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Plötzlich blind

  • SendeterminDonnerstag, 09. Februar 2012, 22.00 - 22.30 Uhr.
  • WiederholungsterminMontag, 13. Februar 2012, 11.30 - 12.00 Uhr (Wdh.).

Sie hatte ganz normal gelebt – bis zu dem Tag, an dem sie erfuhr, dass sie vollständig erblinden wird. Eine junge Frau, die ihre Zukunft ganz neu denken musste, die Angst hatte, nicht mehr sie selbst sein zu können, ihre Fraulichkeit zu verlieren. Denn wie sollte sie blind noch attraktiv sein, wie mit den Reaktionen der Männer auf ihre Krankheit zurechtkommen? Dass ihre Weiblichkeit durch die Erblindung nicht leidet, das hat sie frauTV erzählt.

„Die Krankheit heißt Retinopatia Pigmentosa, RP abgekürzt, eine Netzhauterkrankung führt zum Tunnelblick, zur Nachtblindheit. Man hat das Gefühl, irgendjemand hat den Kontrast rausgedreht, mein Tunnel hat sich immer mehr verengt.“

Jennifer Sonntag fragte sich aber niemals, ob sie mal einen Mann findet. Sie persönlich findet es wahnsinnig schlimm, so zu denken und betreut blinde Frauen, die sehr unter solchen Vorurteilen leiden, weil die Gesellschaft immer diese Fragen stellte, oder das eigene Elternhaus. Sie will bewusst machen, dass blinde Frauen sinnliche, intelligente, inspirierende und beruflich unabhängige Partnerinnen sein können.

Weil sie nicht wollte, dass andere anschauen, was sie bald nicht mehr sehen kann, hat sie damals alle Fotos bis auf eines vernichtet. Sie war eine junge Frau, als sie die Diagnose bekam, dass sie erblinden wird. Inzwischen sind etwa 10 Jahre vergangen, Jennifer Sonntag hat als Punkerin gelebt und ein Sozialpädagogik-Studium beendet. Das Wissen, um ihre Krankheit hat sie zum Beruf gemacht. Sie erklärt Sehbehinderten und interessierten Sehenden, welche Hilfsmittel unverzichtbar werden, wenn das Augenlicht weg ist.

Frau sitzt auf Stuhl und wird fotografiert.
Sie hat die Bilder im Kopf, die von ihr gemacht werden.

Jennifer Sonntag ist eine junge Frau, die das Leben liebt und genießt. Liebe, Lust und Leidenschaft sind ihr ganz wichtig im Leben. Als sie mit Anfang 20 die Diagnose RP bekam, brach für sie eine Welt zusammen. „Ich wollte das nicht wahr haben, wollte raus und da bin ich in die Punkszene, noch mal alles mitnehmen was geht und alles auskosten, so lange ich noch sehen kann. Ich brauchte das Extreme, um mich so lange wie möglich selbst zu spüren.“ Das machte sie, und ihr Augenlicht wurde immer weniger.

Inzwischen ist sie Anfang 30, hat ihr Sozialarbeiterinnenstudium beendet. Heute hilft sie Menschen mit Sehbehinderung. „Wie finde ich meine Person wieder? Wie finde ich mich im Leben zurecht? Kann ich mir noch Kleider kaufen? Wie lebe oder finde ich meine Liebe wenn ich blind bin? Das waren damals meine Fragen und auf die habe ich meine persönliche Antwort gefunden. Und das vermittle ich jetzt anderen. Zeige ihnen, wie sie sich zurechtfinden können.“

Sie übersetzt für andere aus der sehenden in die blinde Welt
Jennifer Sonntag versteht sich als Mittlerin zwischen Sehenden und Blinden, weil sie früher sehen konnte kann sie aus der sehenden in die blinde Welt übersetzen. Sie bringt ihren Kursteilnehmern bei, wie sie sich richtig kleiden und schminken, entwickelt mit den Betroffenen ein Spiegelbild, damit sie wieder ein Gefühl für ihr Äußeres bekommen.

„Meine Kosmetikerin hat mir einmal erzählt, dass andere Kundinnen, die mich gesehen hatten, ihr die Frage stellten, warum ich denn zur Kosmetik ginge, wenn ich doch das Resultat nicht sehen würde. Diese Frage schockierte mich. Demnach müsste jede sehende Frau aufhören sich zu pflegen, wenn sie einmal erblinden würde. Auf diese Weise müssten sich alle Menschen gehen lassen, die ein Problem mit den Augen haben. Blindheit kann jeden treffen. Sie fragt nicht nach, ob jemand Wert auf Schminke legt, ob jemand stylisch ist oder nicht, ob jemand aus beruflichen Gründen gut aussehen muss oder nicht, ob er sich gern zurechtmacht oder nicht, ob er ein Aschenputtel oder ein Superstar ist.“

Frau sitzt auf Stuhl und wird von anderer Frau geschminkt.
Schön sein und sich schön fühlen – das will sie.

