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Backstage - Teil 3/3
Im Schnitt erwartet mich eine Cutterin. Mit ihr werde ich die nächsten drei Tage praktisch alleine verbringen. Cutter haben großen Einfluss auf die Reportage, denn sie sind die erste Kontrollinstanz für meine Geschichte. Sie sehen das Material zum ersten Mal und sind ganz unvoreingenommen. Als wir uns gemeinsam eine Szene ansehen, in der sich Einsatzleiter Hoffmann richtig in Rage redet, müssen wir beide lachen. Und ich bin mir sicher: das wird die erste Einstellung. Ein Lacher gleich am Anfang ist immer gut.
Am Ende des ersten Tages kommen wir an einer Stelle nicht weiter. Es geht um eine Szene mit Obdachlosen an einer Haltestelle. In der Situation wird viel durcheinandergeredet. Die Kamera läuft die ganze Zeit mit. Ich muss die Szene kürzen, ohne dass es auffällt. Aber mir fehlt eine Einstellung, die ich zwischen zwei Interviewausschnitte schneiden kann. Verdammt, warum habe ich beim Dreh nicht darauf geachtet? Und warum hat der Kameramann nicht aufgepasst? Ich mache einen Vorschlag. "Das geht gar nicht, das sieht nicht gut aus", meint die Cutterin.
Sie macht einen Gegenvorschlag. Ich protestiere: "Ne, so habe ich viel zuwenig Zeit für meinen Text". Wir wälzen das Problem etwa eine halbe Stunde hin und her und beschließen dann, morgen weiter zu machen. Und siehe da: am nächsten Tag fällt uns eine Lösung ein. Ein kleiner Trick, eine kaum zu erkennende Zeitlupe - Problem gelöst.
Ist der Film fertig geschnitten, arbeite ich erst mal wieder alleine. Als Reporter habe ich nun die Aufgabe, den Text zu dem Film zu schreiben. Wer sollte das auch sonst machen? Ich bin Journalist. Journalisten müssen das können. Aber einfach ist es nie. Wenn ich nur die ersten Sätze habe, dann ist schon viel geschafft. Aber diese ersten Sätze sind entscheidend: wird es ein humorvoller Text, ironisch oder ernst? Bei meiner Reportage klingt es ganz schön dramatisch: "Ein Bombenfund in der Kölner Innenstadt. Für die Leitstelle der Kölner Verkehrsbetriebe heißt das Stress." Viel Zeit zum Texten habe ich diesmal nicht. Morgen soll die Reportage gesendet werden.
Mit dem fertigen Text in der Hand gehe ich zur Abnahme. Meistens ist das der Job des Planungsredakteurs. Der guckt sich meine Reportage an, während ich meinen Text dazu vorlese. Angenehm ist das nicht, weil meine Arbeit ganz genau unter die Lupe genommen wird. Aber schließlich ist der festangestellte Redakteur für die Sendung verantwortlich. Also legt er auch gnadenlos den Finger auf die Schwachstellen des Films: "Das Interview mit dem Bombenentschärfer muss raus, das passt nicht zu deinem Thema. Den Begriff 'Kopfwechsel' musst du erklären, den kennt nicht jeder Zuschauer. (Ich ergänze: Beim `Kopfwechsel' steigt der Straßenbahnfahrer aus, geht zum anderen Ende des Zuges, steigt wieder ein und fährt in die entgegengesetzte Richtung weiter.) Und am Schluss bei der Fahrplan-Durchsage brauchst du gar nichts zu erklären, sondern kannst einfach die Situation wirken lassen."
Wenn die Reportage den letzten Schliff bekommen hat, kann ich zur Sprachaufnahme ins Tonstudio. Während der Beitrag auf einem Monitor läuft, sitze ich an einem Tisch vor einem Mikro. Immer wenn mein Einsatz kommt, leuchtet ein rotes Licht vor mir auf und ich lese meinen Text. Dabei darf ich ruhig Fehler machen, dann nehmen wir die Stelle einfach noch mal auf. Schließlich ist die Aufnahme fertig, die Kassette wird in die Sendetechnik gegeben.
Mein Job ist erledigt. Insgesamt habe ich jetzt netto zehn Tage mit dieser Hier-und-Heute-Reportage zugebracht. Und nur einer hatte weniger als zehn Arbeitsstunden. Ab Morgen wird gefaulenzt, wenigstens drei Tage lang.
Am nächsten Tag erfahre ich im WDR -Videotext die Einschaltquoten (Tafel 398): über zehn Prozent, das ist nicht schlecht. Aber darauf kann ich mich auch nicht lange ausruhen. Ich muss mein nächstes Reportagethema finden. Ist denn nicht jetzt bald dieser Barmixer-Wettbewerb? Oder doch lieber faulenzen?
Stand: 13.10.2006
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