26.05.2012

Das Erste ist das Fernsehen
Kopfball
URL: http://www.wdr.de/tv/kopfball/sendungsbeitraege/2011/1009/bahnsteigkante.jsp

Sendung vom 09. Oktober 2011

Laura Gornik aus Hattingen fragt: Wertung: 3.5 von 5 möglichen Sternen

Wie gefährlich ist es, bei einer Zugdurchfahrt im Bahnhof die weiße Linie zu übertreten?

Sie ist mindestens 80 Zentimeter breit: die weiße Sicherheitslinie auf deutschen Bahnsteigen. Wer hinter ihr steht, kann sicher sein, dass Verwirbelungen und Luftsog von schnell vorbeifahrenden Zügen ihm nichts anhaben können. Doch was passiert, wenn man näher an die Bahnsteigkante kommt? Bei der Deutschen Bahn AG konnte Kopfball das nicht testen. Kopfball-Reporter Adrian Pflug weicht deshalb auf ein Lkw-Testgelände aus und simuliert mit einem 40-Tonner einen vorbeifahrenden Zug. Das Ergebnis: Je mehr Adrian den Sicherheitsabstand unterschreitet, umso heftiger werden die Luftwirbel. Bei einem Abstand von nur noch 15 Zentimeter misst er eine Windgeschwindigkeit, die Windstärke 9 entspricht: Das ist Sturmstärke. Ihn wirft das nicht aus der Bahn, weil er die herandonnernde Gefahr sieht und darauf vorbereitet ist. Doch tritt so eine Windbö plötzlich und unerwartet auf, können Menschen leicht das Gleichgewicht verlieren – mit lebensgefährlichen Folgen, wenn gerade ein Zug vorbeifährt.

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Tückischer Luftsog

Um dem Phänomen des Luftsogs genauer auf die Spur zu kommen, besucht Adrian das Institut für Aerodynamik und Strömungstechnik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Göttingen. Er erfährt von Prof. Andreas Dillmann, dass jeder Zug ein "Kissen" mit komprimierter Luft vor sich herschiebt. Je schneller der Zug fährt, desto stärker ist das Luftpolster vor ihm. An der Zugspitze entsteht ein Überdruck. Dieser sinkt allerdings kurz hinter der Nase des Zugs schnell ab: Es kommt zu einem Unterdruck, der Menschen und Gegenstände ansaugen kann. Doch die Gefahr ist damit noch nicht vorbei. Denn auch direkt hinter dem Zug, im sogenannten turbulenten Nachlauf, bilden sich starke Unterdruckbereiche mit zusätzlichen Luftwirbeln und Sogwirkung. Professor Dillmann: "Wenn ich den Abstand zum Zug halbiere, muss ich mit der achtfachen aerodynamischen Wirkung der Druck- und Sogkräfte rechnen." Er hält den Sicherheitsabstand von 80 Zentimeter nur für gesunde erwachsene Personen für ausreichend.

Zug-Durchfahrten - eine tödliche Gefahr

Die Bahn ist sich der Gefahr schon seit langem bewusst. Neben Bodenmarkierungen warnen signalgelbe Schilder vor schnellen Zug-Durchfahrten. Lautsprecher-Durchsagen sind allerdings erst ab einer Geschwindigkeit von 160 Kilometer pro Stunde vorgeschrieben. In den fünf Jahren von 2006 bis 2010 kam es in Deutschland zu mehr als 50 Unfällen, 18 von ihnen verliefen laut Eisenbahn-Bundesamt tödlich. Einer von ihnen: Kevin. Im Juni 2010 kam der 17-Jährige auf dem Bahnhof Herbolzheim im Kreis Emmendingen einem Güterzug zu nahe. Er wurde erfasst und tödlich verletzt. Kopfball-Reporter Adrian hat seine Mutter getroffen.
Die Deutsche Bahn AG weiß um die tödliche Gefahr vor allem für Jugendliche und hat im September 2011 Videoclips zur Information ins Netz gestellt. Darüber hinaus stattet sie bis Ende 2011 über 500 Bahnsteige mit neuen Sicherheits-Einrichtungen aus: breitere Markierungen auf dem Bahnsteig, Abstandsgitter, zusätzliche Warnschilder und häufigere Durchsagen. Doch der Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert, dass das nicht für alle Bahnhöfe, durch die schnelle Züge rasen, ausreiche. So gilt Adrians Fazit weiterhin für alle Bahnhöfe: Unterschreitet man den Sicherheitsabstand der weißen Linie, besteht bei schnellen Zugdurchfahrten akute Lebensgefahr.

