Wieviel Aufklärung? Wann und vom wem?
- Donnerstag, 15. November 2012, 22.00 - 22.30 Uhr
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Ob sie wollen oder nicht, Jugendliche werden ständig mit Sex konfrontiert, in der Werbung, im Internet, in Filmen und Zeitschriften. Und selbst wenn sie nicht gezielt selbst Pornoseiten aufsuchen, geraten sie beim Surfen leicht aus Versehen dorthin oder werden auf dem Handy in der Schulpause damit konfrontiert. Sind sie deshalb auch besser aufgeklärt? Nein, meint die Hamburger Sexologin Ann-Marlene Henning. Gute Aufklärung sei deshalb heute umso wichtiger. Das Aufklärungsbuch "Make Love", dass sie geschrieben hat, soll dabei helfen und das falsche Bild von Sex und Liebe, das Jugendliche durch die Medien vermittelt bekommen, gerade rücken. Das Werk hat in der Presse hohe Wellen geschlagen. Zuviel Aufklärung sagen die einen, endlich ein neues modernes Standardwerk, die anderen. Grund für frauTV-Autorin Janine Stolpe-Krüger genauer hinzugucken: Wer sollte Jugendliche eigentlich aufklären, und wann und wieviel?
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Das Buch hat viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gefunden.
Jeder Zweite zwischen 10 und 13 ist im Netz schon auf Pornos gestoßen.
Die Mutter ist und bleibt Hauptaufklärerin! So verschiedene Studien und die von uns gemachte Umfrage in einer achten Klasse der Europaschule in Köln, einer Gesamtschule. Mädchen wenden sich darüber hinaus bei Fragen zu Liebe und Sexualität auch an Freundinnen oder ältere Geschwister. Sprachlosigkeit und Scham herrscht eher bei den Jungen. Deshalb wundert es nicht, dass diese eher im Netz nach Antworten suchen als Mädchen. "Es gibt 10jährige, die bereits im Internet unterwegs sind," sagt Ann-Marlene Henning, Hamburger Sexologin und Buchautorin des neuen Aufklärungswerkes "Make Love". "Und dort landen sie leider sehr schnell auf Seiten, wo sie gar nicht hinwollen." Jeder Zweite zwischen 10 und 13, so die Expertin, habe bereits pornographische Inhalte im Netz gesehen. Von den 15-18jährigen hätten sogar 82 Prozent schon Pornos geschaut. Jungen seien interessierter an pornographischen Inhalten als Mädchen. Diese Tatsache muss man also als gegeben hinnehmen und die Aufklärungsarbeit entsprechend anpassen. Doch was heißt das? Ab wann und wie sollten Eltern ihre Kinder überhaupt aufklären?
Aufklärung ist ein permanenter Prozess und beginnt mit der Geburt.
Sexualerziehung beginnt mit der Geburt, erklärt die Kölner Erziehungsberaterin und Diplompsychologin Elisabeth Raffauf, selbst Autorin verschiedener Aufklärungsbücher für Eltern und Mädchen. (Siehe Literaturtipps). "Sexualerziehung vermittelt sich auch ohne Worte. Das beginnt beim Waschen. Kenne ich Worte für die Geschlechtsteile oder schweige ich, wenn die Geschlechtsteile dran kommen? Das spürt das Kind. Das nimmt es wahr. Fragen der Kinder tauchen spätestens dann auf, wenn sie sprechen könne, also mit 2 oder 3 Jahren." Aufklärung ist und bleibe in erster Linie Aufgabe der Eltern und sollte nicht dem Biolehrer überlassen werden, auch wenn Aufklärungsunterricht zum Glück längst Teil des Lehrplans ist. Doch kümmert sich die Schule hauptsächlich ums Erklären der rein biologischen Abläufe und nur wenig um Liebe und Gefühl. Aufklärung umfasst jedoch weitaus mehr, es geht um Wertschätzung und Verständnis für das andere Geschlecht, um Einfühlung, das Gefühl Liebe, darum ein gutes Gefühl zu seinem eigenen Körper zu entwickeln, und sich mit seinen Macken zu akzeptieren. Nur dann kann man Erregung als etwas Positives und Lustvolles erleben. Die größte Wirkung auf das spätere Liebesleben unserer Kinder hat deshalb das, was Eltern ihnen täglich vorleben! "Eltern sind am nächsten dran," sagt Elisabeth Raffauf, "Wie liebevoll gehen wir miteinander um? Darf Scham sein? Dürfen die Kinder Fragen stellen und werden diese beantwortet? Oder werden Eltern rot, wenn es um Sex geht? All das ist Sexualerziehung und gehört zum Leben." Unterrichtsinhalte, Infobroschüren oder Aufklärungsliteratur sind also allenfalls als Ergänzungen geeignet. Sie ersetzen auf keinen Fall permanente vertrauensvolle Gespräche oder Gesprächsangebote der Eltern.
