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Genitalverstümmelung

  • SendeterminDonnerstag, 02. Februar 2012, 22.00 - 22.30 Uhr.
  • WiederholungsterminDienstag, 06. März 2012, 11.30 - 12.00 Uhr (Wdh.).

Es passiert irgendwo mitten in Deutschland. Wo niemand hinschaut und hinhört, die Schreie wahrnimmt. Irgendwo mitten in Deutschland werden Mädchen beschnitten, verstümmelt. Meistens sind es afrikanische Mädchen, gerade einmal vier oder fünf Jahre alt. Schmerzen beim Urinieren, bei der Periode. Sexualität, Geburten – äußerst schwierig. Das Lustempfinden – weg.
Seit 15 Jahren kämpft Jawahir Cumar aus Somalia, die als junges Mädchen nach Deutschland kam, gegen Beschneidung. In Düsseldorf leitet sie eine von nur drei Beratungsstellen für beschnittene Frauen bundesweit. Immer wieder schafft sie es auch, Mädchen vor der Beschneidung zu bewahren. Doch der Kampf gegen die Frauen verachtende Tradition ist hart, und nicht gewonnen. Ein frauTV Bericht anlässlich des Welttags gegen Genitalverstümmelung am 6. Februar.

Genitalverstümmelung – auch in Deutschland

Genitalverstümmelung – man braucht es nur auszusprechen und erlebt fast immer diese Reaktion: die Hände vor die Augen geschlagen, ein Kopfschütteln und Zucken, als wenn einem frösteln würde. Eine abwehrende Haltung – nein, wirkliche Details will eigentlich niemand hören. Genitalverstümmelung – das Thema scheint ja auch ganz weit weg zu sein – irgendwo in Afrika. Dabei ist es viel näher, als man denkt: Genitalverstümmelung findet auch in Deutschland statt. Aus der Tradition heraus werden kleine Mädchen auch mitten in Deutschland verstümmelt. Aber keiner schaut hin, nimmt die Schreie wahr.

Porträtaufnahme einer Frau.
Jawahir Cumar - seit 15 Jahren kämpft sie gegen Genitalverstümmelung.

Anlaufstelle für betroffene Frauen in Düsseldorf

Am 6. Februar ist der internationale Tag gegen Genitalverstümmelung. Wer zum Thema „weibliche Beschneidung“ Informationen sucht, landet schnell bei Jawahir Cumar. Sie bietet in Düsseldorf die landesweit einzige Beratungsstelle für beschnittene Frauen an. Deutschlandweit gebe es gerade einmal drei dieser Art, sagt sie.
Eine kleine Frau, mit dunkelbraunem Teint und kurzen, gelockten Haaren. Einen Termin zu finden – gar nicht so einfach. Sie ist dauernd unterwegs, immer in Bewegung. Eine quirlige, sehr sympathische Frau.
Jawahir Cumar ist 35 Jahre alt, Mutter von drei Kindern. Sie stammt aus Somalia. 98 Prozent der Frauen sind dort beschnitten, wie in vielen afrikanischen Ländern. Als junges Mädchen kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland.

Eine Achtjährige ist bei der Beschneidung verblutet

Sie erzählt von der grausamen Tradition in ihrem Land, die sie selbst miterlebt hat. „Ich habe meine Familie, meinen Opa besucht. Wir kamen in ein Dorf und dort war eine Beerdigung. Ein kleines Mädchen ist gestorben, sie war acht Jahre alt“, erinnert sich Jawahir Cumar. „Ich habe gefragt woran und da sagten sie mir, dass sie beschnitten ist und dabei verblutete. Alle Leute waren tief beeindruckt und ich war schockiert und fragte, was jetzt weiter passiert. Die Antwort war: Nichts. Es ist Schicksal, es ist einfach so.“
Für sie war es der Auslöser, etwas zu tun, etwas zu ändern. Jawahir Cumar gründet einen Verein.15 Jahre ist das jetzt her. Seitdem setzt sie sich gegen Genitalverstümmelung in ihrer Heimat Somalia und hier in Deutschland ein. Die Beratungsstelle in Düsseldorf besteht seit 2005.

Afrikanisches Mädchen sitzt auf Tisch, vor ihr steht eine
Frau.
Die Gesetze gegen Genitalverstümmelung sind nicht so stark wie die Tradition in den Köpfen.

