Wenn Zwänge das Leben kontrollieren

  • Donnerstag, 13. Dezember 2012, 22.00 - 22.30 Uhr

Hände werden gewaschen

Wenn Zwänge das Leben kontrollieren

(30:56)

Donnerstag, 13. Dezember 2012, 22.00 - 22.30 Uhr

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Ist die Tür auch wirklich abgeschlossen und der Herd ausgestellt? Jeder kennt wohl solche Gedanken und jeder Mensch hat so seine Macken und Ticks. Doch bei rund zwei Millionen Menschen in Deutschland lösen immer wiederkehrende Zweifel Höllenqualen aus. Die Betroffenen sind zwangserkrankt. Sie leiden unter einer psychischen Störung, die den Alltag bestimmt. Claudia D. wusste, dass sie übertrieben reagierte – aber erst nach einer Therapie schaffte sie es, sich gegen die Zwänge zu wehren.

Teller wird abgespült

Der Weg in die Zwanghaftigkeit

Eigentlich war sie in allem immer super korrekt. Aber als Claudia D. ihr Referendariat als Lehrerin begann, wurde es schlimmer. In der Schule funktionierte sie und keiner merkte etwas. Aber zu Hause kreisten ihre Gedanken nur noch darum, wie sie sich vor Katastrophen schützen kann. „Gesteigert hat sich das Ganze dann, dass sich das letztendlich nicht nur auf Händewaschen und das Duschen und Kontrollieren beschränkt hat, sondern, dass ich das in meinem Alltag wieder gefunden habe. Sprich ich bin durch die Fußgängerzone gegangen, und musste genau gucken: Wo trittst Du hin, wo bist Du gerade drauf getreten, also da sind so die starken Ekelgefühle und diese Angst vor Ansteckung.“Zwänge können Menschen dazu bringen genau zu sein und die Dinge sehr gut zu machen, selbst wenn es anstrengend ist, bekommt man auch sehr viel dafür. Man bekommt Anerkennung, man bringt gute Leistungen und es ist bis zu einem gewissen Grad auch in Ordnung. Nur das Problem ist, dass es sehr anstrengend ist und dass irgendwann auch die eigenen Bedürfnisse auf der Strecke bleiben“; erklärt Silke Brand, Psychologin, das Phänomen. Wenn jede Alltagssituation zur Gefahr wird, und man an nichts anderes mehr denken kann, dann hat man eine Zwangsstörung. Die Ursachen dafür sind vielfältig.

Silke Brand: „ es gibt Risikobausteine, es gibt einen genetischen Anteil, das weiß man aus Zwillingsstudien, es gibt Temperamentsfaktoren, wie Gewissenhaftigkeit und Ängstlichkeit, ein wichtiger Schwerpunkt ist Lernerfahrung und Prägung, d.h. Zwangserkrankte haben häufig ein Elternhaus, das durch Überfürsorglichkeit und Vorsichtigkeit geprägt ist und oder autoritären Führungsstil geprägt ist, Gefühle werden eher unterdrückt, es geht ums Funktionieren. Ein starker Perfektionismus ist häufig da, und das übernehmen die Betroffenen und fühlen sich unter Druck, die Dinge perfekt zu machen und bloß keinen Fehler zu machen.“ Zwänge sind Regeln, die sich der Betroffene auferlegt hat, um die Kontrolle zu behalten. Jede Situation ist dabei bedrohlich: Bleibt z. B. die Tür unverschlossen, könnte jemand einbrechen und die Wohnung ausrauben. Deshalb muss immer wieder kontrolliert werden, ob die Tür auch zu ist. Silke Brand: „Diese Zwangsrituale müssen nach bestimmten Regeln ablaufen, die dann dem Partner oder ganzen Familien aufoktroyiert werden, so dass es zu einem funktionierenden System kommt. Weil die Betroffene ja krank ist, wird Rücksicht genommen, was falsch ist, denn dann wird das ganze Familiensystem krank und deshalb sollten sich Angehörige wehren und sagen: nein! Ich gehe nicht unter die Dusche: Ich ziehe mich nicht um und schaue nicht, ob der Herd aus ist.“ Die Therapie, die in 60-80 Prozent zum Erfolg führt, ist eine Verhaltenstherapie, bei der der Patient damit konfrontiert wird, dass gar nichts passiert, wenn er seine Zwänge unterlässt. Silke Brand: „ Der Trick ist, dass man sich den Ängsten aussetzt, also z. B. den Ängsten sich mit Bakterien und Viren zu infizieren, aber das Kontroll- und Waschritual zu unterlassen, dadurch wird die Angst frei, bis sie wieder weniger wird. Weil man merkt, dass man sich eben nicht infiziert, wenn man sich nicht übertrieben wäscht.“ Claudia D. hat es geschafft, und all das während der Therapie gelernt. Sie fühlt sich geheilt und kann nur jede und jeden mit Zwangsstörungen dazu ermuntern, den gleichen Weg zu gehen: „Ich weiß, dass das kein einfacher Weg ist. Das war für mich wahnsinnig schwer mit sehr viel Herzklopfen verbunden, aber so wie es mir jetzt geht, kann ich nur sagen, es ist wunderbar, dass ich das ablegen durfte. Aber sie weiß auch: In stressigen Zeiten kann der Zwang jederzeit zurückkommen. Auch dafür hat sie die Therapie gewappnet: „In dem ich mich direkt konfrontiere mit den Zwängen, und für mich Ruheinseln schaffe, wo ich wieder lerne, zu entspannen und dem Zwang weniger Raum gebe, sich auszubreiten.“

