„Ich habe 800 Töchter“ - Serap Çileli
15 Jahre Kampf gegen Zwangsheirat und Ehrenmord
- Donnerstag, 25. Oktober 2012, 22.00 - 22.30 Uhr
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Die erfolgreiche Buchautorin und Frauenrechtlerin ist selber als 15-Jährige gegen ihren Willen verheiratet worden. Seit vielen Jahren hilft sie anderen betroffenen Mädchen, jungen Frauen und auch jungen Paaren. frauTV berichtet über das Engagement von Serap Çileli. Und über die Mitglieder ihres Vereins peri e.V., die Mädchen auf der Flucht als „Ersatzfamilien“ Schutz und Geborgenheit geben. Zwei junge Frauen erzählen ihre Geschichten, über die Hilfe, die sie erhalten haben und warum sie aus ihrem Elternhaus geflüchtet sind. Serap Çileli erzählt, was sich in den 15 Jahren ihres politischen Engagements gegen Zwangsheirat und Ehrenmord verändert hat.
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Serap Çileli kämpft für die Rechte der Frauen.
Vor fünf Jahren hat Serap Çileli den „peri“ e.V. (zu Deutsch die gute Fee“)- Verein für Menschenrechte und Integration“ gegründet, dessen Ziel es ist: „Frauen und Männer mit Migrationshintergrund zu unterstützen“. Mittlerweile sind 85 Frauen und Männer in dem Verein ehrenamtlich tätig. Es sind beispielsweise ErzieherInnen, LehrerInnen, ÄrztInnen, PsychologInnen oder sie arbeiten im Bereich der Arbeitsvermittlung- alles Berufsbereiche, so sagt Serap Çileli, die in der Betreuungs-und Beratungsarbeit eine wertvolle und fachliche Unterstützung der jungen Frauen und Männer sind. Als besonderen Erfolg wertet Serap Çileli auch, dass junge Frauen, die Hilfe durch den Verein erhalten haben, ebenfalls aktiv mitarbeiten und andere Hilfesuchende auf ihrem schwierigen Weg in ein neues Leben außerhalb der Familie begleiten. Dass- abgesehen von diesen jungen Frauen- so wenig Menschen mit Migrationshintergrund für die Vereinsarbeit zu gewinnen sind, bedauert sie sehr. „Die Betreuungsgruppe vom peri-Verein sind in ihrer Linie junge Musliminnen, die von Zwangsheirat bedroht sind, junge Frauen, die mit Ehrenmord bedroht werden. „Natürlich haben wir auch“ - so Serap Çileli im Interview -„homosexuelle Jugendliche aus dem Migrantenmilieu, die wir betreuen. Seit ein paar Jahren kommen auch deutsche Eltern, deren Töchter zum Islam konvertiert sind, die in der Regel in die Salafistenszene abgerutscht sind.“ Auch binationale Paare, deren Beziehung von den Eltern nicht akzeptiert werden, suchen Rat und Hilfe. Für diese jungen Leute gibt es bislang noch am wenigstens Hilfe-und Schutzeinrichtungen.
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Mittlerweile sind 85 Frauen und Männer im peri e.V. ehrenamtlich tätig.
Zu den zentralen Zielen, die sich Serap Çileli mit der Vereinsarbeit gesetzt hat, gehört der Aufbau eines bundesweiten Netzes von „Patenfamilien“ für junge Frauen (und Männer) aus dem muslimischen Kulturkreis, die von ihren Familien bedroht werden und fliehen müssen. Solche „Patenfamilien“ sind dringend erforderlich, weil es bundesweit gerade mal 5 bzw.6 spezielle Schutzeinrichtungen gibt, die zudem ständig überfüllt sind. Außerdem ist die begleitende Rolle solcher Ersatzfamilien für die jungen Frauen besonders wichtig. Denn für sie ist der Verlust der Familie sehr schmerzhaft, selbst wenn die Eltern sie beschimpft, bedroht und/oder physisch und psychische misshandelt haben. Da die Familie bis zum Zeitpunkt der Flucht für die meisten der Lebensmittelpunkt war und sie in dem Glauben erzogen sind, ohne Familie wären sie ein „Niemand“, fühlen sie sich häufig auch in Schutzeinrichtungen verloren und haben wenig Zutrauen, sich ein eigenständiges Leben aufbauen zu können. Im peri-Verein gibt es bereits solche Patenfamilien, die eine enge fachliche Betreuung erfahren, zudem steht eine Anwältin des Vereins für rechtliche Fragen zur Verfügung. Doch solche Betreuung kann nicht den dringend notwendigen Ausbau der vorhandenen Beratungs-und Unterbringungseinrichtungen ersetzen, es kann nur eine –allerdings wichtige - Ergänzung sein. (Außerdem werden aus verschiedenen Gründen in den Patenfamilien des peri-Vereins nur junge Frauen über 18 betreut.) Die Forderung an die Politik, mehr Einrichtungen für diese Gruppe zu schaffen, ist auch ein Teil der Öffentlichkeitsarbeit des Vereins.
