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Tabuthema: Selbstbefriedigung

  • SendeterminDonnerstag, 19. Januar 2012, 22.00 - 22.30 Uhr.
  • WiederholungsterminMontag, 23. Januar 2012, 11.30 - 12.00 Uhr (Wdh.).

Anja Braun, Herausgeberin des Erotikmagazins „Feigenblatt“, plante eine Ausgabe zum Thema Selbstbefriedigung. Aber wie soll man über etwas schreiben, über das kaum einer redet? Um herauszufinden, wie sich die Menschen selbst lieben, wie viel Zeit sie sich nehmen und was das mit ihnen macht, überlegte sich Anja Braun, eine Umfrage im Internet zum Thema „Selbstbefriedigung“. 935 Menschen machten mit und beantworteten 14 Fragen rund um das Tabu-Thema.

Portrait Anja Braun
Anja Braun ist Herausgeberin des Erotik-Magazins „Feigenblatt“.

Fragen und Antworten zum Thema „Selbstbefriedigung“

Wer machte mit bei der Umfrage?
Anja Braun:
„Die Hälfte der Teilnehmer, war zwischen 20 und 40, der Rest zwischen 40 und 60, die Hälfte waren Frauen nur bei den Älteren waren die Männer in der Überzahl, bei den über 60-Jährigen waren kaum noch Frauen dabei. Dreiviertel der Teilnehmer leben in einer festen Beziehung, viele Frauen definierten den Status als „unklar“ so dass man vom Status als Geliebte ausgehen kann“.

Schriftzug "Wie oft?"

Wie oft praktizieren die Befragten „Selbstbefriedigung“?
Anja Braun:
„Die Antworten zwischen „weniger als einmal die Woche bis mehrmals täglich“ verteilten sich gleichmäßig, und am häufigsten war die Antwort dreimal wöchentlich, Singles tun es erstaunlicherweise seltener und die über 40 jährigen Frauen befriedigen sich häufiger als die jüngeren. Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern war ausgewogen. Die meisten tun es nackt im Bett oder nutzen das Badezimmer.“

Welche Phantasien werden ausgelebt?
Anja Braun:
„Vor allem Frauen konzentrieren sich voll und ganz auf ihre körperliche Empfindung und das Kino im Kopf. Dazu gehören erotische Erinnerungen. Ein Großteil der häufig masturbierenden Frauen stellen sich Dinge vor, die sie noch nie erlebt haben und vielleicht auch nie erleben werden. Männer holen sich Anregungen im Internet, während Frauen saftige Prosa bevorzugen. Wichtig ist eine schöne Atmosphäre – das sagten immerhin auch ein Drittel der Männer. Telefonsex, Pornofilme oder Online-Chats nutzen vor allem ältere Herren zur Anregung.“

Welche Hilfsmittel werden genutzt?
Anja Braun:
„Über die Hälfte der Befragten nutzt keine Hilfsmittel, ein Drittel der Frauen haben einen Vibrator oder Hilfsmittel zum Einführen. Ja und noch ein Gerücht konnten wir entkräften: Dessous oder Reizwäsche nutzt kaum eine, wichtig war eher, dass man etwas Bequemes oder gar nichts an hat.“

Wie viel Zeit nehmen sich die Teilnehmer für die Selbstliebe?
Anja Braun:
„Die meisten Frauen nehmen sich für die Eigenliebe, dreimal länger Zeit als Männer, nämlich zwischen 10 und 30 Minuten Zeit. Jede Dritte dabei täglich und häufig hintereinander, Männer hören meistens nach dem ersten Erguss auf.“

Welchen Wert messen die Teilnehmer der Befragung der Selbstbefriedigung zu?
Andrea Braun:
„Die meisten, die mitgemacht haben, sehen Selbstbefriedigung als eine Abwechslung und Bereicherung ihres Liebeslebens. Interessant auch, dass mehr jüngere Frauen als Männer die Antwort 'Masturbation beruhigt' gaben und jede Dritte fand: 'dass es mehr Spaß macht als Sex mit einem Partner'.“

Schriftzug "Wo?"

