Monika Hauser – Eine beeindruckende Frau

  • Donnerstag, 15. November 2012, 22.00 - 22.30 Uhr

Portrait Monika Hauser lachend

Monika Hauser – Eine beeindruckende Frau

(29:02)

Donnerstag, 15. November 2012, 22.00 - 22.30 Uhr

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Die Menschenrechtsaktivistin und Frauenärztin Monika Hauser aus Köln erhält am 19. November 2012 den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Seit über 20 Jahren setzt sich Monika Hauser, Gründerin der Frauenhilfsorganisation „Medica Mondiale“, für Frauen ein, die in Kriegs- und Krisengebieten sexueller Gewalt ausgesetzt waren und sind. Die Frauen bekommen lebensnotwendige medizinische, psychologische und rechtliche Unterstützung. Nicht nur helfen, sondern Perspektiven bieten, ist das Motto der weltweiten Projekte. frauTV nimmt diese Auszeichnung für Monika Hauser zum Anlass, um eine beeindruckende Frau und ihre Arbeit zu porträtieren.Bereits 2005 wurde Monika Hauser für den Friedensnobelpreis nominiert und erhielt 2008 den Right Livelihood Award, der als alternativer Nobelpreis bekannt ist.

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Monika Hauser erhält von einem Mann den alternativen Nobelpreis

Das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, um anderen Frauen zu helfen? Soweit gehen nur wenige. Die Kölner Gynäkologin Monika Hauser, 53 Jahre, ist so eine Frau. Sie und ihre Mitarbeiterinnen von Medica Mondiale konnten in den letzten 20 Jahren weltweit zwischen 70.000 und 100.000 Frauen und Mädchen helfen, die durch sexualisierte Gewalt traumatisiert wurden.

Ein besonderer Lebenslauf:

Monika Hauser wurde 1959 in der Schweiz geboren. Ihre Eltern stammen aus Südtirol, deshalb hat sie bis heute einen italienischen Pass. Aufgewachsen ist sie in der Schweiz. Ende der 80er Jahre hat sie jedoch die Liebe nach Köln verschlagen. Heute ist Köln ihr Hauptarbeitsplatz im Büro von medica mondiale, gemeinsam mit 40 weiteren engagierten Frauen. In den weltweiten Projekten der Menschenrechtsorganisation sind heute 220 Mitarbeiter tätig. Mit ihrem Mann hat sie einen 16-jährigen Sohn. Ihr Mann, der die Organisation anfangs mit aufgebaut hat, kümmert sich heute um Haushalt und Familie, damit Monika Hauser ihre Energie gezielt weiter für ihre Arbeit einsetzen kann.

Menschen vor einem weißen Tranistfahrzeug

Monika Hauser arbeitet Ende der 80er zunächst als Assistenzärztin in einer Ruhrgebietsklinik. Dort eckt sie an, weil sie den unsensiblen Umgang mit Patientinnen in der Gynäkologie anprangert. Bei Untersuchungen von Vergewaltigungsopfern etwa, empfindet sie es oftmals fast als zweite Vergewaltigung wie mit den Frauen umgegangen wird. So wird zum Beispiel in Fachterminologie über ihre Köpfe hinweg geredet. Oder sie werden morgens auf der Notaufnahme von ihr untersucht, mittags noch einmal vom Stationsarzt und abends ein drittes Mal vom Professor, der vor allem an seinen Forschungsergebnissen interessiert ist und nicht an der seelischen Verfassung der Frauen.

Als Monika Hauser, schockiert von den Medienberichten über die Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg erfährt, will sie sofort helfen. Auch die Form der Berichterstattung findet sie unerträglich. Die Abbildung der leidenden Opfer sowie die detaillierte Beschreibung ihrer Vergewaltigungen käme einem zweiten Missbrauch der Frauen gleich. Trotz intensiver Recherche findet sie jedoch keine große Menschenrechtsorganisation, die konkrete Hilfe plant, stattdessen Ausreden wie: „Das sind doch muslimische Frauen, die gelten jetzt als geschändet, denen ist eh nicht mehr zu helfen.“ Das macht sie umso wütender. Zwei Wochen später bricht sie deshalb allein ins Kriegsgebiet auf.