Für Serap Çileli ist auch nach 15 Jahren Aufklärungsarbeit der Begriff der Ehre ein zentrales Thema geblieben, wenn es um die Strukturen muslimischer Familien, überkommene traditionelle und religiöse Alltagsregeln geht, die einschneidend das Leben von Mädchen und Frauen aus Zuwandererfamilien bestimmen. Da der Begriff der Ehre unmittelbar mit der Vorstellung von Jungfräulichkeit verknüpft ist, klärt Serap Çileli auch in ihren Vorträgen darüber auf, welche Folgen im Alltagsleben sich für die Mädchen und jungen Frauen daraus ergeben. Sie schildert eindringlich, was jungen Mädchen, auch hier in Deutschland alles widerfährt, damit ihre Eltern den „Beweis“ ihrer Jungfräulichkeit gegenüber der Schwiegerfamilie erbringen können. Das geht von Bescheinigungen, die vom Arzt verlangt werden, bis hin zur Rekonstruktion des Jungfernhäutchens, sollte das Mädchen zum Beispiel vorher (heimlich) einen Freund gehabt haben. Es ist immer noch so, dass in vielen Fällen die Eltern entscheidend bestimmen, wen die Mädchen heiraten, und nicht selten geschieht das mit Hilfe von Drohungen und Gewalt. Deshalb sind auch Mädchen und junge Frauen, die vor einer drohenden Heirat aus der Familie fliehen, nach wie vor diejenigen, die mit am häufigsten bei Serap Çileli und dem peri-Verein Hilfe suchen.
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Der Begriff der Ehre ist ein zentrales Thema geblieben.
Bereits in ihrem Buch von 2008 „Eure Ehre- unser Leid“ warnt sie vor einem „Runterspielen“ dieses Problems. Sie ist auch heute noch der Meinung, dass Zwangsheirat kein vereinzeltes, zunehmend verschwindendes Randphänomen in muslimisch geprägten Familien ist. Aus 15 Jahren Erfahrung weiß sie, wie häufig der Versuch der Eltern, die Kinder gegen ihren Willen zu verheiraten, im Lebensalltag der jungen Frauen (und Männer) eine zentrale Rolle spielt. Dass mittlerweile Zwangsheirat ein eigener Straftatbestand geworden ist und damit auch ein politisches Signal gesetzt wurde, wertet Serap Çileli als Erfolg all derjenigen, die seit vielen Jahren gegen erzwungene Ehen einsetzen. Auch schon in ihrem Buch „Eure Ehre- unser Leid“ 2008 schreibt sie: „Zwangsehe und Ehrverbrechen sind keine folkloristische Eigenheit der Zuwanderer, sondern eklatante Menschenrechtsverletzungen.
Halten wir es einmal fest:
- Zwangsheirat ist sexuelle Nötigung
- Zwangsheirat ist Menschenhandel
- Zwangsheirat ist oft schwerer Kindesmissbrauch
- Zwangsheirat kommt nicht selten durch Gewalt zustande
- Und wer sich ihr verweigert, wird nicht selten aus der Familie ausgeschlossen und im Extremfall sogar ermordet.(s.S. 200)
Demonstrationen gegen Ehrenmorde, Trauermärsche für die Opfer zu organisieren und durchzuführen, damit die Opfer nicht in Vergessenheit geraten- auch das gehört zu den zentralen Anliegen Serap Çilelis. Dass falsche „Ehrvorstellungen“ zunehmend seltener als „Kulturbonus“- wie sie es nennt- als strafmildernder Grund in Urteile einfließen, hält die Buchautorin für einen großen Fortschritt.
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Ihr Ziel: Bessere Bildungschancen für Kinder aus Migrantenfamilien.
