
Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Information
frauTV
Sendung vom 09. Februar 2012
Plötzlich blind
Sie hatte ganz normal gelebt – bis zu dem Tag, an dem sie
erfuhr, dass sie vollständig erblinden wird. Eine junge Frau,
die ihre Zukunft ganz neu denken musste, die Angst hatte, nicht
mehr sie selbst sein zu können, ihre Fraulichkeit zu
verlieren. Denn wie sollte sie blind noch attraktiv sein, wie mit
den Reaktionen der Männer auf ihre Krankheit zurechtkommen?
Dass ihre Weiblichkeit durch die Erblindung nicht leidet, das hat
sie frauTV erzählt.
„Die Krankheit heißt Retinopatia Pigmentosa, RP
abgekürzt, eine Netzhauterkrankung führt zum Tunnelblick,
zur Nachtblindheit. Man hat das Gefühl, irgendjemand hat den
Kontrast rausgedreht, mein Tunnel hat sich immer mehr
verengt.“
Jennifer Sonntag fragte sich aber niemals, ob sie mal einen Mann
findet. Sie persönlich findet es wahnsinnig schlimm, so zu
denken und betreut blinde Frauen, die sehr unter solchen
Vorurteilen leiden, weil die Gesellschaft immer diese Fragen
stellte, oder das eigene Elternhaus. Sie will bewusst machen, dass
blinde Frauen sinnliche, intelligente, inspirierende und beruflich
unabhängige Partnerinnen sein können.
Weil sie nicht wollte, dass andere anschauen, was sie bald nicht
mehr sehen kann, hat sie damals alle Fotos bis auf eines
vernichtet. Sie war eine junge Frau, als sie die Diagnose bekam,
dass sie erblinden wird. Inzwischen sind etwa 10 Jahre vergangen,
Jennifer Sonntag hat als Punkerin gelebt und ein
Sozialpädagogik-Studium beendet. Das Wissen, um ihre Krankheit
hat sie zum Beruf gemacht. Sie erklärt Sehbehinderten und
interessierten Sehenden, welche Hilfsmittel unverzichtbar werden,
wenn das Augenlicht weg ist.
Jennifer Sonntag ist eine junge Frau, die das Leben liebt und
genießt. Liebe, Lust und Leidenschaft sind ihr ganz wichtig
im Leben. Als sie mit Anfang 20 die Diagnose RP bekam, brach
für sie eine Welt zusammen. „Ich wollte das nicht wahr
haben, wollte raus und da bin ich in die Punkszene, noch mal alles
mitnehmen was geht und alles auskosten, so lange ich noch sehen
kann. Ich brauchte das Extreme, um mich so lange wie möglich
selbst zu spüren.“ Das machte sie, und ihr Augenlicht
wurde immer weniger.
Inzwischen ist sie Anfang 30, hat ihr Sozialarbeiterinnenstudium
beendet. Heute hilft sie Menschen mit Sehbehinderung. „Wie
finde ich meine Person wieder? Wie finde ich mich im Leben zurecht?
Kann ich mir noch Kleider kaufen? Wie lebe oder finde ich meine
Liebe wenn ich blind bin? Das waren damals meine Fragen und auf die
habe ich meine persönliche Antwort gefunden. Und das vermittle
ich jetzt anderen. Zeige ihnen, wie sie sich zurechtfinden
können.“
Sie übersetzt für andere aus der sehenden in die
blinde Welt
Jennifer Sonntag versteht sich als Mittlerin zwischen Sehenden und
Blinden, weil sie früher sehen konnte kann sie aus der
sehenden in die blinde Welt übersetzen. Sie bringt ihren
Kursteilnehmern bei, wie sie sich richtig kleiden und schminken,
entwickelt mit den Betroffenen ein Spiegelbild, damit sie wieder
ein Gefühl für ihr Äußeres bekommen.
„Meine Kosmetikerin hat mir einmal erzählt, dass andere
Kundinnen, die mich gesehen hatten, ihr die Frage stellten, warum
ich denn zur Kosmetik ginge, wenn ich doch das Resultat nicht sehen
würde. Diese Frage schockierte mich. Demnach müsste jede
sehende Frau aufhören sich zu pflegen, wenn sie einmal
erblinden würde. Auf diese Weise müssten sich alle
Menschen gehen lassen, die ein Problem mit den Augen haben.
