Wenn der Körper zum Feind wird
- Donnerstag, 24. Januar 2013, 22.00 - 22.30 Uhr
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Wer denkt, Magersucht oder Bulimie sei allein ein Problem von Mädchen in der Pubertät, der irrt. Auch Frauen in der Lebensmitte sind von Essstörungen betroffen. Sie essen entweder nur Miniportionen, leiden unter Magersucht (Anorexie) oder werden von Heißhungerattacken gequält (Bulimie). In frauTV erzählt die heute 37-jährige Carolin wie bei ihr die Essstörung begann und wie sie erst als erwachsene Frau einen Weg aus der Magersucht gefunden hat.
Essstörungen bei erwachsenen Frauen
Es ist keine Krankheit von Mädchen oder jungen Frauen.
Essstörungen begleiten viele Frauen häufig ihr Leben
lang. Die gesundheitlichen Risiken sind dann besonders hoch.
Die Psychologin Judith Kugelmann der Christoph-Dornier-Klinik in
Münster beantwortete frauTV Fragen zum Thema.
Interview mit der Psychologin Judith Kugelmann
Ist Magersucht/Bulimie nur eine Krankheit von
Mädchen oder jungen Frauen?
Nein, Magersucht oder Bulimie beginnt zwar in der
überwiegenden Mehrheit der Fälle im frühen bis
mittleren Jugendalter (meist zwischen dem 14. und 24. Lebensjahr,
aber auch teilweise vor dem 12. Lebensjahr), bleibt aber in mehr
oder weniger stark ausgeprägter Form häufig auch
über das weitere Leben der Frauen bestehen. Entweder lernen
die Frauen mit gewissen essgestörten Verhaltens- und
Denkmustern zu leben, die sich dann unter dem Einfluss belastender
Lebensereignisse und -veränderungen noch einmal
verstärken können oder aber die Essstörung besteht
in chronischer Form in gleichbleibender Stärke über viele
Jahre und schränkt das Leben der Betroffenen stark ein.
Warum werden Frauen überhaupt
magersüchtig?
Hier gibt es unterschiedliche Hypothesen und viele verschiedene
denkbare Ursachen und Auslöser: Zum einen spielt sicher das
viel zitierte Schlankheitsideal der westlichen Gesellschaft eine
Rolle. Gleichzeitig lässt sich die Entstehung einer
Essstörung sicherlich nicht nur hierauf reduzieren.
Psychischer Druck und Stress, belastende Lebensereignisse (Tod
eines nahestehenden Menschen, Trennungen etc.), familiäre
Konflikte und fehlende gemeinsame Mahlzeiten (also ein fehlendes
Modell für gesunde und regelmäßige Ernährung)
spielen ebenfalls eine Rolle. Einen wichtigen Faktor stellt zudem
die Schwierigkeit dar, mit unangenehmen Gefühlen angemessen
umzugehen und hierdurch überfordert zu sein. Welche Faktoren
Einfluss genommen haben, sollte im Einzelfall mit den Patienten
erarbeitet und in ein Entstehungsmodell eingeordnet werden.
Warum sind manche Frauen jahrlang symptomfrei und haben
dann wieder ein Rückfall?
Häufig wird eine Essstörung, die jahrelang eher im
Verborgenen lag bzw. verschwunden schien, in Lebenskrisen (einer
Veränderung der Lebenssituation durch Trennung und Scheidung,
einem Auszug der Kinder aus dem Elternhaus etc.) wieder zu einem
alt bekannten und vertrauten Lösungsversuch. Der soll dabei
helfen, ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit
wiederherzustellen, indem er suggeriert, über das Essen einen
selbst beeinflussbaren Bereich in den eigenen Händen zu
halten. Gleichzeitig dient er als Hilferuf, wenn es den Betroffenen
schwer fällt, explizit um Hilfe zu bitten.
Welche kurzfristigen und langfristigen Folgen hat die
einhergehende Mangelernährung?