Sexologin Ann-Marlene Henning geht noch weiter in ihren Anforderungen an gute Aufklärung. Sie berät Paare mit sexuellen Problemen und ist immer wieder empört, wie wenige Frauen überhaupt ihr eigenes Geschlecht kennen. "Wie sollen wir Frauen Sexualität als lustvoll erleben können, wenn wir im Umgang miteinander nicht mal ein Wort haben, um unsere Vagina zu bezeichnen. Wenn wir nur lernen, da unten ist es schmutzig und wisch dich als Mädchen richtig herum ab." Henning würde sich deshalb freuen, wenn Mütter ganz früh ihren Töchtern vor dem Spiegel einfach Mal zeigen und erklären würden, wie deren Scheide aussieht. "Dass ein Mädchen sich sehen darf und lernen darf, was es da hat. Die meisten lernen nämlich, dass sie da nichts haben. Ich sehe das auf meiner Couch. Die Frauen sind 30, 50, 60 Jahre und haben keine Ahnung: 'Ne, da hab ich noch nicht hingeguckt.'"
Liebe ist so vielfältig wie das Leben
Natürlich gibt viele Bücher über Aufklärung für Kinder und Erwachsene, darunter sicher auch viele gute für Jugendliche wie "Only for Girls" von Elisabeth Raffauf oder das Pendant "Only for Boys" von Manne Forssberg. Auch "Aufregende Jahre. Jules Tagebuch", eine Aufklärungsbroschüre für Mädchen zwischen 10 und 15 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wird von Experten, Eltern und Kindern gleichermaßen gelobt und empfohlen. Kein Buch ist jedoch jemals von Anfang an so erfolgreich gewesen wie die "Make Love". Ein Aufklärungsbuch als Kassenschlager? Das Buch von Ann-Marlene Henning und Tina Bremer Olszewski landete mit seinem Erscheinen vor drei Monaten sogleich auf Platz eins verschiedener der Bestseller-Liste wie der des Focus und blieb dort wochenlang. Als Aufklärungsbuch für Jugendliche vor ihrem ersten Mal bezeichnet, empfiehlt der kleine Berliner Verlag Rogner und Bernhard sein Erfolgswerk. Was ist anders?
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Anders als in vielen Aufklärungsbüchern gibt es zahlreiche Fotos.
Neben detailreichen Erklärungen über Liebe und Sex vor allem zahlreiche Fotos, wo andere Aufklärungsbücher sich mit Zeichnungen begnügen. "Make Love" zeigt echte junge Paare, die sich lieben. Ungeschönt und authentisch. Heteropaare ganz selbstverständlich neben gleichgeschlechtlichen. Die Botschaft: Wahre Liebe sieht anders aus als die Medien uns weiß machen. Die Fotografin Heji Shin hat dafür junge Paare in Berlin auf der Strasse angesprochen. "Es ging mir sehr darum, ein Bild zu korrigieren," meint Autorin Henning. Sex, so wie er in den Medien dargestellt werde, entspreche nun einmal nicht der Realität. Männer können nicht immer und Frauen wollen nicht immer! In den Medien sei alles irgendwie "besser, größer, schöner, perfekt, aber vor allem, alle sind gleich. Wir sind nicht alle gleich," so Henning, „Wir sind unterschiedlich und das ist ja gerade der Charme." Ihre Botschaft: Liebe ist so vielfältig wie das Leben. Und wahre Liebe sieht anders und eben auch weniger perfekt und hochglanzmäßig aus als in den Medien. Und - zu normaler Liebe gehört eben ganz selbstverständlich und ohne Wertung auch homosexuelle Liebe. Für die geborene Dänin war das selbstverständlich. "Ich weiß gar nicht, wie ich es anders hätte zeigen können."