Alltägliche Zwänge

Fast jeder kennt sie, die harmlosen Alltagszwänge. Sie können durchaus hilfreich sein, vor allem dort, wo es auf unbedingte Exaktheit ankommt. Auch kann man damit Kräfte sparen, weil alles "wie auf Schienen läuft". Schließlich besteht das halbe Berufsleben aus Zwängen, und zuhause, in der Freizeit und sogar im Urlaub sieht das nicht viel anders aus. Zwänge, so scheint es, bestimmen unser Leben. Sie machen aber auch einen geordneten Ablauf erst möglich. Zwang ist also keineswegs etwas grundsätzlich Unvernünftiges, Behinderndes oder gar Krankhaftes. Doch Zwangsstörungen und Zwangserkrankungen können das Leben zur Hölle machen. Dabei sind die meisten Betroffenen gar nicht als Zwangskranke erkennbar, fallen lange nicht einmal im engeren Freundeskreis auf. Dabei haben diese Störungen eine unheilvolle Konsequenz: Zuerst wird die Lebensqualität beeinträchtigt, dann folgen Probleme in Partnerschaft, Familie, Beruf; zuletzt drohen Rückzug und Isolation. Daneben gibt es harmlose Formen des Zwangs, die allerdings "grenzwertig" zu werden beginnen: Manche erledigen ihre Aufgaben immer nach der gleichen Reihenfolge. Wenn das nicht geht, geraten sie aus dem Tritt, sind verunsichert oder verärgert, zumindest leidet die Gelassenheit, wenn nicht gar Effektivität. Ihrer Arbeit tut das eher gut, auch wenn sie gelegentlich belächelt oder als "pingelig" bezeichnet werden. Gelegentlich fallen auch schon hier Begriffe wie "krankhaft genau" oder "zwanghaft". Das muss aber noch nicht der Fall sein. Wieder andere hüten sich vor Unglückszahlen und bestimmten Konstellationen im Alltag, über die sie zwar nicht oder nur ungern reden und an die sie auch nicht zwanghaft gebunden sind, aber wohlfühlen tun sie sich nicht, wenn sie ihre kleinen "Vorsichtsmaßnahmen" nicht durchziehen können.

Hände werden gewaschen

Zwangsgedanken

Manche "denken zuviel", leider letztlich ineffektiv, weil immer dasselbe, und zwar ohne Sinn, Zweck und damit Lösung. Einige sorgen sich zuviel, nicht ganz abwegig zwar, aber letztlich ohne etwas ändern zu können. Wieder andere sind sogar "überängstlich" und müssen mehr als andere darüber nachsinnen, ob nicht etwas Schreckliches passiert sein könnte, wo doch die ganze Welt voller Gefahren und Katastrophen ist. Am häufigsten finden sich Zwangsgedanken und Zwangs-vorstellungen, die sich um Unfälle, Erkrankungen, Katastrophen oder Gewalttaten drehen und die insbesondere nahe stehende Personen bedrohen sollen. Dabei werden die zwanghaften Befürchtungen fast bildhaft-realistisch durchlitten. "Was wäre, wenn ..."? Das fragen sich zwar auch viele Gesunde, aber nicht unter einem vergleichbar quälenden Wiederholungszwang. Manchmal zeigen die Zwangsvorstellungen aber auch aggressive Züge. Das äußert sich beispielsweise in dem "theoretischen Zwang", Unanständiges aussprechen oder gar ausführen zu müssen, jemanden zu beschimpfen, ja selbst geliebte Personen, z. B. das eigene Kind oder gar sich selber zu verletzen oder zu töten. Weitere, vielleicht nicht ganz so bedrohliche, aber trotzdem unangenehme Zwangsgedanken beziehen sich auf Verschmutzung (von Reinigungs- und Lösungsmitteln über Krankheitskeime bis zu giftigen Abfallstoffen, Strahlen, Urin und Kot), auf sexuelle Inhalte ("Verbotenes", "Perverses"), auf religiöse und moralische Fragen (Sünde, Gotteslästerung) usw.

Was sind Zwangsstörungen?

Zwänge kosten Zeit. Zwangsstörungen oder Zwangskrankheiten sind also kein "zwanghaftes Verhalten", wie man es häufig beobachten und auch noch tolerieren kann, ggf. sogar an sich selber. Zwangsstörungen sind eine extreme Steigerung relativ harmloser Gedanken und Handlungen mit entsprechenden Folgen: Sie erzeugen wachsenden Leidensdruck, sind zeitraubend, zermürbend, beschämend, seelisch beeinträchtigend, schließlich sogar körperlich belastend. Und sie können ein Leben vor allem zwischenmenschlich und beruflich ruinieren.