Ein weiteres wichtiges Anliegen von Serap Çileli ist die Verbesserung der Bildungschancen der Kinder aus Migrantenfamilien. Gerade weil sich immer noch häufig die jungen Männer oder deren Eltern die zukünftigen Ehefrauen aus der Türkei holen (die sogenannten „Importbräute“),die – obwohl mittlerweile einfache Deutschkenntnisse Pflicht für den Ehegattennachzug sind - trotzdem mit ganz geringen Sprachkenntnissen nach Deutschland kommen und hier sehr abgeschottet leben, sprechen deren Kinder bei Eintritt in die Schule häufig sehr schlecht deutsch. Bei schulischen Belangen fehlt ihnen nicht selten die Unterstützung des Elternhauses. Wie die Chancen der Kinder verbessert und eine wirkungsvollere Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus stattfinden kann, zeigt sich an Projekten wie dem „Agabey-Abla-Modell“, die seit längerem schon in verschiedenen Bundesländern durchgeführt werden. In ihrem Buch von 2008 schildert sie den Grundgedanken: Gymnasiasten und Studenten mit Migrationshintergrund, die das deutsche Bildungssystem erfolgreich absolvieren bzw. absolviert haben, werden als Vorbilder, Betreuer der Schüler eingesetzt, gleichzeitig sind sie Vermittler zwischen Elternhaus und Schule. Diese älteren „Brüder“ und „Schwestern“ helfen den Schülerinnen und Schülern bei der Bewältigung des Lernstoffes, der Hausaufgaben, kümmern sich um schulische Belange ebenso wie um die Freizeitgestaltung. Der Grundgedanke dieses Modells wird mittlerweile in einer Reihe von Initiativen umgesetzt.
Buchtipps
Serap Çileli:
„Eure Ehre- unser Leid - Ich kämpfe gegen
Zwangsehe und Ehrenmord“
Blanvalet Verlag 2008, ISBN 978-3-7645-0301-7
(leider nur noch antiquarisch zu erhalten)
In ihrem ersten Buch „Wir sind Eure Töchter, nicht Eure
Ehre“ hat die Autorin ihre Lebensgeschichte verarbeitet.
Für sie persönlich war es eine Art
„Selbstfindung“, wie sie in ihrem neuen Buch schreibt.
In „Eure Ehre- unser Leid“ stehen nun vor allem
umfangreiche Informationen über Familienstrukturen,
religiöse und traditionelle Hintergründe im Vordergrund.
Einleitend bzw. ergänzend zu den einzelnen Themen erzählt
Serap Çileli Beispiele aus dem Leben von Mädchen und
jungen Frauen, die ihr geschrieben haben und die in den letzten
zehn Jahren betreut hat. Ihre eigene Biographie taucht zwar nur
noch am Rande auf, aber trotzdem ausreichend für diejenigen,
die ihr erstes Buch nicht gelesen haben.
Serap Çileli:
„Wir sind Eure Töchter, nicht Eure
Ehre!“
Blanvalet Verlag, 2006, ISBN: 978-3-442-36521-0
Sengül Obinger:
„Löwinnenherz. Wie ich mir meine Freiheit
erkämpfte und dabei fast das Leben
verlor.“
Herder Verlag, ISBN 978-3-451-30468-2
Die Autorin schildert ihre Kindheit, ihr „Gefängnis
namens Familie“ mit derselben Eindringlichkeit wie die Jahre
der Gewalt in einer erzwungenen Ehe. Gleichzeitig lernt man in
diesen Schilderungen auch ein Mädchen, eine Frau kennen, die
trotz allem an ihren Träumen festhält. Eine Frau, die
sich in all den Jahren „durch die Hölle ans Licht“
kämpft; die heimlich lernt für eine Ausbildung, die
arbeiten geht und letztendlich ihren Mann verlässt und sogar
wie durch ein Wunder einen Mordanschlag überlebt. Sie macht
Karriere und findet am Ende auch ihr ganz persönliches
Glück, ihre große Liebe. Das mag sich wie ein
Märchen anhören; doch es in erster Linie ein Buch, dass
Mut macht!
Nilgün Taşman:
„Ich träume deutsch... und wache türkisch
auf - Eine Kindheit in zwei Welten"
Herder Verlag 2008, ISBN 3-451-29860-8
In der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen
gehört Nilgün Taşman zur Generation junger
Türkinnen, die zwischen zwei Welten leben. Nilgün
Taşman beschreibt sehr anschaulich aus der Kinder-Perspektive
Erlebnisse, Denkweise, Gefühle und vor allem Ambivalenzen aus
ihrem Leben. Es wird deutlich, wie sehr viel unkomplizierter Kinder
die alltägliche Welt des Miteinanders betrachten.