Wegen zwei sachlicher Seiten über Aufklärung bei Weltbild auf dem Index.
Die Presse nimmt das Buch fast durchgehend begeistert auf. Und doch gibt es auch kritische Stimmen. Häufigster Vorwurf: Nicht alle Jugendlichen entwickelten sich gleich schnell. Manch einer könnte von den Bildern und von den detaillierten Erklärungen überfordert und geschockt sein. Andere befürchten, dass Jugendliche durch das Buch zu homosexueller Liebe animiert werden könnten. Der große Weltbild-Verlag stößt sich besonders an zwei Seiten sachlicher Erklärungen zum Thema Abtreibung. Dort landet das Werk schließlich sogar auf dem Index. Mit dem Skandal-Bestseller "Shades of Grey" hingegen wird bei Weltbild weiter Kasse gemacht. Mit Sado-Maso-Literatur hat der Verlag offenbar weniger moralische Probleme!?! frauTV interessierte, wie denn die Zielgruppe "Make Love" bewertet. Wir befragten deshalb eine achte Klasse der Europaschule, einer Kölner Gesamtschule. Und waren erstaunt wie sicher sich die 13- bis 14-jährigen Schüler in kürzester Zeit ein Urteil bilden. Die Meinungen waren einhellig. Durchgehend gelobt wurde die optisch ansprechenden, klar gegliederten Texte und die einfache, offene, humorvolle Sprache. Bei ihnen kamen die Erklärungen an. Mit den Fotos hatten die Schüler jedoch tatsächlich so ihre Probleme. Zu heftig, zu viel und zuviel zu sehen, urteilten die Schüler. Und weniger wäre hier mehr gewesen. Ein Schüler mutmaßte sogar gleich, die vielen Fotos seien doch sicher nur ein Verkaufstrick. Auch die gleichgeschlechtlichen Paare irritierten einige, es scheint eben doch noch lange nicht selbstverständlich für viele.
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Es gibt viele Hintergrundinformationen zu dem Thema.
Den Gedanken, dass ihre eigenen Eltern ihnen das Buch als Aufklärungslektüre schenken würden, fanden die Schüler nicht verlockend. "Wenn meine Mutter mir das Buch schenken würde, würde ich es auf jeden falsch verstehen, ...so als wollte sie das." Eher ein Buch für ältere Jugendliche oder Erwachsene, so das abschließende Urteil der 8ten Gesamtschulklasse. Erziehungsberaterin Elisabeth Rafffauf schließt sich diesem Urteil an: "Das sind die Defizite der Erwachsenen, die da an den Jugendlichen abgearbeitet werden." Der Verlag habe sich in der Generation vergriffen und Aufklärung Jugendlicher als Vorwand benutzt, um ein Buch besser zu verkaufen. Details über Leckmethoden, perfekten Oralsex oder Pornolügen taugten nicht als Aufklärungslektüre, so die Diplompsychologin, die seit Jahren bei WDR-Radio 5 in der Sendereihe "Herzfunk" der Kindersendung "Lillipuz" Fragen zu Liebe und Sex beantwortet. "Die Jugendlichen stellen sich in dem Alter ganz andere Fragen. Was passiert mit mir, wenn er mir tief in die Augen schaut, oder soll ich im Kino seine Hand nehmen." Außerdem hätten Kinder ein Recht darauf, sich in der Liebe auszuprobieren und dabei eben auch mal Fehler zu machen. Was sie jedoch bestimmt nicht brauchen vor ihrem ersten Mal ist eine genaue Gebrauchsanweisung. Erwachsene hingegen, gibt auch Rafffauf freimütig zu, könnten in "Make Love" durchaus noch viel über lustvolle Liebe dazulernen.
