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Sendung vom 19. Januar 2012
Paartherapie
Beziehungen haben zu funktionieren. Und wenn sie das auf einmal nicht mehr tun, dann spricht man erstens nicht gerne darüber und wartet zweitens oft viel zu lange, bis alle Zeichen längst auf Trennung stehen. Dabei gibt es Hilfe von außen: Paartherapie. Unsere Autorin Kathrin Schamoni war erst ziemlich überrascht, als sie hörte, dass ein befreundetes Pärchen dort hingeht, dann skeptisch, ob so etwas überhaupt funktionieren kann und dann … recherchierte sie für frauTV.
Beiträge bei frauTV entstehen oft so: Ein Gespräch bei einem guten Glas Rotwein, ein Erlebnis im eigenen Familien- oder Bekanntenkreis – und man denkt: Das müssten wir unbedingt mal in der Sendung machen. So war es auch in diesem Fall. Ich erfahre, dass ein Pärchen aus unserem Bekanntenkreis eine Beziehungskrise hat und dass sie jetzt auch schon zur Paartherapie gehen. Das hat mich im ersten Moment umgehauen – weil sie nach außen hin immer so perfekt wirkten und ich das nie gedacht hätte. Und dann begann es in meinem Kopf zu rattern: Paartherapie, was ist das überhaupt? Was macht man dort und was kann ein Therapeut leisten, was man zu zweit nicht hinbekommt? Ich bin skeptisch. Und der Beitrag ist geboren: Paartherapie, dazu müssen wir unbedingt mal etwas bei frauTV machen.
Meine Recherchereise beginnt im Internet. Ich versuche einen guten Paartherapeuten zu finden. Am Anfang fühle ich mich wie erschlagen: Das Angebot ist groß und unübersichtlich. Wer ist wirklich seriös? Paartherapeut, Paarcoach, Eheberater – all diese Berufsbezeichnungen sind nicht geschützt, jeder darf sich so nennen. Anders ist es bei Psychotherapeuten, sie müssen eine bestimmte Qualifikation nachweisen. Es gibt Psychotherapeuten, die auch Paartherapie anbieten. Über die Berufsverbände kommt man an Paartherapeuten in seiner Nähe. Der einfachste Weg ist jedoch, sich im Bekanntenkreis umzuhören (vorausgesetzt man möchte darüber sprechen) oder den Hausarzt zu fragen. Dann kommt die nächste Frage: Wer passt zu einem? Möchte man einen Therapeuten oder lieber eine Therapeutin? Es gibt auch Paartherapie im Doppelpack, das heißt, ein Therapeut und eine Therapeutin arbeiten zusammen. Die nehmen zwar in der Regel ein höheres Honorar, dafür hat jeder, Mann und Frau, einen an seiner Seite. Das kann hilfreich sein. Am Ende entscheidet oft das Bauchgefühl: Wer ist auf dem Foto seiner Homepage sympathisch, wer hat eine angenehme Stimme am Telefon?
Ich treffe ein Therapeuten-Paar. Im „echten Leben“ sind sie kein Paar, aber seit 20 Jahren arbeiten sie gemeinsam. Ihre Rolle – vergleichbar mit der eines Sporttrainers, sagen sie. „Die Arbeit müssen eigentlich die Paare machen. So wie eine Mannschaft, die auf dem Feld dann auch alleine ist. Und so verstehen wir auch unsere Arbeit: Wir geben Anregungen, Hinweise, Aufgaben oder schlagen Experimente vor, aber die Hauptarbeit findet Zuhause statt“, beschreibt Paartherapeutin Inge Mühlberger. Eine Paartherapie-Praxis erinnert überhaupt nicht an eine Arztpraxis. Es wirkt nicht steril, sondern ganz im Gegenteil sehr warm, ein Ort zum Wohlfühlen. Jeweils zwei Sessel stehen sich gegenüber. Hier sitzen sie dann und reden, wo ihnen Zuhause oft die Worte fehlen oder jedes Gespräch in Streit ausartet. Erstmal geht es darum, dass die Therapeuten alles über die Situation und die Beziehung erfahren. „Wir fragen die Paare übereinander aus“, erzählt Inge Mühlberger. „Wir nennen das Tratschen in Anwesenheit des Betratschten. Wir fragen den Mann darüber, wie seine Frau seine Situation sieht und umgekehrt.“ Und es wird mitunter auch sehr intim: „Das unterschiedliche Erleben von Sexualität, die Tatsache, dass Dinge als eingefahren, als schön oder weniger schön erlebt werden, sind sicherlich Themen, die angesprochen werden“, ergänzt Paartherapeut Peter Wattler-Kugler. Oft sei das für Paare ein kleiner Schock oder zumindest Überraschungs-Moment: Über Sex, über das, was ihnen gefällt oder nicht gefällt, haben sie vorher oft noch nie gesprochen.
