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Alter Mann – junge Frau

  • SendeterminDonnerstag, 02. Februar 2012, 22.00 - 22.30 Uhr .
  • WiederholungsterminDienstag, 06. März 2012, 11.30 - 12.00 Uhr (Wdh.).

Katarina und Jean haben einen Altersunterschied von fast einem Vierteljahrhundert – und sie wollen ein gemeinsames Kind. Auch wenn der Vater älter als 80 Jahre sein wird, wenn es erwachsen ist. Das Paar fragt sich regelmäßig: Wovon ist unsere Liebe abhängig? Vom Alter? Vom Aussehen? Von den Perspektiven?
Das Paar, das unsere frauTV Autorin Gudrun Holtz vorstellt, glaubt an das Gedicht von Erich Fried: Was es ist! ‚Es ist Unsinn sagt die Vernunft. Es ist was es ist sagt die Liebe.’ In diesem Sinne sagt Katarina: „Ich glaube, es ist so, dass man sich das nicht aussucht. Die Liebe ist ein Geschenk. Und ich glaube, dass wir das wirklich als Geschenk sehen und wir das leben möchten.“ Das Alter sei eben nicht das Entscheidende für das Glück zu zweit.

Ein Paar steht auf einer Treppe.
Bei der Arbeit lernten sie sich kennen und lieben.

Zweifel gibt es viele in so einer Konstellation

Katharina Aits (37) und Jean Sievers (61) sind seit zwei Jahren ein Liebespaar und leben seit einem Jahr in einer gemeinsamen Wohnung. Kennengelernt haben sie sich im Haus ihres Arbeitgebers. In unregelmäßigen Abständen begegneten sie sich auf den Fluren, im Fahrstuhl oder in der Kantine. Jean fragte Katarina, ob sie sich treffen könnten. So fing alles an. Katarina war zuerst sehr zurückhaltend. Zu Beginn ihrer Annäherung fand Katarina die Vorstellung, sich den Hof von einem so viele Jahre älteren Mann machen zu lassen, absurd. Was machte Katarina, eine so viel jüngere Frau, für Jean attraktiv? „Aufgefallen ist mir ihr selbstbewusster Schritt. Sie ist eine sehr starke und lebensfrohe Frau.“

Katarina verliebte sich in Jeans Augen, diesen neugierigen, lebendigen Blick. Am Anfang war Katarina zögerlich, denn welche gemeinsamen Perspektiven hätten sie? Ihre Sehnsucht war stärker und sie ließ sich auf die Treffen ein. Sie genoss das Zusammensein. Beide lebten zu dem Zeitpunkt in Trennung. Trotzdem, Jean: „Es kam mir einfach zu früh. Ich kam aus einer Beziehung. Sehr, sehr früh nach Ende der Beziehung habe ich mich in Katka verliebt. Das hat einfach in meine Pläne nicht gepasst. Mein Plan war, wenn deine Beziehung nicht geht, dann gehe voll in deinen Beruf ein. Sexualität – ersetze das mit Arbeit oder Alkohol. Und endlich mach Ruhe mit den doppelten X-Chromosomen. Und es ist eben nicht so geworden.“ Katarina: „Geknistert hat es paradoxerweise als Jean beruflich wegziehen sollte.“ Eine Weile führten sie eine Fernbeziehung – sie hielt – da war klar, dass sie ein Paar bleiben wollen.

Ein Paar spielt Tischtennis im Wald.
Katarina und Jean sind trotz großem Altersunterschied glücklich miteinander.

Wie würde das Umfeld auf ihre Beziehung reagieren?

Doch Fragen quälten sie: Welche Perspektiven hätten sie? Wie würden Freunde und seine Kinder reagieren? „Unsere Freunde und Kollegen haben es überwiegend positiv angenommen. Wir selber haben uns das viel schwieriger vorgestellt als es in der Tat war“, erklärt Katarina. Auch das Integrieren in den bestehenden Freundeskreis, in die Familie ist unkompliziert. „Es ist ja auch wirklich ein sehr großer Altersunterschied – aber was sagt das schon?“ Katarina: „Ich vermute, dass Altersunterschied und Liebe nicht korrelieren.“ „Schön, dass du mit Jean so glücklich bist!“ Ein Satz aus der E-Mail einer Freundin, die auch Psychologin ist. Allerdings war die Beziehung für ihre Eltern und ihren Bruder zuerst ein Schock. Katarina erinnert sich: „Mein Bruder, der sonst sehr offen ist und immer zu mir gestanden hat, musste es zuerst ‚verdauen‘.“

