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Sendung vom 02. Februar 2012
Genitalverstümmelung
Es passiert irgendwo mitten in Deutschland. Wo niemand hinschaut
und hinhört, die Schreie wahrnimmt. Irgendwo mitten in
Deutschland werden Mädchen beschnitten, verstümmelt.
Meistens sind es afrikanische Mädchen, gerade einmal vier oder
fünf Jahre alt. Schmerzen beim Urinieren, bei der Periode.
Sexualität, Geburten – äußerst schwierig. Das
Lustempfinden – weg.
Seit 15 Jahren kämpft Jawahir Cumar aus Somalia, die als
junges Mädchen nach Deutschland kam, gegen Beschneidung. In
Düsseldorf leitet sie eine von nur drei Beratungsstellen
für beschnittene Frauen bundesweit. Immer wieder schafft sie
es auch, Mädchen vor der Beschneidung zu bewahren. Doch der
Kampf gegen die Frauen verachtende Tradition ist hart, und nicht
gewonnen. Ein frauTV Bericht anlässlich des Welttags gegen
Genitalverstümmelung am 6. Februar.
Genitalverstümmelung – man braucht es nur auszusprechen und erlebt fast immer diese Reaktion: die Hände vor die Augen geschlagen, ein Kopfschütteln und Zucken, als wenn einem frösteln würde. Eine abwehrende Haltung – nein, wirkliche Details will eigentlich niemand hören. Genitalverstümmelung – das Thema scheint ja auch ganz weit weg zu sein – irgendwo in Afrika. Dabei ist es viel näher, als man denkt: Genitalverstümmelung findet auch in Deutschland statt. Aus der Tradition heraus werden kleine Mädchen auch mitten in Deutschland verstümmelt. Aber keiner schaut hin, nimmt die Schreie wahr.
Am 6. Februar ist der internationale Tag gegen
Genitalverstümmelung. Wer zum Thema „weibliche
Beschneidung“ Informationen sucht, landet schnell bei Jawahir
Cumar. Sie bietet in Düsseldorf die landesweit einzige
Beratungsstelle für beschnittene Frauen an. Deutschlandweit
gebe es gerade einmal drei dieser Art, sagt sie.
Eine kleine Frau, mit dunkelbraunem Teint und kurzen, gelockten
Haaren. Einen Termin zu finden – gar nicht so einfach. Sie
ist dauernd unterwegs, immer in Bewegung. Eine quirlige, sehr
sympathische Frau.
Jawahir Cumar ist 35 Jahre alt, Mutter von drei Kindern. Sie stammt
aus Somalia. 98 Prozent der Frauen sind dort beschnitten, wie in
vielen afrikanischen Ländern. Als junges Mädchen kam sie
mit ihrer Familie nach Deutschland.
Sie erzählt von der grausamen Tradition in ihrem Land, die
sie selbst miterlebt hat. „Ich habe meine Familie, meinen Opa
besucht. Wir kamen in ein Dorf und dort war eine Beerdigung. Ein
kleines Mädchen ist gestorben, sie war acht Jahre alt“,
erinnert sich Jawahir Cumar. „Ich habe gefragt woran und da
sagten sie mir, dass sie beschnitten ist und dabei verblutete. Alle
Leute waren tief beeindruckt und ich war schockiert und fragte, was
jetzt weiter passiert. Die Antwort war: Nichts. Es ist Schicksal,
es ist einfach so.“
Für sie war es der Auslöser, etwas zu tun, etwas zu
ändern. Jawahir Cumar gründet einen Verein.15 Jahre ist
das jetzt her. Seitdem setzt sie sich gegen
Genitalverstümmelung in ihrer Heimat Somalia und hier in
Deutschland ein. Die Beratungsstelle in Düsseldorf besteht
seit 2005.
5.600 Frauen sind allein in NRW betroffen, 6.000 Mädchen
bundesweit von Genitalverstümmelung bedroht. Die Dunkelziffer
ist hoch. Genitalverstümmelung – mitten in Deutschland?
