Kopfball
URL: http://www.wdr.de/tv/kopfball/rund_um_kopfball/kopfball_extrem/allein-in-der-wueste.jsp

Allein in der Wüste - Kopfball extrem

vom 10. Juli 2007

Text Axel Bach

Film Christoph Fleischer und Dirk Gion mit Klas Bömecke

Unsere Videos können Sie mit dem Flash-Player ab der Version 8.0 ansehen. Den neuesten Flash-Player können Sie beim Hersteller Adobe unter folgender Adresse kostenlos downloaden:
http://www.adobe.com/go/getflashplayer_de

Bild: Kopfball extrem: Geht ein orientierungsloser Mensch in einer
Wüste zwangsläufig im Kreis?; Rechte: WDR/Klaus Reinelt

Kopfball extrem: Geht ein orientierungsloser Mensch in einer Wüste zwangsläufig im Kreis?

Der Glaube, dass Menschen, die sich verirrt haben, im Kreis gehen, ist tief verwurzelt. Doch was ist dran an den alten Geschichten? Gehen orientierungslose Menschen in der Wüste wirklich im Kreis? Auch Wissenschaftler haben sich diese Frage schon gestellt - und die erste größere Untersuchung zu diesem Thema machte der Biologe Asa A. Schaeffer im Jahr 1928: Er ließ Menschen mit verbundenen Augen auf einer freien Fläche laufen und beobachtete, dass viele von ihnen in Kreisen oder Bögen liefen. Zwei Jahre später erscheint ein Beitrag des Psychologen Frederick H. Lund. Er machte ähnliche Experimente wie Schaeffer - kam aber zu anderen Ergebnissen.

Bild: Eine Wüste; Rechte: WDR/Klaus Reinelt

Eine Wüste

Danach wurde es wieder still um die "Forschung zum Laufverhalten des Menschen bei Orientierungslosigkeit in der Wüste". Bis jetzt: Eine Zuschauerfrage hat das Interesse des Kopfball-Teams geweckt. Doch das Thema ist höchst komplex. Das haben nicht nur die Studien aus den 1920er-Jahren gezeigt, sondern auch die Vielzahl unterschiedlicher Erklärungsansätze, die seit jeher kursieren: Manche glauben, dass der Grund für das Im-Kreis-Gehen unterschiedliche Beinlängen sind: Ist das rechte Bein länger als das linke, ginge man dieser Theorie zufolge in einem Links-Kreis. Aber auch die Beinstärke - also die Kraft, die man in den Beinen hat, ist bei Menschen in der Regel unterschiedlich und so soll man mit einem stärkeren rechten Bein ebenfalls "automatisch" eine Linkskurve laufen. Ähnliches gilt für die Händigkeit: Genauso wie es Rechts- und Linkshänder gibt, gibt es auch Rechts- und Linksfüßer. Auch dies soll eine Auswirkung auf die bevorzugte Gehrichtung haben. Und schließlich gibt es bei Menschen so etwas wie eine Orientierungsvorliebe, die durch die Hormone gesteuert werden könnte. Doch obwohl manche Theorie plausibel klingt: Bisher hat keiner der Wissenschaftler eine überzeugende Antwort gefunden.

Bild: Das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in
Tübingen; Rechte: WDR-Fernsehen 2007

Das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen

Kopfball ging deshalb auf die Suche nach den "richtigen" Wissenschaftlern für diese Fragestellung. Und tatsächlich gibt es Forscher, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen: am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen. Die Wissenschaftler waren direkt Feuer und Flamme. Sie fanden die Fragestellung so interessant, dass sie daraus ein echtes Forschungsprojekt gemacht haben - und der Frage zusammen mit Kopfball auf den Grund gehen.
Kybernetik ist ein Wort aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "Steuermannskunst". Die Wissenschaftler untersuchen zum Beispiel die menschliche Wahrnehmung und wie sie sich auf das Orientierungsverhalten auswirkt.

Bild: Klas balanciert ein Mikrofon; Rechte: WDR-Fernsehen 2007

Klas balanciert ein Mikrofon

Hans-Günther Nusseck ist Mitarbeiter am Max-Planck-Institut und zeigt Klas an einem einfachen Experiment, was Kybernetiker machen: Klas soll das Mikrofon auf seiner Hand balancieren. Das gelingt ihm ganz gut. Aber wenn er die Augen schließt, dann fällt es sofort um. Wenn ein Sinn ausfällt, in diesem Fall das Sehen, kann er das Mikrofon nicht mehr balancieren. Um solche Beeinflussungen geht es in der Kybernetik: Die Wissenschaftler beschreiben menschliches Verhalten, wie zum Beispiel das Laufen, als "Kontrollsystem".