Es kommt häufig zu Müdigkeit, Energielosigkeit,
Antriebslosigkeit, später häufig zu Depressionen mit
gedrückter oder gereizter Stimmung, die Gedanken kreisen
irgendwann nur noch um das Thema Essen und Gewicht. Durch die
Reduzierung des Stoffwechsels kommt es zudem zu Mangelerscheinungen
wie Frieren, Schwindel, Muskelkrämpfen und -schwächen,
trockener Haut, Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen,
einem Ausbleiben der Regelblutung, hormonellen Veränderungen,
Blutbildveränderungen, Elektrolytentgleisungen, Sodbrennen,
Zahnschäden, Skelettschmerzen, Herz-Kreislauf- und
Nierenversagen etc. Langfristig stellt sich zudem häufig eine
Osteoporose ein. Aus gynäkologischer Sicht ist die
Fruchtbarkeit deutlich herabgesetzt, es handelt sich eher um
Risikoschwangerschaften mit einer höheren Rate an Fehl- und
Frühgeburten als bei nicht essgestörten Müttern,
zudem ist die Rate Wochenbettdepressionen erhöht. Es kommt
häufiger zu Stillproblemen und das Befinden des Neugeborenen
ist schlechter.
Wie sind die Heilungschancen für Frauen mit
Essstörungen?
Für die Anorexie gilt: Bei etwa 59,6 % der Betroffenen kommt
es zu einer Gewichtsnormalisierung, bei 57 % zu einem Einsetzen der
Menstruation und bei 46,8 % zu einer Normalisierung des
Essverhaltens.
Nach Daten von Steinhausen von 2009: 46,9 % Genesung, 20,8 %
chronischer Verlauf, 33,5 % Besserung.
Bis zu einer ersten vollständigen Remission vergehen im Mittel
5 - 6 Jahre!
30 % der Betroffenen erleiden einen Rückfall.
Die Mortalität liegt bei 5 %, bei längeren
Untersuchungszeiträumen liegt sie bei bis zu 16,7 %
(häufig durch Infektionen mit einer Blutvergiftung zur Folge,
Elektrolytentgleisungen mit Herz-Kreislaufversagen oder durch
Suizid).
Für die Bulimie gilt: Es ist wenig zum Langzeitverlauf bekannt
(30 – 50 % zeigen eine Verbesserung nach 6 - 12 Monaten mit
aber durchaus noch essgestörten Denkmustern); die
Rückfallquote liegt bei ca. 30 %, 15 % behalten die
Essstörung auch nach mehr als 10 Jahren. Zur Mortalität
liegen sehr unterschiedliche Zahlen zwischen1,1 % und 5,8 %
vor.
Aber eine Heilung ist möglich, das „vergessen“
viele Essgestörte.
Wie sieht das Konzept in Ihrer Klinik aus? Warum so
erfolgreich? Wie sieht die Therapie aus?
Die Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in
Münster hat sich u.a. auf die Behandlung von Essstörungen
spezialisiert. Für anorektische und bulimische Patienten
bieten wir ein auf die Betroffenen individuell zugeschnittenes
Behandlungskonzept an. Mit Intervallbehandlungen, die abwechselnd
aus stationären und ambulanten Phasen bestehen, können
langdauernde Klinikaufenthalte vermieden werden; die
Alltagsnähe und Intensität der Therapie erlauben eine
hohe Konzentration der Behandlungen und die individuelle Anpassung
der therapeutischen Maßnahmen an die persönliche
Problematik der Betroffenen sorgt für stabile
Behandlungserfolge. Die ambulanten Intervalle werden von bereits
vorher kontaktierten und/oder aufgesuchten ambulanten Behandlern
und nicht durch die Christoph-Dornier-Klinik durchgeführt.
Zudem gibt es über einen gewissen Zeitraum noch die
Möglichkeit einer telefonischen Nachbetreuung durch die
Christoph-Dornier-Klinik. Wir arbeiten nur auf freiwilliger Basis
und ohne den Einsatz von Magensonden.