Viele muslimische Frauen mit weißen Kopftüchern

Aufbau des ersten Therapiezentrums in Zenica

In Zagreb schließt sie sich einem Bündnis verschiedener Frauengruppen an. Gemeinsam beschließen sie, in Zenica/Zentralbosnien ein Therapiezentrum für vergewaltigte und traumatisierte Frauen und ihre Kinder aufzubauen. Während Monika Hauser dafür tonnenweise Hilfsgüter und vor allem auch Spendengelder aus Deutschland nach Zenica bringt und die Frauen den Aufbau vorantreiben, nähert sich die Kriegsfront bis auf 20 km. Unter Lebensgefahr begeben sich Monika Hauser und ihre Mitarbeiterinnen mit Hilfe der UN sogar direkt ins Kriegsgebiet, um missbrauchte Frauen zu retten, bis es selbst mit Blauhelmschutz zu gefährlich wird. April 93 ist es soweit: Nach dem Vorbild von deutschen Frauenhäusern bietet das erste Therapiezentrum „medica Zenica“ ärztliche, psychologische und juristische Hilfe unter einem Dach. Das Team startet Radioaufrufe, verteilt Flugblätter usw. und schnell spricht sich herum, dass vergewaltigte Frauen und Mädchen hier Hilfe und vor allem auch Sicherheit bekommen. Mitarbeiterinnen und Patientinnen sind von Anfang an multiethnischer Zusammensetzung, das ist Monika Hauser und ihrem Team wichtig. Auch wenn es dadurch natürlich zu Spannungen kommt, letztendlich halten die Frauen zusammen. Nach einem Jahr kehrt Monika Hauser zurück. Sie will von Köln aus das Projekt weiter vorantreiben. Gleichzeitig beginnt sie wieder, in einem normalen Krankenhaus zu arbeiten. Sie lebt fortan in zwei Welten: zwei Wochen Köln, zwei Wochen Zenica usw. Die Dauerbelastung fordert ihren Tribut. Ende 95 hat Monika Hauser einen schweren seelischen und körperlichen Zusammenbruch. Sie braucht Monate um sich davon zu erholen. In dieser Zeit wird sie schwanger. Ihr Sohn Luca ist heute 16 Jahre alt. Ihre Lebensaufgabe lässt sie jedoch nicht aus dem Auge. Ihr Mann unterstützt sie dabei. Sie kämpft weiter und baut „medica mondiale“ zu einer weltweit anerkannten Menschenrechtsorganisation auf.

Als Monika Hauser, schockiert von den Medienberichten über die Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg erfährt, will sie sofort helfen. Auch die Form der Berichterstattung findet sie unerträglich. Die Abbildung der leidenden Opfer sowie die detaillierte Beschreibung ihrer Vergewaltigungen käme einem zweiten Missbrauch der Frauen gleich. Trotz intensiver Recherche findet sie jedoch keine große Menschenrechtsorganisation, die konkrete Hilfe plant, stattdessen Ausreden wie: „Das sind doch muslimische Frauen, die gelten jetzt als geschändet, denen ist eh nicht mehr zu helfen.“ Das macht sie umso wütender. Zwei Wochen später bricht sie deshalb allein ins Kriegsgebiet auf.

Drei afrikanische Frauen

Was macht „medica mondiale“ heute?

Die in Köln ansässige Menschenrechtsorganisation medica mondiale setzt sich weltweit in Kriegs- und Krisengebieten für traumatisierte Frauen und Mädchen ein. Die meisten haben während der kriegerischen Auseinandersetzungen Vergewaltigungen und andere Formen der sexualisierten Gewalt erleben müssen. Medica mondiale ist mit 220 Mitarbeiterinnen in 23 Ländern im Einsatz, um diese Frauen und ihre Kinder in Therapiezentren medizinisch zu versorgen, psychologisch und juristisch zu betreuen und ihnen mit Fortbildungen und handwerklichen Grundausstattungen eine neue Zukunftsperspektive zu geben. Dazu gehören Bosnien, Kosovo, Albanien, Afghanistan, Liberia und der Kongo. Teilweise bauen sie eigene Therapiezentren auf, die nach einer Anlaufphase selbstständig weiter arbeiten, teilweise unterstützen sie lokale Hilfsprojekte mit Know-how und Geld. Ziel ist es, den Frauen ein würdiges selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Sie sollen selbstständig für sich und ihre Kinder sorgen können. In vielen anderen Ländern unterstützt medica mondiale außerdem kompetente Frauenprojekte vor Ort. Auch in Deutschland setzte sich medica mondiale dafür ein, dass Vergewaltigungsopfer aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit sich endlich trauen zu sprechen und Gehör finden. Es geht darum, das große Tabu und Schweigen um Vergewaltigung zu brechen. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Opfer, um die Wiederherstellung ihre Ehre und Würde und darum die Täter konsequent zu bestrafen. In den letzten Jahren ist auch die politische Arbeit von „medica mondiale“ immer wichtiger geworden. So setzen sie sich dafür ein, dass Frauen etwa im Kosovo, in Afghanistan und im Irak politisch am Friedensprozess beteiligt werden, um langfristig gesellschaftliche Strukturen zu ändern und den Frauen zu mehr Rechten zu verhelfen.

Portrait Monika Hauser vor einem Foto einer afrikaischen Frau

Buchtipp

Chantal Louis:
„Monika Hauser – Nicht aufhören anzufangen“
Rüffer & rub, ISBN: 978-3-907625-41-5
Es ist die einfühlsame Biographie von Monika Hauser und macht begreifbar, warum die Kölner Ärztin italienischer Abstammung auszog, um vergewaltigte Frauen zu verarzten und ihre Seelen zu heilen. Und es beschreibt die Anfänge von medica mondiale, die Menschenrechtsorganisation, die es mit ihrer Pionierarbeit schaffte, sexualisierte Kriegsgewalt weltweit öffentlich zum Thema zu machen.



Autorin: Janine Stolpe-Krüger


Stand: 16.11.2012