Frau hält Hände ineinander verkrampft

Begleiterscheinungen und Folgen

Zwangsgedanken und Zwangshandlungen nehmen viel Zeit in Anspruch, im Schnitt zwei Stunden pro Tag, meist mehr. Schon der im Alltag landläufig als "Perfektionismus" bezeichnete Drang nach Ordnung kann sehr aufwendig sein. Die Folgen lassen sich leicht vorstellen. Sie beginnen in Partnerschaft und Familie und belasten schließlich den Freundeskreis, Freizeit, Hobbys und natürlich den Berufsalltag. Man denke nur an entsprechende Situationen in Schlaf- und Badezimmer, in Toilette und Küche, im Familienalltag bei Unterhaltungsspielen, Ausflügen, bei Treffen und sonstigen Veranstaltungen, von beruflichen Komplikationen ganz zu schweigen. Dabei hatten viele Zwangsgestörte schon vor Ausbruch der Erkrankung ihre liebe Not mit sich und anderen: Sie sind oft unsicher, entscheidungsschwach, ambivalent (was ist richtig, was soll ich tun?), haben nicht selten Angst vor Ablehnung durch andere, verfügen über ein nur geringes Selbstwertgefühl, sind furchtsam und unsicher (vor allem was Normen betrifft: was "man" tut), entwickeln insbesondere Zukunfts- und Risikoängste, sind dabei von depressiven Stimmungen und sexuellen Störungen bedroht. Nach Ausbruch der Zwangskrankheit wird sich dies alles noch verstärken, ein Teufelskreis von Befürchtungen, "erahnten" schlimmen Ereignissen und damit gesteigerten Angstvorstellungen setzt ein.

Wie häufig sind Zwangsstörungen?

Zwei, möglicherweise sogar drei Prozent solcher Zwangskranken gibt es in der Allgemeinbevölkerung. Das sind mehr als zwei Millionen Menschen, allein im deutschsprachigen Bereich. Von der geschlechtsspezifischen Verteilung her scheinen Männer wie Frauen gleich häufig betroffen zu sein, es gibt aber auch Untersuchungen, die belegen, dass Frauen etwas häufiger betroffen sein sollen.

Therapie:

Es gibt mehrere Therapieansätze: Am günstigsten scheint sich die Verhaltenstherapie mit einem strukturierten Behandlungskonzept zu sein. Die Erfolgsquote der Heilung liegt bei 60-80 Prozent. Hier wird der Patient in Phantasie und Wirklichkeit mit Bewältigungsstrategien und realistischer Neubewertung seiner zuvor ängstigender Situationen ausgesetzt. Aber auch tiefenpsychologische sowie andere psychotherapeutische Verfahren kommen zum Einsatz.

Wichtig ist auch die Familienberatung und das sogenannte "Selbstmanagement", das auch in Zukunft und vor allem später alleine dazu beitragen soll, in konfliktreichen Situationen und bei den ersten Anzeichen von zwanghaften Reaktionen auf die erlernten Bewältigungsstrategien zurückzugreifen.

Vor allem versucht man, immer häufiger die Selbsthilfe zu stärken. Beispiel: Bei Zwangsgedanken wird in der Regel als erstes gewaltsam versucht, diesen oder jenen Gedanken nicht zu denken. Doch das ist zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Der aktive Versuch des "Nichtdenkens" enthält ja bereits den Gedanken an das, woran man nicht denken möchte. Hier ist das Loslassen wirkungsvoller.

Wichtig ist es auch, scheinbar unsinnigen, beschämenden oder aggressiven Gedanken ihren Krankheitswert zu nehmen, indem man sie einfach nicht als unsinnig, beschämend oder aggressiv einstuft, zumindest die Mehrzahl von ihnen. Viele Zwangspatienten gehen irrtümlich davon aus, dass "nur sie solche scheußlichen Gedanken haben" oder empfinden am Schluss alles beschämend oder aggressiv. Das stimmt natürlich nicht und mündet nur in Resignation.

Buchtipps

Fricke, S. und Hand, I.:
„Zwangsstörungen verstehen und bewältigen“
Balance buch+medienverlag, ISBN 978-3-86739-0019
Ein Ratgeber , der Zwänge beschreibt und Tipps für Betroffene und Angehörige gibt, wie man dagegen vorgehen sollte.

Klepsch, R., Wilcken, S.:
„Zwangshandlungen, Zwangsgedanken“
TRIAS Verlag: ISBN 3-89373-393-0
Ein Ratgeber mit Tipps und „Zwangstest“ mit dem man erkennen kann, ob man unter Zwangsstörungen leidet, oder auf dem Weg dahin ist.

Silke Brand:
„Vergiss Dein nicht: Authentisch leben“
Kreuz Verlag 2010, ISBN-13: 978-3783134308
Ein Ratgeber, der Anleitungen gibt wie man seine eigenen Bedürfnisse erkennen und umsetzen kann, was man eigentlich will.

Autorin: Uschi Müller


Stand: 12.12.2012