Das klingt alles gut und schön, aber ich frage mich trotzdem, ob sich ein Gefühl wie Liebe überhaupt wieder beleben lässt. Was ist, wenn die Liebe im Laufe der Zeit auf der Strecke geblieben ist? „Man kann schon vieles, was eine Krise angehäuft hat, auch wieder wegräumen“, sagt Inge Mühlberger. „Wo noch eine Liebesgeschichte erzählt wird, da ist auch noch Liebe im Spiel und wenn es uns gelingt, in einem Gespräch daran anzuknüpfen, wenn Paare von ihrer Kennenlern-Situation sprechen und anfangen zu strahlen, dann ist das schon ein sehr wichtiger Schritt.“ Dann tauche dieses alte Gefühl plötzlich wieder auf. Das Problem ist, dass viele Paare zu lange warten, bis sie sich entscheiden etwas zu tun bzw. zu ändern. Ein amerikanischer Paartherapeut hat herausgefunden: Unglückliche Paare warten im Schnitt etwa sechs Jahre, bis sie sich Hilfe holen. Genaue Zahlen darüber, wie viele Paare tatsächlich eine Paartherapie nutzen, gibt es nicht, nur Schätzungen. Und die gehen davon aus, dass etwa zehn Prozent aller Paare, die eine Krise haben, zur Paartherapie gehen. Die Erfolgsquote ist gar nicht schlecht. Mehr als der Hälfte von ihnen könne nachhaltig geholfen werden.
Eine Paartherapie geht in der Regel über 10 bis 15 Sitzungen. Bei unserem Therapeuten-Paar dauert sie fünf bis sieben Sitzungen über einen längeren Zeitraum. Und dann sollte spürbar eine Entwicklung oder Veränderung da sein. Die Kosten hierfür müssen die Paare selbst zahlen, die Krankenkasse zahlt nichts. Eine Therapiestunde liegt normalerweise zwischen 80 und 150 Euro. Deutlich günstiger sind übrigens Paarberatungen, die von der Kirche oder staatlichen Beratungsstellen wie Pro Familia angeboten werden. Oft sind sie sogar kostenlos. Dafür muss man manchmal länger auf einen Termin warten.
Was ich am Ende meiner Recherchereise mitnehme: Ich muss auf meine Beziehung achten und rechtzeitig wahrnehmen, wenn etwas schief läuft. Und dann auch bereit sein zu handeln. Übrigens, so viel sei verraten: Das Pärchen aus unserem Bekanntenkreis ist sich während der Paartherapie wieder näher gekommen.
Guy Bodenmann:
„Beziehungskrisen erkennen, verstehen,
bewältigen“
Huber Verlag, ISBN: 978-3456841779
Guy Bodenmann ist Schweizer, Professor an der Universität
Zürich und Experte auf dem Gebiet Paartherapie. Er hat viele
Bücher zu dem Thema verfasst. In diesem zeigt er anhand von
Beispielen, worauf Paare achten müssen, wenn ihre Beziehung
weiterhin funktionieren soll, was Risikofaktoren für Krisen
sind und wie man Frühsignale erkennt.
Guy Bodenmann:
„Was Paare stark macht“
Beobachter Buchverlag, ISBN: 978-3-85569-458-7
Guy Bodenmanns neueres Buch (gemeinsam mit Caroline Brändli/
von 2010) gibt Tipps, wie man den Beziehungstrott hinter sich
lässt und enthält dazu neueste wissenschaftliche
Erkenntnisse. Zurzeit ist es allerdings leider nicht
verfügbar.
Hans Jellouschek:
„Liebe auf Dauer – was Partnerschaft lebendig
hält“
Herder Verlag, ISBN: 978-3451060120
Auch Hans Jellouschek ist Experte auf seinem Gebiet, arbeitet seit
30 Jahren als Paartherapeut und hat zahlreiche Ratgeber hierzu
geschrieben. Dieses Buch enthält einfache Grundsätze und
praktische Hinweise für eine lebendige Liebesbeziehung. Am
Ende gibt es noch einen kleinen
„Beziehungs-Haltbarkeits-Test“
.
Loriot:
„Szenen einer Ehe in Wort und
Bild“
Diogenes Verlag, ISBN: 978-3257217643
Manchmal hilft einfach Humor...
Kathrin Schamoni
Stand: 20.01.2012
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