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Sendung vom 12. November 2009
Young@Heart
Angefangen hatte alles 1982, damals sang der neu gegründete Senioren-Chor Stücke aus den 1920er- und 1930er-Jahren, mit denen sich die Sänger und ihr Publikum identifizieren konnten. Doch Chorgründer und -leiter Bob Cilman war mutig. Er probierte ein paar Rocksongs aus. Das Publikum überschlug sich vor Begeisterung. Seither tritt man nur noch mit Klassikern aus Pop, Rock, Soul, Funk und Punk auf.
Eine der "Solistinnen" ist die 93-jährige Eileen Hall - sie hat zwei Weltkriege erlebt: Wenn sie auf die Bühne tritt und ihr Solo von "Should I stay or Should I go" in ihrer höchst eigenwilligen Interpretation singt, tobt der Saal. Als Stephen Walker zu filmen beginnt, liegt das Alter des Chors weit über 70, Cilman selbst ist erst 50 Jahre jung. Er bereitet einen Auftritt in Northampton vor. Das Programm enthält einige neue Stücke, nicht alle Chormitglieder können sich mit den eigenwilligen Rock- und Punksongtexten anfreunden.
Der 75-jährige, an Wirbelsäulenstenose leidende Stan Goldman, soll den James Brown-Song "I Feel Good" gemeinsam mit Dora Morrow, einer 83-jährigen Urgroßmutter, im Duett vortragen. Dumm nur, dass er sich den Text nicht richtig merken kann, Chorleiter und Chor damit zum Wahnsinn treibt. Und Stan wird den Song auch vor Publikum immer an derselben Stelle verhauen, doch was soll’s.
Sie alle waren schon lange auf der Welt, bevor diese allseits bekannten "Kultsongs" geschrieben wurden. Sie waren an der Front, wie der 86-jährige Lenny Fontaine, der im Zweiten Weltkrieg Kampfpilot war und mit seiner Version von Jimi Hendrix' "Purple Haze" das Publikum jedes Mal umhaut. Oder der 78-jährige Ex-Marine Steve Martin, den seine Frau liebevoll als sexgierig bezeichnet, der immer noch begeistert Sportcabrios fährt und mit einer kühnen Interpretation von "Yes We Can Can" aufwartet. Soviel Lebenswillen und Mut war selten an einem Fleck versammelt. Doch allen ist klar, dass es jeden von ihnen jeden Augenblick treffen kann.
Walkers Kinodokumentarfilm ist lebensfroh, jenseits plumper Albernheiten oder Respektlosigkeiten. Über weite Strecken funktioniert der außergewöhnliche Konzertfilm wie eine warmherzige "Feel-Good"-Komödie, doch auch melancholische und traurige Themen, wie etwa der Umgang mit dem Tod, werden nicht ausgespart – seit der Gründung hat der Chorleiter bereits 17 seiner Sängerinnen und Sänger ans Grab begleitet.
Zu den Preisen, die der Musikfilm "Young@Heart" (GB 2007) der anderen Art gewann, gehören – wie sollte es anders sein – drei Publikumspreise auf den Festivals von Atlanta, Los Angeles und Warschau.
WDR-Erstausstrahlung
Redaktion: Jutta Krug, WDR
Stand: 04.09.2009