Einem der Brüder von Jean erging es ebenso: „Darauf muss ich jetzt einen Schnaps trinken.“ Allerdings ist nach dem direkten Kennenlernen der Kontakt warm und herzlich geworden – u.a. auch mit mehr Verständnis für diese Partnerwahl. Jean hat bereits erwachsene Söhne, die das Paar immer wieder besuchen. „Was sie genau denken, wissen wir nicht, aber sie haben uns als Paar warmherzig angenommen, erklärt Jean.“ Es ist nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass der älteste Sohn von Jean nur ein Jahr jünger ist als Katarina. Allerdings beschäftigt das Paar ihr Umfeld: „Wir mussten uns aber auch an die fragenden bzw. missbilligenden Blicke fremder Leute auf der Straße gewöhnen. Die kennen uns nicht – sie haben wahrscheinlich nur ihre Klischees und eigene Projektionen im Kopf“, vermutet Katarina.

Portrait eines Mannes.
Bei älteren Männern steigt das Risiko, dass ihr Kind krank geboren wird.

Der Wunsch: Ein gemeinsames Kind

Katarina und Jean wünschen sich ein gemeinsames Kind. Doch auch sie wissen, Vaterschaft zu leben, dafür scheint es – jenseits aller biologischen Voraussetzungen – eine biologische Uhr zu geben. Nach einer Studie der BZgA gilt unter den Männern das Vaterwerden bis 50 als okay, danach wird es bereits als zweifelhafte Sache betrachtet, weil das Risiko steigt, ein krankes Kind in die Welt zu setzen. „Auch im späteren Leben des Kindes kann sich ein höheres väterliches Alter offenbar negativ auswirken. So berichten Biowissenschaftler des schwedischen Karolinska Instituts, dass Hirntumore und Blutkrebs bei Kindern älterer Väter etwas häufiger auftreten. Trotzdem: Die Zahl der Oldie-Väter in Deutschland wächst dennoch stetig. Fast jedes 20. in deutschen Landen geborene Baby hat einen Vater, der älter als 50 Jahre ist.

Der Anteil der späten Mütter steigt ebenso. Bei fast jeder vierten Geburt in Deutschland ist die Frau heute 35 Jahre oder älter. Jean: „Wir hatten es relativ schnell beschlossen. Wir sind ein Paar und ein stabiles Paar, und dann war die Möglichkeit offen, dass ein Kind daraus entsteht. Wir hatten im Kopf, nun ja, wenn ein Kind darin gezeugt wird, dann dauert es meistens eine Weile bis so etwas klappt und na ja, es hat aber gleich beim ersten Mal geklappt. Das war eine dicke Überraschung für uns. Wir waren ein bisschen baff.“

Freude und Verwunderung zugleich

Katarina informierte ihre Eltern darüber: „Meine Mutter hat sich tierisch gefreut, weil sie sich sehr wünscht, dass ich ein Kind haben werde. Mein Vater war ziemlich aus dem Häuschen. Der konnte das einfach nicht verstehen, und ich glaube, das hat damit zu tun, dass er nur ein paar Jahre älter ist als Jean. Es ging ihm überhaupt nicht in den Kopf, wie sich jemand in dem Alter noch auf so etwas einlassen kann. Aber das hat er mittlerweile gut verdaut. Er hat sich dann sehr gefreut. Meine Eltern waren sehr unterstützend. Was ich sehr schön finde.“

Allerdings: Jean und Katarina verloren im siebten Monat ihr Kind. Katarina: „Das kam sehr unerwartet, weil ich eine problemlose Schwangerschaft hatte und das ging einfach so schnell, innerhalb einer Woche, war alles anders.“ Der Verlust von ihrem Baby Phillip ist hart, aber es hat sie einander noch näher gebracht und ihren Wunsch gestärkt. Jean: „Wenn alles gut geht, wird unser Kind zu Hause ganz viel Liebe, Wärme und Unterstützung erfahren, aber er wird einen alten Papa haben – dies könnte in der Schule oder in seinem Freundeskreis für ihn/sie Schwierigkeiten bereiten.“ Katarina: „Wenn wir Pech haben, werde ich unser Kind alleine erziehen müssen. Es gibt aber tausende Gründe, an welchen Familien zerbrechen – nicht nur das Alter. Auch ein junges Paar kann scheitern. Unsere Hoffnungen sind dieselben, die Ängste sind mehr als bei einem jungen Paar.“ Für beide ist die Herausforderung, die Vergänglichkeit des Lebens mit Würde zu ertragen, die im Alter am deutlichsten wird. Sie bleiben bei ihrem Wunsch, Eltern zu werden, auch wenn die Uhr für einen großen gemeinsamen Wunsch tickt.