Seyran Ates:
„Der Multikulti-Irrtum - Wie wir in Deutschland
besser zusammenleben können“
Ullstein Verlag 2007, ISBN 978-3-550-08694-6
Die türkischstämmige Rechtsanwältin und
Frauenrechtlerin Seyran Ates geht auf die ihrer Meinung nach
fehlgeleitete Integrationspolitik und deren Folgen ein. Sie
kritisiert vor allem auch die als Toleranz verkleidete
Gleichgültigkeit, die ihres Erachtens wesentlich mit zur
Gettoisierung der Zuwandererfamilien geführt hat, also
mitverantwortlich für die heute so heftig diskutierte
Parallelgesellschaft ist. Wie das Leben in dieser Welt aussieht und
welche Voraussetzungen für eine positive Integrationspolitik
von allen Beteiligten erfüllt werden müssen, schildert
sie in ihrem Buch ausführlich.
Necla Kelek:
„Die verlorenen Söhne - Plädoyer für
die für die Befreiung des türkisch-muslimischen
Mannes“
Kippenheuer& Witsch 2006, ISBN: 978-3-462-03686-2
Die Soziologin Necla Kelek, in Istanbul geboren, in Deutschland
aufgewachsen und studiert, widmet sich in ihrem Buch vor allem dem
Thema der Folgen der türkisch-muslimischen Erziehung, deren
Wurzeln in patriarchalen Traditionen und archaischen
Stammeskulturen zu finden sind, auf die Haltung der Väter und
Söhne der Zuwandererfamilien. Dabei schildert sie alle
„Stationen“ der männlichen Sozialisation, die
mitverantwortlich sind für Gewaltbereitschaft,
Unterdrückung und Kontrolle der Ehefrauen, Töchter und
Schwestern. Ebenso zeigt sie, welche Rolle die Religion und die
Gesetze der Scharia im alltäglichen Denken und Handeln der
Familien spielt. Gehorsam und Gewalt sind für sie die
‚traurigen’ Stützpfeiler, auf denen die Erziehung
der Jugendlichen beruht. Und genau in diesen Bereichen müssen
die Veränderungen einsetzen, und da sind besonders auch die
LehrerInnen und ErzieherInnen gefordert.
Autorin: Dr. Anke Wolf-Graaf
Stand: 24.10.2012
- www.peri-ev.de Der Verein für Menschenrechte und Integration „Peri“ e.V., zu Deutsch: „Die gute Fee“, ist auf Initiative von Serap Çileli entstanden, da sie immer wieder bei ihren Veranstaltungen oder schriftlich über ihre Homepage gefragt wurde und wird, „was können wir tun“. Der Verein bietet allen denen, die sich besonders für junge Frauen und Männer aus Zuwandererfamilien, die Hilfe brauchen, einsetzen wollen, die Möglichkeit sich zu informieren und zu engagieren.
- www.serap-cileli.de Auf der Homepage ist mehr über Serap Çileli und ihre Biographie zu erfahren, die verschiedenen Projekte und viele Hinweise auf Beratungs-und Zufluchtseinrichtungen.
- www.terre-des-femmes.de Diese Organisation setzt sich für die Menschenrechte von Mädchen und Frauen ein. Auf der Homepage finden sich viele Informationen zu verschiedenen Aspekten. Wie: häusliche Gewalt, Zwangsheirat, Frauenhandel, Genitalverstümmelung.
- www.zwangsheirat.de Mit diesem Link ist man sofort auf den Informationsseiten von Terre Des Femmes zu den Themen „Zwangsheirat“ und „Gewalt im Namen der Ehre“. Hier erhält man umfangreiche und ausführliche Informationen; so zum Beispiel eine Erklärung, was man unter „Zwangsheirat“ oder „Ehre der Familie“ versteht. Auch rechtliche Aspekte werden dort erklärt. Ganz wichtig: mit Klick auf den Button „Beratung“ findet man eine Liste– gegliedert nach Bundesländern- der wichtigsten Beratungsstellen in Deutschland. Ebenso ein Link zu Frauenhäusern in Deutschland.
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