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frauTV
Sendung vom 02. Februar 2012
Medizinprodukte ohne Kontrolle
Der Skandal um Brustimplantate mit billigem Industriesilikon hat
viele aufgeschreckt und Frauen verunsichert. Wie kann es sein, dass
Ärzte etwas unter die Haut implantieren – und Jahre
später kommt heraus, was wirklich drin ist? Doch nicht nur
Brustimplantate sind schlecht kontrolliert.
frauTV stellt das Schicksal einer Frau vor, die gegen ihre Falten
angehen wollte, und heute durch hässliche Knoten im Gesicht
für immer gezeichnet ist. Die ‚Filler’, Mittel,
mit denen Falten aufgespritzt werden, haben sich Jahre nach der
Anwendung chronisch entzündet. Die Frau musste operiert werden
und nochmals teuer bezahlen, denn Schönheitsbehandlungen
erfolgen auf eigenes Risiko. Auf eigenes Risiko, mit Produkten, die
nur lückenhaft kontrolliert werden.
In Deutschland werden Aufspritzmittel nur schlecht
kontrolliert
Im Alter von 43 Jahren beschließt Petra Pape: Jetzt will ich
die Spuren des Alters beseitigen lassen. Wenn es geht, dann
dauerhaft. Ein Produkt, ein Arzt findet sich schnell. Petra Pape
ist voll berufstätig. Sie hat eine Spedition, viel
Kundenkontakt.
Sie möchte gerne jünger aussehen, so jung, wie sie sich
auch fühlt. Sie spricht mit niemandem darüber. Auch nicht
mit Freundinnen. Eine Faltenunterspritzung in Stirn, Nasenfalten
und um den Mund könnte ihr Ausweg sein. Ca. 3.000.- DM (im
Jahr 2000) wird das später alles in allem kosten, aber das ist
es ihr wert! Erst Jahre später wird sie Nebenwirkungen
spüren, die irreparabel sind: Petra Pape hat sich einen so
genannten permanenten Filler injizieren lassen, der
Acrylkügelchen enthält. Dass es mit dem Produkt immer
wieder zu Problemen kommt, hat ihr niemand gesagt.
In Deutschland sind circa 70 verschiedene injizierbare
Füllmaterialien auf dem Markt. Es gibt immer mehr und auch
eine wachsende Anzahl von Frauen und Männern, die nach
Verjüngungsmaßnahmen suchen. Allein 2011 waren es mehr
als 500.000 Eingriffe. Es gibt Botox, das ein Arzneimittel ist und
entsprechend geprüft wird. Botox kann aber nur in den Muskel
gespritzt werden, um ihn eine Zeitlang zu lähmen. Etwa die
Stirn.
Daneben gibt es die zahlreichen Filler auf Hyaluronsäure-
oder Collagenbasis. Sie füllen auf, machen Volumen, sollen
Falten glätten. Sie allerdings gehören nicht zu den
Arzneimitteln, sondern zu den Medizinprodukten. Das bedeutet, sie
werden von keiner staatlichen Stelle zugelassen. Der Hersteller
allein bringt den Nachweis, ob sein Produkt gut ist, und dass es
von ihm geprüft wurde. Das können klinische Studien sein,
müssen es aber nicht. Lediglich eine europäische
CE-Zertifizierung ist nötig. Unternehmen wie TÜV oder
Dekra prüfen dann die Dokumente der Hersteller. Eine
Laboruntersuchung durch den TÜV findet beispielsweise nicht
statt.
Zertifizierungen sind leicht
erhältlich
Ein Dermatologe schreibt: „Eine CE-Zertifizierung ist daher
relativ einfach zu erhalten; die strengen Anforderungen für
Medikamente müssen nicht erfüllt werden – und diese
gesetzliche Grauzone nutzen auch viele Nichtärzte, um mit
dermalen Fillern zu behandeln.“
Dem Bundesgesundheitsministerium sind diese schwachen Kontrollen
genug. Im Januar 2012 schreibt das Ministerium auf
frauTV-Nachfrage: „Die vorgesehenen Pflichten (des
Herstellers) zur Meldung von schwerwiegenden Produktproblemen sind
nach Ansicht des BMG … ausreichend.“ Dr. Theodor
Windhorst von der Ärztekammer Westfalen Lippe sieht das
anders. Er fordert staatlich überwachte Prüfungen, die
beispielsweise das Bundesamt für Arzneimittel und
Medizinprodukte übernehmen solle. Das Amt könne
„aufgerüstet“ werden mit Geld und Personal, um
entsprechende Untersuchungen machen zu können. Aber auch eine
neu zu schaffende Institution wäre für Windhorst denkbar.