Bild: Zeichnung eines kybernetischen Regelkreises; Rechte: WDR-Fernsehen 2007

Zeichnung eines kybernetischen Regelkreises

Die menschlichen Sinne (Sehsinn, Hörsinn, Tastsinn, Geruchssinn, Geschmackssinn und Gleichgewichtssinn) sind die Variablen, mit denen die Wissenschaftler "spielen"; sie nennen sie Eingangsgrößen. Schaltet man einen Sinn aus (beispielsweise durch das Schließen der Augen) betrachtet man, wie sich das auf die Handlung (zum Beispiel das Balancieren) auswirkt. Und diese Handlung wirkt sich direkt wieder auf die Eingangsgrößen aus: Solange Klas die Augen offen hält, kann er die Kippbewegungen sehen und spüren und direkt ausgleichen - das ist die so genannte Rückkopplung. Das Ganze nennen die Kybernetiker einen Regelkreis.

Bild: Klas bei einem Experiment; Rechte: WDR-Fernsehen 2007

Klas bei einem Experiment

Geradeaus laufen erscheint auf den ersten Blick eine eher triviale Angelegenheit zu sein. Für Kybernetiker ist es jedoch überhaupt nicht selbstverständlich, dass ein Mensch geradeaus laufen kann. Im so genannten Tracking-Labor versetzen die Wissenschaftler reale Menschen in eine virtuelle Welt. Klas geht über ein Holzbrett, das nur fünf Zentimeter über dem Boden liegt. Er fühlt, dass es ein bisschen wacklig ist. Gleichzeitig wird ihm über eine Brille vorgegaukelt, dass unter ihm eine sechs Meter tiefe Grube ist. Sein Sehsinn wird manipuliert und schon verliert er das Gleichgewicht.
Mit solchen Tricks wollen die Wissenschaftler auch das Geheimnis des Im-Kreis-Gehens lüften. Dafür muss Klas vorab einige Tests machen: Sowohl seine Beinlänge als auch die Kraft in seinen Beinen wird genau vermessen. Seine Beine sind auf den Millimeter genau gleich lang. Allerdings ist sein rechtes Bein stärker als das linke; um immerhin 22 Prozent. Die Frage ist nur: Könnte das eventuell ein Grund dafür sein, dass man in der Wüste im Kreis geht?

Bild: Klas bei einem Experiment; Rechte: WDR-Fernsehen 2007

Klas bei einem Experiment

Die Tübinger Wissenschaftler machen mit Klas und einigen weiteren Versuchspersonen einen Vortest: Sie sollen in einem dunklen Raum mit verbundenen Augen auf der Stelle treten und versuchen, sich dabei nicht zu drehen. Das Ganze wird mit 16 Spezial-Kameras beobachtet, mit denen man die Bewegungen einer Person bis auf den Millimeter genau verfolgen kann. Wenn Klas stärkeres rechtes Bein ihn dabei beeinflusst, müsste er jetzt nach links abdrehen. Und genau das passiert. Aber ist die seit Jahrzehnten gesuchte Antwort auf die Wüstenfrage wirklich so einfach zu finden? Ein nächster Test soll weiter Aufschluss geben: Klas soll möglichst auf geradem Weg durch den Raum gehen. Wird er wieder nach links abweichen? Nein: Bei diesem Experiment weicht Klas immer nach rechts ab. Die Beinkraft alleine kann also nicht der Grund sein.

Bild: Dr. Ilja Frissen wertet die Experimente aus; Rechte: WDR-Fernsehen 2007

Dr. Ilja Frissen wertet die Experimente aus

Die Forscher haben eine Vermutung: Wirkt sich bei geschlossenen Augen eine veränderte "Blick"-Richtung auf die Laufrichtung aus? Die Wissenschaftler vermuten, dass es so etwas wie ein "inneres Geradeaus" gibt. Dieses innere Geradeaus kann von der tatsächlichen Geradeausrichtung abweichen und könnte die Versuchspersonen Kurven oder gar Kreise laufen lassen. Die Richtung des inneren Geradeaus kann durch Drehen des Kopfes beeinflusst werden. Klas und die anderen Versuchspersonen sollen wieder möglichst geradeaus laufen und dabei den Kopf nach rechts oder links drehen. Die Vermutung der Forscher bestätigt sich: In der Regel laufen die Probanden immer in die Richtung, in die sie den Kopf gedreht haben. Bei Klas ist es so, dass sein inneres Geradeaus immer etwas rechts vom tatsächlichen Geradeaus liegt; das heißt, dass er generell eine Rechtstendenz hat. Dreht er den Kopf jetzt nach links, dann läuft er in etwa geradeaus. Dr. Ilja Frissen wagt nun eine erste Prognose für das Experiment in der Wüste: "Wenn Klas sich auf sein inneres Geradeaus verlässt, dann würde man erwarten, dass er sich nach rechts dreht."

