Sendung vom 18. Oktober 2009
Jörg Wunderlich aus Flensburg fragen:
Jeder, der schon einmal ein Klassikkonzert besucht hat, kennt es: das obligatorische gemeinsame Stimmen der Instrumente vor Konzertbeginn – für die einen nerviges Gedudel, für die anderen feierliches Ritual. Jörg Wunderlich aus Flensburg möchte wissen: Können die Geiger, Posaunisten und Flötisten eines Orchesters ihre Instrumente nicht in die richtige Tonlage bringen, bevor das Publikum den Konzertsaal betritt?
Klar ist: Die Musiker wollen mit dieser Prozedur nicht das Publikum in die richtige Stimmung bringen, sondern ihre Instrumente. Das Problem: Klassische Musikinstrumente verstimmen sich leicht. Bei längeren Konzerten müssen die Musiker sogar zwischendurch "nachstimmen", weil sich die Instrumente schon durch die Belastung beim Spielen verstimmen. Tatsächlich kann sich der Klang eines Instruments aber auch ohne Zutun des Musikers verändern, zum Beispiel durch Temperatureinflüsse. Wie fast alle Materialien dehnen sich auch die Saiten eines Kontrabasses oder einer Geige aus, wenn sie erwärmt werden. Bringt also ein Musiker sein Saiteninstrument aus dem kühlen Proberaum ins warme Scheinwerferlicht der Konzertbühne, dehnen sich die Saiten aus. Dadurch verlieren sie an Spannung – die Töne werden tiefer. Die Musiker wirken diesem Phänomen entgegen, indem sie an den sogenannten Wirbeln ihrer Instrumente drehen. Dadurch straffen sie die Saiten – die Töne werden höher.
Aber warum klingt eine Saite anders, wenn sich ihre Spannung ändert? Eine straff gespannte Saite enthält mehr Energie. Bringt der Musiker die Saite durch Zupfen oder mit dem Bogen in Bewegung, schwingt sie schneller als die weniger gespannte Saite und erzeugt so einen höheren Ton. Grundsätzlich gilt: Je straffer eine Saite gespannt ist, desto schneller schwingt sie und desto höher klingt sie. Nicht nur Saiteninstrumente klingen im Warmen anders. Auch Blasinstrumente ändern ihre Stimmung, wenn die Temperatur steigt; allerdings genau anders herum. Die Luft in einem Saxofon oder einer Posaune schwingt schneller, wenn sie warm ist – die Töne werden höher.
Neben der Temperatur beeinflusst auch die Luftfeuchtigkeit die Stimmung der Instrumente. Vor allem hölzerne Instrumentenkörper oder Saiten aus Darm nehmen leicht Wasser aus der Luft auf und dehnen sich dann aus. Auch wenn Instrumentenbauer und Saitenhersteller heute Materialien einsetzen, die immer unempfindlicher gegenüber Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen sind – minimale Verstimmungen lassen sich nie ganz ausschließen. Gerade im Zusammenspiel verschiedener Instrumente hört selbst ein ungeschulter Konzertbesucher feinste Unterschiede der Tonhöhen. Letzte Sicherheit bringt also nur das Stimmen unmittelbar vor Konzertbeginn. So stellen die Musiker sicher, dass alle Instrumente unter gleichen Bedingungen gestimmt sind – und Beethovens Fünfte nicht in einem großen Katzenjammer endet.
Film VisualBridges: Dirk Gilson mit Isabel Hecker
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