Ärzte und Patienten müssten endlich wissen, was sie
spritzen oder gespritzt bekommen. Klinische Studien seien
unabdingbar.
Die USA sind da heute schon weiter. Dort sind wesentlich weniger
Falten-Auffüller auf dem Markt, insgesamt nur etwa 10
verschiedene. Die Food and Drug Administration, die für die
Zulassung aller Medizinprodukte zuständig ist, kontrolliert
schärfer, behandelt Filler ähnlich wie Arzneimittel. Ein
Vorbild, auch für den europäischen Markt, so
Windhorst.
Und das wäre nötig, denn Ärzte verschiedener
Fachrichtungen sind sich einig: Filler können
Nebenwirkungen haben; Allergien, Rötungen, Entzündungen.
Im schlimmsten Fall können Granulome auftreten, knotenartige
Gewebeneubildungen.
Zu den problematischen Fillern gehören jene, die permanent in
der Haut bleiben. Und möglicherweise auch Filler, die von den
Herstellern ohne Nachweis klinischer Studien angeboten werden. Den
Arzt danach zu fragen ist wichtig! Denn später haftet niemand
mehr.
Einige Jahre nach der Faltenunterspritzung im Gesicht merkt
Petra Pape, dass etwas nicht stimmt. Dort wo ihr Arzt das
Anti-Falten-Mittel spritzte, bilden sich Knötchen. Diese
röten sich, es juckt: An der Nase, am Kinn und an der
Stirn.
Die einzige Möglichkeit für Petra Pape, eine dauerhafte
Verbesserung zu erreichen, ist ein guter Arzt, einer, der ihr
helfen soll. Sie trifft auf Prof. Dirschka, ein Wuppertaler
Dermatologe, der sich besonders auf Hautkrebserkrankungen
spezialisiert hat. Das Ergebnis ihres ersten Besuches: An der Stirn
kann er operativ die Knoten entfernen, aber es wird eine Narbe
bleiben – an Nase und Kinn kann er nichts mehr machen. Ein
Schock für Petra Pape.
Sie muss sich abfinden, mit den Schwellungen und Knötchen im
Gesicht. Sie übt, sich zu schminken. Tagsüber, bei hellem
Licht, sieht man trotzdem noch die Knötchen. Noch einmal, sagt
sie, würde sie diese Faltenbehandlung sicher nicht mehr
machen. Der Drang, unbedingt jugendlich aussehen zu wollen, hat
seinen hässlichen Preis gefordert.
Kristian Reich, Marie-Anne Schlolaut, Volker Steinkraus:
“Haut: Gesund, schön,
gepflegt.“
Dumont Verlag 2011, ISBN 978-3-8321-6128-6
Das Thema ‚Haut’ in Buchform: beispielsweise
„Haut und Psyche“, „Haben Männer eine andere
Haut als Frauen?“ oder „Haut und Wechseljahre“
– alle Fragen, die man gemeinhin zum Thema hat, werden hier
beantwortet. Wer sich über die Funktionen der Haut sachlich
und dennoch allgemeinverständlich informieren will.
Dorothea Terhorst:
„BASICS Dermatologie“
Urban & Fischer Verlag 2009, ISBN 978-3-437-42137-2
Etwas wissenschaftlicher: In dem Buch steht, was man für die
Dermatologie braucht: Von den physiologischen und anatomischen
Grundlagen der beteiligten Organsysteme über die wichtigsten
Krankheitsbilder bis zur Therapie – mit Klinikkästen und
Praxisteil.
Petra Storch
Stand: 01.02.2012
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