Buchtipps von Christine Westermann
- Donnerstag, 13. Dezember 2012, 22.00 - 22.30 Uhr
- Aktiver Kanal: Sendung verpasst?
- Livestream
- Inaktiver Kanal: Vorschau
- Inaktiver Kanal: Spezial
1. Buch: "Der Trafikant“
Autor: Robert Seethaler
Verlag: Kein und Aber
ISBN: 978-3036956459
-
-
Bild vergrößern +
Der Trafikant erzählt von einem Menschen, der sich sein Herz bewahrt hat - und es zeigt. Für mich eines der besten Bücher des Jahres 2012!
Die Handlung
Zu Beginn des Romans schwimmt ein Mann im See, mitten im Gewitter, und schreit vor Vergnügen. Nur wird der fröhliche Alois Preininger leider im selben Moment vom Blitz erschlagen. So kann eine bewegende Geschichte ihren Anfang nehmen. Sie beginnt im Jahre 1937 in Österreich, im Salzkammergut. Der Preininger hat die Mutter vom Franzl geliebt, sie finanziell unterstützt. Das ist jetzt vorbei, Franzl muss in die Welt hinaus, nach Wien, zum Geldverdienen .Er wird Lehrling bei Otto, der eine Trafik besitzt, einen kleinen Tabak und Zeitungsladen. Zu den Stammkunden gehört auch der Professor. Und als sich der Franzl unglücklich verliebt, da fragt er eben diesen Professor um Rat. Sigmund Freud muss ihm sagen , dass er die Frauen auch nicht so recht versteht, auch wenn sie bei ihm auf der Couch liegen. Aber der alte Mann und der junge Mann werden Freunde. Dann kommt das Jahr 1938 und der Anschluss Österreichs an Nazideutschland. In Wien werden die Juden aus der Stadt geprügelt, der Professor flieht nach London, Otto wird von der Gestapo weggeschafft, Franzl wird der neue Trafikant.
Der Autor
Robert Seethaler wurde in Wien geboren, ist 46 Jahre alt und wurde für seine Bücher und Drehbücher mehrfach ausgezeichnet. Er lebt und schreibt in Wien und Berlin. Wir haben in frauTV schon zwei seiner früheren Romane empfohlen.
Die Bewertung
Die Liebe und die Psychoanalyse, die Nazis und der Terror, die feigen Bürger und die wenigen Mutigen: Das alles beinahe leichthin und wie beiläufig zu beschreiben, ist die große Begabung des Autors Robert Seethaler. Wie er mit Sprache umgeht, wie er Worte findet, für das eigentlich Unsägliche. Sie sind so sanft wie der Schlag eines Schmetterlings. Und treffen mit sachter Wucht doch mitten ins Herz. Dabei ist nichts tieftraurig in diesem Roman, die Gespräche , die der junge Mann mit dem alten Professor über die Liebe und die Frauen führt , sind voll leisem Humor und stiller Ironie. Der Trafikant erzählt von einem Menschen, der sich sein Herz bewahrt hat - und es zeigt. Für mich eines der besten Bücher des Jahres 2012!
2. Buch: "Wovon wir träumten“
Autor: Julie Otsuka
Verlag: mare
ISBN: 978-3866481794
-
-
Bild vergrößern +
Von der ersten Seite an berührt der Roman das Herz. Und am Ende hat man es tatsächlich verloren.
Die Handlung
… erzählt die Geschichte junger Frauen, die Anfang des letzten Jahrhunderts Japan verlassen, um nach Kalifornien auswandern und dort zu heiraten. Sie kennen ihre zukünftigen Ehemänner nur von den Fotos der Heiratsvermittler. Die haben allerdings gelogen. Aber das wissen die jungen Frauen noch nicht. Sie fahren auf einem Schiff mit Kurs San Francisco. Sie träumen davon, im fernen Amerika ihr Glück zu finden. Ein Land, von dem sie nur vage oder gar keine Vorstellungen haben. Sie hoffen, träumen, spekulieren wild: Wartet jenseits des Ozeans die große Liebe? Meistens nicht. Stattdessen schlecht bezahlte Knochenarbeit auf den Feldern und in den Haushalten der reichen Amerikaner. Die Frauen ringen mit der fremden Kultur, der Sprache, sie bringen Kinder zur Welt, die später ihre asiatische Herkunft verleugnen. Dann der zweite Weltkrieg und Pearl Harbour. Für lange Zeit wird man danach keine Japaner mehr in Amerikas Städten sehen. Sie verschwinden einfach oder werden in Internierungslager gezwungen.