Kurioses zum Thema: Selbstbefriedigung

Zu Beginn des 20. Jahrhundertes meldete ein findiger Geist das Patent für eine Masturbationsalarmanlage an: Bewegte sich das Kinderbett, klingelte ein Glöckchen im Elternschlafzimmer. Das „Moderne Lexikon der Ehe“ befindet Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts über den Umgang mit dem „masturbierenden Nachwuchs“: Beim Übermaß wird der Arzt leicht gewürzte Kost, Schlaf auf hartem Lager, dazu viel Spiel und Sport im Freien verordnen, damit die angeregte Fantasie durch den müden Körper zum Schweigen gebracht wird.“ Erst 1972 wurde Onanie von der American Medical Association für normal erklärt. In diesem Jahr hatte die Bundesprüfstelle eine Bravo Ausgabe mit dem Titel „Onanie“ noch auf den Index gesetzt.

Umfragen zu Thema

Bevor die Feigenblatt Herausgeber die Umfrage zum Thema Selbstliebe starteten, gab es nur eine einzige Umfrage zu diesem Thema. Die Berliner Charité führte diese im Jahr 2003 durch. Sie beschäftigte sich mit dem „Sexleben von Frauen“. Die Fragebögen lagen damals in Praxen aus und 575 Frauen zwischen 17 und 71 Jahren machten mit. Dabei kam heraus, dass die Mehrheit der Frauen den Körper sehr gut kennt und fast 80 % sich regelmäßig selbst befriedigten. Wichtig dabei waren die Phantasien und die Rückenlage. Das Durchschnittsalter zum Beginn der Selbstbefriedigung betrug 14,3 Jahre. Allerdings machten 18 % der damals Befragten zum Thema Selbstbefriedigung machten keine Angaben. Das wurde von den Wissenschaftlern der Charité insofern bewertet, dass trotz „Sexualisierung der Gesellschaft“ Masturbation für Frauen offenbar immer noch ein Tabu sei.
Ebenfalls im Jahr 2003 ergab eine Studie an der Bonner Universität, dass sich 90 Prozent aller Männer und 86 % der Frauen egal welchen Alters und welchen Beziehungsstatus regelmäßig selbstbefriedigen. Eine Studie der Universität Hamburg unter 12,000 Studenten verzeichnete in den vergangenen Zeitraum von 30 Jahren (1972-2002) einen Anstieg um 22 %, die Zahl der Frauen verdoppelte sich in dieser Zeit sogar. Alle Befragten erlebten Onanie als eigenständige Spielart der Lust. Sich selbst zu lieben, - zumindest wenn es zum Orgasmus kommt - trainiert den Muskel zwischen Schambein und Anus, den sogenannten Beckenboden. Das beugt Blasenschwäche vor und kann das sexuelle Erleben auf Dauer verstärken. Ganz abgesehen vom guten Gefühl, das zurückbleibt.

Buchtipps

Feigenblatt Heft 19 (nur noch im Antiquariat):
„Ich liebe mich!“
Hierin steht die komplette Befragung, viele Geschichten und Bilder zum Thema Selbstbefriedigung.

Ruth Westheimer:
„Silver Sex“
Campus, ISBN:978-3-59338271-5
Ein Ratgeber zur lustvollen Liebe, in dem sich die Sexratgeberin natürlich auch der Selbstliebe widmet.

Elisa Brune und Yves Ferroul:
„Das Geheimnis der Frauen. Alles über den weiblichen Orgasmus“
Mosaik, ISBN 978-3-442-39218-6
Ein wirklich interessantes Buch zum Thema, mit vielen medizinischen und kulturhistorischen Fakten. Natürlich geht es auch um Selbstbefriedigung.

Autorin:

Uschi Müller

Stand: 18.01.2012


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