Es handelt sich in der Behandlung der Essstörungen um ein
zweistufiges Konzept:
(1) Phase der Gewichtszunahme in einer Gruppe mit anderen
Betroffenen (so genannte Essgruppe): alle Mahlzeiten werden
begleitet eingenommen und unterstützt, die Patienten lernen
einen Umgang mit schwierigen Lebensmitteln, zusätzlich gibt es
jeden Tag Einzeltherapie
(2) Phase der selbstkontrollierten Gewichtszunahme (außerhalb
der Gruppe): intensive Einzeltherapie (10 mal 50 min. in der Woche)
und Gruppentherapie, Unterstützung bei der Flexibilisierung
des Essens und bei der Bearbeitung von Hintergrundthemen
Was raten Sie Angehörigen von Essgestörten? Was soll man tun?
• Informieren Sie sich vorher über Magersucht bzw.
Bulimie (z.B. Internetseiten, Bücher etc.)
• Sprechen Sie offen – jedoch nie am Tisch –
über das veränderte Verhalten, z.B. die Abwesenheit bei
gemeinsamen Mahlzeiten, Stimmungsschwankungen etc.
• Nehmen Sie sich für das Gespräch Zeit (Sprechen
Sie allein mit der Betroffenen, machen Sie keine Vorwürfe,
schildern Sie Ihre Wahrnehmung, drücken Sie ihre Gefühle
von Sorge und Angst um das Wohl der Betroffenen aus).
• Fragen Sie, ob und wie sie Ihrer Angehörigen helfen,
sie unterstützen können.
• Rechnen Sie damit, dass die Betroffene zunächst alles
leugnet oder “gute Erklärungen” dafür findet
(Lassen Sie sich damit nicht abspeisen, aber es auch nicht zu einem
Streit darüber kommen, wer Recht hat).
• Signalisieren Sie deutlich Ihre Grenzen (Achten Sie auf die
eigenen Bedürfnisse, übernehmen Sie keinesfalls eine
therapeutische Rolle).
• Nicht zum Essen drängen. Drohungen helfen genauso wenig
wie gute Tipps.
• Geben Sie weder sich noch der Betroffenen die Schuld.
• Informieren Sie sich über therapeutische
Möglichkeiten und professionelle Hilfsangebote und stellen Sie
das Material Ihrer Angehörigen zur Verfügung.
Buchtipps
Marya Hornbacher:
„Alice im Hungerland. Leben mit Bulimie und
Magersucht.“
Ullstein Taschenbuch 2010, ISBN 978-3548372952
Eine eindringliche Autobiografie über ihre Sucht und den
täglichen Kampf zu Leben bzw. Überleben.
Dr. med. Andreas Hillert, Ulrich Cuntz:
„Essstörungen: Ursachen, Symptome,
Therapien.“
Beck 2008, ISBN 978-3406577024
Dieses Buch versucht die körperlichen und seelischen
Vorgänge, die zu Essstörungen führen, zu
beschreiben. Welche therapeutischen Wege gibt es, um aus der
Krankheit auszubrechen. Im Buch finden sich auch A
dressen und Institutionen, bei denen Betroffene Hilfe
bekommen.
Dr. med. Monika Gerlinghoff, Dr. med. Herbert Backmund:
„Was sind Ess-Störungen?“
Ein kleines Handbuch zur Diagnose, Therapie und
Vorbeugung“
Beltz 2001, ISBN 978-3407228277
Das Buch gibt Informationen zur Vorbeugung, aber vor allem
berichtet es über therapeutische Möglichkeiten, die
Krankheit in den Griff zu bekommen und sie dauerhaft zu heilen.
Patientinnen kommen selbst zu Wort. Außerdem findet man hier
Ratschläge für Eltern, Lehrer und Mitschüler, die
mit Essgestörten zu tun haben.
Autorin: Susann Liman
Stand: 23.01.2013
- Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie Link zur Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster. Hier findet man Informationen zu den diversen Essstörungen und eine Beschreibung des Behandlungskonzepts.
- Hilfe zur Selbsthilfe bei Magersucht Seite eines gemeinnützigen Vereins zur Selbsthilfe bei Magersucht. Ziel ist die Durchführung und Unterstützung von präventiven Maßnahmen und Beratung.
- Beratung und Information: Essstörungen und Adipositas Seite der Deutschen Forschungsinitiative Essstörungen e. V. Hier findet man Hintergrundinformationen, aber auch Adressen, um Hilfe zu bekommen und eine Online-Beratung.
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