Wie kann man sich das vorstellen? „Was wir immer hören
ist, dass die Familien Geld zusammenbringen und eine Beschneiderin
einladen“, berichtet Cumar. „Sie kann auch aus Europa
kommen, also gar nicht so weit weg. Oder die Mädchen werden in
den Sommerferien beim Heimaturlaub beschnitten.“ Die
Beschneiderinnen würden damit ihr Geld verdienen – und
zwar richtig gutes Geld. Dass die weibliche Beschneidung in
Deutschland selbstverständlich verboten ist, in vielen
Ländern, aus der die Tradition stammt, übrigens auch, das
scheint die Familien nicht zu interessieren. Die Tradition ist
stärker, eine Tradition, die mehr als 5000 Jahre alt ist, und
weitergegeben wird.
Die Mädchen, die beschnitten werden, sind oft zwischen
fünf und zwölf Jahren alt, in der Regel passiert es vor
der Pubertät. „Das läuft so ab, dass meistens vier
starke Frauen das Mädchen festhalten und es an Armen und
Beinen zu Boden drücken“, so Cumar. Für die
Mädchen werde ein Fest veranstaltet und sie bekämen ein
schönes Kleid. Aber: kein Krankenhaus, keine Ärzte, keine
Narkose. Die Schmerzen, die sie aushalten müssen, seien
unbeschreiblich.
Beschneidung – was wird da eigentlich beschnitten? „Es
gibt verschiedene Typen“, klärt Jawahir Cumar auf.
„Bei Typ 1 wird die Klitoris entfernt. Bei Typ 2 ebenfalls,
außerdem die Schamlippen. Und Typ 3 ist die pharaonische
Beschneidung, die wir auch in Somalia haben. Alles wird
ausgeschnitten: die inneren Schamlippen, die äußeren
Schamlippen, der Rest zusammengenäht, bis auf eine winzige
Öffnung, wo gerade einmal ein Streichholz hereinpasst. Die
Mädchen brauchen danach eine halbe Stunde, um zu
urinieren“, sagt Cumar.
Sie erzählt es ganz nüchtern, sie hat es schon sehr oft erzählt. Wer zuhört, muss erstmal schlucken. Genitalverstümmelung ist ohne Frage eine Frauen verachtende Tradition, die aber von den Frauen selbst weitergegeben wird. Es sind fast immer die Mütter und Großmütter, die darauf drängen, dass das Mädchen beschnitten wird. Für die Frauen in Somalia und anderen Ländern ist das etwas ganz Normales. Sie kennen es nicht anders. Was steckt dahinter? „Wenn das Mädchen nicht beschnitten ist, findet es keinen Mann“, erklärt Cumar. „Das ist schon mal ein Grund. Und der zweite ist, dass das Mädchen, wenn es nicht beschnitten ist, als Prostituierte gilt.“ Die Mütter denken, sie tun etwas Gutes für ihre Kinder. Es sei nun mal der Weg, eine vollwertige Frau zu werden. Es gehöre sich, um Teil der Gesellschaft zu bleiben. „Jede Mutter liebt ihre Tochter und denkt, sie tut das Beste für sie – obwohl es falsch ist“, sagt Cumar.
In der Beratungsstelle spricht sie mit betroffenen Frauen.
Erstmal geht es darum, ihr Vertrauen zu gewinnen. Sie hilft bei
Behördengängen und allen bürokratischen
Angelegenheiten. Und irgendwann geht es dann auch um das Thema
Beschneidung. „Die Frauen, die zu uns kommen, haben oft
medizinische Probleme und suchen einen Arzt“, so Cumar. Sie
arbeitet eng mit einem Frauenarzt zusammen, der einmal im Monat
eine kostenlose Sprechstunde anbietet. Nicht alle Gynäkologen
haben das nötige Feingefühl, viele noch nie eine
beschnittene Frau gesehen.
Frauenarzt Dr. Christoph Zerm behandelt sie mit viel Respekt und
Einfühlungsvermögen. Die Beschneidung lässt sich
nicht mehr rückgängig machen, für viele Betroffene
bedeutet das: Schmerzen beim Urinieren, bei der Periode. Geburten
sind äußerst schwierig. Das Lustempfinden – weg.
