Sendung vom 11. Oktober 2009
Tanja Gömann aus Hannover fragt:
Babys schreien viel. Kaum ist die Mutter außer Sichtweite, geht's häufig schon los. Aber je älter das Kind wird, desto seltener zeigt es seine Emotionen und Wünsche mit Schreien. Kopfball-Reporterin Ulrike war mit ihrer kleinen Tochter unterwegs im Kindergarten ...
Professor Manfred Holodynski ist Emotionsforscher an der Universität Münster. Er bringt Kinder zu Forschungszwecken zum Schreien. Eine Kamera soll festhalten, was Ulis Tochter macht, wenn sie allein gelassen wird. Im Nachbarzimmer schaut sich der Experte die Situation auf dem Monitor an. Weil Säuglinge alleine völlig hilflos sind, ist das Bedürfnis nach Nähe zur Mutter bereits nach ganz kurzer Zeit sehr stark: Laia beginnt schon in dem Moment zu schreien, als Ulrike gerade das Zimmer verlässt. Kinder können sich natürlich als Säugling noch nicht differenziert mitteilen; sie müssen das erst lernen. Deshalb müssen sie am Anfang ihres Lebens so viel schreien, denn das ist die einzige Form der Artikulierung, die sie beherrschen.
Aber schon, wenn Laia zwei Jahre alt ist, wird sie nicht mehr schreien müssen und eigene Ideen haben, wie ihr geholfen werden könnte. Das soll ein weiterer Test mit den älteren Kindergartenkindern zeigen: Manfred Holodynski stellt Kekse sichtbar – aber außerhalb der Reichweite der Kinder auf ein Regal. Im Film seht ihr, welche unterschiedlichen Strategien Kinder haben, um an die Kekse zu kommen, je nachdem wie alt sie sind.
Über die Emotion teilt sich das Kind mit. Es findet eine
Ausdifferenzierung über die ersten zwölf Monate statt.
Eine sogenannte Unsicherheitstoleranz bleibt bis zum Alter von
einem Jahr. Innerhalb dieser Zeit sucht das Kind beim Erwachsenen
nach Hilfe. Erst ab einem Alter von einem Jahr zeigt es mit dem
Finger auf den Gegenstand. Ab dem zweiten Lebensjahr werden die
Emotionen beziehungsweise das Hilfesuchen bewusster, sie kommen
prompt und gerichtet. So entstehen die Trotz-Szenen im Supermarkt:
Das Kind will eine Süßigkeit an der Kasse und zeigt
dorthin. Wird der Wunsch nicht erwidert, beginnt das Kind, laut zu
brüllen.
Die Emotionen entwickeln sich also über die Zeit. Je
älter ein Kind ist, desto weniger muss es schreien, da es sein
Hilfegesuch zielgerichteter ausdrücken kann. Darüber
hinaus können bereits sehr kleine Kinder die
Gesichtsausdrücke Erwachsener interpretieren. So löst ein
Gegenstand nur wenig Reaktion im Gehirn aus, wenn dieser zuvor von
einem Erwachsenen mit einem neutralen Gesichtsausdruck betrachtet
wurde. Wenn ihr Gegenüber den Gegenstand fixiert, ist die
Reaktion viel stärker.
Film VisualBridges: Thomas Bausenwein mit Ulrike Brandt-Bohne
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