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Sendung vom 19. Januar 2012
Abhängig vom Medium
Andrea Kappelmann steckte in einer Lebenskrise. Eheprobleme, pubertierende Kinder, viel Stress im Beruf als Krankenschwester. Sie hatte das Gefühl, nicht mehr klarzukommen und wollte Hilfe. Aber die Wartelisten bei den Psychologen waren lang. Eine Freundin gab ihr die Telefonnummer von einer Frau, die Lebensberatung anbot. Andrea Kappelmann rief an. Dass dieser Anruf ihr ganzes Leben verändern würde, war ihr damals nicht klar.
Schon nach dem ersten Telefonat mit der sogenannten Lebensberaterin fühlte sich Andrea Kappelmann besser: endlich jemand, der ihr zuhört. Für damals 90 DM die Stunde ging sie dann regelmäßig zu der Frau. Sie besprachen ihre Probleme, die Frau gab ihr Tipps und Andrea Kappelmann bekam einen Halt, den sie so lange vermisst hatte. Stück für Stück geriet sie in eine Abhängigkeit von ihrem „Medium“. Schneller als sie dachte. Bald bildete sich eine esoterische Gruppe um die Frau, der auch Andrea Kappelmanns Geschwister angehörten. Gehirnwäsche wurde da betrieben, sagt Andrea Kappelmann heute. Damals glaubte sie alles, besonders auch den in der Gruppe entdeckten sexuellen Missbrauch durch die Eltern. Die drei Geschwister zeigten, unterstützt durch die Lebensberaterin, die Eltern an.
Die Eltern fielen aus allen Wolken. Lange schon machten sie sich
Sorgen um ihre Kinder in dieser seltsamen esoterischen Gruppe. Als
dann aber die Strafanzeige kam, waren sie verzweifelt und holten
sich Hilfe von der Beratungsstelle „Schulterschluss
e.V.“. Hier können sich Menschen beraten lassen, deren
Angehörige in die Fänge von esoterischen Gruppierungen
geraten.
Andrea Kappelmann bekam langsam Zweifel und stellte ihrer
„Führerin“ unangenehme Fragen. Kurzerhand wurde
sie aus der Gruppe geworfen. Sie fing eine echte Psychotherapie an
und erkannte hier, was sie schon länger vermutete: Einen
Missbrauch durch die Eltern hat es nie gegeben. Alles war ihr von
der Gruppenführerin eingeredet worden, damit sie immer
stärker in die Gruppenabhängigkeit geriet. Andrea
Kappelmann nahm wieder Kontakt zu ihren Eltern auf und sprach sich
mit ihnen aus. Heute haben sie wieder ein gutes Verhältnis,
auch wenn die Narben immer bleiben werden.
Da sich die Esoterikabhängigen freiwillig in diesen Gruppierungen bewegen, ist ein Eingreifen von außen schwierig. Angehörige fühlen sich oft ohnmächtig. Die Zahl der Esoteriksüchtigen nimmt stetig zu. Empfänglich sind dafür Frauen im mittleren Alter, die sich durch Ehe- oder Familienprobleme, Krankheit oder sonstige Probleme in einer Lebenskrise befinden. Die spirituellen Angebote sind vielfältig: Neben den selbst ernannten Lebensberatern und Wahrsagern gibt es Vorträge, Seminare oder Kurse zu spirituellen Themen. Meist sind sie kostenpflichtig und haben ein gemeinsames Ziel: Den Krisengeschüttelten erst emotional und dann finanziell auszunehmen.
Joachim Huessner:
„Ein Weg hinters Licht“
Drachenmond Verlag, ISBN: 978-3-931989-55-2
Der Autor beschreibt den Weg seiner Frau, die immer tiefer in die
Abhängigkeit einer esoterischen Gruppierung gerät. Ein
erschütternder Erfahrungsbericht, um den Kampf eines Mannes um
seine Frau, den er am Schluss verliert.
Heike Dierbach:
„Die Seelen-Pfuscher. Pseudotherapien, die krank
machen können“
Rowohlt, ISBN: 978-3-499-62586-2
Die Autorin und Dipl.-Psychologin warnt in ihrem Buch vor den
Risiken selbsternannter Heiler und ihrer Methoden. Sie zeigt auch,
wie sinnvolle therapeutische Hilfe aussieht und wo man sie
findet.
Ingo Kugenbach:
„Warum sich der Löffel biegt und die Madonna
weint. Übersinnliche Phänomene und ihre irdischen
Erklärungen“
Humboldt, ISBN: 978-3-89994-207-1
Der Journalist und Physiker beschäftigt sich in seinem Buch
mit der Erforschung übersinnlicher Phänomene.
Susann Liman
Stand: 17.01.2012
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