was wir brauchen ist mehr Medienkompetenz bei den Jugendlichen und bei Erwachsenen. Und mehr regelmäßiges Interesse der Eltern, was ihre Kinder so im Netz treiben.“ Eltern sollten ihre Kinder darüber aufklären, dass Frotzeleien im Netz schnell eine Eigendynamik entwickeln und in Mobbing enden, deshalb muss im Netz vorsichtiger kommuniziert werden. Im Netz gelten andere Regeln für Kommunikation als von face to face, weil man nicht sieht, wie meine Äußerungen ankommen. Ab wann ich mit Worten verletze.

Zwei Mädchen sitzen vor einem Computer.
Es ist wichtig, dass die Jugendlichen ihre Eltern unbedingt hinter sich wissen - auch wenn sie Verbote missachten.

Was können Eltern tun?

Natürlich sollten die Kinder wissen, dass sie niemals im Internet oder Chat ihren wahren Namen, ihre Adresse oder Telefonnummer nennen sollen! Doch zum jung sein gehört es natürlich auch, Verbote zu missachten. Deshalb ist es wichtig, dass die Jugendlichen ihre Eltern unbedingt hinter sich wissen. Was immer auch geschieht, auch wenn sie zuwiderhandeln und dann in Schwierigkeiten stecken.

Bis zu einem gewissen Alter sollte der Computer mit Internetzugang nicht im Kinderzimmer stehen. „Der Computer, an dem das Kind oder der Jugendliche chattet, sollte einen Platz bekommen, wo die Eltern die Möglichkeiten haben, von Zeit zu Zeit zu schauen, was gerade passiert und worüber gesprochen wird. Das Wichtigste, da sind sich alle Experten einig, ist, ein stabiles Vertrauensverhältnis zum Nachwuchs aufzubauen. Eltern und Kinder müssen im Gespräch bleiben.

Bietet der jeweilige Provider übrigens die Möglichkeit, einen speziellen Chatnamen (Screen) für die Nutzung der Chaträume einzurichten, der nicht gleichzeitig die E-Mail-Adresse darstellt, so ist die Nutzung dieser Funktion anzuraten. Und Chat-Screen und E-Mail-Adresse sollten nicht identisch sein, damit keine unerbetene Post im Postkasten landet.

Wir danken dem Wuppertaler Medienprojekt herzlich für ihr Material.

Buchtipp

Innocence in Danger Sektion Deutschland e.V.:
„Mit einem Klick zum nächsten Kick“
Aggression und sexuelle Gewalt im Cyberspace
Verlag Mebes & Noack 2007, ISBN 978-3-927796-76-8
Eine Sammlung von Fachbeiträgen verschiedener Experten rund um das Thema „Missbrauchgefahren im Internet“, gedacht für Eltern und für Jugendliche als Aufklärungs- und Informationslektüre.

Autorin:

Janine Stolpe-Krüger

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Stand: 12.01.2012


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