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Sendung vom 19. Januar 2012
Tabuthema: Selbstbefriedigung
Anja Braun, Herausgeberin des Erotikmagazins „Feigenblatt“, plante eine Ausgabe zum Thema Selbstbefriedigung. Aber wie soll man über etwas schreiben, über das kaum einer redet? Um herauszufinden, wie sich die Menschen selbst lieben, wie viel Zeit sie sich nehmen und was das mit ihnen macht, überlegte sich Anja Braun, eine Umfrage im Internet zum Thema „Selbstbefriedigung“. 935 Menschen machten mit und beantworteten 14 Fragen rund um das Tabu-Thema.
Wer machte mit bei der Umfrage?
Anja Braun:
„Die Hälfte der Teilnehmer, war zwischen 20 und 40, der
Rest zwischen 40 und 60, die Hälfte waren Frauen nur bei den
Älteren waren die Männer in der Überzahl, bei den
über 60-Jährigen waren kaum noch Frauen dabei.
Dreiviertel der Teilnehmer leben in einer festen Beziehung, viele
Frauen definierten den Status als „unklar“ so dass man
vom Status als Geliebte ausgehen kann“.
Wie oft praktizieren die Befragten
„Selbstbefriedigung“?
Anja Braun:
„Die Antworten zwischen „weniger als einmal die Woche
bis mehrmals täglich“ verteilten sich
gleichmäßig, und am häufigsten war die Antwort
dreimal wöchentlich, Singles tun es erstaunlicherweise
seltener und die über 40 jährigen Frauen befriedigen sich
häufiger als die jüngeren. Das Verhältnis zwischen
Frauen und Männern war ausgewogen. Die meisten tun es nackt im
Bett oder nutzen das Badezimmer.“
Welche Phantasien werden ausgelebt?
Anja Braun:
„Vor allem Frauen konzentrieren sich voll und ganz auf ihre
körperliche Empfindung und das Kino im Kopf. Dazu gehören
erotische Erinnerungen. Ein Großteil der häufig
masturbierenden Frauen stellen sich Dinge vor, die sie noch nie
erlebt haben und vielleicht auch nie erleben werden. Männer
holen sich Anregungen im Internet, während Frauen saftige
Prosa bevorzugen. Wichtig ist eine schöne Atmosphäre
– das sagten immerhin auch ein Drittel der Männer.
Telefonsex, Pornofilme oder Online-Chats nutzen vor allem
ältere Herren zur Anregung.“
Welche Hilfsmittel werden genutzt?
Anja Braun:
„Über die Hälfte der Befragten nutzt keine
Hilfsmittel, ein Drittel der Frauen haben einen Vibrator oder
Hilfsmittel zum Einführen. Ja und noch ein Gerücht
konnten wir entkräften: Dessous oder Reizwäsche nutzt
kaum eine, wichtig war eher, dass man etwas Bequemes oder gar
nichts an hat.“
Wie viel Zeit nehmen sich die Teilnehmer für die
Selbstliebe?
Anja Braun:
„Die meisten Frauen nehmen sich für die Eigenliebe,
dreimal länger Zeit als Männer, nämlich zwischen 10
und 30 Minuten Zeit. Jede Dritte dabei täglich und häufig
hintereinander, Männer hören meistens nach dem ersten
Erguss auf.“
Welchen Wert messen die Teilnehmer der Befragung der
Selbstbefriedigung zu?
Andrea Braun:
„Die meisten, die mitgemacht haben, sehen Selbstbefriedigung
als eine Abwechslung und Bereicherung ihres Liebeslebens.
Interessant auch, dass mehr jüngere Frauen als Männer die
Antwort 'Masturbation beruhigt' gaben und jede Dritte fand:
'dass es mehr Spaß macht als Sex mit einem
Partner'.“
Zu Beginn des 20. Jahrhundertes meldete ein findiger Geist das Patent für eine Masturbationsalarmanlage an: Bewegte sich das Kinderbett, klingelte ein Glöckchen im Elternschlafzimmer. Das „Moderne Lexikon der Ehe“ befindet Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts über den Umgang mit dem „masturbierenden Nachwuchs“: Beim Übermaß wird der Arzt leicht gewürzte Kost, Schlaf auf hartem Lager, dazu viel Spiel und Sport im Freien verordnen, damit die angeregte Fantasie durch den müden Körper zum Schweigen gebracht wird.“ Erst 1972 wurde Onanie von der American Medical Association für normal erklärt. In diesem Jahr hatte die Bundesprüfstelle eine Bravo Ausgabe mit dem Titel „Onanie“ noch auf den Index gesetzt.
Bevor die Feigenblatt Herausgeber die Umfrage zum Thema
Selbstliebe starteten, gab es nur eine einzige Umfrage zu diesem
Thema. Die Berliner Charité führte diese im Jahr 2003
durch. Sie beschäftigte sich mit dem „Sexleben von
Frauen“. Die Fragebögen lagen damals in Praxen aus und
575 Frauen zwischen 17 und 71 Jahren machten mit. Dabei kam heraus,
dass die Mehrheit der Frauen den Körper sehr gut kennt und
fast 80 % sich regelmäßig selbst befriedigten. Wichtig
dabei waren die Phantasien und die Rückenlage. Das
Durchschnittsalter zum Beginn der Selbstbefriedigung betrug 14,3
Jahre. Allerdings machten 18 % der damals Befragten zum Thema
Selbstbefriedigung machten keine Angaben. Das wurde von den
Wissenschaftlern der Charité insofern bewertet, dass trotz
„Sexualisierung der Gesellschaft“ Masturbation für
Frauen offenbar immer noch ein Tabu sei.
Ebenfalls im Jahr 2003 ergab eine Studie an der Bonner
Universität, dass sich 90 Prozent aller Männer und 86 %
der Frauen egal welchen Alters und welchen Beziehungsstatus
regelmäßig selbstbefriedigen. Eine Studie der
Universität Hamburg unter 12,000 Studenten verzeichnete in den
vergangenen Zeitraum von 30 Jahren (1972-2002) einen Anstieg um 22
%, die Zahl der Frauen verdoppelte sich in dieser Zeit sogar. Alle
Befragten erlebten Onanie als eigenständige Spielart der Lust.
Sich selbst zu lieben, - zumindest wenn es zum Orgasmus kommt -
trainiert den Muskel zwischen Schambein und Anus, den sogenannten
Beckenboden. Das beugt Blasenschwäche vor und kann das
sexuelle Erleben auf Dauer verstärken. Ganz abgesehen vom
guten Gefühl, das zurückbleibt.
Feigenblatt Heft 19 (nur noch im Antiquariat):
„Ich liebe mich!“
Hierin steht die komplette Befragung, viele Geschichten und Bilder
zum Thema Selbstbefriedigung.
Ruth Westheimer:
„Silver Sex“
Campus, ISBN:978-3-59338271-5
Ein Ratgeber zur lustvollen Liebe, in dem sich die Sexratgeberin
natürlich auch der Selbstliebe widmet.
Elisa Brune und Yves Ferroul:
„Das Geheimnis der Frauen. Alles über den
weiblichen Orgasmus“
Mosaik, ISBN 978-3-442-39218-6
Ein wirklich interessantes Buch zum Thema, mit vielen medizinischen
und kulturhistorischen Fakten. Natürlich geht es auch um
Selbstbefriedigung.
Uschi Müller
Stand: 18.01.2012
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