Und doch sind sich beide Aufklärungsexpertinnen in einem wichtigen Punkt einig: Aufklärung sollte ein permanenter begleitender Prozess sein zwischen Kind und Eltern sein. Im Kern geht es darum, in jeder Familie an einem vertrauensvollen Verhältnis zu seinen Kindern zu arbeiten. Und dabei ginge es nicht darum, als Eltern ungefragt und übereifrig jede Frage, die sich stellen könnte, zu beantworten. "Kinder brauchen Geheimnisse," meint Elisabath Raffauf. "Gut ist einfach, wenn ich als Eltern ansprechbar bin. Und wenn von vornherein ein Vertrauensverhältnis da ist, weiß ich, wenn mein Kind was nicht versteht, dann wird es mich fragen. Dafür müssen Eltern sensibel sein. Das kann uns kein Buch abnehmen." Dem stimmt Ann-Marlene Henning zu: "Es geht um eine entspannte gute Stimmung. Und Humor hilft da sehr. Dann kann das Kind auch sagen: 'Das ist nicht dein Ding. Da will ich nicht mit dir drüber sprechen. ‘Und dann kann man sagen: 'Stimmt.' Dann hat man gleichzeitig die Grenze respektiert. 'Du hast recht. Ich wollte nur sagen, wenn was ist, ich bin da, das reicht vollkommen.' Und dann kommt das Kind auch, wenn die Stimmung entsprechend ist." - Geschadet haben Henning die Diskussionen um ihr Buch übrigens nicht. "Make Love" geht nach drei Monaten in die zehnte Auflage. Und inzwischen betreibt die Sexologin auch einen erfolgreichen Blog im Internet!
Buchtipps
Tina Bremer Olszewski, Ann-Marlene Henning:
“Make Love!”
Rogner & Bernhard, 9783954030026
Detailreiches, sehr informatives und unterhaltsam geschriebenes
Aufklärungsbuch, dass umfassend über Sexualität,
Liebe und Liebespraktiken informiert. Unserer Meinung nach aber
eher geeignet für ältere Jugendliche und vor allem
Erwachsene.
BZGA:
„Aufregende Jahre - Jules Tagebuch“
Sehr empfehlenswerte kostenlose Informationsbroschüre der
Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (auch als
pdf-download) für Mädchen zwischen 10-15 Jahren.
Elisabeth Raffauf:
„Only for Girls - Alles über Liebe und Sex“
Beltz & Gelberg, 9783407741493
Die Erziehungsexpertin beantwortet sachkundig und unterhaltsam alle
Fragen, die junge Mädchen bewegen, mit vielen O-Tönen der
Jugendlichen.
Manne Forssberg:
“For Boys only”
Beltz & Gelberg, 9783407741752
Der schwedische Autor beschreibt seine Gefühle vom
Cliquen-Mitglied zum rücksichtsvollen Partner in einer
Zweierbeziehung. Er setzt sich kritisch mit Porno-Pseudowissen,
Rollenverständnis und Homosexualität auseinander und
trifft dabei für Jungen genau den richtigen Ton.
Autorin: Janine Stolpe-Krüger
Stand: 14.11.2012
- www.doch-noch.de Homepage von "Make Love"-Buchautorin Ann-Marlene Henning. Hier finden Sie Seminarangebote für Schulen, ihren Blog und weitere Buchtipps.
- Homepage von Erziehungsberaterin Elisabeth Raffauf. Hier finden Sie auch eine Liste ihrer Aufklärungsbücher, weitere Literaturtipps und Links. Die Diplompsychologin führt auch Elternkurse zur besseren Aufklärung durch. Soeben im Oktober 2012 erschienen: "So schütze ich mein Kind vor sexuellem Missbrauch - Prävention von Anfang an".
- Homepage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Hier finden Sie den Download von "Jules Tagebuch", eine sehr empfehlenswerte Aufklärungs-Broschüre für Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren.
- www.planet-schule.de/wissenspool/sexualitaet-aufklaerung/inhalt/unterricht.html Auch der WDR bietet kostenlos Informationen für guten Aufklärungsunterricht für Lehrer in Form von fünf Filmen, die Schüler mit Profis erstellt haben.
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