Die Mädchen brauchen eine halbe Stunde zum Urinieren

5.600 Frauen sind allein in NRW betroffen, 6.000 Mädchen bundesweit von Genitalverstümmelung bedroht. Die Dunkelziffer ist hoch. Genitalverstümmelung – mitten in Deutschland? Wie kann man sich das vorstellen? „Was wir immer hören ist, dass die Familien Geld zusammenbringen und eine Beschneiderin einladen“, berichtet Cumar. „Sie kann auch aus Europa kommen, also gar nicht so weit weg. Oder die Mädchen werden in den Sommerferien beim Heimaturlaub beschnitten.“ Die Beschneiderinnen würden damit ihr Geld verdienen – und zwar richtig gutes Geld. Dass die weibliche Beschneidung in Deutschland selbstverständlich verboten ist, in vielen Ländern, aus der die Tradition stammt, übrigens auch, das scheint die Familien nicht zu interessieren. Die Tradition ist stärker, eine Tradition, die mehr als 5000 Jahre alt ist, und weitergegeben wird.

Die Mädchen, die beschnitten werden, sind oft zwischen fünf und zwölf Jahren alt, in der Regel passiert es vor der Pubertät. „Das läuft so ab, dass meistens vier starke Frauen das Mädchen festhalten und es an Armen und Beinen zu Boden drücken“, so Cumar. Für die Mädchen werde ein Fest veranstaltet und sie bekämen ein schönes Kleid. Aber: kein Krankenhaus, keine Ärzte, keine Narkose. Die Schmerzen, die sie aushalten müssen, seien unbeschreiblich.

Beschneidung – was wird da eigentlich beschnitten? „Es gibt verschiedene Typen“, klärt Jawahir Cumar auf. „Bei Typ 1 wird die Klitoris entfernt. Bei Typ 2 ebenfalls, außerdem die Schamlippen. Und Typ 3 ist die pharaonische Beschneidung, die wir auch in Somalia haben. Alles wird ausgeschnitten: die inneren Schamlippen, die äußeren Schamlippen, der Rest zusammengenäht, bis auf eine winzige Öffnung, wo gerade einmal ein Streichholz hereinpasst. Die Mädchen brauchen danach eine halbe Stunde, um zu urinieren“, sagt Cumar.

Jede Mutter denkt, sie tut das Beste für ihre Tochter

Sie erzählt es ganz nüchtern, sie hat es schon sehr oft erzählt. Wer zuhört, muss erstmal schlucken. Genitalverstümmelung ist ohne Frage eine Frauen verachtende Tradition, die aber von den Frauen selbst weitergegeben wird. Es sind fast immer die Mütter und Großmütter, die darauf drängen, dass das Mädchen beschnitten wird. Für die Frauen in Somalia und anderen Ländern ist das etwas ganz Normales. Sie kennen es nicht anders. Was steckt dahinter? „Wenn das Mädchen nicht beschnitten ist, findet es keinen Mann“, erklärt Cumar. „Das ist schon mal ein Grund. Und der zweite ist, dass das Mädchen, wenn es nicht beschnitten ist, als Prostituierte gilt.“ Die Mütter denken, sie tun etwas Gutes für ihre Kinder. Es sei nun mal der Weg, eine vollwertige Frau zu werden. Es gehöre sich, um Teil der Gesellschaft zu bleiben. „Jede Mutter liebt ihre Tochter und denkt, sie tut das Beste für sie – obwohl es falsch ist“, sagt Cumar.

Nahaufnahme eines Mannes.
Einmal im Monat bietet er als Frauenarzt eine kostenlose Sprechstunde für beschnittene Frauen an.

Ein Gynäkologe unterstützt Jawahir Cumar

In der Beratungsstelle spricht sie mit betroffenen Frauen. Erstmal geht es darum, ihr Vertrauen zu gewinnen. Sie hilft bei Behördengängen und allen bürokratischen Angelegenheiten. Und irgendwann geht es dann auch um das Thema Beschneidung. „Die Frauen, die zu uns kommen, haben oft medizinische Probleme und suchen einen Arzt“, so Cumar. Sie arbeitet eng mit einem Frauenarzt zusammen, der einmal im Monat eine kostenlose Sprechstunde anbietet. Nicht alle Gynäkologen haben das nötige Feingefühl, viele noch nie eine beschnittene Frau gesehen.
Frauenarzt Dr. Christoph Zerm behandelt sie mit viel Respekt und Einfühlungsvermögen. Die Beschneidung lässt sich nicht mehr rückgängig machen, für viele Betroffene bedeutet das: Schmerzen beim Urinieren, bei der Periode. Geburten sind äußerst schwierig. Das Lustempfinden – weg. Wie stark die jeweiligen Beeinträchtigungen tatsächlich sind, das hängt vom Typ der Beschneidung ab. Auch der psychische Bereich spiele eine große Rolle, betont Dr. Zerm. „Die Mutter führt das kleine Mädchen zu einer Situation, die so schrecklich ist wie keine andere in ihrem Leben. Und das ist dann der einem nächststehende Mensch, der einem das angetan hat.“ Das führe zu einem fürchterlichen Bruch mit dem Ur-Vertrauen.