Ziel: Barrieren und Vorurteile abbauen

Mit ihrer Arbeit will sie Kommunikationsbarrieren, Vorurteile und Berührungsängste zwischen Sehenden und Nichtsehenden abbauen. Ihre Tipps versteht sie als Ideen - nicht als der Weisheit letzter Schluss: „Ich erlebe immer wieder, dass die Leute erstaunt darüber sind, dass ich weiß, welche Farbe mein Nagellack, mein Pullover oder meine Parfümflasche hat. Wenn ich mir bewusst etwas Farbiges anschaffe, frage ich gezielt nach den optischen Eigenschaften des entsprechenden Gegenstandes. Habe ich vor meiner Blindheit keinen neongrünen Nagellack bevorzugt, werde ich es auch hinterher nicht tun und eher nach dem brombeerfarbenen verlangen.“

Die Farben sind das eine, Mitmenschen das andere, denn die wissen oft nicht, wie sie sich verhalten sollen. Auch deshalb gibt es den Erlebnisraum. Aber normalerweise spürt sie im Alltag die Unsicherheit. „Einige Männer haben es sich zur Gewohnheit gemacht, über meine sehende Begleitperson an mich heranzutreten. Sie nehmen dann erst mal das Gespräch mit jenem Dritten auf, um sich mit ihm über mich zu unterhalten, während ich daneben sitze. Klinke ich mich dann ein, finden wir langsam zueinander. In der nächsten Situation trauen sich solche Gesprächspartner aber wieder nur über meine Begleitung in meine Nähe, um mir mitzuteilen, dass sie mich inzwischen schon mindestens dreimal irgendwo erblickt haben, aber ich sei alleine gewesen, und sie hätten nicht gewusst, ob ich angesprochen werden wolle. Solche Momente machen mich sehr traurig.“

Porträtaufnahme Frau.
Heute sieht sie anders, nicht mehr mit den Augen.

Liebe, Lust und Leidenschaft

In solchen Momenten leidet ihr Selbstbewusstsein, sie fühlt sich isoliert, selbst in Momenten wo sie sich selbst am meisten liebt, nämlich dann, wenn sie sich mit ihrem Hobby beschäftigt. „Ich wollte mich selbst zerstören. Dann wollte ich alles anders machen. Aber man steht nicht drüber, und muss mit seinem Leiden leben. Natürlich es gibt immer wieder Momente der Trauer, aber ich versuche das Beste daraus zu machen. Meine Arbeit und mein Hobby geben mir dabei Kraft.“ Über Liebe, Lust und Leidenschaft hat sie Gespräche mit blinden Frauen geführt und veröffentlicht. Denn auch das gehört für sie dazu, um „Blindsein“ zu verstehen. „Mich hat als Sehende schon interessiert, was blinde Menschen schön finden, was blinde Menschen anziehend finden, weil natürlich zwischen sehen und nicht sehen ganz viele feine Antennen existieren, die ja Ästhetik und Erotik und Anziehung ausmachen, und ich fand es ganz spannend als sich die Blindheit vollzogen hatte, das Thema konkret anzugehen, und hab’ auch viele blinde Frauen gewinnen können, die den Mut hatten, sich zu öffnen auf eine ganz bestimmte Weise.“

Retinopathia Pigmentosa (RP)

Die Retinopathia pigmentosa (Retinitis pigmentosa, RP) ist eine Netzhauterkrankung. Sie führt über Nachtblindheit zum Tunnelblick und irgendwann zur absoluten Blindheit. Es ist eine erbliche Erkrankung, von der es verschiedene Formen gibt. Eine ursächliche Behandlung der Retinopathia pigmentosa ist nicht möglich. Ursprünglich wurde die Erkrankung Retinitis pigmentosa bezeichnet. Korrekterweise spricht man eigentlich von Retinopathia pigmentosa, da es sich nicht um eine Entzündung („-itis“), sondern um eine Krankheit mit anderem Mechanismus („-pathia“) handelt. Dennoch hat sich die Bezeichnung Retinitis pigmentosa allgemein durchgesetzt.

Buchtipps

Jennifer Sonntag (Hrsg.):
„Zigaretten danach"
Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig, 1 CD DAISY, 12,90 Euro, zu bestellen in der DZB Leipzig: verkauf@dzb.de.
Es handelt sich um eine Anthologie, 18 Frauen berichten über Erlebnisse mit der Zigarette danach.

Jennifer Sonntag (Hrsg.):
„Hinter Aphrodites Augen"
Edition PaperONE 2010, ISBN 978-3-941-134-51-5
(in Bibliotheken oder gebraucht erhältlich)
Blinde Frauen geben in diesem Buch, ihre ganz persönliche Definition von Weiblichkeit und Erotik.

Jennifer Sonntag:
"Verführung zu einem Blind Date"
Edition PaperONE 2008, ISBN 978-3-939398-86-8
(in Bibliotheken oder gebraucht erhältlich)
Jennifer Sonntag erörtert hier die Fragen, die man sich stellt, wenn man blind wird: "Denkt man an Selbstmord?" - "Wie funktioniert der Alltag?" – "Findet man überhaupt einen Partner?" Jennifer Sonntag gelingt es, Verständnis zu entwickeln zwischen den Wahrnehmungsmöglichkeiten von Sehenden und Blinden.

Autorin:

Uschi Müller

Stand: 09.02.2012


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