Wie stark die jeweiligen Beeinträchtigungen tatsächlich
sind, das hängt vom Typ der Beschneidung ab. Auch der
psychische Bereich spiele eine große Rolle, betont Dr. Zerm.
„Die Mutter führt das kleine Mädchen zu einer
Situation, die so schrecklich ist wie keine andere in ihrem Leben.
Und das ist dann der einem nächststehende Mensch, der einem
das angetan hat.“ Das führe zu einem fürchterlichen
Bruch mit dem Ur-Vertrauen.
Jawahir Cumar und Dr. Zerm leisten gemeinsam
Aufklärungsarbeit. Sie halten Vorträge, gehen an Schulen.
Es käme immer wieder vor, dass einige Leute nur wenig
über das Thema wissen, denken, die weibliche Beschneidung
wäre ähnlich der männlichen Beschneidung. Das ist
sie in keiner Weise, macht Dr. Zerm deutlich. „Man muss sich
klar machen, dass Typ 1 – also die Entfernung der Klitoris
– für den Mann bedeuten würde, dass der Penis
entfernt wird und nicht nur die Vorhaut“, erklärt er. Zu
der Aufklärungsarbeit gehört auch, Eltern davon zu
überzeugen, ihre Töchter nicht beschneiden zu lassen. 17
Mädchen konnten sie im vergangenen Jahr vor der
Genitalverstümmelung bewahren. „Mir gibt das viel Kraft
weiterzumachen“, sagt Cumar.
Für ihre Arbeit wurde sie bereits mit dem
Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, außerdem ist sie als
Düsseldorferin des Jahres 2011 geehrt worden. Jawahir Cumar
betont, dass sie keine Einzelkämpferin ist. Ihr Team
unterstützt sie bei der Arbeit. Die Untersuchungsräume in
der Beratungsstelle dürfen sie von Pro Familia mitnutzen.
„Ohne diese Hilfe wäre unsere Arbeit so nicht
möglich“, sagt Cumar. Angefangen hatte sie vor 15 Jahren
mit der Beratung zu Hause, in ihren eigenen vier Wänden.
Ihr Verein wird vom Land finanziell gefördert, dennoch sind
sie laufend auf Spenden und Sponsoren angewiesen – auch
für ihr Projekt, ein Mutter-Kind-Krankenhaus in Somalia
aufzubauen.
Seit Anfang 2011 bietet NRW als erstes Bundesland eine
telefonische Beratung, eine Art Notruf-Hotline, für von
Genitalverstümmelung betroffene Frauen oder gefährdete
Mädchen an. Auch Ärzte, Lehrer, Freunde – alle die
mit diesem Thema in Berührung kommen – können sich
an diese Beratung wenden. Sie wird anonym und in sechs Sprachen
angeboten.
Die Nummern lauten wie folgt:
- 0211/ 985 957 89 (deutsch)
- 0211/ 248 66625 (englisch)
- 0211/ 248 690 39 (französisch)
- 0211/ 980 775 58 (arabisch)
- 0211/ 983 979 15 (kiswahili)
- 0211/ 983 979 11(somalisch)
Weitere Informationen dazu finden Sie unter dem Link zu
'kutairi'.
Terre de Femmes (Hrsg.):
Schnitt in die Seele
Weibliche Genitalverstümmelung - eine fundamentale
Menschenrechtsverletzung
Mabuse-Verlag 2003, ISBN 978-3935964289
Daten, Fakten, Erfahrungen, Recht & Gesetz – dieses Buch
bietet einen umfassenden Überblick zum Thema
Genitalverstümmelung, viele Expertinnen und Experten kommen zu
Wort. Sehr informativ – aber bestimmt nicht als
Einschlaflektüre geeignet.
Waris Dirie:
Wüstenblume
Knaur Taschenbuch-Verlag 2007, ISBN 978-3426779781
Waris Dirie erzählt in ihrer Autobiographie ihren Weg vom
Nomadenmädchen, das in der Wüste Afrikas aufwächst,
zum Topmodel. Im Alter von fünf Jahren wird sie beschnitten.
Ein aufwühlendes Buch, das so schön ist, weil es ein
Happy End hat. 2009 wurde das Buch übrigens verfilmt.
Kathrin Schamoni
Stand: 30.01.2012
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