Film Buckle Up Productions: Christoph Fleischer und Dirk Gion mit Adrian Pflug

Deine Meinung

Kommentare

Einträge: 9

Alexander
schrieb am 01.11.2011, 01:23 Uhr
@Günter Antons: Da die Mutter nicht in Trähnen ausbricht und die ganze Story nicht übertrieben dramatisisert wird, hat dies ganz und gar keinen "voyeuristischen" Charakter, da ganz klar sachlich dargestellt wird. Wie Adrian schon sagte, wurde es von der Bahn verboten, das Experiment an der Bahnstrecke durchzuführen. Hätte kopfball das trotzdem gemacht, wär's extrem teuer geworden, denn dann hätte der WDR gegen Regeln auf dem Geländer der Bahn verstoßen. Beim LKW war aber alles juristisch einwandfrei und außerdem auch weitaus besser kontrollierbar, da der LKW (moderner LKW) notfalls noch extrem schnell hätte abgebremst werden können. Daher ist eher deine nicht sonsderlich gut durchdachte Argumentation etwas "hirnrissig".

Günter Antons
schrieb am 18.10.2011, 14:28 Uhr
Die Angehärigen (Mutter) des bei so einem Zug-Luft-Unfalls Verstorbenen zu interviewen finde ich unpassend. Das hat etwas voyeuristisches, was wir doch eher vom Niveau RTL-exklusiv und Konstorten kennen.

Günter Antons
schrieb am 18.10.2011, 14:25 Uhr
Die Argumentation: Wegen der Gefahr nicht näher an der Zug ran zu wollen und sich dafür noch näher an einen vorbeifahrenden LKW zu stellen ist etwas "hirnrissig".

Systemfehler
schrieb am 09.10.2011, 23:39 Uhr
Ganz ehrlich... es gibt lustige weiße Striche, nette Ansagen, fest angebrachte Schilder und an den Zugzielanzeigern werden Zugfahrten auch angezeigt. Aber trotzdem halten es manche nicht für nötig, ihren gesunden Menschenverstand zu benutzen, und lieber mal einen Meter zurück zu treten. Wenn die Leute am Straßenrand an ner roten Ampel stehen und es kommt ein großer Lkw angerauscht, dann treten die meisten doch auch einen Schritt zurück. Aber nein, am Bahnsteig müssens alle DIREKT an der weißen Linie stehen, weil das ist ja gutes Recht, weil erst HINTER der weißen Linie ist es verboten zu stehen... also ne, ganz ehrlich! Die Leute sollten manchmal echt einfach ein bisschen weiter denken als nur von 12 bis Mittag!

Marco
schrieb am 09.10.2011, 21:23 Uhr
Ja zugegeben, auch wenn es der Sicherheit gerecht wäre ist ein Ausweichgleis oder Sicherheitssperren nicht immer möglich. Aber egal was man für die Sicherheit unternehmen möchte, es wird immer Geld kosten. Vielleicht wäre es die einfachste und günstigste Möglichkeit die Geschwindigkeit bei Durchfahrten zu drosseln. Als Autofahrer dürfen wir ja auch nicht unbedingt mit 100 km/h durch den Ort fahren.

Ich
schrieb am 09.10.2011, 14:26 Uhr
@ Markus Erich: Klar, wenn ich zufuß von mir in die Arbeit will, sollen doch die Hochhäuser aus dem Weg gehen, warum sollte ich außenrum gehen... <kopfschüttel> Ne, ganz ehrlich, an den BAhnsteigkanten gibt es weiße Linien, Schilder und teilweise Ansagen. Dadurch sollte selbst dem letzten Menschen klar sein, dass die Bahnsteigkante kein Aufenthaltsbereich ist.

Jonas
schrieb am 09.10.2011, 13:48 Uhr
Wird aber ziemlich teuer jeden Bahnhof und Haltepunkt mit einem Ausweichgleis zuversehen. Vorallem fehlt da das Geld und manchmal auch der Platz. Manchmal müssen halt auch mal wartende Fahrgäste aufpassen und Verantwortung für sich selbst übernehmen.

Jonas
schrieb am 09.10.2011, 13:24 Uhr
Wird aber ziemlich teuer jeden Bahnhof und Haltepunkt mit einem Ausweichgleis zuversehen. Vorallem fehlt da das Geld und manchmal auch der Platz. Manchmal müssen halt auch mal wartende Fahrgäste aufpassen und Verantwortung für sich selbst übernehmen.

Markus Erich
schrieb am 09.10.2011, 11:52 Uhr
Warum sollen die Leute Abstand vom Zug halten wenn man nicht irgendwie den Zug dazu bringen könnte Abstand von den Leuten zu halten? Schuztwände (wie in manchen Metros) wären schön, aber deren Türen dürften wohl nie mit denen an den Zügen übereinstimmen. Ein Extra-Gleis sollte doch wohl machbar sein? Leben scheinen nicht teuer genug zu sein?



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