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Sendung vom 02. Februar 2012
Alter Mann – junge Frau
Katarina und Jean haben einen Altersunterschied von fast einem
Vierteljahrhundert – und sie wollen ein gemeinsames Kind.
Auch wenn der Vater älter als 80 Jahre sein wird, wenn es
erwachsen ist. Das Paar fragt sich regelmäßig: Wovon ist
unsere Liebe abhängig? Vom Alter? Vom Aussehen? Von den
Perspektiven?
Das Paar, das unsere frauTV Autorin Gudrun Holtz vorstellt, glaubt
an das Gedicht von Erich Fried: Was es ist! ‚Es ist Unsinn
sagt die Vernunft. Es ist was es ist sagt die Liebe.’ In
diesem Sinne sagt Katarina: „Ich glaube, es ist so, dass man
sich das nicht aussucht. Die Liebe ist ein Geschenk. Und ich
glaube, dass wir das wirklich als Geschenk sehen und wir das leben
möchten.“ Das Alter sei eben nicht das Entscheidende
für das Glück zu zweit.
Katharina Aits (37) und Jean Sievers (61) sind seit zwei Jahren
ein Liebespaar und leben seit einem Jahr in einer gemeinsamen
Wohnung. Kennengelernt haben sie sich im Haus ihres Arbeitgebers.
In unregelmäßigen Abständen begegneten sie sich auf
den Fluren, im Fahrstuhl oder in der Kantine. Jean fragte Katarina,
ob sie sich treffen könnten. So fing alles an. Katarina war
zuerst sehr zurückhaltend. Zu Beginn ihrer Annäherung
fand Katarina die Vorstellung, sich den Hof von einem so viele
Jahre älteren Mann machen zu lassen, absurd. Was machte
Katarina, eine so viel jüngere Frau, für Jean attraktiv?
„Aufgefallen ist mir ihr selbstbewusster Schritt. Sie ist
eine sehr starke und lebensfrohe Frau.“
Katarina verliebte sich in Jeans Augen, diesen neugierigen,
lebendigen Blick. Am Anfang war Katarina zögerlich, denn
welche gemeinsamen Perspektiven hätten sie? Ihre Sehnsucht war
stärker und sie ließ sich auf die Treffen ein. Sie
genoss das Zusammensein. Beide lebten zu dem Zeitpunkt in Trennung.
Trotzdem, Jean: „Es kam mir einfach zu früh. Ich kam aus
einer Beziehung. Sehr, sehr früh nach Ende der Beziehung habe
ich mich in Katka verliebt. Das hat einfach in meine Pläne
nicht gepasst. Mein Plan war, wenn deine Beziehung nicht geht, dann
gehe voll in deinen Beruf ein. Sexualität – ersetze das
mit Arbeit oder Alkohol. Und endlich mach Ruhe mit den doppelten
X-Chromosomen. Und es ist eben nicht so geworden.“ Katarina:
„Geknistert hat es paradoxerweise als Jean beruflich
wegziehen sollte.“ Eine Weile führten sie eine
Fernbeziehung – sie hielt – da war klar, dass sie ein
Paar bleiben wollen.
Doch Fragen quälten sie: Welche Perspektiven hätten
sie? Wie würden Freunde und seine Kinder reagieren?
„Unsere Freunde und Kollegen haben es überwiegend
positiv angenommen. Wir selber haben uns das viel schwieriger
vorgestellt als es in der Tat war“, erklärt Katarina.
Auch das Integrieren in den bestehenden Freundeskreis, in die
Familie ist unkompliziert. „Es ist ja auch wirklich ein sehr
großer Altersunterschied – aber was sagt das
schon?“ Katarina: „Ich vermute, dass Altersunterschied
und Liebe nicht korrelieren.“ „Schön, dass du mit
Jean so glücklich bist!“ Ein Satz aus der E-Mail einer
Freundin, die auch Psychologin ist. Allerdings war die Beziehung
für ihre Eltern und ihren Bruder zuerst ein Schock. Katarina
erinnert sich: „Mein Bruder, der sonst sehr offen ist und
immer zu mir gestanden hat, musste es zuerst
‚verdauen‘.“
Einem der Brüder von Jean erging es ebenso: „Darauf muss
ich jetzt einen Schnaps trinken.“ Allerdings ist nach dem
direkten Kennenlernen der Kontakt warm und herzlich geworden
– u.a. auch mit mehr Verständnis für diese
Partnerwahl. Jean hat bereits erwachsene Söhne, die das Paar
immer wieder besuchen. „Was sie genau denken, wissen wir
nicht, aber sie haben uns als Paar warmherzig angenommen,
erklärt Jean.“ Es ist nicht selbstverständlich,
wenn man bedenkt, dass der älteste Sohn von Jean nur ein Jahr
jünger ist als Katarina. Allerdings beschäftigt das Paar
ihr Umfeld: „Wir mussten uns aber auch an die fragenden bzw.