Portrait einer Frau.
Katarina weiß, dass ihre gemeinsame Zeit nicht endlos ist.

Die Zeit zusammen intensiv erleben

Der Alltag zwischen den beiden funktioniert hervorragend. Das Paar beschäftigt vielmehr die Angst um die Unaufhaltbarkeit der biologischen Uhr – was ist in zehn Jahren? „Wir zweifeln nicht an unserer Liebe, sondern an den möglichen Folgen des Alterns. Die Zeit ist uns kostbar geworden – wir haben das Gefühl, keine unerschöpfliche Ressource zu haben. Umso intensiver erleben wir das ‚hier und jetzt’“, erklärt Jean. Katarina ergänzt: „Wir haben nicht das Gefühl, noch das ganze Leben vor uns zu haben.“ Sie achten darauf, die Zeit nicht sinnlos zu verbringen. Sinnlos in der Hinsicht, sich mit Sachen zu beschäftigen, die nicht so wichtig sind. Ihre Prioritäten haben sich bei ihnen verlagert. Jean: „Also, wie verbringe ich meine Zeit? Mit wem verbringe ich meine Zeit? Es ist mir auch wichtig, bestimmte Streitigkeiten zu vermeiden, denn schließlich nimmt es die Zeit weg und sie ist so wertvoll. Wir wollen noch viel bewusster leben, als wir es in der Vergangenheit getan haben, vor allem, was uns als Paar nahe bringt und meiden, was uns die gemeinsame Zeit raubt. Dabei möchten wir weiterhin zwei eigenständige Menschen bleiben, die aktiv am Leben teilnehmen.“

Jean war bisher dreimal verheiratet und weiß wie sehr man sich an Streitigkeiten festbeißen kann, die die Zeit rauben. Für Katarina steht fest: „Ich habe den Ehrgeiz, die längste Beziehung von Jean zu sein. Entweder mit oder ohne Kind. Das bedeutet, wir bleiben mindesten 25 Jahre zusammen.“ Ein Paar mit einem großen Altersunterschied ist teilweise mit anderen Fragestellungen beschäftigt, als ein junges gleichaltriges Paar. Was einen älteren Mann an einer jungen Frau interessiert, könnte am besten im Einzelfall beantwortet werden. Die Hauptsache in Beziehungen ist doch letztendlich, dass sie funktionieren und die Menschen sich gut tun, unabhängig vom Geschlecht, Herkunft und Alter. Und gibt es überhaupt einen optimalen Zeitpunkt, um Vater zu werden? Manchmal ist es nicht der richtige Partner, oder ein Kind stört die Karriere, oder der Rest der Welt behauptet der Vater oder die Mutter sei zu alt.

Buchtipps

Uly Foerster:
Alte Väter: Vom Glück der späten Vaterschaft
Fackelträger Verlag 2010, ISBN 978-3771644369
Der Autor ist Redakteur und wurde mit knapp 60 zum ersten Mal Vater. Er schreibt u.a. darüber, was ältere Männer und ihre häufig sehr viel jüngere Frauen motiviert, Eltern zu werden.

Sina-Aline Geissler und Wolfgang Bergmann:
„Der neue Lolita – Komplex“
Wenn ältere Männer junge Frauen lieben
Hestia Verlag 1997, ISBN 978-3811811669
(gebraucht oder in Bibliotheken erhältlich)
Worum geht es in diesen ungleichen Verbindungen? Welche Bedürfnisse wollen die Paare in dieser Konstellation befriedigt bekommen? Dieses Buch räumt mit Vorurteilen auf. Fakt ist, Lolita-Beziehungen können glücklich sein, wenn das Paar den Mut aufbringt, sich den vorgefertigten Rollenklischees zu widersetzen.

Autorin:

Gudrun Holtz

Stand: 02.02.2012


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