17 Mädchen konnten sie im vergangenen Jahr schützen

Jawahir Cumar und Dr. Zerm leisten gemeinsam Aufklärungsarbeit. Sie halten Vorträge, gehen an Schulen. Es käme immer wieder vor, dass einige Leute nur wenig über das Thema wissen, denken, die weibliche Beschneidung wäre ähnlich der männlichen Beschneidung. Das ist sie in keiner Weise, macht Dr. Zerm deutlich. „Man muss sich klar machen, dass Typ 1 – also die Entfernung der Klitoris – für den Mann bedeuten würde, dass der Penis entfernt wird und nicht nur die Vorhaut“, erklärt er. Zu der Aufklärungsarbeit gehört auch, Eltern davon zu überzeugen, ihre Töchter nicht beschneiden zu lassen. 17 Mädchen konnten sie im vergangenen Jahr vor der Genitalverstümmelung bewahren. „Mir gibt das viel Kraft weiterzumachen“, sagt Cumar.

Für ihre Arbeit wurde sie bereits mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, außerdem ist sie als Düsseldorferin des Jahres 2011 geehrt worden. Jawahir Cumar betont, dass sie keine Einzelkämpferin ist. Ihr Team unterstützt sie bei der Arbeit. Die Untersuchungsräume in der Beratungsstelle dürfen sie von Pro Familia mitnutzen. „Ohne diese Hilfe wäre unsere Arbeit so nicht möglich“, sagt Cumar. Angefangen hatte sie vor 15 Jahren mit der Beratung zu Hause, in ihren eigenen vier Wänden.
Ihr Verein wird vom Land finanziell gefördert, dennoch sind sie laufend auf Spenden und Sponsoren angewiesen – auch für ihr Projekt, ein Mutter-Kind-Krankenhaus in Somalia aufzubauen.

Notruf-Nummern in NRW

Seit Anfang 2011 bietet NRW als erstes Bundesland eine telefonische Beratung, eine Art Notruf-Hotline, für von Genitalverstümmelung betroffene Frauen oder gefährdete Mädchen an. Auch Ärzte, Lehrer, Freunde – alle die mit diesem Thema in Berührung kommen – können sich an diese Beratung wenden. Sie wird anonym und in sechs Sprachen angeboten.
Die Nummern lauten wie folgt:
- 0211/ 985 957 89 (deutsch)
- 0211/ 248 66625 (englisch)
- 0211/ 248 690 39 (französisch)
- 0211/ 980 775 58 (arabisch)
- 0211/ 983 979 15 (kiswahili)
- 0211/ 983 979 11(somalisch)

Weitere Informationen dazu finden Sie unter dem Link zu 'kutairi'.

Buchtipps

Terre de Femmes (Hrsg.):
Schnitt in die Seele
Weibliche Genitalverstümmelung - eine fundamentale Menschenrechtsverletzung
Mabuse-Verlag 2003, ISBN 978-3935964289
Daten, Fakten, Erfahrungen, Recht & Gesetz – dieses Buch bietet einen umfassenden Überblick zum Thema Genitalverstümmelung, viele Expertinnen und Experten kommen zu Wort. Sehr informativ – aber bestimmt nicht als Einschlaflektüre geeignet.

Waris Dirie:
Wüstenblume
Knaur Taschenbuch-Verlag 2007, ISBN 978-3426779781
Waris Dirie erzählt in ihrer Autobiographie ihren Weg vom Nomadenmädchen, das in der Wüste Afrikas aufwächst, zum Topmodel. Im Alter von fünf Jahren wird sie beschnitten. Ein aufwühlendes Buch, das so schön ist, weil es ein Happy End hat. 2009 wurde das Buch übrigens verfilmt.

Autorin:

Kathrin Schamoni

Stand: 30.01.2012


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