missbilligenden Blicke fremder Leute auf der Straße
gewöhnen. Die kennen uns nicht – sie haben
wahrscheinlich nur ihre Klischees und eigene Projektionen im
Kopf“, vermutet Katarina.
Katarina und Jean wünschen sich ein gemeinsames Kind. Doch
auch sie wissen, Vaterschaft zu leben, dafür scheint es
– jenseits aller biologischen Voraussetzungen – eine
biologische Uhr zu geben. Nach einer Studie der BZgA gilt unter den
Männern das Vaterwerden bis 50 als okay, danach wird es
bereits als zweifelhafte Sache betrachtet, weil das Risiko steigt,
ein krankes Kind in die Welt zu setzen. „Auch im
späteren Leben des Kindes kann sich ein höheres
väterliches Alter offenbar negativ auswirken. So berichten
Biowissenschaftler des schwedischen Karolinska Instituts, dass
Hirntumore und Blutkrebs bei Kindern älterer Väter etwas
häufiger auftreten. Trotzdem: Die Zahl der Oldie-Väter in
Deutschland wächst dennoch stetig. Fast jedes 20. in deutschen
Landen geborene Baby hat einen Vater, der älter als 50 Jahre
ist.
Der Anteil der späten Mütter steigt ebenso. Bei fast
jeder vierten Geburt in Deutschland ist die Frau heute 35 Jahre
oder älter. Jean: „Wir hatten es relativ schnell
beschlossen. Wir sind ein Paar und ein stabiles Paar, und dann war
die Möglichkeit offen, dass ein Kind daraus entsteht. Wir
hatten im Kopf, nun ja, wenn ein Kind darin gezeugt wird, dann
dauert es meistens eine Weile bis so etwas klappt und na ja, es hat
aber gleich beim ersten Mal geklappt. Das war eine dicke
Überraschung für uns. Wir waren ein bisschen
baff.“
Katarina informierte ihre Eltern darüber: „Meine
Mutter hat sich tierisch gefreut, weil sie sich sehr wünscht,
dass ich ein Kind haben werde. Mein Vater war ziemlich aus dem
Häuschen. Der konnte das einfach nicht verstehen, und ich
glaube, das hat damit zu tun, dass er nur ein paar Jahre älter
ist als Jean. Es ging ihm überhaupt nicht in den Kopf, wie
sich jemand in dem Alter noch auf so etwas einlassen kann. Aber das
hat er mittlerweile gut verdaut. Er hat sich dann sehr gefreut.
Meine Eltern waren sehr unterstützend. Was ich sehr schön
finde.“
Allerdings: Jean und Katarina verloren im siebten Monat ihr Kind.
Katarina: „Das kam sehr unerwartet, weil ich eine problemlose
Schwangerschaft hatte und das ging einfach so schnell, innerhalb
einer Woche, war alles anders.“ Der Verlust von ihrem Baby
Phillip ist hart, aber es hat sie einander noch näher gebracht
und ihren Wunsch gestärkt. Jean: „Wenn alles gut geht,
wird unser Kind zu Hause ganz viel Liebe, Wärme und
Unterstützung erfahren, aber er wird einen alten Papa haben
– dies könnte in der Schule oder in seinem Freundeskreis
für ihn/sie Schwierigkeiten bereiten.“ Katarina:
„Wenn wir Pech haben, werde ich unser Kind alleine erziehen
müssen. Es gibt aber tausende Gründe, an welchen Familien
zerbrechen – nicht nur das Alter. Auch ein junges Paar kann
scheitern. Unsere Hoffnungen sind dieselben, die Ängste sind
mehr als bei einem jungen Paar.“ Für beide ist die
Herausforderung, die Vergänglichkeit des Lebens mit Würde
zu ertragen, die im Alter am deutlichsten wird. Sie bleiben bei
ihrem Wunsch, Eltern zu werden, auch wenn die Uhr für einen
großen gemeinsamen Wunsch tickt.