Die Autorin
… heißt Julie Otsuka. Sie ist eine Japanerin, die in Kalifornien aufgewachsen ist. Und vielleicht ist sie sogar eine Ur-Ur-Urenkelin jener Frauen, von denen ihr Buch erzählt. Dieser Roman, ihr Zweiter, wurde in diesem Jahr in den USA mit dem renommierten Pen-Preis ausgezeichnet.
Die Bewertung
Es ist eine wahre Geschichte, die die Japanerin Julie Otsuka erzählt. Sie hat dafür auf zahlreiche historische Quellen zurückgegriffen. Und dennoch ist es nicht nur eine Geschichte über japanische Einwanderer. „Dieses kleine Buch hat mir einfach das Herz gestohlen“, hat eine der Jurorinnen gesagt, die der Autorin in diesem Jahr den Pen-Award zugesprochen haben. Es stimmt! Von der ersten Seite an berührt der Roman das Herz. Und am Ende hat man es tatsächlich verloren. An diese Frauen, an dieses Buch, das bei aller Härte nie seine federleichte Sprache verliert. Immer poetisch bleibt, auch wenn es dramatisch zugeht. Es gibt keine Hauptpersonen und dennoch entsteht beim Lesen eine ungewöhnliche Nähe zu den namenlosen Frauen. Man hört sie leben, lieben, leiden. Es ist wie Zauberei, was die Autorin mit der Sprache macht. Und wie das beim Zaubern sein sollte, wenn es gut gemacht ist, kommt man nicht hinter den Trick, sondern kann ihn nur bestaunen. Die Autorin erzählt mit der Weisheit einer uralten Seele, hat ein Kritiker geschrieben. Vielleicht ist es das, was mich so angezogen hat: die Weisheit einer uralten Seele. Schöner kann man es, glaube ich, nicht ausdrücken.
3. Buch "Das Ende der Unschuld“
Autor: Megan Abbott
Verlag: Kiepenheuer und Witsch
ISBN: 978-3462043907
-
-
Bild vergrößern +
Selten hat mich ein Buch so schnell eingefangen wie dieses. Und es ist eines der wenigen, bei denen ich sofort Lust verspüre, sie ein zweites Mal zu lesen.
Die Handlung
… spielt in einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Lizzie und Evie sind 13 Jahre alt, sie wohnen nebeneinander,machen nichts ohne einander, teilen alles. Vor allem die Geheimnisse, die man mit 13 hat. Eines Tages ist Evie verschwunden. Einzige Spur, ein rostbraunes Auto, das am Morgen ein paar Mal durch den Ort gefahren ist. Lizzie als beste Freundin steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, sie soll der Polizei und den aufgelösten Eltern helfen .Aber sie forscht auch auf eigene Faust nach. Als sie nachts durch die kleine Stadt läuft, kommt sie einem Geheimnis auf die Spur und ahnt, dass ihre Freundin eben doch nicht alles mit ihr geteilt hat.
Die Autorin
… wurde 1971 in Detroit geboren, studierte amerikanische Literatur. Megan Abbott hat sechs Romane geschrieben. Sie bekam unter anderem den Edgar Allan Po Preis, die höchste Auszeichnung für amerikanische Krimiautoren.
Die Bewertung
Das Ende der Unschuld ist eines der ersten Bücher, das ich auf dem i-Pad gelesen habe. Das heißt, es gibt keinen Klappentext, in dem man etwas über Inhalt und Autor erfährt. Keine Ahnung zu haben, war in diesem Fall mal von großem Vorteil. Ich habe mich völlig unbefangen auf dieses Buch eingelassen, nicht wissend, dass ich einen Kriminalroman lese. Ist er für mich auch nicht. Jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Es geht um das Erwachsenwerden, das Erwachen der Sexualität, um Väter und Töchter, Familie und Freundschaft, um Lügen und Geheimnisse. Wie das erzählt und beschrieben wird, ist auf eine sehr sanfte Art packend und hochspannend. Selten hat mich ein Buch so schnell eingefangen wie dieses. Das Buch ist im Februar erschienen. Und eines der wenigen, bei denen ich sofort Lust verspüre, sie ein zweites Mal zu lesen.
Autorin: Christine Westermann
Stand: 12.12.2012
Seite teilen
Über Soziale Medien