Bild: Versuchspersonen auf einer großen, ebenen und freien
Wiese; Rechte: WDR-Fernsehen 2007

Versuchspersonen auf einer großen, ebenen und freien Wiese

Jetzt geht es endlich raus in die Realität. Die Wissenschaftler möchten wissen, ob man bei längeren Strecken überhaupt geradeaus laufen kann, wenn man verbundene Augen hat. Falls nein: Geht man immer in die gleiche Richtung - oder wechselt das zufällig ab? Die riesige ebene Wiesenfläche eines Flugplatzes ist dafür das ideale Test-Gebiet. Klas und die anderen Versuchspersonen sind mit GPS-Empfängern ausgerüstet, so dass ihr Weg später automatisch in ein Satellitenbild eingefügt werden kann.

Bild: Route einer Testperson; Rechte: WDR-Fernsehen 2007

Bild: Route einer Testperson

Insgesamt zeichnen die Wissenschaftler 140 Gehversuche auf. Die Ergebnisse sind bunt gemischt. Links-Bögen, Rechts-Kreise und Wellenlinien: Alles ist dabei. Und das 2. Ergebnis: Die meisten liefen links herum und beim nächsten Experiment rechts herum oder umgekehrt. Systematisches Abweichen in eine Richtung konnten die Wissenschaftler jedoch nicht feststellen.

Die Forscher vermuten, dass Faktoren wie die Beinlänge und die Kraft in den Beinen keine entscheidende Rolle spielen. Um das noch einmal genau zu untersuchen, kriegt Klas eine dicke Sohle unter seinen rechten Schuh geklebt. Wenn die Beinlänge entscheidend wäre, müsste Klas nach links abweichen. Und genau das tut er auch - zumindest im ersten Versuch. Bei den nächsten neun Testläufen weicht Klas mal nach rechts und mal nach links ab; genauso wie die anderen Testpersonen. Insgesamt 270 Test-Läufe belegen eindeutig, dass es keinen Zusammenhang zwischen Beinlänge und Drehrichtung gibt. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich der Körper so schnell an die unterschiedliche Beinlänge gewöhnt, dass der theoretisch denkbare Effekt recht schnell ausgeglichen wird.

Bild: Wüste in Tunesien; Rechte: WDR-Fernsehen 2007

Wüste in Tunesien

Doch mit verbundenen Augen über einen Flugplatz zu laufen, ist etwas anderes als sich in einer echten Wüste zu verirren. Gewappnet mit den Erfahrungen der Vorversuche geht es nun in die Wüste. Im Süden Tunesiens - im Großen Orientalischen Erg - zwischen Libyen und Algerien ist das Gelände ideal: Es gibt keine Bäume, Häuser und Berge - bis zum Horizont ist nur Wüste.
Dieses Mal darf Klas alle seine Sinne nutzen: Klas wird in zehn Kilometer Entfernung zum Basislager "ausgesetzt". Wenn er es schaffen würde, genau geradeaus zu laufen, dann könnte er das Lager erreichen. Mit einigem Abstand geht ein Wissenschaftler hinter Klas her und übermittelt regelmäßig die Koordinaten.

Bild: Diesen Weg ging Klas (blauer Pfeil: vorgesehene Laufrichtung); Rechte: WDR-Fernsehen 2007

Diesen Weg ging Klas (blauer Pfeil: vorgesehene Laufrichtung)

So können die Forscher im Basislager den Weg von Klas live verfolgen. Während der ersten fünfhundert Meter läuft Klas ziemlich exakt geradeaus. Doch dann kommt er aus irgendeinem Grund von seinem Weg ab und ändert seine Lauf-Richtung. Den restlichen Weg - also immerhin noch fast sechs Kilometer - läuft er in leichten Schlangenlinien, die insgesamt wieder relativ geradeaus führen. Nach dreieinhalb Stunden strammem Fußmarsch ist klar: Klas ist dem Lager keinen einzigen Meter näher gekommen. Aber er ist auch nicht im Kreis gelaufen.

Neugierig auf mehr? - weiterführende Informationen:

Bild: Gehversuch bei Nacht; Rechte: WDR-Fernsehen 2007

Gehversuch bei Nacht

Mit den Gehversuchen am Tag ist das Wüsten-Experiment noch nicht beendet. In der Nacht startet der nächste Test-Läufer. Es ist dunkel und man kann nur wenige Meter weit sehen. Welchen Weg er einschlägt, das erfahrt ihr im Film: Einfach herunterladen oder als Stream ansehen.

Außerdem im Film: Die Wüsten-Tipps von Kopfball-Autor Dirk Gion: Wie verhält man sich in der Wüste, wenn man sich verirrt oder eine Panne hat?

Mehr zum Thema



Kopfball - weitere Informationen zur Sendung


Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.

© WDR 2016