Der Alltag zwischen den beiden funktioniert hervorragend. Das
Paar beschäftigt vielmehr die Angst um die Unaufhaltbarkeit
der biologischen Uhr – was ist in zehn Jahren? „Wir
zweifeln nicht an unserer Liebe, sondern an den möglichen
Folgen des Alterns. Die Zeit ist uns kostbar geworden – wir
haben das Gefühl, keine unerschöpfliche Ressource zu
haben. Umso intensiver erleben wir das ‚hier und
jetzt’“, erklärt Jean. Katarina ergänzt:
„Wir haben nicht das Gefühl, noch das ganze Leben vor
uns zu haben.“ Sie achten darauf, die Zeit nicht sinnlos zu
verbringen. Sinnlos in der Hinsicht, sich mit Sachen zu
beschäftigen, die nicht so wichtig sind. Ihre Prioritäten
haben sich bei ihnen verlagert. Jean: „Also, wie verbringe
ich meine Zeit? Mit wem verbringe ich meine Zeit? Es ist mir auch
wichtig, bestimmte Streitigkeiten zu vermeiden, denn
schließlich nimmt es die Zeit weg und sie ist so wertvoll.
Wir wollen noch viel bewusster leben, als wir es in der
Vergangenheit getan haben, vor allem, was uns als Paar nahe bringt
und meiden, was uns die gemeinsame Zeit raubt. Dabei möchten
wir weiterhin zwei eigenständige Menschen bleiben, die aktiv
am Leben teilnehmen.“
Jean war bisher dreimal verheiratet und weiß wie sehr man
sich an Streitigkeiten festbeißen kann, die die Zeit rauben.
Für Katarina steht fest: „Ich habe den Ehrgeiz, die
längste Beziehung von Jean zu sein. Entweder mit oder ohne
Kind. Das bedeutet, wir bleiben mindesten 25 Jahre zusammen.“
Ein Paar mit einem großen Altersunterschied ist teilweise mit
anderen Fragestellungen beschäftigt, als ein junges
gleichaltriges Paar. Was einen älteren Mann an einer jungen
Frau interessiert, könnte am besten im Einzelfall beantwortet
werden. Die Hauptsache in Beziehungen ist doch letztendlich, dass
sie funktionieren und die Menschen sich gut tun, unabhängig
vom Geschlecht, Herkunft und Alter. Und gibt es überhaupt
einen optimalen Zeitpunkt, um Vater zu werden? Manchmal ist es
nicht der richtige Partner, oder ein Kind stört die Karriere,
oder der Rest der Welt behauptet der Vater oder die Mutter sei zu
alt.
Uly Foerster:
Alte Väter: Vom Glück der späten
Vaterschaft
Fackelträger Verlag 2010, ISBN 978-3771644369
Der Autor ist Redakteur und wurde mit knapp 60 zum ersten Mal
Vater. Er schreibt u.a. darüber, was ältere Männer
und ihre häufig sehr viel jüngere Frauen motiviert,
Eltern zu werden.
Sina-Aline Geissler und Wolfgang Bergmann:
„Der neue Lolita –
Komplex“
Wenn ältere Männer junge Frauen lieben
Hestia Verlag 1997, ISBN 978-3811811669
(gebraucht oder in Bibliotheken erhältlich)
Worum geht es in diesen ungleichen Verbindungen? Welche
Bedürfnisse wollen die Paare in dieser Konstellation
befriedigt bekommen? Dieses Buch räumt mit Vorurteilen auf.
Fakt ist, Lolita-Beziehungen können glücklich sein, wenn
das Paar den Mut aufbringt, sich den vorgefertigten Rollenklischees
zu widersetzen.
Gudrun Holtz
Stand: 02.02.2012
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