Buchtipps von Christine Westermann
- Donnerstag, 15. November 2012, 22.00 - 22.30 Uhr
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1. Buch: "Überlebensgroß“
Autor: Mark Watson
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453437128
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Ein Roman, in den man mühelos hineinrutscht, der einen sehr sanft gefangen hält.
Die Handlung
… spielt in London. Dominic ist Fotograf, Spezialgebiet Hochzeiten. Er ist sehr begabt, hat den etwas anderen, den besonderen Blick auf die Brautpaare. Seit er 17 ist fotografiert er Samstag für Samstag Braut und Bräutigam am vermeintlich glücklichsten Tag ihres Lebens. Dass er selbst immer im Hintergrund steht, nie zum Mittelpunkt wird, kennt er schon von klein an.Von seinem älteren Bruder Max wird er schikaniert, im besten Fall ignoriert. Seine große Schwester Viktoria, zehn Jahre älter als er, ist erst seine Beschützerin, dann seine Vertraute. Er ist der einzige, der um ihr kompliziertes, aufregendes Leben weiß. Und je älter Dominic wird, desto intensiver wird die Beziehung zwischen Bruder und Schwester. Das ändert sich auch nicht, als er eines Tages selbst heiratet, Vater einer Tochter wird. Im Gegenteil. Immer stärker fühlt er sich zu seiner Schwester hingezogen.
Der Autor
Mark Watson ist Brite, geboren in Bristol. Wenn man liest, was er alles macht, kann man davon ausgehen, dass sein Tag mehr als 24 Stunden hat. Er arbeitet als Autor, Kolumnist, Radio-und Fernsehmoderator und erfolgreicher Stand-up-Comedian. Ist studierter Literaturwissenschaftler und Umweltaktivist. Führt seit 2010 einen täglichen Blog, in dem er sein Leben von dreißig bis vierzig aufzeichnen will. Das muss er dann nach meinen Berechnungen noch acht Jahre machen, denn Mark Watson ist jetzt 32 Jahre alt. Er lebt mit Frau und Sohn in London.
Die Bewertung
Klarer Fall von Inzest könnte man meinen, wenn man die Handlung so kurz zusammengefasst liest. Nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Die ‚Bruder liebt Schwester-Geschichte’ kommt viel feiner, viel interessanter daher. Sie ist halb Tragödie, halb Komödie, die Biografie dieser Familie, in der alles verhältnismäßig normal wirkt, aber nichts wirklich normal ist. In der der Vater mit zunehmendem Alter rührend peinlich wird, die Mutter eine außereheliche Affäre hat, der Bruder sich in ein neureiches Ekel verwandelt, die Schwester in Sachen Männer nichts anbrennen lässt und Dominic, der jüngste Sohn von Anfang an verloren hat. Er ist einer,der viel zu früh beschlossen hat, nicht mehr zu wachsen. Schon gar nicht über sich hinaus . Aber eines Tages tut er es doch. Ausgerechnet an einem Ort, an dem er schon sein halbes Leben verbracht hat: auf einer Hochzeit. Aber diesmal ist es nicht irgendeine. Es ist die Hochzeit seiner Tochter, in der er sich etwas Ungeheuerliches traut. Ein Roman, in den man mühelos hineinrutscht, der einen sehr sanft gefangen hält. Wenn alles vorbei ist, dann ist es wie im Kino nach einem guten Film. Man will noch eine Weile sitzen bleiben, ehe man wieder rausgeht, ins eigene Leben.
2. Buch: „Süden und das heimliche Leben“
Autor: Friedrich Ani
Verlag: Knaur
ISBN: 978-3426509371
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Wer Friedrich Ani liest, hat ein Kritiker klug bemerkt, lernt anders zu denken.
Die Handlung
… spielt in München. Tabor Süden, der Mann mit dem merkwürdigen Namen, war viele Jahre Kommissar im Vermisstendezernat, zog sich nach einem persönlichen Desaster aus dem Polizeidienst zurück, arbeitet jetzt bei einer Detektei. Er soll eine Kellnerin suchen ,die von heute auf morgen nicht mehr zur Arbeit gekommen ist, spurlos verschwunden bleibt. Die Stammgäste haben zusammengelegt, um den Detektiv zu bezahlen. Er soll Ilka finden, sie befürchten ein Gewaltverbrechen. Als er die Männer befragt, wer diese Ilka war, wie und mit wem sie gelebt hat, wo sie herkommt und was ihre Gewohnheiten waren, bleiben die Stammgäste stumm. Sie wissen so gut wie nichts, auch wenn sie mit dieser Frau viel Zeit verbracht, die Nächte durchzecht haben. In dem wenigen, was sie erzählen können, findet Süden eine Spur, macht sich auf die Suche, übernachtet sogar in Ilkas Wohnung, aber sie bleibt verschwunden. Sobald er glaubt, ihr näher zu kommen, macht sie sich unsichtbar.
Der Autor
Friedrich Ani lebt in München , ist 53 Jahre alt. Seine Romane, auch seine Drehbücher, wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Er bekam viermal den deutschen Krimipreis. Sein letzter Roman, der einfach nur „Süden“heißt, stand wochenlang auf Platz 1 der KrimiZEIT-Bestenliste und wurde zum besten deutschsprachigen Kriminalroman gewählt.
Die Bewertung
Friedrich Ani schreibt sanft. Sehr leise. Menschen sind ihm wichtig, nicht Morde. Wo es bei anderen Kriminalautoren deutlich und damit brutal wird, deutet er nur vorsichtig an: „Er war so sehr in sein Denken verstrickt, dass er kaum wahrnahm, wie mühelos sie sein Leben mit einem Obstmesser veränderte“. Was treibt Menschen dazu, dem normalen Leben den Rücken zu kehren, unterzutauchen, jemand anderer zu werden? Das ist es, was ihn interessiert. Wie er eine Geschichte beginnt und wie er sie weiter spinnt,ist einfach großartig. Wer Friedrich Ani liest, hat ein Kritiker klug bemerkt, lernt anders zu denken. Durch seine Romane , auch durch den Neuen, weht immer eine leichte Wehmut, eine unbestimmte Traurigkeit. Und dennoch sind sie auch immer geprägt von feinem Humor, überraschendem Witz. Ani ist ein ausgezeichneter Beobachter, ein Menschenkenner. Ich finde es nachgerade faszinierend, wie er es schafft, hinter die Stirn der Menschen direkt in ihr Herz zu gucken. Herzen, die bei seinen Figuren immer ramponiert sind, oft von Kindheit an. Wenn ich einen Krimi von Friedrich Ani beginne, weiß ich schon, wie es ausgeht. Mit mir ausgeht. Das Licht brennt bis tief in die Nacht, die Geschichte lässt mich nicht los, ich will nicht aufhören zu lesen . Und schlafen schon gar nicht. Kann man einem Buch ein schöneres Kompliment machen?
Autorin: Christine Westermann
Stand: 14.11.2012
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