Sendung vom 13. November 2011
Eva Neunhoeffer aus Kirchentellinsfurt fragt:
Die Idee kommt wahrscheinlich jedem Kletterer, wenn er eine Burg besichtigt: Wäre es feindlichen Rittern im Mittelalter möglich gewesen, im Schutze der Nacht, an den Außenwänden hochzuklettern und heimlich das Burgtor von innen zu öffnen? Für dieses Experiment trifft sich Kopfball-Reporter Adrian Pflug mit dem Essener Kletter-Experten Mike Schuh am Fuße der Burgruine Ehrenburg bei Brodenbach an der Mosel. Der Kletter-Profi prüft sofort die Beschaffenheit der Mauern und zeigt Adrian kleine Vorsprünge und Kanten, an denen er sich hochziehen kann. Zum Glück ist die Außenwand nicht verputzt. Sie besteht aber aus reinem Schiefergestein, das sehr weich ist und leicht abbrechen kann – gefährlich zum Klettern! Deshalb wird Mike Schuh natürlich fachmännisch gesichert. So kann er sich voll auf die enorme Kraft seiner Beine, Arme und vor allem seiner Finger konzentrieren.
Seine Kletterschuhe darf Mike Schuh jedoch nicht benutzen. Denn es
gilt, den Versuch mit den Möglichkeiten des Mittelalters zu
starten. So muss er auf die gute Haftreibung durch die profillosen
Gummisohlen heutiger Kletterschuhe verzichten. Doch vor 800 Jahren
wurde schon weiches Leder hergestellt und zu Schuhen verarbeitet.
Mike Schuh hat sich bei einem Schuhmacher, der nach
mittelalterlichen Vorlagen arbeitet, eng anliegende Lederschuhe
anfertigen lassen. So hat er über seine Zehenspitzen immer
guten Kontakt zum Fels und kann auch extrem schmale Kanten
ausnutzen.
Nichtsdestoweniger legt Adrian noch zwei Schüppchen drauf:
Belagerer im Mittelalter hätten – wenn überhaupt
– nur im Schutz der Dunkelheit die Außenmauern
erklimmen können. Deshalb verpasst er Mike Schuh eine dunkle
Schweißerbrille. Nur nach viel Überredung willigt er
ein: Fast blind ist er noch nie geklettert. Obendrein klemmt ihm
Adrian ein langes Schwert an den Gürtel. Denn
schließlich hätte er gegen die Verteidiger der Burg
kämpfen müssen, wenn er zu Mittelalterzeiten wirklich
beim Erstürmen diesen besonderen Weg über die
Außenmauer genommen hätte.
Die ersten Meter klettert Mike Schuh wie im Flug. Doch dann wird
die Mauer immer bröseliger. Und es passiert genau das, was im
Ernstfall wahrscheinlich seinen sofortigen Tod zur Folge gehabt
hätte: ein kleiner Vorsprung, an dem er sich hochziehen
wollte, bricht unvermittelt ab und fällt mit lautem
Getöse in die Tiefe. Jetzt wäre er von den Wachen oben
auf der Burgmauer sicherlich entdeckt worden. Sie hätten
heißes Pech und Schwefel auf ihn gegossen, mit Bögen
beschossen oder ihn mit langen Lanzen in den Tod
gestoßen.
Doch Mike Schuh kann sich halten und setzt seinen Weg nach oben
fort. Geschickt spielt er seine jahrelangen Kletter-Erfahrungen an
Extremwänden aus. Oben in der Haupt-Burg angekommen, hat er
den Beweis erbracht: Speziell trainierte Ritter hätten
über die Außenmauern in eine Burg eindringen
können. Doch wären sie auch bis zur Zugbrücke
gelangt, um ihre Mannen von außen hereinzulassen? Den langen
Weg von der Mauerkrone der Hauptburg zur Zugbrücke
veranschaulicht der Experimental-Archäologe und
Mittelalter-Kenner Harm Paulsen, der lange für das
archäologische Landesmuseum Schleswig-Holstein gearbeitet hat.
Seine Einschätzung, ob ein solcher Angriff hätte Erfolg
haben können, sehen Sie im Film.
Film Buckle Up Productions: Christoph Fleischer und Dirk Gion mit Adrian Pflug
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