Blindheit kann jeden treffen. Sie fragt nicht nach, ob jemand Wert
auf Schminke legt, ob jemand stylisch ist oder nicht, ob jemand aus
beruflichen Gründen gut aussehen muss oder nicht, ob er sich
gern zurechtmacht oder nicht, ob er ein Aschenputtel oder ein
Superstar ist.“
Mit ihrer Arbeit will sie Kommunikationsbarrieren, Vorurteile
und Berührungsängste zwischen Sehenden und Nichtsehenden
abbauen. Ihre Tipps versteht sie als Ideen - nicht als der Weisheit
letzter Schluss: „Ich erlebe immer wieder, dass die Leute
erstaunt darüber sind, dass ich weiß, welche Farbe mein
Nagellack, mein Pullover oder meine Parfümflasche hat. Wenn
ich mir bewusst etwas Farbiges anschaffe, frage ich gezielt nach
den optischen Eigenschaften des entsprechenden Gegenstandes. Habe
ich vor meiner Blindheit keinen neongrünen Nagellack
bevorzugt, werde ich es auch hinterher nicht tun und eher nach dem
brombeerfarbenen verlangen.“
Die Farben sind das eine, Mitmenschen das andere, denn die wissen
oft nicht, wie sie sich verhalten sollen. Auch deshalb gibt es den
Erlebnisraum. Aber normalerweise spürt sie im Alltag die
Unsicherheit. „Einige Männer haben es sich zur
Gewohnheit gemacht, über meine sehende Begleitperson an mich
heranzutreten. Sie nehmen dann erst mal das Gespräch mit jenem
Dritten auf, um sich mit ihm über mich zu unterhalten,
während ich daneben sitze. Klinke ich mich dann ein, finden
wir langsam zueinander. In der nächsten Situation trauen sich
solche Gesprächspartner aber wieder nur über meine
Begleitung in meine Nähe, um mir mitzuteilen, dass sie mich
inzwischen schon mindestens dreimal irgendwo erblickt haben, aber
ich sei alleine gewesen, und sie hätten nicht gewusst, ob ich
angesprochen werden wolle. Solche Momente machen mich sehr
traurig.“
In solchen Momenten leidet ihr Selbstbewusstsein, sie fühlt sich isoliert, selbst in Momenten wo sie sich selbst am meisten liebt, nämlich dann, wenn sie sich mit ihrem Hobby beschäftigt. „Ich wollte mich selbst zerstören. Dann wollte ich alles anders machen. Aber man steht nicht drüber, und muss mit seinem Leiden leben. Natürlich es gibt immer wieder Momente der Trauer, aber ich versuche das Beste daraus zu machen. Meine Arbeit und mein Hobby geben mir dabei Kraft.“ Über Liebe, Lust und Leidenschaft hat sie Gespräche mit blinden Frauen geführt und veröffentlicht. Denn auch das gehört für sie dazu, um „Blindsein“ zu verstehen. „Mich hat als Sehende schon interessiert, was blinde Menschen schön finden, was blinde Menschen anziehend finden, weil natürlich zwischen sehen und nicht sehen ganz viele feine Antennen existieren, die ja Ästhetik und Erotik und Anziehung ausmachen, und ich fand es ganz spannend als sich die Blindheit vollzogen hatte, das Thema konkret anzugehen, und hab’ auch viele blinde Frauen gewinnen können, die den Mut hatten, sich zu öffnen auf eine ganz bestimmte Weise.“
Die Retinopathia pigmentosa (Retinitis pigmentosa, RP) ist eine Netzhauterkrankung. Sie führt über Nachtblindheit zum Tunnelblick und irgendwann zur absoluten Blindheit. Es ist eine erbliche Erkrankung, von der es verschiedene Formen gibt. Eine ursächliche Behandlung der Retinopathia pigmentosa ist nicht möglich. Ursprünglich wurde die Erkrankung Retinitis pigmentosa bezeichnet. Korrekterweise spricht man eigentlich von Retinopathia pigmentosa, da es sich nicht um eine Entzündung („-itis“), sondern um eine Krankheit mit anderem Mechanismus („-pathia“) handelt. Dennoch hat sich die Bezeichnung Retinitis pigmentosa allgemein durchgesetzt.
Jennifer Sonntag (Hrsg.):
„Zigaretten danach"
Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig, 1 CD
DAISY, 12,90 Euro, zu bestellen in der DZB Leipzig:
verkauf@dzb.de.
Es handelt sich um eine Anthologie, 18 Frauen berichten über
Erlebnisse mit der Zigarette danach.
Jennifer Sonntag (Hrsg.):
„Hinter Aphrodites Augen"
Edition PaperONE 2010, ISBN 978-3-941-134-51-5
(in Bibliotheken oder gebraucht erhältlich)
Blinde Frauen geben in diesem Buch, ihre ganz persönliche
Definition von Weiblichkeit und Erotik.
Jennifer Sonntag:
"Verführung zu einem Blind
Date"
Edition PaperONE 2008, ISBN 978-3-939398-86-8
(in Bibliotheken oder gebraucht erhältlich)
Jennifer Sonntag erörtert hier die Fragen, die man sich
stellt, wenn man blind wird: "Denkt man an Selbstmord?" -
"Wie funktioniert der Alltag?" – "Findet man
überhaupt einen Partner?" Jennifer Sonntag gelingt es,
Verständnis zu entwickeln zwischen den
Wahrnehmungsmöglichkeiten von Sehenden und Blinden.
Uschi Müller
Stand: 09.02.2012
Seite teilen